Warum wir über ein BGE unsere Wirtschaft menschenzugewandter gestalten können

Oft höre ich Diskussionen über Mindset. Ich rede lieber über Strukturen und Organisation, da ich denke, dass viele unserer heutigen Probleme mit anderen Strukturen und Organisationen lösbar sind. Diskussionen über Mindset beobachte ich oft übergriffig, daher lasse ich dieses lieber bei den Menschen.

Ich habe heute gerade wieder 2 Fälle erlebt. Ich rufe bei einem Baumarkt an und möchte Klinkersteine bestellen. In der Vermittlung werde ich zu einer falschen Abteilung weiter geleitet. Dort wird mir gesagt, ich sollte mich zu einer anderen Abteilung weiterleiten lassen. Es wird aufgelegt. Dann war ich in der richtigen Abteilung. Ich benötige 40 Steine, für so ca. 0,7 Quadratmeter. Ich kann aber nur eine ganze Palette (8 Quadratmeter) bestellen. Auf meine Frage, ob stückweises Kaufen nicht auch ginge, wurde mir entgegnet, dass der Baumarkt die restlichen Steine nicht los wird. Ja, ich auch nicht. Ist das Kundenfokussierung? Nein. Handeln die Menschen im Baumarkt so, weil sie mich ärgern wollen? Nein. Oder wollen sie mir gar nicht helfen? Oh doch, daran glaube ich ganz fest. Sie dürfen nicht, da sie sonst gegen interne Regeln verstoßen. Die nach innen gerichteten Strukturen und Organisation konditionieren sie in diesem Sinne und gegen ihren eigentlichen Wunsch Kunden zu helfen.

Warum sind diese beiden Beispiele in meiner Beobachtung keine Einzelfälle?

Beleuchte ich das Verhältnis “Unternehmen” – “Mensch”. In meiner Beobachtung ist es problematisch, dass das System „Unternehmen“ einen solch großen Einfluss auf Menschen hat. Es kann nämlich mit Ausschluss gedroht werden, was in meiner Beobachtung oft dazu führt, dass Menschen gegen ihre Überzeugungen handeln. Ausschluss bedeutet kein Gehalt und bedeutet dann oft Angst über eigene Lebensfähigkeit.

Beleuchte ich das Verhältnis “Unternehmen” – “Gesellschaft”. Die großen Automobilhersteller können beispielsweise gerade wieder die Politik auf Unterstützung “erpressen”. Womit? Gehen sie pleite wird es ganz viele Arbeitslose geben. Ein Unternehmen muss nur qua Größe eine solche Relevanz für Gesellschaft haben, dass Werterbringung für Markt und Gesellschaft total egal für das eigene Überleben ist.

An einer Entkopplung dieser hier beschriebenen Zusammenhänge würde ich ansetzen. Dann müssen sich Unternehmen nämlich immer wieder neu auf Basis ihrer Werterbringung beweisen und können nicht nur qua ihrer Größe und damit ihrer inhärenten Systemrelevanz für Gesellschaft auf ihr Überleben pochen. Eine Entkopplung löst diese Systemrelevanz.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) könnte in meinen Augen eine solche Entkopplung befeuern. Über ein Klick auf das nebenstehende Bild gelangen Sie zu einem Paper, in dem ich diesen Glauben erhärte.

Zum Schluss komme ich zum Mindset zurück. In meiner Beobachtung ist es menschenverachtend, meine hier beschriebenen Beobachtungen mit nicht passfähigem Mindset der beteiligten Menschen erklären zu wollen, frei nach dem Motto: “Deine Einstellung stimmt noch nicht! Daran musst Du noch arbeiten!” Denn das ist nicht der Grund für solche skurrilen Handlungen in Unternehmen.

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Struktur- und Organisationsdesign von Unternehmen basieren eher auf Angebot als auf Nachfrage

Im Beitrag Purpose? Habe ich: Am „Leben“ bleiben! habe ich aus meinen Beobachtungen heraus begründet, dass Unternehmen und auch andere Organisationen genau einen Zweck verfolgen müssen: Überleben sichern. Dieser Zweck ist strukturbedingt, worauf ich in diesem Beitrag näher eingehen möchte.

Wie im oben gelinkten Beitrag geschrieben, stehen bei “Geburt” eines Unternehmens Probleme, Wünsche oder Bedürfnisse des Marktes im Fokus. Das ist der Zweck. Ein Unternehmen, welches gegründet werden soll, um den Markt zu bedienen, ist Mittel. Aber bereits mit den ersten Schritten, die bei Gründung eines Unternehmens gegangen werden, verschiebt sich diese Relation notwendigerweise immer mehr, das Unternehmen an sich wird Zweck und der Markt wird Mittel.

Warum ist das so? Schaue ich mir an, auf welcher Basis Strukturen (Prozesse, Rollen, Regeln, Prinzipien, Methoden, Tools etc.) in Unternehmen gebaut werden, erkenne ich, dass diese Strukturen Antworten auf Fragen sind, die nach innen gerichtet sind. Das sind Fragen wie

  • Welche Produkte und Services bauen wir?
  • Wie bauen wir diese?
  • Wen benötigen wir dafür?
  • Wie lange dauert das Bauen?

Diese Fragen sind mit einer höheren Sicherheit beantwortbar, als Fragen, die sich am Markt ausrichten, wie zum Beispiel

  • Welche Probleme haben die Menschen, die wir lösen wollen?
  • Wie wollen wir diese Probleme lösen?
  • Wieviel Geld sind Menschen wohl bereit für diese Produkte und Services auszugeben?

Das ist klar, oder? Was ich mache, kann ich bestimmen, was andere machen eher nicht. Auf Nachfrage kann ich nur wetten, da sie nicht allein von mir abhängig ist, also nach außen und stets auf Zukunft gerichtet ist. Eine Wette auf Nachfrage gehe ich aber eher ein, wenn der Ausgang dieser meine Überlebenssicherung nicht übermäßig tangiert. Damit wird auf Nachfrage weniger gewettet, was die Nachfrage als strukturgebendes Element in Unternehmen immer mehr ins Hintertreffen geraten lässt.

Damit sind eher die Fragen struktur- und organisationsrelevant, die mit einer hohen Sicherheit beantwortbar sind, jedenfalls so lange die Antworten, die in Form von internen Strukturen in Unternehmen gefunden werden müssen, eine hohe Relevanz für die Überlebenssicherung der Menschen haben. Unternehmen sind deshalb eher auf Angebot und damit auf Sicherheit designed. Das muss auch so sein, da wirtschaftlicher Erfolg mit privater Lebensabsicherung der Menschen eng gekoppelt ist.

Damit nimmt man den Menschen in Unternehmen nicht nur die Möglichkeit, kundenfokussiert agieren zu können. Nein, es geht in meinen Beobachtungen noch weiter. Es werden damit Umgebungen geschaffen, in denen sich Menschen angehalten fühlen, sich hinter Rollen und Prozessen zu verstecken. Dazu komme ich gleich noch zu sprechen.

Möchte ich Unternehmen kundenfokussierter und menschenzugewandter designen, sollte das strukturgebende Element für das Bauen der internen Strukturen eine gute Balance zwischen Angebots- und Nachfrageseite abbilden. Basis dafür ist in meinen Augen die Entkopplung von wirtschaftlichem Erfolg und privater Überlebenssicherung von Menschen.

Wie könnte das gehen? Beispielsweise über ein bedingungsloses Grundgehalt, welches alle Menschen bekommen, um damit ihre lebensnotwendigen Besorgungen zu tätigen. Das ist der erste Teil des Gehaltes. Der zweite Teil des Gehaltes ergibt sich erfolgsabhängig, also entlang der Nachfrage. Je wertgenerierender meine Tätigkeiten sind, desto mehr Gehalt bekomme ich.

Gehälter sind derzeit sowieso nur zum Schein auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet (Nachfrage), sondern eher auf Basis interner Tätigkeiten (Angebot). Arbeite ich ab morgen nur noch 50% meiner möglichen Arbeitszeit, bekomme ich auch nur noch 50% meines jetzigen Gehaltes, unabhängig davon, wie viel Wert meine Tätigkeiten im Markt erzeugen. Auch Gehälter, als Teil von Strukturen in Unternehmen, sind nach innen gerichtet, also mehr angebots- und weniger nachfragegetrieben. Hier haben wir einen Schein künstlich aufgebaut, den es meines Erachtens zu lüften gilt, und zwar auf ganz formaler Ebene, in dem eine klare Entkopplung der Systeme “Wirtschaft” und “Familie” durchgeführt wird.

Durch diese Entkopplung können beide Systeme ihre Lebensfähigkeit ungehindert voneinander aufbauen. So kann das System “Wirtschaft” die eigentliche Aufgabe “Beseitigung von Knappheit” besser erfüllen. Durch zu enge Verdrahtung der Systeme wird den Unternehmen diese Fähigkeit genommen.

Damit werden Pfadabhängigkeiten in Unternehmen, die rein auf Angebot basieren, abgebaut und damit Flexibilität in Form von Wertgenerierung und Weiterentwicklung aufgebaut. In diesem Sinne können Unternehmen dann auch erst wieder gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Zum Thema Menschenzugewandtheit. Mit dem bedingungslosen Grundgehalt können Menschen sich wieder als Mensch einbringen und müssen sich nicht hinter Rollen verstecken. Es wird forciert, dass Menschen sich qua ihrer Talente und Kompetenzen einbringen wollen. Sie wetten auf Nachfrage und müssen sich nicht auf feste Strukturen bezüglich Angebot zurück ziehen. Im derzeitigen Setting ist die Forderung nach Menschsein fast unmenschlich, da Menschen strukturbedingt eine bestimmte Rolle (z.B. Produktmanager) spielen und vor allem bestehende Strukturen bedienen müssen und damit Erfüllungsgehilfe sind.

Mit der beschriebenen Zweiteilung des Gehalts schafft man in Unternehmen immer wieder neue Umgebungen, die man sonst nur genau einmal bei Geburt eines Unternehmens vorfindet. Menschen haben Sicherheit ob ihrer Existenz und wetten daher angstfreier auf Nachfrage. So formieren sich Teams in Unternehmen auf Basis einer guten Balance zwischen Angebot und Nachfrage und nicht ausschließlich auf Basis Angebot.

Hier wird eine mögliche Lösung in diese Richtung beschrieben. Danke Nico Czinczoll, für das Anreichen dieses Beitrages, der mir, zusammen mit unserem Telefonat am vergangenen Freitag, diese Thematik in diese hier beschriebene Richtung weiter denken ließ.

Zum Schluss noch das von mir hier in diesem Beitrag thematisierte Paradoxon, was wir strukturell schnell auflösen sollten, damit Unternehmen per Struktur und Organisation wertgenerierend für Gesellschaft sein können. So lange das Gehalt der Menschen in Unternehmen vollständig vom wirtschaftlichen Erfolg abhängt, wird wirtschaftlicher Erfolg und damit gesellschaftliche Weiterentwicklung eher verhindert als befeuert.

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Kommunikation – Dynamiken über emulierte SelFis sichtbar machen

Die 3 Elemente von Kommunikation, MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN, sowie die sich auf ihre Basis aufbauenden GrundFORMen von Kommunikation und Kombination dieser, habe ich in den letzten beiden Beiträgen Kommunikation: Du komisches geheimnisvolles ETWAS und Die 6 GrundFORMen der Kommunikation angereicht.

Im 2. Beitrag habe ich SelFis erwähnt und dabei auch auf den Beitrag von Gitta Peyn verwiesen, in dem sie SelFis zur Analyse von Kommunikationsmuster verwendet hat. SelFis werden berechnet. Und um genau dieses Rechnen geht es mir in diesem Beitrag, dem letzten und dritten meiner Trilogie zu Kommunikation. Ich werde erklären, wie sich diese SelFis, mit denen ich Muster von Kommunikation aufdecken kann, errechnen.

Dazu passend ein Zitat von Heinz von Förster, welches ich diesem Interview entnommen habe.

Das Nervensystem lässt sich, ausgehend von diesen Annahmen, als eine Art Rechner interpretieren, der ein logisches Kalkül durchführt. Und ein Neuron erscheint aus dieser Perspektive als ein Operator, der solche logischen Funktionen berechnet.

Ich kann also im Kontext von Kognition und Kommunikation getrost von Rechnen sprechen.

Wie beobachten und begreifen wir Welt?

Wir Menschen erkunden Welt über genau eine Operation: indem wir unterscheiden. Wir fokussieren auf etwas in Welt, Inhalt, und setzen dass dann in einen Kontext. Es macht einen Unterschied, ob ich ein bestimmtes Gemälde (Inhalt) in einer Gemäldegalerie (Kontext) oder bei mir zu Hause (Kontext) beobachte und fokussiere.

Das möchte ich an einem einfachen Beispiel spiegeln. Ich möchte Obst kaufen. In meiner Stadt Rostock gibt es verschiedene Möglichkeiten Obst zu kaufen.

  1. Schritt: Ich entscheide mich für den Ostseepark. Alle anderen möglichen Einkaufsparks und Geschäfte werden Kontext.
  2. Schritt: Im Ostseepark entscheide ich mich für “Real”. Alle anderen Geschäfte im Ostseepark werden Kontext.
  3. Schritt: Im “Real” entscheide ich mich für den Obststand. Alle anderen Stände im “Real” werden Kontext.
  4. Schritt: Am Obststand angekommen entscheide ich mich für das Apfelregal. Alle anderen Obstregale werden Kontext.
  5. Schritt: Vor dem Apfelregal entscheide ich mich für die roten Äpfel. Alle anderen Äpfel werden Kontext.

Diese von mir getätigten Operationen kann man nun mathematisch so ausdrücken.

Aus den ersten beiden Beiträgen dieser Triologie zur Kommunikation erkennen Sie sicher die Haken wieder.

Für jede mathematische Operation benötige ich natürlich auch Werte. Für die Operation des Unterscheidens möchte ich nun 4 Werte an dem oben eingeführten Beispiel des Obstkaufens erklären.

  1. Wert: Markiert
    Im Schritt 5 habe ich mich vor dem Apfelregal stehend für die roten Äpfel entschieden. Ich markiere die roten Äpfel.
  2. Wert: Nicht markiert
    Im Schritt 5 habe ich mich vor dem Apfelregal stehend für die roten, nicht für die grünen Äpfel entschieden. Die grünen Äpfel markiere ich nicht, sie sind Kontext.
  3. Wert: Unbestimmt
    Ich weiß heute noch nicht, ob ich morgen, wenn ich vor dem Apfelregal stehe, für die roten oder für die grünen Äpfel entscheiden werde. Hier ist der so genannte Re-Entry zu sehen, den wir auch schon im zweiten Beitrag im Rahmen der 6 GrundFORMen von Kommunikation gesehen haben. Dazu komme ich gleich noch einmal zu sprechen.
  4. Wert: Imaginär
    Ich stelle mir vor, dass ich mich morgen, wenn ich vor dem Apfelregal stehe, für die roten Äpfel und nicht für die grünen Äpfel entscheiden werde.

Was bedeutet nun Re-Entry? Dass die FORM immer wieder in sich selbst eingefügt wird. So lässt sich beispielsweise Selbstbeobachtung abbilden: Wir betrachten uns selbst. Derjenige, der sich selbst beobachtet, ist Ich, das, was er beobachtet, Umwelt.

Dann gehen wir zu Selbstbezüglichkeit weiter, indem uns bewusst wird, dass wir in unserer Selbstreflexion immer wieder eine Paradoxie ausdifferenzieren, nämlich die von Identität: Wer ist derjenige, der beobachtet und was ist das, was beobachtet wird? Wann wird das, was beobachtet wurde, zu demjenigen, der beobachtet? ad infinitum …

Ich betrachte mich selbst. In diesem Prozess bin ich mal markiert und mal nicht markiert, immer im Wechselspiel. In dem Moment, wo ich mich fokussiere, wird das, was ich fokussiere, Umwelt und nicht mehr ich, denn ich beobachte ich mich ja selbst. Allerdings beobachtet ja auch jemand, nämlich “Ich”.

Damit wird Unbestimmtheit modelliert, die bei Lebendigkeit niemals aufgelöst wird, sonst stirbt Lebendigkeit. Lebendigkeit konstituiert sich an Unbestimmtheit.

Allerdings, und nun komme ich zu dem Apfelbeispiel zurück. Menschen, die Unentscheidbarkeit in Alltagssituationen nicht auflösen können, können darunter leiden. Wer die Wahl nicht mehr zu treffen vermag, erstarrt in inneren Konflikten. Stellen Sie sich vor, ich stehe vor dem Apfelregal und entscheide mich stetig hin und her: Rote Äpfel -> Grüne Äpfel -> Rote Äpfel -> Grüne Äpfel -> … Meine Frau würde mich vielleicht nie wieder bei uns zu Hause zu Gesicht bekommen, da ich den Einkaufsvorgang nicht beenden kann.

In dem Moment, in dem ich mich entscheide, damit den Entscheidungsprozess beende und die FORM bestimme, beende ich Unbestimmtheit. Ich kann aber auch komplexe Entscheidungen damit beenden, dass ich feststelle: Die FORM ist unbestimmt, wie bei Identität.

Bislang hatten wir Operationen und Werte. Um rechnen zu können benötigen wir noch Axiome, also Vorschriften oder Regeln, wie wir rechnen sollen. 2 dieser Axiome, die sich ausschließlich auf die Werte “markiert” und “nicht markiert” beziehen, erkläre ich nun.

  1. Rechenregel: Kondensation
    Wenn ich etwas erneut unterscheide, dann ist der Wert der gleiche wie bei einer einmaligen Unterscheidung. Wenn ich mich für rote Äpfel entscheide und diese Entscheidung wiederhole, dann ändert sich das Ergebnis nicht. Egal, wie häufig ich “rote Äpfel” denke, es bleiben rote Äpfel.
  2. Rechenregel: Aufhebung
    Wenn ich eine Unterscheidung abermalig fokussiere, dann ist das Unterschiedene verschwunden. Wenn ich mich für rote Äpfel entscheide und über diese Entscheidung nachdenke, diese also fokussiere, dann sind die roten Äpfel aus meiner Fokussierung verschwunden. Die linke Seite der folgenden Gleichung und “gar nichts” sind äquivalent: Leere.

Für das komplette Axiomensystem, in dem auch Regeln für das Rechnen mit den Werten “unbestimmt” und “imaginär” enthalten sind, verweise ich gerne auf unseren Ausbildungsgang zum Komplexitätsorganisator, wo wir dieses Axiomensystem ausführlich herleiten werden. Wer darauf nicht warten möchte, kann sich auch gerne per Selbststudium mit dem Buch uFORM iFORM von Ralf Peyn und dort konkret im Abschnitt “Rechnen mit Unbestimmten und Imaginären” helfen. Darauf hier noch tiefer einzugehen, würde inhaltlich erst einmal überfordern.

So, nun haben wir Alles beisammen. Wir haben Operation, Werte und Rechenregeln. Nun können wir uns anschauen, wie die so genannten SelFis, auf die Gitta Peyn in ihrem Beitrag Konfliktdynamiken mit SelFis untersuchen eingeht, errechnet werden.

Wie errechnen sich SelFis?

Zur Erklärung der Berechnung nehme ich das SelFi “TalkToMe (Komplexes Driften)”, das ich am Ende des zweiten Beitrages dieser Trilogie bereits angerissen habe. In der folgenden Abbildung sehen wir auf der linken Seite das SelFi und auf der rechten einen vergrößerten Ausschnitt.

Wie in der obigen Abbildung dargestellt, wird die nullte Zeile initial gesetzt. Das könnte ich vergleichen mit dem Vorgeben eines bestimmten zu diskutierenden Themas für 2 Menschen, innerhalb eines Teams, eines Unternehmens etc. Die weiteren Zellen in den Zeilen 1 bis x werden zellenweise von links nach rechts und von oben nach unten errechnet. Dabei errechnen sich die Zellen in den Zeilen n+1 ausschließlich aus den Zellen der Zeile n.

Das Kommunikationsmuster “TalkToMe (Komplexes Driften)” setzt sich aus den folgenden beiden GrundFORMen von Kommunikation zusammen. Das habe ich im letzten Beitrag dieser Trilogie bereits ausgeführt.

Bevor wir rechnen können, nehmen wir noch eine Setzung vor.

  1. Meinen = L
  2. Mitteilen = E
  3. Verstehen = R

Damit ergibt sich folgende KommunikationsFORM.

Warum können wir diese Setzung vornehmen? Ein Gedanke En+1 der Zeiteinheit n+1 FORMt sich weiter und zwar aus denen der nahen Vergangenheit n (En) und den Nachbargedanken, links (Ln) und rechts (Rn). Jede Zelle „E“ der Zeile n+1 errechnet sich aus den 3 Nachbarzellen “L”, “E” und “R” der Zeile n. Die folgende Abbildung stellt das Rechenbeispiel für eine dedizierte Zelle exemplarisch dar.

Jede Zelle wird nun getreu dieser beschriebenen Vorgehensweise zeilenweise von oben nach unten berechnet. Diese Berechnungsvorschrift ist von Zellulären Automaten bekannt.

Natürlich müssen die SelFis, um Kommunikationsdynamiken mittels dieser zu untersuchen, nicht immer manuell berechnet werden. Das wäre viel zu zeit- und energieaufwändig. Peter Hofmann hat zum automatischen Berechnen der SelFis eine schöne Applikation programmiert, auf die ich gerne verweise. Die obigen Graphiken habe ich übrigens mit diesem Tool erstellt.

Mit diesem Beitrag war mir wichtig zu zeigen, dass sich die SelFis nicht beliebig berechnen, sondern nach einer konkreten Vorschrift, die sich auf das menschliche Rechnen im Rahmen von Kognition bezieht.

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Ein Blick in meinen Werkzeugkoffer für “Kommunikation”

Ich durfte am heutigen 08. April 2020 im Rahmen der talent-talks-webinare der Mandarin Medien GmbH einen Impuls zum Thema Kommunikation zur Diskussion stellen.

Das Event fand über Zoom statt und ist aufgezeichnet worden.

Ich nutze mit diesem Beitrag die Chance, meine Worte noch einmal zu verschriftlichen, wobei ich weiter aushole, um die Wichtigkeit von Kommunikation hervorzuheben.

Eine wichtige Bitte gleich am Anfang. Verstehen Sie meine Werkzeuge bitte nicht als Best Practice. Sie funktionieren für mich in bestimmten Kontexten von Kommunikation, was nicht unbedingt für andere Menschen ebenso der Fall sein muss. Die Wahrscheinlichkeit für ein Funktionieren schätze ich allerdings für Menschen, die im gleichen Kulturraum wie ich sozialisiert sind, als nicht gering ein. Verstehen Sie die kommenden Sätze also nicht als Rezept, sondern eher als “Beißholz” zum Denken, Fühlen und Ausprobieren im Kontext Kommunikation.

Warum ist Kommunikation so wichtig?

Wie meine FORMWELT-Kollegin Gitta Peyn so schön sagt, ist nicht Digitalisierung DAS NEUE Phänomen, welches uns Menschen beim Problemlösen so unglaublich heraus fordert.

Digitalisierung funktioniert für mich als Überwindung menschlicher Grenzen durch Technisierung, erst im physischen Phänomenbereich (z.B. Faustkeil, Kran, Dampfmaschine etc.), dann später immer mehr im psychischen Phänomenbereich (z.B. Taschenrechner, Mustererkennung im Rahmen der Künstlichen Intelligenz etc.). Mit Digitalisierung haben wir es in meiner Beobachtung bereits seit einigen Jahrhunderten zu tun.

Was ist denn nun neu und einzigartig für unsere heutige Zeit? Wir haben es mit vielen parallel ablaufenden wirklichkeitsemulierten Systemen zu tun, die deshalb entstehen, weil wir unsere Technologie stets und ständig weiter entwickeln. Die folgende Abbildung stellt die Wirkungen dar.

Wir emulieren Wirklichkeit schon lange, doch noch nie zuvor haben wir das in diesem Ausmaß und in Symbiose mit Maschinen gemacht. Die Menge non-lokal über uns hinwegschwappender Wirklichkeitsemulationen erschwert uns massiv, noch zwischen emulierten und Wirklichkeiten vor Ort unterscheiden zu können.

An dieser Stelle verweise ich wiederum gerne auf Gitta Peyn, wenn sie meint.

Im schlimmsten Fall bricht Wirklichkeit vor Ort als Krise über uns herein, da wir in unseren Emulationen Krisen bis zur Unkenntlichkeit so eingepreist haben, dass sie ihre Funktionen verlieren, uns auf sie einzustellen und vorzubereiten.

Dieses Phänomen ist uns sicher noch von der Finanzkrise 2008 im Gedächtnis. Oder?

Was sind denn nun Beispiele für wirklichkeitsemulierte Systeme? Da wären Börse, Medienberichterstattungen, Visionen, Kennzahlen, Strategien, Google Maps, Navigationssystem im Auto und viele weitere mehr zu nennen, die uns eine passfähige Orientierung erschweren.

Durch Kommunikation emulieren wir ebenfalls Systeme, in denen wir denken, fühlen und handeln. Je näher diese emulierten Wirklichkeiten an den realen Wirklichkeiten vor Ort sind, desto passfähiger sind unsere Handlungen. Kommunikation ist damit in meinen Augen eines unserer wichtigsten Werkzeuge, gemeinsam Lösungen zu finden.
Leider erkenne ich diese Bedeutung zu wenig im Rahmen unserer Bildung, wo der Fokus eher auf Grammatik und Rechtschreibung gelegt wird. Kommunikation ist aber viel mehr. Ob ich beispielsweise „mich“ und „mir“ verwechsele, führt nicht unbedingt dazu, dass andere Menschen besser oder schlechter begreifen was ich meine. Damit möchte ich natürlich nicht behaupten, Grammatik und Rechtschreibung wäre nicht wichtig.

Auszug aus meinem Werkzeugkasten

Starten möchte ich mit einem Zitat von Gotthard Günther, einem meiner größten Impulsgeber auf meiner Reise des Verstehens.

Wenn ein Problem wieder und wieder auftaucht und keine Lösung gefunden werden kann, dann sollte man nicht danach fragen, was die Vertreter gegensätzlicher Standpunkte voneinander unterscheidet, sondern was sie gemeinsam haben. Das ist der Punkt, wo die Quelle des Missverständnisses liegen muss.

Was lese ich aus dem Zitat? Nicht dort, wo wir uns sicher sind, uns misszuverstehen, liegt unser Problem, sondern dort, wo wir glauben, ja fast sicher sind, uns zu verstehen. Denn das ist häufig nicht der Fall, wird aber zu wenig hinterfragt. Nehmen wir den Begriff “Krise”. Funktioniert der Begriff für alle Menschen gleich? Das glaube ich nicht. Trotzdem tun wir so, wenn wir den Begriff benutzen. Wenn also “Krise” für mich anders funktioniert, als für meinen Gesprächspartner, wir aber den gleichen Begriff nutzen und unreflektiert davon ausgehen, das Gleiche darunter zu begreifen, ist das nicht förderlich für ein gegenseitiges Begreifen.

Ein zweites Zitat möchte ich anreichen. Es stammt von Ludwig Wittgenstein.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Nun habe ich hoffentlich klar genug herausgestellt, warum Kommunikation für mich eines der wichtigsten Werkzeuge beim Problemlösen darstellt. Komme ich nun zu einigen meiner Werkzeuge diesbezüglich.

1. Klares Denken = klare Kommunikation

Ich nutze nur Begriffe, die in der Bedeutung für alle meiner Gesprächspartner klar zu sein scheinen. Wichtige Botschaften schreibe ich vorher Wort für Wort auf. Beim Schreiben vermeide ich, aufgrund meiner angestrebten Energieeffizienz und dem damit einhergehenden Verlangen nicht so viel schreiben zu müssen, zu labern und schwammig zu sein.

Ich verwende Umgangssprache und verstecke mich nicht hinter Fachbegriffen. Vor Präsentationen hole ich mir beispielsweise meine Erdung, ob ich in meinen Worten begriffen werde, oft zu Hause. Denn meine Frau und meine Kids sind nicht in der gleichen beruflichen Domäne wie ich unterwegs, müssen aber trotzdem, so jedenfalls mein Anspruch, mich begreifen.

2. Nachfragen erwünscht!

Ich gehe nicht vom FALSCHEN oder SCHLECHTEN in den Meinungen anderer Menschen aus. Oft haben Menschen nur nicht begriffen, was ich meine. Dann liegt es an mir und der Verwendung meiner Begriffe.

Ich mache anderen Menschen einfach klar, wie Begriffe für mich funktionieren. Ich versuche einfach zu sprechen ohne Verwendung von Buzzwords. Umgangssprache ist für mich die bevorzugte Sprache. Ich kokettiere nicht mit Fachbegriffen. Der Satz “Den Begriff kannst Du ja nicht kennen. Du bist ja kein Experte in diesem Gebiet.” ist mir fremd.

3. Jeder hat seine eigene Wahrheit

Unterschiedliche Perspektiven helfen mir zu lernen. Ich kann daraus lernen. Menschen, die mich immer nur bestätigen, irritieren mich nicht zum Lernen. Ich funktioniere als Radikaler Konstruktivist. Ich kann Menschen mögen, auch wenn sie meine “Wahrheit” nicht teilen.

Mein Motto lautet: Ich kommuniziere, wie ich in Welt funktioniere, nicht wie die Welt ist.

Ich versuche eher andere Menschen zu verstehen, als meine eigene Sicht immer wieder zu bestätigen. Ich nehme am Kommunikation teil, um Menschen meine Sicht auf ein Thema zu begründen, nicht ihre Sichten zu widerlegen. Ich weiß, dass es immer mehrere passfähige Blickwinkel auf ein Thema geben kann, nicht nur meine.

4. In ich-Form sprechen

Ich begründe meine Meinung durch meine eigene Sichtweise, nachvollziehbar. Wenn ich “Ich” sage, übernehme ich Verantwortung, für das was ich sage oder schreibe. Ich verwende eher “Das funktioniert für mich so.” statt “Das IST so.”.

Verantwortungsabgebende Stellvertreterbezeichnungen ersetze ich durch verantwortungsübernehmende. Beispiel: “Man weiß.” überführe ich in “Ich weiß”.

5. Keine Manipulationsversuche

Ich manipuliere nicht selbst bekräftigend. Beispiel: “Ich als Manager denke, dass …” überführe ich in “In meiner täglichen Arbeit habe ich erfahren, dass …”.

Ich verallgemeinere Sichten meines Gesprächspartners nicht, um Lücken in diesen zu offenbaren. Dieses Phänomen beobachte ich häufig. Sätze von Menschen werden umgeschrieben und so verallgemeinert, dass auf der einen Seite der Inhalt verfälscht wird und dieser dann auch noch offensichtlich falsch ist. Das soll dann initial Gesagte ad absurdum führen.

Ich sollte ebenfalls offen und unmissverständlich in der Lage sein, klar zuzugeben, wenn ich mich in meiner Sicht geirrt habe und anderen Menschen danken, wenn sie mir dabei geholfen haben, statt sie zu “bekämpfen”.

6. Substantive wo möglich in Verben überführen

Ich führe Bewegung und Selbstbezug in Kommunikation ein. Ich vermeide Statik und “Festgemeißeltes” in meinen Sätzen, um die Mystik rund um allgemein gültiger Wahrheit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Beispiel: Statt “die Überprüfung hat ergeben …” sage ich eher “Ich habe überprüft und …”.

Einführungsseminar Komplexitätsorganisation

Ich möchte nicht verpassen, auf unser Seminar Einführung in Komplexitätsorganisation hinzuweisen. Wir tauchen in 2 Tagen in Themen wie Komplexität und Kommunikation ein, was als gute Basis genutzt werden kann, sich seinen eigenen Werkzeugkasten für Kommunikation anzulegen und diesen stetig zu validieren.

Melden Sie sich bei Interesse gerne über obigen Link an.

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Die 6 GrundFORMen der Kommunikation

In meinem Beitrag Kommunikation: Du komisches geheimnisvolles ETWAS habe ich die für mich notwendige Erweiterung des Kommunikationssystems von Niklas Luhmann als dreifache Selektion aus MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN erläutert.

In diesem Beitrag möchte ich weiter in das Kommunikationssystem eintauchen, in dem ich die 6 GrundFORMen in Kommunikationssysteme darstelle und erläutere. Aufbauend darauf werde ich kurz anreißen, wie sich diese GrundFORMen beispielhaft kombinieren und mögliche Handlungsoptionen ableiten lassen, um Kommunikation zu (re)organisieren.

Dieser Beitrag ist Ergebnis vieler Gespräche mit Gitta Peyn zu diesem Thema, aus denen ich ganz viel Erkenntnis für mich generiert habe.

Die 6 GrundFORMen der Kommunikation

In der unteren Abbildung sind die 6 GrundFORMen dargestellt. Man erkennt leicht, warum es genau 6 sein müssen. Kommunikation funktioniert als dreifache Selektion aus MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN. Wenn ich diese 3 Elemente der Kommunikation permutiere, erhalte ich genau die abgebildeten 6 möglichen FORMen, die unterschiedliche Verhaltensmuster im Kommunikationssystem FORMen.

Kurz möchte ich auf die grundsätzliche Lesart der oben dargestellten FORMen, vor allem auf die in diesen enthaltenen Klammern, eingehen und verdeutliche das beispielhaft an FORM1. Von links nach rechts gelesen sind die beiden Aspekte von Kommunikation Inwelt zugehörig und der rechte Aspekt in Umwelt enthalten. Der Aspekt, der zur Umwelt gerechnet wird, wird in Kommunikation als nächstes erwartet. Bei FORM1 ist also MEINEN und MITTEILEN Inwelt und VERSTEHEN Umwelt. In allen nachträglich aufgeführten Beispielen setze ich mich Inwelt, meine Frau Umwelt. Für FORM1 bedeutet dass, ich MEINE und TEILE MIT, meine Frau VERSTEHT. Ich setze in den Beispielen damit einen kleinen Snapshot von Kommunikation, um die Erklärungen so einfach und trotzdem prägnant gestalten zu können.

Ich möchte auf die unterschiedlichen Verhaltensmuster je GrundFORM der Kommunikation eintauchen, da es meiner Erfahrung nach immens wichtig ist, die FORMen analysieren zu können, um auf dieser Basis Kommunikationsdynamiken zu interpretieren.

Dabei ist mir wichtig zu erwähnen, dass die Interpretation der FORMen kontingent ist. Es gibt nicht genau eine Möglichkeit der Interpretation, aber eben auch nicht beliebig viele, weshalb es mir schwer fällt, die FORMen allgemeingültig und ohne Bezug zueinander zu beschreiben. Stattdessen werde ich die 6 FORMen kurz allgemein thematisieren, um dann genau ein- und dasselbe Kommunikationsbeispiel zwischen meiner Frau und mir je FORM zu erläutern und dabei vor allem auf die Unterschiede einzugehen.

Falls Sie sich die Funktionsweise der 3 Aspekte der Kommunikation, MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN, noch einmal ins Gedächtnis holen möchten, können Sie gerne in dem am Anfang dieses Beitrags gelinkten Beitrag stöbern.
Zum tieferen Eintauchen in die Notation der Klammern in der obigen Abbildung verweise ich gerne auf das Buch uFROM iFORM von Ralf Peyn.

FORM1

Ich setze mein MEINEN in meinen Fokus und das im Kontext meines MITTEILENs. Was bedeutet das? Ich eruiere, wie ich mein MEINEN so MITTEILEN kann, dass meine Frau es bestenfalls so beGREIFT, wie ich es auch MEINE, auch wenn das quasi nicht möglich ist und auch nicht überprüfbar ist. Hier zählt aber schon die Intention es zu wollen, da alleine das zu einer anderen Kommunikation führt, als wenn ich das gar nicht vorhabe.

Dazu setze ich VERSTEHEN bei meiner Frau voraus. Ich erwarte also, dass meine Frau mich nicht ignoriert, sondern ein MEINEN und MITTEILUNGsverhalten von mir erwartet. Ich erwarte, dass meine Frau an der Fortsetzung der Kommunikation zu einem bestimmten Thema interessiert ist.

Diese FORM lässt sich nun auch mit vertauschten Rollen von meiner Frau und mir interpretieren, nämlich dann, wenn die Kommunikation fortgesetzt wird, was übrigens auch für alle weiteren FORMen gilt. Das bedeutet, meine Frau fokussiert sich im nächsten Snapshot der Kommunikation auf ihr MEINEN, und das im Kontext ihres MITTEILUNGsverhaltens, und erwartet bei mir VERSTEHEN.

Es ist also nicht so, dass jeder Mensch, der an einer Kommunikation beteiligt ist, eine für ihn eigene FORM haben muss. Es gilt nicht: x Menschen, die an Kommunikation teilnehmen, ergeben x FORMen. Doch, jeder, der an Kommunikation beteiligt ist, FORMt seine eigenen Erwartungshaltungen. Diese können, müssen aber nicht deckungsgleich mit denen seiner Gesprächspartner/ Gruppen/ kommunikativen Riesenwellen funktionieren. Solche FORMen können leer sein, wenn Alter gar nicht an Kommunikation teilnimmt, Ego hingegen davon ausgeht, dass Alter MITTEILT.

Nun zum Beispiel, das Sie sicherlich noch vom ersten Beitrag zur Kommunikation kennen. Ich kaufe Blumen und stelle sie bei uns im Haus auf den Esstisch. Ich MEINE etwas ganz Bestimmtes. Ich möchte unser Haus grüner haben. Also entschließe ich mich Blumen zu kaufen und diese auf den Tisch zu platzieren. Das ist mein MITTEILEN. Ich gehe davon aus, dass meine Frau diese Blumen sieht und darauf reagiert, also VERSTEHT. Schön wäre, wenn Sie dafür ein paar nette Worte für mich hätte, da ich ja auf eine schöne Wohnumgebung achte, was ich aber nicht beeinflussen kann, denn sie unterstellt mir durch dieses MITTEILEN ein bestimmtes MEINEN. Wenn sie mir beispielsweise unterstellt, mit den Blumen mein Fußballgucken im TV vergessen machen zu wollen und sie das anders sieht, wird sie sicher keine netten Worte für mich übrig haben. Das ist jetzt der Punkt, an dem Ego und Alter wechseln. Ich werde Ego und unterstelle meiner Frau ein MEINEN und erwarte eine MITTEILUNG von ihr.

FORM2

Ähnlich wie bei FORM1 setze ich wieder mein MEINEN in den Fokus, mache mir also intensive Gedanken, was ich zu dem Thema der derzeit laufenden Kommunikation denke und fühle. Was ist hier der Unterschied zu FORM1? In dieser FORM setze ich mein MEINEN in Kontext meines VERSTEHENS. Ich validiere also in mir, ob die Aktionen meiner Frau, die ich VERSTANDEN habe zu meinem MEINEN konsistent sein könnten. Vielleicht hat sie ja im Rahmen der laufenden Kommunikation ein neues Thema angerissen. Darauf, dass zu ergründen, lege ich meinen Fokus. In Umwelt, also bei meiner Frau erwarte ich daraufhin MITTEILUNGsverhalten. Ich erwarte also, dass sie durch ihre von mir beobachteten Handlungen eine Fortsetzung der Kommunikation zum Ausdruck bringt. Das bedeutet auch, dass ich jede Handlung meiner Frau so interpretiere, dass sie damit die Kommunikation fortsetzen möchte, unabhängig davon, ob sie das auch will.

Nun wieder das Beispiel mit den Blumen. Ich kaufe die Blumen und stelle sie auf den Esstisch. Nun setze ich mein MEINEN aber im Kontext meines VERSTEHENS. Ich möchte immer noch unser Haus grüner haben, erinnere mich aber auch an den gestrigen Abend, wo ich unseren gemeinsamen Filmabend gegen einen alleinigen Fußballabend getauscht habe. Blumen könnten ja vielleicht das Gemüt meiner Frau wieder ein bisschen aufhellen, da ich ja ein MITTEILEN in der Umwelt, also von meiner Frau erwarte, was da wäre „Ich bin nicht mehr sauer auf Dich.“.
Vielleicht erkennen Sie diesen feinen Unterschied in der Kommunikation. Ich tue immer noch das Gleiche, aber eben mit einer anderen Intention, was letztendlich einen enormen Unterschied in der Fortsetzung der Kommunikation ausmachen kann.

FORM3

Ich setze mein VERSTEHEN in den Fokus, und das im Kontext meines MITTEILENs. Ich denke, etwas VERSTANDEN zu haben anhand des MITTEILUNGsverhaltens meiner Frau, der ich MEINEN unterstelle.

Was könnte das für das Blumenbeispiel bedeuten? Ich setze mein VERSTEHEN in meinen Fokus. Irgendwie hat meine Frau heute Morgen beim Frühstück weniger geredet als gewöhnlich. Ich habe VERSTANDEN. Sie setzt die Kommunikation von gestern Abend, als ich mich für Fußball im TV entscheiden habe, fort. Sie bezieht sich definitiv auf Fußball, jedenfalls in meiner Vorstellung. Ich erwarte ja ein MEINEN in der Umwelt. Also überlege ich mir Blumen zu kaufen, um die Wogen wieder ein wenig zu glätten.

FORM4

Ähnlich wie bei FORM3 ist weiterhin mein VERSTEHEN in meinem Fokus, nun aber im Kontext von meinem MEINEN. Ich VERSTEHE, indem ich erwarte, dass meine Frau etwas MEINT und erwarte daraufhin von ihr MITTEILUNGsverhalten.

Wieder das Blumenbeispiel. Ich setze mein VERSTEHEN in meinen Fokus. Irgendwie hat meine Frau heute Morgen beim Frühstück weniger geredet als gewöhnlich. Und sie möchte mir das auch unbedingt offenbaren. Ich denke, ich habe ihr Schweigen richtig verstanden. Ich konzentriere mich auf mein VERSTEHEN und denke in dem Kontext, sie hat geMEINT, dass ich mich gestern nicht okay verhalten habe, deshalb schenke ich ihr Blumen in Erwartung, dass sie als Nächstes MITTEILT, dass wir wieder gut sind.

FORM5

In dieser FORM der Kommunikation setze ich mein MITTEILEN in meinen Fokus, und das im Kontext meines VERSTEHENS. Ich erkenne, dass ich mich in die Kommunikation einbringen muss und deshalb agieren muss. Das ist für mich primär. Ich fokussiere mich also auf mich und meine Handlungen im Rahmen der Kommunikation und gehe davon aus, dass mir dadurch von meiner Frau auch ein MEINEN unterstellt wird und das ihr MEINEN mit meinem konsistent ist.

Blumenbeispiel. Da ich mein MITTEILEN in meinen Fokus setze und das im Kontext meines VERSTEHENS, lege ich großen Wert auf die Blumen und platziere sie so auf dem Esstisch, dass meine Frau diese unbedingt sehen muss. Da meine Frau heute Morgen beim Frühstück so wortkarg war, ist sie ja noch sicherlich sauer wegen gestern Abend. Ich erwarte, dass sich meine Frau durch die Blumen etwas Gutes denkt. Das rechne ich ihrem MEINEN zu, das ich als Nächstes erwarte.

FORM6

Ähnlich zur FORM5 setze ich mein MITTEILEN in den Fokus. Ich möchte mich also unbedingt ausdrücken. Das ist für mich von primärer Wichtigkeit. Und das vollziehe ich im Kontext meines MEINENs und erwarte, dass mein Drang zur Fortsetzung von Kommunikation auch von meiner Frau VERSTANDEN wird, dass sie mich also nicht ignoriert und auf MITTEILEN einsteigt.

Blumenbeispiel. Da ich mein MITTEILEN in meinen Fokus setze und das im Kontext meines MEINENS, lege ich großen Wert auf die Blumen und platziere sie so auf dem Esstisch, dass meine Frau diese unbedingt sehen muss. Ich erwarte natürlich auch, dass sie diese registriert, da ich ja in der Umwelt VERSTEHEN voraussetze. Ich möchte, dass ich in ihren Augen einfach nur „gut“ da stehe, unabhängig von Fußball oder das „Grünsein“ unseres Hauses.

Kommunikation (re)organisiert sich kontinuierlich über diese GrundFORMen

Ich hoffe es ist mir gelungen zu zeigen, dass die 6 verschiedenen GrundFORMen von Kommunikation unterschiedliche Erwartungshaltungen an Kommunikation widerspiegeln und damit entscheidenden Einfluss haben, wie und ob Kommunikation fortgesetzt wird.

Und noch einmal sei erwähnt, dass es nicht um Inhalte der Kommunikation geht, sondern um FORMen und damit um Kommunikations(re)organisation. KommunikationsFORMen müssen nicht einzelnen Menschen zugeordnet werden: Auch Gruppen, Teams, Unternehmen etc. können kommunizieren und (re)organisieren sich über die hier beschriebenen dreifach-selektiven KommunikationsFORMen. Mit dem Blumenbeispiel habe ich eine persönliche Interpretation isoliert (Snapshot von Kommunikation), um einfache Kommunikationsinterpretation, hier nämlich meine, an verschiedenen Erwartungshaltungen, beziehungsweise Inhalt/ Kontext-Fokussierungen zu demonstrieren.

Auch wenn wir uns isolierte Kommunikationssituationen ansehen, können wir immer mehrere FORMen beobachten und auch zur Analyse anlegen, um zu sehen, welche das für uns passendste Ergebnis liefert, die Kommunikation in die intendierte Richtung zu orientieren.

Zu dieser Thematik lege ich Ihnen dringend den Beitrag Konfliktdynamiken mit SelFis untersuchen von Gitta Peyn nahe. Gitta untersucht, durch Kombination der oben beschriebenen GrundFORMen der Kommunikation, Dynamiken im Rahmen dieser.
Beispielsweise wird in dem Beitrag “komplexes Driften” als Kommunikationsmuster thematisiert, wo die beiden GrundFORMen 1 und 2 bedient werden.

Es werden in dem Beitrag auch noch weitere Kombinationen der 6 GrundFORMen angesprochen und emuliert. Ergebnis dieser Emulationen sind die so genannten SelFis, die sich als selbstreferenzielle Systeme ausdifferenzieren, deren Dynamiken und Selbstrhythmisierungen wir interpretieren können, um daraus für uns Handlungen abzuleiten, um Kommunikation in eine gewisse Art und Weise zu irritieren.

Dieser Beitrag ist wirklich ein Lesegenuss und deshalb sehr zu empfehlen.

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#JetztErstRecht: Gemeinsam FÜR statt GEGEN

Eben habe ich im TV den Satz gehört.

Gemeinsam gegen Corona.

Da bin ich nicht ganz dabei. Ich bin lieber FÜR, als GEGEN etwas. Und in genau diesem Sinne wirke ich gerne beim #LeanSolidaritätsFonds mit.

https://youtu.be/l_Azdsw0Gi0

Ich wünsche mir, dass wir die missliche Situation, die wir jetzt gerade erleben, auch als Chance begreifen und gestärkt aus ihr hervorgehen. Ich glaube, dass wir dies nur gemeinsam schaffen können und daher möchte ich einen Teil dazu beitragen.

Wollt Ihr auch mitwirken? Dann gerne hier entlang. Let’s rock.

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Kommunikation: Du komisches geheimnisvolles ETWAS

Gitta Peyn hat in ihrem Beitrag Konfliktdynamiken mit SelFis untersuchen beschrieben, wie Konfliktdynamiken im Rahmen von Kommunikation untersucht werden können. Diese Untersuchungen basieren auf einem System der Kommunikation, welches begriffen werden sollte, um die in Gittas Beitrag angeführten Untersuchungen nachvollziehen zu können. Mit diesem Beitrag möchte ich mich diesem Kommunikationssystem zuwenden.

Im obigen Bild sehen Sie das System der Kommunikation schematisch dargestellt. Wenn Sie mit dem System von Niklas Luhmann vertraut sind, werden Sie Unterschiede erkennen, auf die ich am Ende des Beitrages zu sprechen komme.

Auf die 3 Teile des Kommunikationssystems Meinen, Mitteilen und Verstehen werde ich nun dediziert eingehen.

Verstehen

Es geht im System der Kommunikation nicht um Inhalt, sondern ausschließlich um Form, genauer um KommunikationsFORMEN. Inhalte, also das WAS, werden im System nicht reflektiert. Information funktioniert dementsprechend nicht als (Teil)Element des Systems “Kommunikation”, sondern kann höchstens als Thema prozessiert werden. Das werde ich weiter unten an einem Beispiel verdeutlichen.

Deshalb ist es wichtig zu begreifen, dass VERSTEHEN hier nicht im Sinne von

Ich habe VERSTANDEN, was Du gesagt hast.

begriffen wird, sondern im Sinne von

Ich habe VERSTANDEN, dass Du etwas von mir willst.

Daher kann ich auf die Frage meiner Frau

Hast Du mich VERSTANDEN?

nur unmittelbar mit

Ja!

antworten. Denn hätte ich nicht VERSTANDEN, hätte ich nicht antworten können. Ich hätte die Frage meiner Frau ignoriert. Ich hätte ihr kein MITTEILUNGsverhalten unterstellt. Es ist ähnlich wie mit der Frage

Bist Du schon wach?

Ich kann nur mit

Ja.

antworten, wenn ich überhaupt antworte. Denn wenn ich noch geschlafen hätte, hätte ich die Frage überhört und könnte nicht antworten.

Vielleicht schlägt uns hier unsere Umgangssprache beim Begriff VERSTEHEN ein Schnippchen, da umgangssprachlich mit diesem Begriff auch Inhalte reflektiert werden. Dafür nutze ich den Begriff BEGREIFEN. Da es aber in Kommunikationssystemen um Folgekommunizieren geht und nicht um Informationsübertragung, spielt BEGREIFEN keine Rolle. Die Frage

VERSTEHST Du, was ich gesagt habe?

ist für das Folgekommunizieren nicht relevant, es kann auch weiter kommuniziert werden, ohne dass es zu inhaltlicher Verständigung zwischen den an Kommunikation beteiligten Personen kommt. Eine relevante Frage wäre

VERSTEHST Du, dass ich etwas zu Dir gesagt habe?

Bei „Was“, müsste ich fragen

BEGREIFST Du, was ich gesagt habe?

Wenn ich auf die Frage

VERSTEHST Du mich?

mit

Nein

antworte, habe ich trotzdem VERSTANDEN, denn ich habe ja reagiert.

Meinen – Mitteilen

Wichtig zu erkennen ist, dass MEINEN seitens Ego Alter unterstellt wird. Ob Alter etwas MEINT oder nicht, spielt für das Zustandekommen von Kommunikation keine Rolle. Alter kann durchaus intendieren, etwas zu MEINEN und MITZUTEILEN: interpretiert Ego das Verhalten nicht als Mitteilung, kommt Kommunikation nicht zustande.

Bleiben wir beim Beispiel von meiner Frau und mir. Der Ausgangspunkt für Kommunikation, ob ich etwas MEINEN könnte oder nicht, ist meine Frau, nicht ich. Sie entscheidet auf Basis der Beobachtung meines Verhaltens, dass ich etwas MEINE. Und damit unterstellt sie mir auch ein MITTEILEN. Und das unabhängig davon, ob ich überhaupt etwas MEINE und MITTEILEN möchte. Ein MITTEILEN ohne MEINEN funktioniert im Rahmen einer Kommunikation nicht. Glauben wir etwas in dieser Art zu beobachten, handelt es sich nicht um “echte” Kommunikation. Gitta Peyn hat das in ihrem von mir oben erwähnten Beitrag an den beiden SelFis Slit ohne und mit Re-Entry demonstriert und ihren Kommunikationsbegriff für tiefer gehend Interessierte hier spezifiziert.

MEINEN bedeutet, dass Ego an dem Verhalten von Alter Bedeutung erzeugt, Alters MITTEILUNGsverhalten Bedeutung zuweist und zwar kommunikative Bedeutung.

Ein Beispiel

Ich kaufe Blumen und lege sie bei uns zu Hause im Esszimmer auf den Tisch. Wenn meine Frau dieses Phänomen komplett ignoriert, VERSTEHT sie nicht. Kommunikation kommt bzüglich der Blumen nicht zustande. Wenn sie dieses Phänomen nicht ignoriert, VERSTEHT sie. Kommunikation kommt zu Stande, da sie mir durch den Akt des Blumenkaufs ein MITTEILEN unterstellt. Sie unterstellt mir dann, dass ich damit etwas MEINE. Klar ich kaufe nicht ohne Grund Blumen.

Aber dieses MEINEN ist unabhängig von meinem Kaufgrund. Das von meiner Frau mir unterstellte MEINEN und mein Kaufgrund, mein MEINEN, können übereinstimmen, müssen aber nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Prüfung schwierig bis gar nicht zu vollziehen ist. Vielleicht habe ich die Blumen gekauft, weil ich unser Haus innen ein bisschen grüner haben wollte oder weil die Blumen gerade im Angebot waren oder oder oder. Meine Frau könnte aber von etwas ganz anderem ausgehen. Sie könnte auf die Idee kommen, dass ich die Blumen gekauft habe, weil ich mich entschuldigen möchte, da ich am gestrigen Abend, anstatt mit ihr zusammen einen Film, Fußball im TV geschaut habe. Und das ist entscheidend. Denn sie VERSTEHT und auf der Basis ihres imaginierten Grundes für meinen Blumenkauf entsteht Kommunikation, nicht auf Basis meiner Intention, weshalb ich die Blumen gekauft habe.

Bis hier her ist meine Frau Ego, ich bin Alter. Und nun können wir sehen, dass und wie genau, weil wir nicht auf den Punkt inhaltlich verstehen können, was der jeweils Andere meint, Folgekommunizieren zustande kommen kann.

Jetzt könnte meine Frau zu mir sagen

Danke. Aber ich bin immer noch ein bisschen sauer.

Wenn ich das nicht registriere, VERSTEHE ich nicht und die Kommunikation bzgl. des Themas “Blumen” erlischt. Wenn ich das registriere, VERSTEHE ich. Die Kommunikation geht weiter und ich bin Ego und meine Frau ist Alter.

Nun unterstelle ich meiner Frau ein MEINEN und ein MITTEILUNGsverhalten. Ich könnte beispielsweise hineininterpretieren, dass meine Frau sauer ist, weil ich vorgestern Blumen, die auf dem Tisch standen, weggeschmissen habe, da sie meiner Meinung nach bereits welk waren und meiner Frau nicht dieser Meinung war. Fußball kommt mir bzgl. ihres Sauerseins gar nicht in den Sinn. Ich reagiere also auf das von mir intendierte MEINEN meiner Frau, nicht auf ihr MEINEN. Ich verdrehe die Augen, sage aber nichts.

Und nun wieder. Wenn meine Frau das Augenverdrehen nicht registriert, VERSTEHT sie nicht und die Kommunikation des Themas “Blumen” ist zu Ende. Wenn sie das registriert, VERSTEHT sie. Sie unterstellt mir ein MEINEN und ein MITTEILUNGsverhalten. Die Kommunikation geht weiter. Wir wechseln wieder die Rollen Ego und Alter. Und so kann das immer weiter gehen.

Hier breche ich das Beispiel mal ab und hoffe, dass das System “Kommunikation” veranschaulicht wurde. Alter und Ego sind übrigens nicht auf Menschen beschränkt, sondern können auch Gruppen von Menschen sein, die kommunizieren.

Fazit

Eines ist mir wichtig zu betonen. Die hier von mir formulierten Inhalte, die ich als Beispiel anfüge, wie “Blumen waren im Angebot”, “Sauersein wegen Fußball schauen” etc., um den Akt der Kommunikation klarer zu beschreiben, sind nicht Bestandteil des Systems “Kommunikation”. Es geht rein um die FORM. Könnte Kommunikation tatsächlich Inhalte, wie sie für Psychen relevant sind, könnte sie psychisch operieren. Könnte sie das, organisierten sich Psychen nicht autopoietisch, und wir könnten Information in sie hineinlegen. Psychische Information wird aber in den Psychen erzeugt, nicht von Psyche zu Psyche transportiert. Soziale Information erzeugt das soziale System via Folgekommunizieren selbst.

Und an dieser Stelle komme ich auf Niklas Luhmann zu sprechen, wie zu Beginn dieses Beitrags bereits angedeutet. Diesen oben beschriebenen Fakt mit der Psyche hat Luhmann ebenfalls gesehen und oft beschrieben, jedoch in seinem Kommunikationssystem in meinen Augen unzureichend berücksichtigt. Sein Modell besteht aus den 3 Teilen Information, Mitteilen und Verstehen.

Information kann aber nicht Bestandteil des Elements von Kommunikation sein. Ob Folgekommunikationen und wie sich Folgekommunikation an vorherige und erwartete Kommunikation (selbst) anschließt, kann vorherige Kommunikation nicht vorwegbestimmen. Und da Psychen wiederum nicht in Kommunikation eingreifen können, können psychische Inhalte nicht in Kommunikation hineinproduziert werden. Sie werden ausschließlich von und in psychischen Zeichenprozessen erzeugt.

Im Jahr 2013 habe ich den Beitrag Kommunikation 2.0 – Gesagt ist weder gehört noch verstanden verfasst, in welchem ich das Luhmannsche Kommunikationssystem thematisiert und diese Unstimmigkeit nicht erkannt habe. Ich habe mich diesbezüglich weiterentwickelt und das Kommunikationssystem zu meinem Erleben stimmiger gemacht. Eine Reise des Verstehens eben, die niemals endet. Danke Gitta und Ralf Peyn für diesen Erkenntnisgewinn, den ich aus vielen Gesprächen mit Euch generiert habe.

Eine zentrale daraus ableitbare, für mich auch lange nicht zu beGREIFENDE, Beobachtung ist, dass Menschen nicht kommunizieren. Kommunikation kommuniziert. Menschen sind Kontext des beobachteten Systems “Kommunikation”, nicht Inhalt. Das bedeutet: Menschen können Kommunikation anregen, indem sie dem System “Energie” zuführen, die dann umgewandelt wird. Sie können versuchen, etwas zu sagen und so Kommunikation anstoßen. Ob Kommunikation reagiert und wie, das können Menschen aber weder punktuell bestimmen, noch vorhersagen.

Menschen können und, in meinen Augen sollten, natürlich die Qualität von Kommunikation beeinflussen, aber eben nicht intentional und damit nicht direkt, ähnlich wie Sauerstoff beim System “Mensch”. Ohne Sauerstoff kann Mensch nicht sein. Ohne Mensch kann Kommunikation nicht sein. Aber ebenso wenig wie Sauerstoff das System “Mensch” operativ intendieren kann, kann Mensch Kommunikation operativ intendieren.

Nur weil wir Menschen nicht kommunizieren können, bedeutet es nicht automatisch, dass wir uns über Kommunikation keine Gedanken machen sollten, da wir Qualität dieser sowieso nicht beeinflussen könnten. Würde ich das glauben, bräuchte ich diesen Beitrag nicht verfassen. Wir sollten beispielsweise, durch den Versuch einer klaren eindeutigen Sprache (“Energiezufuhr”) und das bewusste Achtgeben der Verwendung von Zeichen (“Energiezufuhr”), die Wahrscheinlichkeit einer gelingenden Kommunikation erhöhen.

Ob ich “A” MEINE und mein Gegenüber mir auch ein “A” im MEINEN unterstellt, ist nicht Bestandteil des Kommunikationssystems. Interessant ist, ob mein Gegenüber mir überhaupt ein MEINEN unterstellt und sich darauf fokussiert, dieses MEINEN ergründen zu wollen, unabhängig davon, ob es funktioniert oder funktionieren kann. Diese Fokussierung (“Energiezufuhr”) beeinflusst die Qualität der Kommunikation.

In unseren Einführungsseminaren zur Komplexitätsorganisation thematisieren wir unter anderem genau diese möglichen “Energiezufuhren” in das Kommunikationssystem, in dem wir die 6 Grundmodelle der Kommunikation inklusive Kombinationen dieser über emulierte SelFis interpretieren, um daraus Dynamiken aufzudecken und mögliche Handlungen für Verbesserungen von Kommunikation abzuleiten.

Bei Interesse melden Sie sich gerne an. Dann emulieren und interpretieren wir zusammen.

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Mit Mathematik Epidemien, wie die bei COVID-19, verstehen

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht in die Hysteriehörner rund um Corona blasen, sondern mittels eines kleinen mathematischen Modells die Ausbreitung der Viren erklärbarer machen. Letztendlich geht es um exponentielles Wachstum, welches für uns Menschen eher kontraintuitiv ist, da wir uns oft nicht vorstellen können, wie schnell sich eine Krankheit ausbreiten kann.

Das kleine mathematische Modell hat 2 Inputfaktoren. Diese Faktoren können wir Menschen beeinflussen.

  1. Der erste Faktor, im Modell mit der Variable a bezeichnet, ist die Anzahl der Menschen, die eine infizierte Person je Tag trifft.
  2. Der zweite Faktor b trägt die Wahrscheinlichkeit des Ansteckens bei einem Treffen einer infizierten und einer nicht infizierten Person.

Dann gibt es noch einen weiteren Faktor c, der die maximale Anzahl der Bevölkerung trägt. Wenn ich oben vom exponentiellen Wachstum gesprochen habe, dann muss ich mich hier korrigieren und vom logistischen Wachstum schreiben. Es gibt ja nicht unendlich viele Menschen auf der Erde, die sich anstecken könnten. Je mehr sich die Anzahl der infizierten Menschen dieser maximalen Anzahl annähert, desto weniger Menschen infizieren sich bei einem Treffen, was ja einsichtig ist, denn wenn sich 2 bereits infizierte Menschen treffen, gibt es keinen neuen infizierten Menschen, da beide bereits infiziert sind. Für diese eine Simulation setze ich den Faktor c auf 10.000.

Die folgende Abbildung enthält die Herleitung der Formel für den Bestand der infizierten Menschen je Tag.

Der Faktor (1-(Infiziertealt/c)), der in die Formel eingeschoben wurde, modelliert den oben beschriebenen Effekt, dass je mehr Menschen bereits infiziert sind, desto weniger Menschen sich bei einem Treffen infizieren können.

Für die Simulation habe ich die Wahrscheinlichkeit des Ansteckens bei einem Treffen einer infizierten und einer nicht infizierten Menschen auf 10% gesetzt. Das bedeutet in 1 von 10 Treffen wird ein nicht infizierter Menschen angesteckt, 9 bleiben nicht infiziert.

Die folgende Abbildung stellt 4 Simulationsergebnisse dar, bei denen ich einzig und allein die Anzahl der Menschen ändere, die eine infizierte Person je Tag trifft: 2, 4, 6 und 8.

Folgendes Ergebnis ist ersichtlich.

  1. Trifft ein infizierter Mensch bei einer Wahrscheinlichkeit von 10% der Ansteckung pro Tag 2 nicht infizierte Menschen sind nach einem Monat 233 Menschen infiziert.
  2. Trifft ein infizierter Mensch bei einer Wahrscheinlichkeit von 10% der Ansteckung pro Tag 4 nicht infizierte Menschen sind nach einem Monat 7.985 Menschen infiziert.
  3. Trifft ein infizierter Mensch bei einer Wahrscheinlichkeit von 10% der Ansteckung pro Tag 6 nicht infizierte Menschen sind nach einem Monat alle 10.000 Menschen infiziert.
  4. Trifft ein infizierter Mensch bei einer Wahrscheinlichkeit von 10% der Ansteckung pro Tag 8 nicht infizierte Menschen sind bereits nach 24 Tagen alle 10.000 Menschen infiziert.

Jetzt erkennen Sie sicher die Kontraintuitivität. Ein kleines Ändern der Anzahl der nicht infizierten Menschen, die ein infizierter Mensch pro Tag trifft, hat so enorme Auswirkungen in der Ausbreitung eines Virus.

Noch 2 Anmerkungen zum Schluss.

Es bleibt natürlich ein Modell und erklärt nur so viel, wie im Modell hinein modelliert wurde und das auch simplifiziert. Und diese hier modellierten Zusammenhänge sind nicht alleine auf die Corona-Epidemie zu beziehen, sondern auf alle Arten von Epidemien anwendbar. Es ist und bleibt stets unglaublich sinnvoll die Kontaktmöglichkeiten zwischen Menschen einzuschränken, um die Ausbreitung der Viren einzudämmen. Den Effekt erkennt man in der Simulation. Vorsicht im Umgang miteinander ist also stets geboten, ganz egal um welches Virus es sich handelt.

Welche Unterschiede nun zwischen dem Corona-Virus und anderen Viren der Epidemien und Pandimien der Vergangenheit bestehen, möchte ich hier gar nicht beleuchten, da ich auf diesem Gebiet kein Experte bin.

Falls Sie ebenfalls Interesse an einigen Simulationen haben, können Sie gerne das von mir erstellte Excel-Modell verwenden.

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Projekte als “Strukturkrücke” für Wertgenerierung

Das Projektmagazin hat zur Blogparade aufgerufen, in der die folgende Frage zur Debatte gestellt wird.

Brauchen wir noch Grenzen im Projektmanagement?

Mit diesem Beitrag möchte ich an dieser Blogparade teilnehmen und die Frage aus einer vielleicht neuen Sicht betrachten. Ich werde nicht darauf eingehen, wie wir Projekte besser durchführen können, was auch immer “besser” in diesem Kontext bedeuten mag. Das wird und wurde bereits zu Hauf getan, sicher auch im Rahmen dieser Blogparade wieder.

Ich möchte eher Projekte an sich beleuchten, also die Frage beantworten, was Projekte eigentlich im Kern sind und warum wir sie eigentlich benötigen.

Für mich sind Projekte nicht per se notwendig. Ich glaube gar, dass es ein Gütezeichen der primären Organisationsstruktur in einem Unternehmen ist, wenig Projekte zu benötigen. Ich bin mir aber auch bewusst, dass Projekte in bestimmten Kontexten notwendig sind.

Ich möchte in erster Linie mit diesem Beitrag dazu beitragen, Projekte bewusst als Strukturhilfe für Wertgenerierung einzusetzen und erst danach über eine passfähige Durchführung dieser Projekte zu denken.

Meine Antwort zur Frage der Grenzen des Projektmanagement lautet also.

Die Grenze suche ich in der Anzahl der notwendig durchzuführenden Projekte im Unternehmen, um Wert generieren zu können. Je weniger Projekte notwendig werden desto besser, denn das ist ein Indiz für eine gute Passfähigkeit der primären Organisationsstruktur im Unternehmen.

Diese Antwort möchte ich nun begründen.

Was sind eigentlich Projekte?

Projekte sollten bestenfalls eine Strukturhilfe in Unternehmen sein, damit Menschen zusammen Wert generieren können, und benötigt werden, weil die primäre Organisationsform ungenügend geeignet ist, diese Zusammenarbeit zu unterstützen.

Projekte durchführen zu müssen ist kein Naturgesetz wie die Gravitation. Ich bekräftige an dieser Stelle meine oben getätigte Hypothese, dass je weniger Projekte in einem Unternehmen benötigt werden, desto besser es ist, denn Projekte durchzuführen ist immer gleich bedeutend mit dem Durchführen von nicht wertgenerierenden Tätigkeiten, also Tätigkeiten, die man genau nur deshalb durchführen muss, weil man Projekte durchführt. Das wären zum Beispiel

  • Finden von Menschen für ein Projekt bei der Projektinitiierung
  • Vereinbaren vertraglicher Themen bei der Projektinitiierung
  • Teambuilding während des Projektes
  • Durchführen von Knowledge Transfers in der Phase des Projektabschlusses, da andere Menschen das Projektergebnis in der Regel nach dem Projekt betreuen

Sie kommen bestimmt auf weitere Tätigkeiten, die in erster Linie nur durchgeführt werden müssen, weil es Projekte gibt, nicht, weil sie per se für den Markt einen Wert generieren.

Projekte heilen oft den Missstand, dass Menschen in den Unternehmen sehr häufig über die primäre Organisationsform nicht in der Lage sind, Wert zu generieren. Deshalb nenne ich Projekte auch häufig “Strukturkrücke”, im Gegensatz zu “Strukturhilfe”. Dazu komme ich nun.

Warum benötigen wir Projekte?

Ich habe im Beitrag oben von der primären Organisationsstruktur geschrieben. Was meine ich damit? Die primäre Organisationsstruktur ist der Teil der Struktur, über die in den Unternehmen formal, relativ zeitbeständig und unabhängig der dediziert zu erfüllenden Aufgaben Macht und Verantwortung definiert und zugeteilt wird. Projekte gehören dementsprechend für mich zwar zur formalen Struktur, wissend dass sich auch in diesen informale Strukturen ausbilden können, aber eben nicht zur primären Struktur. In vielen Unternehmen zeigt das Oganigramm die primäre Organisationsstruktur an.

Seit Jahrzehnten denken wir Unternehmen in funktionale Bereiche, wie Einkauf, Service, Produktion, Logistik, Controlling etc. organisiert. Je komplexer die Umwelten werden, in denen Unternehmen agieren, desto notwendiger wird es, Wert cross-funktional und nicht funktional zu generieren. Wir merken es daran, dass Projekte Hochkonjunktur haben, dass also immer mehr Projekte in den Unternehmen notwendig werden.

Warum hat sich denn überhaupt die funktionale Organisationsform als primäre in den Unternehmen etabliert? Denn es ist doch nicht wirklich plausibel zu erklären, dass über die primäre Organisationsstruktur immer weniger Wert generiert wird und wir deshalb die Strukturkrücke “Projekt” benötigen. Oder?

Anfang des 19. Jahrhunderts, kommend aus der Manufaktur auf dem Weg zur Industrialisierung, begann der Markt sich zu einem Verkäufermarkt zu entwickeln. Unternehmen konnten unabhängig der Kundenwünsche und -bedürfnisse produzieren und haben sich erst nachträglich um den Absatz der Produkte kümmern müssen. Hergestellte Produkte und Services wurden schon irgendwie verkauft. Das war nicht das Problem. Es war klar, was hergestellt werden musste, es sollte nur schnell und kostengünstig vonstattengehen. Effizienz war Trumpf. Kundenbedürfnisse standen hinten an. Taylor hat diese Art, Unternehmen zu denken, geprägt und zur Perfektion getrieben (Taylorismus).

Durch die Digitalisierung hat sich der Markt vom Verkäufer- hin zum Käufermarkt entwickelt. Menschen haben jetzt viel mehr Möglichkeiten ihre Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen. Darauf sollten Unternehmen reagieren, wollen sie nicht “sterben”. Nun ist es nicht mehr so einfach, die erzeugten Produkte und Services beim Kunden zu platzieren. Kunden rücken notgedrungen in den Mittelpunkt des Interesses der Unternehmen. Effektivität wird wichtiger, also die Frage danach, was produziert werden soll, nicht nur wie es getan wird. Das bedeutet auch, dass man zu Gunsten der Problemlösung für den Kunden das Heben von Synergien im Unternehmen hintenanstellen sollte, was mit einem primären Fokus auf Effizienz undenkbar wäre. Diese neue Fokussierung sollte natürlich nicht in Verschwendung ausarten.

An der obigen Abbildung, der abgewandelten Taylor-Wanne von Gerhard Wohland, erkennt man relativ leicht diese beschriebene fehlende Passfähigkeit des funktionalen Schnittes, da dieser Sollbruchstellen im Wertstrom definiert. Diese Sollbruchstellen im Wertstrom fielen in den Zeiten der Industrialisierung nicht ins Gewicht, da der Markt noch nicht so komplex und so gesättigt war. Das bedeutet, der Handlungsraum der Kunden war gering, was letztendlich dazu führte, dass die Erwartungen der Kunden an Services und Produkte der Unternehmen nicht so groß waren. Unternehmen mussten gar nicht kundenzentriert agieren, um einen Wert für Kunden zu generieren.

In Zeiten der Digitalisierung hat sich der Markt geändert, was nun zu einer Behinderung des Wertstromflusses führt. Unternehmen müssen kundenzentriert agieren, was die Notwendigkeit einer neuen primären Organisationsform offenbar werden lässt, die nämlich den Wertstrom, über den Kunden glücklich gemacht werden, unterstützt und nicht durchtrennt.

Die funktionale Sicht auf ein Unternehmen lässt solch eine Neujustierung nicht zu, denn in den einzelnen funktionalen Bereichen an sich kann man den Kunden nicht bedienen, sondern nur im Zusammenspiel dieser. Lokale Optima in den funktionalen Bereichen führen nun nicht mehr zum globalen Optimum im Unternehmen.

Projekte sind also ein Mittel, die fehlende Passfähigkeit der primär funktionalen Organisationsform für Wertgenerierung zu beheben, allerdings werden damit eine Reihe nicht wertgenerierender Tätigkeiten “eingekauft”. Das hatten wir ja schon.

Ein guter Indikator für eine grundsätzlich passfähige primäre Organisationsform in Unternehmen ist, wieviel % der Wertgenerierung in dieser gehandhabt werden kann. Je weniger Projekte benötigt werden, desto passfähiger ist die primäre Organisationsform.

Wie werden Projekte von der “Strukturkrücke” zur echten “Strukturhilfe”?

Die Frage, die mich also umtreibt ist die Folgende

Gibt es eine passfähigere primäre Organisationsform für Unternehmen als die funktionale, die es in dieser in hohem Maße erlaubt, Wert für den Markt zu generieren und nur für bestimmte Ausnahmen Projekte notwendig werden lässt?

Bevor ich eine Antwort auf diese Frage skizziere möchte ich voran stellen, dass dieser Beitrag im Rahmen dieser Blogparade nicht genügend Zeit und Raum bietet, um die Gedanken ausführlich zu thematisieren. Dazu möchte ich gerne auf mein laufendes Projekt “Business Systemics” verweisen.

Mit Hilfe der obigen Abbildung nehme ich eine grundsätzliche Sicht auf Unternehmen ein. Die Daseinsberechtigung von Unternehmen ist es, Probleme von Kunden zu lösen sowie Wünsche der Kunden zu befriedigen. Unternehmen sollten für Menschen

  1. WünscheErfüller,
  2. BedürfnisBefriediger und
  3. ProblemLöser

sein. Nur wenn Kunden wahrnehmen, dass Unternehmen ihnen helfen, ihre Probleme zu lösen und zwar besser als andere es können oder wenn sie es alleine täten, kommen sie wieder. Denn sie erkennen den Wert, den das Unternehmen ihnen stiftet und dafür sind sie dann auch bereit Geld zu bezahlen.

Dazu führe ich nun den Begriff des Kundenkontextes der Interaktion zwischen Unternehmen und Kunde ein. Kundenkontexte sind reale Lebenssituationen, in denen Menschen sich befinden und Hilfe benötigen. Je Kundenkontext ist es Aufgabe des Unternehmens Kunden glücklich zu machen. Dabei kann ein Unternehmen mehrere Kundenkontexte bedienen. Im Beispiel eines Handelsunternehmens könnte das zum Beispiel “Shopping” sein. Weitere Beispiele sind “Urlaub”, “Gesundheit und Sport”, “Umzug” oder “Mobilität”.

Je Kontext und damit je Customer Journey in der Wertstromebene 1 (siehe obige Abbildung) besteht nun die Aufgabe, im Unternehmen die dort gelagerten Fähigkeiten so zu verbessern, dass die Kunden ihre Probleme stetig besser lösen können. Ureigenste Aufgabe innerhalb der Unternehmen besteht nun darin, dafür zu sorgen, dass die Aktivitäten der Wertstromebene 1 bestmöglich ausgeführt werden können. Denn das sorgt dafür, dass Kunden im jeweiligen Kundenkontext bestmöglich bedient werden.

In der Wertstromebene 2 (siehe obige Abbildung) werden die notwendigen Fähigkeiten ausgebildet, die in der Wertstromebene 1, den Customer Journeys zum produktiven Einsatz kommen. Das Suchen bzw. Finden der Schwachstellen in den Fähigkeiten sowie das anschließende Verbessern der Fähigkeiten sollte nach einem gemeinsam vereinbarten zeitlichen Zyklus geschehen, also beispielsweise alle x Monate, in dem dann der Unternehmens-Backlog aktualisiert wird. Auch das wird in der obigen Abbildung schematisch dargestellt.

An dieser Stelle reiche ich gerne ein Analogon zum Fußball an. Die Wertstromebene 1 bilden die jeweiligen Punktspiele in den jeweiligen Wettbewerben ab, die Wertstromebene 2 das Training, wo Fähigkeiten wie Passspiel, Zweikampf, Standards etc. verbessert werden. Der Unterschied zwischen Wirtschaft und Fußball ist allerdings, dass beim Fußball Wettkampf und Training niemals zeitlich parallel ablaufen. In der Wirtschaft laufen Wertstromebene 1 und 2 zeitlich parallel ab, was die Komplexität der Interaktion zwischen den beiden Wertstromebenen innerhalb der Wirtschaft erhöhen lässt.

Warum sind nun in dieser dargestellten primären Organisationsform weniger Projekte notwendig?

In dieser primären Organisationsform wurde dediziert darauf geachtet, ob ein bestimmtes Zusammenspiel von Kompetenzen und Skills von Menschen von temporärer Natur sein sollte oder eben nicht.

Für wenig wiederkehrende Tätigkeiten, wie beispielsweise das Finden eines neuen Geschäftsmodells in einem Unternehmen, die Einführung eines neuen IT-Systems oder die Migration von IT-Anwendungen in die Cloud, sind sicherlich weiterhin Projekte als Strukturhilfe notwendig, da für diese speziellen Tätigkeiten keine dedizierte Zusammenstellung von Skills und Kompetenzen dauerhaft notwendig sein muss.

Wenn es allerdings wiederkehrende Aktivitäten gibt, wo also eine Zusammenstellung von Skills und Kompetenzen in einem Team von dauerhafter Natur ist, wie das Erstellen von IT-Produkten in einem Unternehmen in der Wertstromebene 2, damit die Kunden in der Wertstromebene 1 immer besser bedient werden können, stellen Projekte eher ein Hindernis dar, da sie nicht wertgenerierende Tätigkeiten notwendig werden lassen.

Wie wir vor ein paar Jahren im Business Intelligence (BI) Bereich von OTTO diese oben skizzierte Organisationsform etabliert haben, habe ich auf der PM Welt 2018 vorgestellt. Den Vortrag sehen Sie hier.

Projekte möchte ich also nicht per se verdammen, sondern nur dort als Strukturhilfe eingesetzt wissen, wo ein ganz bestimmtes Zusammenspiel von Kompetenzen und Skills von Menschen wirklich nur von temporärer Natur ist.

Zum Schluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich die hier skizzierten Ideen und Gedanken mittlerweile weiter in Richtung eines Frameworks gedacht habe. Im Buchband “Das Change Management Workbook – Veränderungen im Unternehmen erfolgreich gestalten”, welcher Mitte des Jahres erscheinen wird, habe ich das Framework im Rahmen eines Beitrages verschriftlicht.

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Entscheiden über Regeln und Prinzipien: Eine kleine Anleitung

Des Öfteren habe ich das Thema der Unterscheidung von Regeln und Prinzipien im Kontext von Entscheidungen aufgegriffen, unter anderem hier in #connysgedanken auf der Leanbase.

Auf den Erkenntnissen dieser knapp 6 Minuten möchte ich nun aufsetzen und meine Ideen konkretisieren.

Ich möchte in einer bestimmten Situation eine Entscheidung treffen. Dieser zu bewertenden Situation ist nicht inhärent gegeben, ob ich diese Entscheidung über eine Regel oder über ein Prinzip treffen sollte. Genau das entscheide ich, und zwar wie folgt.

Ist es passfähig die zu bewertende Situation mit abzählbar vielen Kontexten zu modellieren, die auch noch alle messbar sind, dann kann ich eine Regel definieren, um eine Entscheidung zu treffen. Ist das nicht der Fall, kann ich also die Situation nicht mit abzählbar vielen Kontexten modellieren, um diese nicht zu sehr zu trivialisieren, oder ist mindestens einer der Kontexte nicht messbar, dann sollte ich keine Regel sondern ein Prinzip definieren, um zu entscheiden.

Das möchte ich an den beiden Beispielen, Seitenaus und Handspiel aus dem Fußball, denen ich mich auch im oben zugelinkten Podcast bedient habe, illustrieren.

Seitenaus

Ich stelle mir die Frage, wie viele und welche Kontexte ich benötige, um diese Situationen im Spiel passfähig zu modellieren. Ich komme zu dem folgenden Kontext:

  1. Hat der Ball die Seitenauslinie überquert?

Gibt es weitere Kontexte? Nein, denn es ist beispielsweise egal, wie die Körperhaltung des Spielers war, der den Ball ins Aus befördert hat, oder was sein Motiv war, dies zu tun, oder in welcher Minute sich das Spiel gerade befindet, oder ob es regnet etc. Es gibt genau den einen oben aufgeführten Kontext, um diese Situationen passfähig zu modellieren. Damit kann ich die folgende Regel definieren, über die eine Entscheidung in solchen Situationen im Spiel getroffen werden kann.

  1. Der Ball muss mit dem vollen Umfang die Seitenauslinie überqueren, um im Aus zu sein.

Nun stelle ich mir die Frage, ob dieser Kontext messbar ist und komme zu der klaren Antwort “Ja”. Hier helfen unsere immer ausgefeilteren Technologien weiter, um diesen Kontext zu messen. Es ist auch relativ schnell ersichtlich, dass diese Situationen über diese Regel maschinenartig entschieden werden können, denn hier gibt es eine eindeutige Bewertung einer Entscheidung in “richtig” und “falsch”. Eigentlich müssen diese Situationen gar nicht mehr entschieden werden, da die Entscheidung der Regel bereits innewohnend ist. Die Regel muss nur noch ausgeführt werden.

Auch wenn ein Schiedsrichter diese “Entscheidung fällt”, so tut er es doch wie eine Maschine. Klar ist auch, dass die gefällten Entscheidungen solcher Situation im nachhinein relativ klar in “richtig” und “falsch” eingewertet werden können. Es gibt dann auch keine großen Debatten. Das konnte man beispielsweise vor einigen Wochen im Spiel “Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München” beobachten, wo Yann Sommer, der Torhüter Gladbachs, den Ball haarscharf mit den Fingerspitzen vor der Torlinie gestoppt hat. Auch wenn dieses Stoppen auch noch so knapp war, der Kontext konnte klar gemessen werden und es gab im nach hinein keine großen Diskussionen darüber, ob es ein Tor war oder nicht.

Handspiel

Wie im obigen Beispiel mit dem Seitenaus stelle ich mir die Frage nach den Kontexten, um diese Situationen im Spiel zu modellieren und komme zu

  • Hat der Ball die Hand eines Feldspielers berührt?

Genügt dieser eine Kontext? Ich denke nein, denn mit nur diesem einen Kontext würden wir solche Situationen im Spiel zu sehr trivialisieren. Das wissen wir auch, da wir weitere Kontexte hinzu nehmen, wie zum Beispiel

  • Hat der Feldspieler seine Hand zum Ball geführt?
  • Hat der Feldspieler seine Körperfläche verbreitert?
  • Hat der Feldspieler den Ball absichtlich mit der Hand berührt?

Gehen wir einmal davon aus, dass wir die Situation “Handspiel” in den Spielen mit abzählbar vielen Kontexten gut genug modellieren können, also meinetwegen mit den oben genannten 4. Nun sollten wir uns die Frage stellen, ob wir zu den 4 Kontexten Regeln definieren können, die messbar sind. Dafür definieren wir zum 4. Kontext eine Regel.

  1. Hat der Feldspieler den Ball nicht mit Absicht berührt, sondern ist ihm dieser an die Hand gesprungen, so liegt kein Handspiel vor.

Ist die messbar? Diese Frage ist relativ klar mit Nein zu beantworten, denn eine Absicht eines Spielers zu messen ist unmöglich. Demzufolge wird also aus der oben aufgestellten Regel mit dem gleichen Wortlaut ein Prinzip, da nun ein Prinzip und keine Regel für Entscheidungen in solchen Situationen herhalten muss.

Das impliziert aber auch, dass nun nicht mehr maschinenartig entschieden werden kann. Nun benötigen wir Menschen in Form eines Unparteiischen oder eines VARs. Nun ist aber auch klar, dass alle Entscheidungen in diesen Situationen nicht mehr in “richtig” und “falsch” einwertbar sind, was auch immer wieder zu oft beobachtbaren massiven Diskussionen im Nachgang von Spielen führt.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal anführen, dass Situationen, die einen hohen Anteil formal nicht handlungsleitend beschreibbarer Anteile (komplexe) besitzen, eher über Prinzipien als über Regeln entscheidbar sind. Regeln ziehen bei eher komplizierten, also formal handlungsleitend beschreibbaren Situationen. Und damit ist auch ersichtlich, dass wir Menschen gerade in Situationen gefragt sind, die einen hohen Anteil an Komplexität aufweisen.

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