Entscheiden über Regeln und Prinzipien: Eine kleine Anleitung

Des Öfteren habe ich das Thema der Unterscheidung von Regeln und Prinzipien im Kontext von Entscheidungen aufgegriffen, unter anderem hier in #connysgedanken auf der Leanbase.

Auf den Erkenntnissen dieser knapp 6 Minuten möchte ich nun aufsetzen und meine Ideen konkretisieren.

Ich möchte in einer bestimmten Situation eine Entscheidung treffen. Dieser zu bewertenden Situation ist nicht inhärent gegeben, ob ich diese Entscheidung über eine Regel oder über ein Prinzip treffen sollte. Genau das entscheide ich, und zwar wie folgt.

Ist es passfähig die zu bewertende Situation mit abzählbar vielen Kontexten zu modellieren, die auch noch alle messbar sind, dann kann ich eine Regel definieren, um eine Entscheidung zu treffen. Ist das nicht der Fall, kann ich also die Situation nicht mit abzählbar vielen Kontexten modellieren, um diese nicht zu sehr zu trivialisieren, oder ist mindestens einer der Kontexte nicht messbar, dann sollte ich keine Regel sondern ein Prinzip definieren, um zu entscheiden.

Das möchte ich an den beiden Beispielen, Seitenaus und Handspiel aus dem Fußball, denen ich mich auch im oben zugelinkten Podcast bedient habe, illustrieren.

Seitenaus

Ich stelle mir die Frage, wie viele und welche Kontexte ich benötige, um diese Situationen im Spiel passfähig zu modellieren. Ich komme zu dem folgenden Kontext:

  1. Hat der Ball die Seitenauslinie überquert?

Gibt es weitere Kontexte? Nein, denn es ist beispielsweise egal, wie die Körperhaltung des Spielers war, der den Ball ins Aus befördert hat, oder was sein Motiv war, dies zu tun, oder in welcher Minute sich das Spiel gerade befindet, oder ob es regnet etc. Es gibt genau den einen oben aufgeführten Kontext, um diese Situationen passfähig zu modellieren. Damit kann ich die folgende Regel definieren, über die eine Entscheidung in solchen Situationen im Spiel getroffen werden kann.

  1. Der Ball muss mit dem vollen Umfang die Seitenauslinie überqueren, um im Aus zu sein.

Nun stelle ich mir die Frage, ob dieser Kontext messbar ist und komme zu der klaren Antwort “Ja”. Hier helfen unsere immer ausgefeilteren Technologien weiter, um diesen Kontext zu messen. Es ist auch relativ schnell ersichtlich, dass diese Situationen über diese Regel maschinenartig entschieden werden können, denn hier gibt es eine eindeutige Bewertung einer Entscheidung in “richtig” und “falsch”. Eigentlich müssen diese Situationen gar nicht mehr entschieden werden, da die Entscheidung der Regel bereits innewohnend ist. Die Regel muss nur noch ausgeführt werden.

Auch wenn ein Schiedsrichter diese “Entscheidung fällt”, so tut er es doch wie eine Maschine. Klar ist auch, dass die gefällten Entscheidungen solcher Situation im nachhinein relativ klar in “richtig” und “falsch” eingewertet werden können. Es gibt dann auch keine großen Debatten. Das konnte man beispielsweise vor einigen Wochen im Spiel “Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München” beobachten, wo Yann Sommer, der Torhüter Gladbachs, den Ball haarscharf mit den Fingerspitzen vor der Torlinie gestoppt hat. Auch wenn dieses Stoppen auch noch so knapp war, der Kontext konnte klar gemessen werden und es gab im nach hinein keine großen Diskussionen darüber, ob es ein Tor war oder nicht.

Handspiel

Wie im obigen Beispiel mit dem Seitenaus stelle ich mir die Frage nach den Kontexten, um diese Situationen im Spiel zu modellieren und komme zu

  • Hat der Ball die Hand eines Feldspielers berührt?

Genügt dieser eine Kontext? Ich denke nein, denn mit nur diesem einen Kontext würden wir solche Situationen im Spiel zu sehr trivialisieren. Das wissen wir auch, da wir weitere Kontexte hinzu nehmen, wie zum Beispiel

  • Hat der Feldspieler seine Hand zum Ball geführt?
  • Hat der Feldspieler seine Körperfläche verbreitert?
  • Hat der Feldspieler den Ball absichtlich mit der Hand berührt?

Gehen wir einmal davon aus, dass wir die Situation “Handspiel” in den Spielen mit abzählbar vielen Kontexten gut genug modellieren können, also meinetwegen mit den oben genannten 4. Nun sollten wir uns die Frage stellen, ob wir zu den 4 Kontexten Regeln definieren können, die messbar sind. Dafür definieren wir zum 4. Kontext eine Regel.

  1. Hat der Feldspieler den Ball nicht mit Absicht berührt, sondern ist ihm dieser an die Hand gesprungen, so liegt kein Handspiel vor.

Ist die messbar? Diese Frage ist relativ klar mit Nein zu beantworten, denn eine Absicht eines Spielers zu messen ist unmöglich. Demzufolge wird also aus der oben aufgestellten Regel mit dem gleichen Wortlaut ein Prinzip, da nun ein Prinzip und keine Regel für Entscheidungen in solchen Situationen herhalten muss.

Das impliziert aber auch, dass nun nicht mehr maschinenartig entschieden werden kann. Nun benötigen wir Menschen in Form eines Unparteiischen oder eines VARs. Nun ist aber auch klar, dass alle Entscheidungen in diesen Situationen nicht mehr in “richtig” und “falsch” einwertbar sind, was auch immer wieder zu oft beobachtbaren massiven Diskussionen im Nachgang von Spielen führt.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal anführen, dass Situationen, die einen hohen Anteil formal nicht handlungsleitend beschreibbarer Anteile (komplexe) besitzen, eher über Prinzipien als über Regeln entscheidbar sind. Regeln ziehen bei eher komplizierten, also formal handlungsleitend beschreibbaren Situationen. Und damit ist auch ersichtlich, dass wir Menschen gerade in Situationen gefragt sind, die einen hohen Anteil an Komplexität aufweisen.

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6 Responses to Entscheiden über Regeln und Prinzipien: Eine kleine Anleitung

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