Die 6 GrundFORMen der Kommunikation

In meinem Beitrag Kommunikation: Du komisches geheimnisvolles ETWAS habe ich die für mich notwendige Erweiterung des Kommunikationssystems von Niklas Luhmann als dreifache Selektion aus MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN erläutert.

In diesem Beitrag möchte ich weiter in das Kommunikationssystem eintauchen, in dem ich die 6 GrundFORMen in Kommunikationssysteme darstelle und erläutere. Aufbauend darauf werde ich kurz anreißen, wie sich diese GrundFORMen beispielhaft kombinieren und mögliche Handlungsoptionen ableiten lassen, um Kommunikation zu (re)organisieren.

Dieser Beitrag ist Ergebnis vieler Gespräche mit Gitta Peyn zu diesem Thema, aus denen ich ganz viel Erkenntnis für mich generiert habe.

Die 6 GrundFORMen der Kommunikation

In der unteren Abbildung sind die 6 GrundFORMen dargestellt. Man erkennt leicht, warum es genau 6 sein müssen. Kommunikation funktioniert als dreifache Selektion aus MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN. Wenn ich diese 3 Elemente der Kommunikation permutiere, erhalte ich genau die abgebildeten 6 möglichen FORMen, die unterschiedliche Verhaltensmuster im Kommunikationssystem FORMen.

Kurz möchte ich auf die grundsätzliche Lesart der oben dargestellten FORMen, vor allem auf die in diesen enthaltenen Klammern, eingehen und verdeutliche das beispielhaft an FORM1. Von links nach rechts gelesen sind die beiden Aspekte von Kommunikation Inwelt zugehörig und der rechte Aspekt in Umwelt enthalten. Der Aspekt, der zur Umwelt gerechnet wird, wird in Kommunikation als nächstes erwartet. Bei FORM1 ist also MEINEN und MITTEILEN Inwelt und VERSTEHEN Umwelt. In allen nachträglich aufgeführten Beispielen setze ich mich Inwelt, meine Frau Umwelt. Für FORM1 bedeutet dass, ich MEINE und TEILE MIT, meine Frau VERSTEHT. Ich setze in den Beispielen damit einen kleinen Snapshot von Kommunikation, um die Erklärungen so einfach und trotzdem prägnant gestalten zu können.

Ich möchte auf die unterschiedlichen Verhaltensmuster je GrundFORM der Kommunikation eintauchen, da es meiner Erfahrung nach immens wichtig ist, die FORMen analysieren zu können, um auf dieser Basis Kommunikationsdynamiken zu interpretieren.

Dabei ist mir wichtig zu erwähnen, dass die Interpretation der FORMen kontingent ist. Es gibt nicht genau eine Möglichkeit der Interpretation, aber eben auch nicht beliebig viele, weshalb es mir schwer fällt, die FORMen allgemeingültig und ohne Bezug zueinander zu beschreiben. Stattdessen werde ich die 6 FORMen kurz allgemein thematisieren, um dann genau ein- und dasselbe Kommunikationsbeispiel zwischen meiner Frau und mir je FORM zu erläutern und dabei vor allem auf die Unterschiede einzugehen.

Falls Sie sich die Funktionsweise der 3 Aspekte der Kommunikation, MEINEN, MITTEILEN und VERSTEHEN, noch einmal ins Gedächtnis holen möchten, können Sie gerne in dem am Anfang dieses Beitrags gelinkten Beitrag stöbern.
Zum tieferen Eintauchen in die Notation der Klammern in der obigen Abbildung verweise ich gerne auf das Buch uFROM iFORM von Ralf Peyn.

FORM1

Ich setze mein MEINEN in meinen Fokus und das im Kontext meines MITTEILENs. Was bedeutet das? Ich eruiere, wie ich mein MEINEN so MITTEILEN kann, dass meine Frau es bestenfalls so beGREIFT, wie ich es auch MEINE, auch wenn das quasi nicht möglich ist und auch nicht überprüfbar ist. Hier zählt aber schon die Intention es zu wollen, da alleine das zu einer anderen Kommunikation führt, als wenn ich das gar nicht vorhabe.

Dazu setze ich VERSTEHEN bei meiner Frau voraus. Ich erwarte also, dass meine Frau mich nicht ignoriert, sondern ein MEINEN und MITTEILUNGsverhalten von mir erwartet. Ich erwarte, dass meine Frau an der Fortsetzung der Kommunikation zu einem bestimmten Thema interessiert ist.

Diese FORM lässt sich nun auch mit vertauschten Rollen von meiner Frau und mir interpretieren, nämlich dann, wenn die Kommunikation fortgesetzt wird, was übrigens auch für alle weiteren FORMen gilt. Das bedeutet, meine Frau fokussiert sich im nächsten Snapshot der Kommunikation auf ihr MEINEN, und das im Kontext ihres MITTEILUNGsverhaltens, und erwartet bei mir VERSTEHEN.

Es ist also nicht so, dass jeder Mensch, der an einer Kommunikation beteiligt ist, eine für ihn eigene FORM haben muss. Es gilt nicht: x Menschen, die an Kommunikation teilnehmen, ergeben x FORMen. Doch, jeder, der an Kommunikation beteiligt ist, FORMt seine eigenen Erwartungshaltungen. Diese können, müssen aber nicht deckungsgleich mit denen seiner Gesprächspartner/ Gruppen/ kommunikativen Riesenwellen funktionieren. Solche FORMen können leer sein, wenn Alter gar nicht an Kommunikation teilnimmt, Ego hingegen davon ausgeht, dass Alter MITTEILT.

Nun zum Beispiel, das Sie sicherlich noch vom ersten Beitrag zur Kommunikation kennen. Ich kaufe Blumen und stelle sie bei uns im Haus auf den Esstisch. Ich MEINE etwas ganz Bestimmtes. Ich möchte unser Haus grüner haben. Also entschließe ich mich Blumen zu kaufen und diese auf den Tisch zu platzieren. Das ist mein MITTEILEN. Ich gehe davon aus, dass meine Frau diese Blumen sieht und darauf reagiert, also VERSTEHT. Schön wäre, wenn Sie dafür ein paar nette Worte für mich hätte, da ich ja auf eine schöne Wohnumgebung achte, was ich aber nicht beeinflussen kann, denn sie unterstellt mir durch dieses MITTEILEN ein bestimmtes MEINEN. Wenn sie mir beispielsweise unterstellt, mit den Blumen mein Fußballgucken im TV vergessen machen zu wollen und sie das anders sieht, wird sie sicher keine netten Worte für mich übrig haben. Das ist jetzt der Punkt, an dem Ego und Alter wechseln. Ich werde Ego und unterstelle meiner Frau ein MEINEN und erwarte eine MITTEILUNG von ihr.

FORM2

Ähnlich wie bei FORM1 setze ich wieder mein MEINEN in den Fokus, mache mir also intensive Gedanken, was ich zu dem Thema der derzeit laufenden Kommunikation denke und fühle. Was ist hier der Unterschied zu FORM1? In dieser FORM setze ich mein MEINEN in Kontext meines VERSTEHENS. Ich validiere also in mir, ob die Aktionen meiner Frau, die ich VERSTANDEN habe zu meinem MEINEN konsistent sein könnten. Vielleicht hat sie ja im Rahmen der laufenden Kommunikation ein neues Thema angerissen. Darauf, dass zu ergründen, lege ich meinen Fokus. In Umwelt, also bei meiner Frau erwarte ich daraufhin MITTEILUNGsverhalten. Ich erwarte also, dass sie durch ihre von mir beobachteten Handlungen eine Fortsetzung der Kommunikation zum Ausdruck bringt. Das bedeutet auch, dass ich jede Handlung meiner Frau so interpretiere, dass sie damit die Kommunikation fortsetzen möchte, unabhängig davon, ob sie das auch will.

Nun wieder das Beispiel mit den Blumen. Ich kaufe die Blumen und stelle sie auf den Esstisch. Nun setze ich mein MEINEN aber im Kontext meines VERSTEHENS. Ich möchte immer noch unser Haus grüner haben, erinnere mich aber auch an den gestrigen Abend, wo ich unseren gemeinsamen Filmabend gegen einen alleinigen Fußballabend getauscht habe. Blumen könnten ja vielleicht das Gemüt meiner Frau wieder ein bisschen aufhellen, da ich ja ein MITTEILEN in der Umwelt, also von meiner Frau erwarte, was da wäre „Ich bin nicht mehr sauer auf Dich.“.
Vielleicht erkennen Sie diesen feinen Unterschied in der Kommunikation. Ich tue immer noch das Gleiche, aber eben mit einer anderen Intention, was letztendlich einen enormen Unterschied in der Fortsetzung der Kommunikation ausmachen kann.

FORM3

Ich setze mein VERSTEHEN in den Fokus, und das im Kontext meines MITTEILENs. Ich denke, etwas VERSTANDEN zu haben anhand des MITTEILUNGsverhaltens meiner Frau, der ich MEINEN unterstelle.

Was könnte das für das Blumenbeispiel bedeuten? Ich setze mein VERSTEHEN in meinen Fokus. Irgendwie hat meine Frau heute Morgen beim Frühstück weniger geredet als gewöhnlich. Ich habe VERSTANDEN. Sie setzt die Kommunikation von gestern Abend, als ich mich für Fußball im TV entscheiden habe, fort. Sie bezieht sich definitiv auf Fußball, jedenfalls in meiner Vorstellung. Ich erwarte ja ein MEINEN in der Umwelt. Also überlege ich mir Blumen zu kaufen, um die Wogen wieder ein wenig zu glätten.

FORM4

Ähnlich wie bei FORM3 ist weiterhin mein VERSTEHEN in meinem Fokus, nun aber im Kontext von meinem MEINEN. Ich VERSTEHE, indem ich erwarte, dass meine Frau etwas MEINT und erwarte daraufhin von ihr MITTEILUNGsverhalten.

Wieder das Blumenbeispiel. Ich setze mein VERSTEHEN in meinen Fokus. Irgendwie hat meine Frau heute Morgen beim Frühstück weniger geredet als gewöhnlich. Und sie möchte mir das auch unbedingt offenbaren. Ich denke, ich habe ihr Schweigen richtig verstanden. Ich konzentriere mich auf mein VERSTEHEN und denke in dem Kontext, sie hat geMEINT, dass ich mich gestern nicht okay verhalten habe, deshalb schenke ich ihr Blumen in Erwartung, dass sie als Nächstes MITTEILT, dass wir wieder gut sind.

FORM5

In dieser FORM der Kommunikation setze ich mein MITTEILEN in meinen Fokus, und das im Kontext meines VERSTEHENS. Ich erkenne, dass ich mich in die Kommunikation einbringen muss und deshalb agieren muss. Das ist für mich primär. Ich fokussiere mich also auf mich und meine Handlungen im Rahmen der Kommunikation und gehe davon aus, dass mir dadurch von meiner Frau auch ein MEINEN unterstellt wird und das ihr MEINEN mit meinem konsistent ist.

Blumenbeispiel. Da ich mein MITTEILEN in meinen Fokus setze und das im Kontext meines VERSTEHENS, lege ich großen Wert auf die Blumen und platziere sie so auf dem Esstisch, dass meine Frau diese unbedingt sehen muss. Da meine Frau heute Morgen beim Frühstück so wortkarg war, ist sie ja noch sicherlich sauer wegen gestern Abend. Ich erwarte, dass sich meine Frau durch die Blumen etwas Gutes denkt. Das rechne ich ihrem MEINEN zu, das ich als Nächstes erwarte.

FORM6

Ähnlich zur FORM5 setze ich mein MITTEILEN in den Fokus. Ich möchte mich also unbedingt ausdrücken. Das ist für mich von primärer Wichtigkeit. Und das vollziehe ich im Kontext meines MEINENs und erwarte, dass mein Drang zur Fortsetzung von Kommunikation auch von meiner Frau VERSTANDEN wird, dass sie mich also nicht ignoriert und auf MITTEILEN einsteigt.

Blumenbeispiel. Da ich mein MITTEILEN in meinen Fokus setze und das im Kontext meines MEINENS, lege ich großen Wert auf die Blumen und platziere sie so auf dem Esstisch, dass meine Frau diese unbedingt sehen muss. Ich erwarte natürlich auch, dass sie diese registriert, da ich ja in der Umwelt VERSTEHEN voraussetze. Ich möchte, dass ich in ihren Augen einfach nur „gut“ da stehe, unabhängig von Fußball oder das „Grünsein“ unseres Hauses.

Kommunikation (re)organisiert sich kontinuierlich über diese GrundFORMen

Ich hoffe es ist mir gelungen zu zeigen, dass die 6 verschiedenen GrundFORMen von Kommunikation unterschiedliche Erwartungshaltungen an Kommunikation widerspiegeln und damit entscheidenden Einfluss haben, wie und ob Kommunikation fortgesetzt wird.

Und noch einmal sei erwähnt, dass es nicht um Inhalte der Kommunikation geht, sondern um FORMen und damit um Kommunikations(re)organisation. KommunikationsFORMen müssen nicht einzelnen Menschen zugeordnet werden: Auch Gruppen, Teams, Unternehmen etc. können kommunizieren und (re)organisieren sich über die hier beschriebenen dreifach-selektiven KommunikationsFORMen. Mit dem Blumenbeispiel habe ich eine persönliche Interpretation isoliert (Snapshot von Kommunikation), um einfache Kommunikationsinterpretation, hier nämlich meine, an verschiedenen Erwartungshaltungen, beziehungsweise Inhalt/ Kontext-Fokussierungen zu demonstrieren.

Auch wenn wir uns isolierte Kommunikationssituationen ansehen, können wir immer mehrere FORMen beobachten und auch zur Analyse anlegen, um zu sehen, welche das für uns passendste Ergebnis liefert, die Kommunikation in die intendierte Richtung zu orientieren.

Zu dieser Thematik lege ich Ihnen dringend den Beitrag Konfliktdynamiken mit SelFis untersuchen von Gitta Peyn nahe. Gitta untersucht, durch Kombination der oben beschriebenen GrundFORMen der Kommunikation, Dynamiken im Rahmen dieser.
Beispielsweise wird in dem Beitrag “komplexes Driften” als Kommunikationsmuster thematisiert, wo die beiden GrundFORMen 1 und 2 bedient werden.

Es werden in dem Beitrag auch noch weitere Kombinationen der 6 GrundFORMen angesprochen und emuliert. Ergebnis dieser Emulationen sind die so genannten SelFis, die sich als selbstreferenzielle Systeme ausdifferenzieren, deren Dynamiken und Selbstrhythmisierungen wir interpretieren können, um daraus für uns Handlungen abzuleiten, um Kommunikation in eine gewisse Art und Weise zu irritieren.

Dieser Beitrag ist wirklich ein Lesegenuss und deshalb sehr zu empfehlen.

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