Umdenken ist schwierig jedoch machbar, aber wie?

Die gravierenden Probleme der heutigen Zeit mit all ihren Konsequenzen und Implikationen, wie die Finanzkrise oder die Umweltverschmutzung, werden zu halbherzig angegangen und haben deshalb auch keine Aussicht auf Erfolg. Die Lösungssuche bleibt bei den Symptomen hängen und greifen die Problematik nicht bei der Wurzel, sprich bei den Ursachen.

Was meine ich damit?

Wir hängen an den Paradigmen unseres vorherrschenden Systems, wie Mechanisierung und Digitalisierung von Arbeit, unbedingter Wettbewerb, unaufhörlicher Konsum, Kurzfristsicht als Basis für den Wachstumstrieb, Kontrollzwang auf Basis von Messverfahren um nur einige beispielhaft zu nennen. Tiefgreifende Veränderungen werden aber nur dann geschehen, wenn wir aus diesen Systemparadigmen heraustreten. Illustrieren möchte ich das gerne an einem Beispiel aus dem Sport. Der schwedische Skispringer Jan Bokloev hat Ende der 80-er Jahre den V-Stil, auch Froschstil genannt, erfunden und mit diesem größere Weiten erzielt als die damals etablierten Springer in der Weltspitze. Mit dem herkömmlichen Parallelstil hätten diese Weiten nie erzielt werden können. Das Umstoßen von Systemparadigmen wird allerdings stets mit Argwohn betrachtet, was Bokloev auch erleiden musste. Er wurde in der Anfangszeit mit schlechten Haltungsnoten bestraft, was ihn aber nicht davon abhielt, es weiter zu versuchen, denn er wusste, dass er mit dem alten Stil nicht in der Weltspitze mitspringen kann.

Was ist aber notwendig um Denkblockaden umzustoßen, die aus Systemparadigmen entstehen, die so ins Fleich und Blut der Menschen übergegangen sind, dass sie nicht hinterfragt werden?

Bei der Suche nach Antworten bin ich auf Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, gestoßen. Ich habe mit Hochgenuss seinem Vortrag Könnten wir anders sein? Ist eine mentale Umprägung möglich? auf der 2. Konferenz der DenkwerkZukunft 2011 in Berlin mit dem Titel “Weichen stellen. Wege zu zukunftsfähigen Lebensweisen” gelauscht. Dieser hat mich zu einigen neuen Gedankengängen inspiriert. Hüther begründet in seinem Vortrag, warum das Umdenken den Menschen so schwer fällt. Umdenken geht ausschließlich durch das Erleben eigener Erfahrungen, denn nur durch diese können neue Haltungen aufgebaut werden. Und genau darum geht es. Menschen müssen ihre Haltungen zu Themen ändern, um diese anders zu sehen und zu denken. Es hilft nicht missionarisch durch die Welt zu pilgern und Menschen von etwas überzeugen zu wollen. Motive für menschliche Handlungen sind meist emotional. Das bedeutet, mit rationalen Argumenten kommt man nicht weiter, da diese nicht “unter die Haut” gehen oder berühren. Einladen und Inspirieren ist angesagt. Emotionen und rationale Fakten sind die Basis für ein Umdenkprozess, denn nach Hüther reicht es ebenfalls nicht aus, einen Menschen unablässig zu umarmen oder zu küssen, um ihn zum Umdenken zu bewegen. Nach Aussagen Hüthers geht es um unsere inneren Bilder, die unser Wahrnehmen und unser Denken beeinflussen. Auch hier wieder ein Beispiel aus der Praxis. Als ich vor kurzem gelesen habe, dass Porsche einen Sportwagen mit Elektromotor zur Serienreife gebracht hat, hat sich in mir etwas gesträubt. Meine inneren Bilder von Sportwagen und Elektromotor haben nicht zusammengepasst. Rein kognitiv betrachtet, sage ich super, aber emotional gesehen habe ich da eine Blockade. Können Sie sich die Formel 1 mit Elektroautos vorstellen? Meine inneren Bilder lassen das nicht zu. Und genau darum geht es. Es bringt nichts, AKWs abschalten zu wollen, wenn unsere inneren Bilder und und damit unsere Haltungen uns nicht in die gleiche Richtung konditionieren. Dann bleibt alles nur halbherzig.

Diese Erkenntnisse möchte ich nun weiter vertiefen, um weitere Voraussetzungen für Umdenkprozesse zu erkunden. Dabei stütze ich mich nun auf Gotthard Günther, einen meiner Lieblingsvordenker, der seiner Zeit meilenweit voraus war. Günther hat in seinem Buch Die amerikanische Apokalypse die menschliche Geschichte in drei Epochen eingeteilt.

  • Die primitive Epoche
  • Die Epoche der regionalen Hochkulturen
  • Die Epoche der universellen planetaren Kultur

In der primitiven Epoche haben die Menschen Naturereignisse mit Magie und Zauberei erklärt. In dieser Zeit haben die Menschen die Vorgänge in der Natur noch nicht auf sich selbst reflektiert. Ausdruck dieser Magie waren u.a. Medizinmänner. Angst vor den Ereignissen in der Natur war unter den Menschen vorherrschend. Diese Epoche war damit 1-wertig. In der zweiten Epoche, die der regionalen Hochkulturen, wurden die Ursache-Wirkungsbeziehungen eingeführt. In dieser hat man versucht alle Ereignisse in der Natur rein rational zu erklären. Unsicherheiten wurden aus der Wahrnehmung gestrichen. Diese Methode hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, allerdings nur für nichtlebende und nichtkomplexe Vorgänge. Ihren Höhepunkt hatte diese Epoche wohl mit dem Irrglauben des französischen Mathematikers Laplace, der eine Formel erfinden wollte, mit der die Welt erklärbar ist. Es wurde die Angst vor der Natur abgestreift, weil alle Vorgänge scheinbar erklärbar waren. Diese Epoche war und ist damit 2-wertig. Derzeit befinden wir uns in der 2. Phase. In dieser wird Sicherheit vorgegaukelt. Alles scheint wissenschaftlich erklärbar, oder soll es sein. Das ist aber der Grund, warum die Menschen nicht an etwas anderes denken können, als den Menschen eh schon ausmacht. Man ist fest verwurzelt in seinem Denken. Der Übergang in die dritte Epoche wird notwendig sein, um tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen. Sie steckt allerdings noch in den rudimentären Anfängen. In dieser werden die Ursache-Wirkungsbeziehungen mit Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten unterlegt. Das bedeutet, es werden Subjektivitäten eingeführt und somit die Modellierung von Vorgängen lebender Organismen und komplexer Prozesse möglich gemacht. Komplexität bekommt jetzt eine besondere Bedeutung. Diese Epoche ist mehrwertig. Das bedeutet, die notwendige Logik ist standpunktabhängig und mit der derzeit bekannten Mathematik, die auf der 2-wertigen Logik beruht, nicht mehr formallogisch darstellbar. Darauf möchte ich in diesem Post nicht weiter eingehen. Information finden Sie in hier

Wir müssen also in die dritte Epoche der Menschheit eintreten. Leicht gesagt. Kann man das direktiv anordnen und steuernd durchführen? Eben nicht. Dabei verfängt man sich dann ja wieder in den Stricken der Mechanisierung und Linearisierung der Menschen, was die zweite Epoche ausmacht. Ich möchte einige Gedanken formulieren, die vielleicht dazu beitragen können, das Tor zur dritten Epoche aufzustoßen. Ich möchte mich dabei auf die Bildung fokussieren.

Wie schaffen wir die oben angesprochenen Voraussetzungen?

Kinder sind noch nicht den Denkparadigmen unseres Systems aufgesessen. Sie sind noch frei in ihren Gedanken und stellen deshalb auch oft Fragen, die unsere Paradigmen ankratzen. Diese Fragen tun wir dann mit Antworten wie “Das ist eben so.” oder “Das wirst Du noch lernen.” ab. Und genau das tun Sie dann ab der Schule. Leider. Sie werden wie die Erwachsenen. Ihnen werden Paradigmen einfiltriert, die es ihnen dann später nicht mehr erlauben, Grundsatzfragen zu stellen. Schade eigentlich, denn genau darin liegt unsere Chance, die immer wieder in der Presse heiß diskutierten Probleme wie Finanzkrise oder Umweltproblematik zu durchdringen und zu bewältigen. Also müssen wir genau da ansetzen, wo Kinder auf die Paradigmen unseres Systems trivialisiert werden, in den Bildungseinrichtungen.

Kinder machen bis zum 6. Lebensjahr den wohl größten Wissenssprung ihres Lebens. Sie lernen Gehen, Reden etc. Und das ohne benotet zu werden. Kinder lernen in den Kitas vom 3. bis zum 6. Lebensjahr gruppenübergreifend und das sehr erfolgreich. Sie haben Lust und Spass am Lernen. Sie kooperieren gerne und mit großer Inbrunst. Welchem Irrsinn sind wir aufgesessen, Kinder in den Schulen benoten zu wollen und damit den Wettbewerb zu fördern? Haben wir uns mal gefragt, was passieren würde, wenn unsere Leber mit unserem Darm in Konkurrenz treten würde?

Das menschliche Wissen wird stetig mehr, was dazu führt, das dass bekannte Nichtwissen ebenfalls wächst. Wir allerdings reden davon, die Bildungszeit zu verkürzen. Sie muss verlängert werden. Werden aber die Kinder in den Bildungseinrichtungen weiterhin auf unser krankes System konditioniert, dann sollte sie eher verkürzt werden, was ich bereits in meinem Post Wir lernen bereits in der Pubertät mit dem Wandel falsch umzugehen ausgeführt habe. Die Industrialisierung unserer Gesellschaft hat einen vollen Einfluss auf unsere Bildung. Logisch, die Kinder müssen ja genau dafür herangezogen werden. Alles wird geteilt und separiert. Es werden Fachidioten und keine Generalisten ausgebildet. Alles muss messbar sein. Qualitäten spielen keine Rolle, da sie nicht messbar sind. Wir müssen weg kommen von den Leistungsprinzipien in der Bildung. Energie, Geschwindigkeit, Wachstum müssen ersetzt werden durch Flexibilität, Kooperation und Nachhaltigkeit. Emotion und Kognition oder auch Intuition und Rationalität müssen in der Bildung fusionieren, in dem die wissenschaftlichen und die kulturellen Fächer kooperieren und nicht wettstreiten. In den Schulen muss der Bezug zur Praxis gefördert werden. Jedes Kind muss selber erleben dürfen, damit Emotionen ermöglicht werden. Kooperation muss gefördert werden, in dem Klassenstufen zusammengelegt werden und die Schüler sich gegenseitig helfen und die Lehrer als Teil der Lerngruppe gesehen werden.

Derzeit sind die Schulen und Universitäten eher Lernverhinderer als dass sie Lernhilfen sind. Wir stehen mit der zunehmenden Komplexität unserer Gesellschaft und dem Bedarf diese zu handhaben, vor einem grundsätzlichen Problem. Optimierung innerhalb des Bestehenden ist nicht möglich. Es muss ein Sprung aus dem System erfolgen, die komplett neue Rahmenrichtlinien ermöglichen (Übergang in Phase 3). Sinnlichkeit und Wahrnehmung muss wieder mehr in den Vordergrund rücken. Dazu 2 Beispiele, die belegen, dass Kinder diese Fähigkeiten noch besitzen. Mein Sohn ist 4 Jahre alt. Ich habe ihn vor ca. 2 Wochen von der Kita abgeholt. Als wir zu Hause ankamen, hat er sofort bemerkt, dass vor unserer Haustür in Blumen versteckt ein Brief für uns hinterlegt war. Ich hätte diesen nie bemerkt. Ich war mit meinen Gedanken bereits wieder bei meinen anstehenden Aktivitäten, die einer intensiven Wahrnehmung meiner Umwelt im Wege standen. Ein weiteres Beispiel ist aus einem Vorschultest in den USA entnommen. In diesem werden Kinder gefragt, in welcher Richtung ein Bus fährt, der auf einem Bild dargestellt ist. Ein sehr großer Prozentsatz der Kinder findet die richtige Antwort. Bei Erwachsenen ist dies nicht der Fall. Den Test finden Sie hier.

Was können wir zusammenfassend mitnehmen?

Überzeugen mit Worten bringt keinen Erfolg, nur Frustration. So will ich mein Reisebuch auch verstanden wissen. Ich möchte einladen mich auf dieser Reise zu begleiten und animieren Erfahrungen zu durchleben. Ein Umdenkprozess kann nur von Jedermann selbst und von innen heraus eingeleitet werden. Allerdings muss die neue Denkform an die alte anschließen, um eine Basis zu haben. Hat man diese nicht denkt man aus und nicht um. Alle derzeitigen Denkformen sind in diesem vorhandenen System entstanden. Will man das System tiefgründig ändern, und das muss man um die Probleme an der Wurzel zu packen, müssen auch die Denkformen geändert werden. Dazu benötigt man Herz, denn ohne Herz bringt man den Mut nicht auf und natürlich Kopf, um es dann auch in die Tat umzusetzen. Und zum Schluss noch, weil ich sehr oft eine Resignation erlebe, da man anscheinend sowieso nichts machen kann. Es gibt keine Naturgesetze in Gesellschaft, Ökonomie und Wirtschaft. Alle Probleme, die wir derzeit sehen, haben wir erzeugt und können sie deshalb auch abschaffen.

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2 Responses to Umdenken ist schwierig jedoch machbar, aber wie?

  1. Ein phänomenales Beispiel für einen Umdenkprozess bietet Albert Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie. Er ersetzte nämlich mit seiner Theorie die Vorstellung, dass Körper durch die Gravitation nach unten gezogen werden, wie es noch Isaac Newton verstand, mit der Vorstellung, dass Körper in einer Krümmung der Raumzeit, wie in einem Trichter nach unten fallen. Die Raumkrümmung beeinflusst also die Richtung der Körper, die sich rein physikalisch gesehen gleichförmig und gerade aus bewegen.

    Die Ausarbeitung der Allgemeinen Relativitätstheorie ist deshalb so unbegreiflich erstaunlich, weil sie komplett gegen alle Erfahrung steht, die wir Menschen tagtäglich machen.

  2. Monika Dethloff says:

    Ich denke, du hast in vielen Dingen Recht. Die gesamte Gesellschaft muss sich
    angesprochen fühlen. Ein Umdenken muss spätestens in der Schule einsetzen.
    Das ist bis heute meiner Meinung nicht passiert.
    Monika

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