Wir lernen bereits in der Pubertät mit dem Wandel falsch umzugehen

Die These im Titel hört sich vielleicht für einige Leser etwas eigenartig an. Ich möchte in den folgenden Zeilen diese These belegen. Dabei möchte ich mich zuerst auf das Nichtwissen und dessen steigende Bedeutung in der heute immer flexibler und schneller werdenden Welt stürzen, um mit diesen Erkenntnissen den Dreh zur Pubertät der Menschen und den Auswirkungen auf das Change Management in Unternehmen, aber nicht nur dort, zu bekommen.

Nichtwissen muss in unserer heutigen Welt kultiviert werden. Es wird derzeit viel zu negativ gesehen und Wissen wird überbewertet. Das resultiert aus der Vergangenheit, wo Wissen noch eine hohe Halbwertszeit hatte. Die Welt ändert sich immer schneller. Was gestern richtig war ist heute schon komplett überaltert. Das bedeutet, Wissen verliert an Bedeutung. Fritz B. Simon sagt sogar, das Wissen ein Ausdruck für Lernbehinderung ist. Nichtwissen muss als Chance gesehen werden, Neues auszuprobieren um Neues zu entdecken und den Fortschritt anzukurbeln. Wir dürfen also keine Methodenreiter sein. Ich habe diese Ideen in einem Aufsatz in der Ausgabe 02/2010 SEM Radar ausgeführt. Diesen Aufsatz finden Sie hier.

Ich höre sehr häufig den Ausspruch: “Das geht nicht, weil …” Hinter dem “weil” stehen dann Paradigmen. Legt man allerdings diese Paradigmen ab, ist die Begründung obsolet. Und genau darum geht es, ein Entlernen, quasi das Wegschmeißen von Paradigmen, damit man frei und offen für neue Ideen ist. Nur leider sind viele Paradigmen den Menschen schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass diese bereits ihre Identität ausmachen. Begründen kann man dies wohl unter anderem mit den Auswirkungen der längeren Lebenserwartung der Menschen in den hoch entwickelten Kulturen auf die Pubertät dieser. Stützen möchte ich mich dabei auf die Erkenntnisse von Prof. Dr. Ralph Dawirs und Prof. Dr. Gunther Moll, die sie in ihrem Buch Endlich in der Pubertät!: Vom Sinn der wilden Jahre ausführen.

Bevor ich aber auf diese Thematik überleite, möchte ich vorher noch auf ein Buch eines von mir sehr geschätzten Denkers, Dr. Andreas Zeuch, verweisen, der das Nichtwissen in seinem Buch Management von Nichtwissen in Unternehmen thematisiert.

Weiterentwickeln bedeutet Risiken einzugehen. Denn nur dann kann das menschliche Gehirn sich entwickeln, in dem es Verknüpfungen generiert. Wir zerstören die Kreativität unserer Kinder durch dogmatische und paradigmatische Bildungseinrichtungen. Kinder werden trivialisiert. Kinder, die anders sind, werden als komisch oder gar als krank angesehen, die man behandeln, also trivialisieren, muss. Kinder lernen spielerisch. Das muss man Ihnen auch lassen, damit sie die Lust am Lernen nicht verlieren. Sie müssen ihre Neugier ausleben, die von Natur aus da ist. Unsere Bildungseinrichtungen, egal ob Schule oder Universitäten, schaffen es derzeit vorzüglich diese Lust auszulöschen.

Prof. Dr. Ralph Dawirs und Prof. Dr. Gunther Moll werfen in ihrem oben bereits angeführten Buch sehr interessante Ideen und Erkenntnisse zum Umgang mit Kindern und Judendlichen in den Raum. Damit rütteln sie an bestehende Paradigmen. Das wären zum Beispiel:

  • Jugendliche sollten ab dem 14. Lebensjahr wahlberechtigt sein. Welcher Grund besteht, Demokratiefähigkeit am Alter fest zu machen? Ist denn jeder Erwachsene demokratiefähig?
  • Allgemeine Bildungseinrichtungen sollten nur noch bis zum 14. Lebensjahr ausgestaltet sein. Danach sollte jeder Jugendliche seinen Interessen nachgehen, entweder einen Beruf lernen oder studieren. Es sollte auch die Hemmnis genommen werden, sich zu einem späteren Zeitpunkt noch umorientieren zu wollen.
  • Jugendlichen sollte bereits sehr früh die Möglichkeit eröffnet werden, sich in der Politik zu engagieren. Auf der einen Seite werden Themen in der Politik behandelt, die vorrangig Auswirkungen auf die heutigen Kinder und Jugendliche haben, wie zum Beispiel der Umweltschutz. Des Weiteren leben die Kinder und Jugendliche an der Basis und bekommen so beispielsweise die zunehmende Armut mit.

Des Weiteren formulieren die beiden Autoren, dass der Mensch ab dem 7. Lebenjahr geschlechtsreif ist. Das Gehirn hemmt diese Reife jedoch, da Menschen noch Freiraum benötigen, um zu lernen. Der Mensch muss nämlich kulturfähig werden. Die Erwachsenen stülpen den pubertierenden Jugendlichen aber ihre Sichten und Gedanken über. Sie hemmen damit das Lernen und das eigene Erleben. Die Jugendlichen werden trivialisiert, also gleichartig gemacht. Sie werden genormt. Die Risikobereitschaft, etwas Neues zu probieren, wird behindert. Jugendliche müssen wie Gleichberechtigte behandelt werden. Die Älteren haben nicht immer Recht. Warum auch, nur weil sie älter sind? Hier muss man natürlich einlenken. Was bedeutet “Recht haben”? Jeder kann für sich den Standpunkt einnehmen, Recht zu haben, da die Aussage rein subjektiv ist. Nur machen das die Erwachsenen und Älteren auch? Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass die Alten immer älter werden und so Parallelgenerationen aufgebaut werden. Dadurch kommen die Jugendlichen nicht in den Genuss, ihre Ideen auszuleben. Nicht falsch verstehen. Ich plädiere natürlich nicht dafür, dass die älteren Menschen früher sterben sollten. Sie müssten sich halt nur viel früher aus wichtigen Ämtern der Wirtschaft und Politik fern halten und den jungen Menschen das Ruder und das Steuerrad überlassen.

Details zu den Gedanken und Thesen von Dawirs und Moll kann man auch in diesem Interview nachlesen. Des Weiteren waren beide Professoren vor kurzem in einer Sendung des ZDF zu sehen, bei Pelzig hält sich. Ab der 41. Minute dieser Sendung kann man ihren Ideen lauschen.

Fazit: Die Evolution der Menschen hat die so genannte Lernphase dieser verlängert, in dem die Pubertät eingeführt wurde. In dieser sollte der Mensch ausprobieren und experimentieren. Unsere dogmatischen und paradigmatischen Regularien und Gesetze verhindern allerdings diese Risikobereitschaft, was wir gerade in der Wirtschaft heutzutage sehen. Viele Unternehmen verpassen den Wandel, da die Führungskräfte die nötige Risikobereitschaft vermissen lassen und lieber der Beharrermentalität weiter frönen. Der Mut, Neues zu probieren wird also behindert. Diesen Mut haben wir quasi verlernt, oder anders ausgedrückt, die Eigenschaft an Bestehendem unbedingt festzuhalten haben wir gelernt. Lernen ist also nicht immer etwas Gutes.

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