Renditemaximierung der Realwirtschaft: Antwort auf den Zinsstress mit negativen Implikationen

Ich habe bereits oft geschrieben, dass die Realwirtschaft einem Zinsstress der Finanzwirtschaft ausgesetzt ist, da man im Kapitalismus monetär betrachtet, stets mehr zurückgeben muss als man bekommt. Die Finanzwirtschaft wächst durch den Zinseszins exponentiell. Die Wachstumsrate der Realwirtschaft muss der Kapitalzinsrate der Finanzwirtschaft Stand halten, was unmöglich ist und negative Folgen nach sich zieht. Details zu den Zusammenhängen und zu den Folgen können Sie in meinem Post Wir schaffen unsere Finanzkrisen durch das Zinsparadigma selber nachlesen.

Da die Realwirtschaft dem Zinsstress systemisch bedingt Stand halten muss, müssen neue Ziele in der Realwirtschaft ausgelobt werden. Es reicht nicht mehr aus, sich nur auf die Maximierung des Gewinns als absolute Größe auszurichten, sondern es muss auf das Verhältnis von beispielsweise Gewinn zu Kosten abgezielt werden. Es geht also um relative Zielgrößen, denn der Gewinn muss stets schneller steigen als die Kosten. Man erkennt leicht, dass beispielsweise der Gewinn steigen kann, aber die Profitrate fällt, da die Kosten stärker steigen als eben der Gewinn. Durch diese Sicht auf die Rendite drückt sich die Kapitalverzinsung aus. Denn der Zinseszinseffekt muss systemisch bedingt in der Realwirtschaft nachempfunden werden. Die Unternehmen müssen immer kostengünstiger den gleichen, besser mehr, Gewinn erwirtschaften, quasi so wie sich Geld in der Finanzwirtschaft auch von alleine durch den Zinseszins vermehrt.

Was bedeutet aber diese neue Sicht auf die Kennzahl Rendite für die Unternehmen?

Dazu möchte ich ein wenig Mathematik betreiben. Mehr als 1. und 2. Ableitung wird aber nicht von Nöten sein, um die Zusammenhänge zu analysieren. Im neben stehenden Dokument finden Sie mathematische Betrachtungen zur Maximierung des Gewinns als Beispiel für eine absolute Zielgröße und zur Maximierung der Profitrate als Beispiel einer relativen Zielgröße. Bei der Umorientierung der Unternehmen auf Profitrate verlieren die Unternehmen die Sicht auf den Markt, also auf die Wettbewerber und die Kunden. Um die Profitrate zu maximieren, reicht es vollkommen aus die Durchschnittskosten zu minimieren. Das erkennen Sie an den Formeln (13) und (15) im angehängten Dokument. Bei der Sicht auf die Gewinnmaximierung war das noch anders. Bei dieser Betrachtung spielte der Preis, den das Unternehmen für die produzierten Waren bekommt, eine entscheidende Rolle (Formel (5)).

Welche Schlussfolgerungen können wir ziehen?

Ich möchte zwei Schlussfolgerungen andeuten. Die eine Schlussfolgerung zielt auf die Kundensicht der Unternehmen ab. Wie oben bereits angedeutet, negiert ein Unternehmen bei der Fokussierung auf die Profitrate die Sicht nach außen. Das Unternehmen ist ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Aus systemischer Sicht verliert das Unternehmen den Markt als Teil seiner selbst. Es geht einzig und allein um Kostenminimierung. Wenn Sie Mitarbeiter dieses Unternehmens sind, werden Sie das an immer wieder kehrenden Kostensenkungsprogrammen erleiden müssen. Wenn Sie Kunde dieses Unternehmens sind, nehmen Sie das an unzureichenden Serviceleistungen wahr. Einzig und allein als Shareholder sind Sie für das Unternehmen von Interesse, nicht mehr als Stakeholder. Wenn Sie an der Börse Wertpapiere handeln, verstärken Sie diese Sicht der Unternehmen sogar noch. Auch Kundenfokussierungen beispielsweise im Rahmen von Balanced Scorecards in Unternehmen sind reine Lippenbekenntnisse.

Die zweite Schlussfolgerung dreht sich um die Kurzsichtigkeit der Unternehmen. Je höher die Taktrate des Geldumlaufes ist, desto höher fällt die Rendite aus. Das ist ein Effekt der Verzinsung, den ich in meinem Artikel Diskrete und Kontinuierliche Modellierung gezeigt habe. Eine Maximierung der Profitrate, als Beispiel einer relativen Zielgröße, führt also zu einer Beschleunigung des Kapitalumlaufes in Unternehmen. Das bedeutet, dass sich Investitionen immer schneller rentieren müssen. Erfolge in Projekten müssen immer schneller realisiert werden, damit diese nicht abgebrochen werden. Der Fokus wird hier auf Zeit gesetzt und das zu Ungunsten von Qualität. Dabei werden die Kosten durch Outsourcing ausgelagert. Projekte werden mit aller Macht mit Global Delivery “durchgeprügelt”. Wie gesagt, entscheidend ist, dass die Kosten gesenkt werden. Mit der Qualität wird es schon irgendwie passen. Der Kunde wird es schon verstehen. Aber das hatten wir ja eben schon.

Fazit: An diesem doch recht einfachen Beispiel kann man sehr schön erkennen, wie verheerend es sein kann, nach Kennzahlen, deren ganzheitlichen Auswirkungen scheinbar verborgen sind, zu steuern. Des Weiteren lassen sich sehr eindrucksvoll die kybernetischen Beziehungen zwischen Finanz- und Realwirtschaft spiegeln, wo die negativen Auswirkungen selbst in die privaten Haushalte hineinsprießen und die dort sogar noch durch Unbedarftheit und Unwissenheit verstärkt werden.

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8 Responses to Renditemaximierung der Realwirtschaft: Antwort auf den Zinsstress mit negativen Implikationen

  1. Ilmar says:

    Das Gefaellt mir Button Plugin waere super. Oder habe ich es nicht gefunden?

  2. Felix says:

    Das Facebook Gefaellt mir Button Plugin waere eine tolle Erweiterung. Oder ist mir der Button entgangen?

  3. Hallo zusammen, diese Button sind mit Absicht nicht in meinem Logbuch integriert, weil ich gerne mehr wissen möchte als nur “gefällt”. Wenn meine Ideen und Gedanken ansprechen, möchte ich wissen warum, aber auch wenn sie nicht ansprechen und Einspruch besteht, möchte ich diesen gerne kennen. Nur so kann ich lernen.

  4. Bjoern says:

    Super, endlich ein gut geschriebener Artikel, mein Dank. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Generell finde ich den Blog gut zu lesen.

  5. Michael says:

    Die Beschreibung des Szenarios ist sehr zutreffend. Maerkte und Gesellschaften sind non-lineare , sprich komplexe adaptive Systeme. Hier geht es in erster Linie um Fitness und nicht um temporaer wachsende Einzelindikatoren, die man bis ins Geht-nicht-mehr misst. Die uebereinstimmenden Faktoren muessen daher eine allgemeine nachhaltige Wertigkeit besitzen. Sie heissen Wahrhaftigkeit, Emphatie, Mitgefuehl, Barmherzigkeit und Kreativitaet. Sind diese Voraussetzungen vorhanden, entwickelt das System eine positive Fitness (neue Kreafte entfaltende Energie) und bleibt fuer alle Agenten darin ein erstrebenswertes Ziel. Systeme benoetigen trotz gegenteiliger Behauptungen keinen Profit um gesund zu ueberleben. Anstatt Kennzahlen zu messen, geht es darum Emergenz zuzulassen und neue Muster zu erkennen.

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