CLDs ohne Differenzierung in Bestand und Fluss sind gefährlich

Peter Addor, ein jahrelanger Begleiter auf meiner Reise des Verstehens, hat auf meinen Beitrag Drei Stolperfallen der qualitativen Modellierung referenziert und meine dort formulierte These, dass qualitative Ursache-Wirkungsmodellierung ohne Differenzierung in Bestand und Fluss in die Irre führen kann und oft auch führt, kritisiert. Er ist anderer Meinung, die er passend zum Osterfest in diesem Beitrag auch formuliert.

Da hat er mich natürlich herausgefordert. 😉 Da ich aber auf dieser Plattform nicht direkt meine Sicht erläutern kann, ohne mich anzumelden, verfasse ich hier in meinem Logbuch eben meine Replik.

Vielleicht ganz kurz noch zur Überschrift. CLD steht für Causal Loop Diagram. In die Deutsche Sprache übersetzt würde ich hier von Ursache-Wirkungsmodell sprechen.

Hier noch einmal meine These

In einem CLD sollte man in Bestand und Fluss denken, da man sonst zu falschen Erkenntnissen kommen kann.

Die obige Graphik erkläre ich kurz in meiner Argumentationskette. Ich habe das Beispiel der Hühnerfarm, welches Peter in seinem Beitrag modelliert, vereinfacht. Beispielsweise habe ich die Verzögerungen entfernt, genauer habe ich nur die inkludiert, die automatisch durch die Bestandsfaktoren in Form von einer Zeiteinheit (hier 1 Tag) hinein modelliert werden. Warum? Um auf den Kern der These zu kommen.

Stellen wir uns Paul vor. Er hat Hühner bei sich zu Hause. Seit geraumer Zeit realisiert er beim morgendlichen Gang in den Hühnerstall, dass zu viele Eier da sind. Alleine hier müsste man schon genauer sein in der Definition seines Problems. Dazu aber gleich mehr.

Nun hat er ja ein CLD erstellt und erkennt: Mehr Hühner ergeben mehr Eier und weniger Hühner ergeben weniger Eier. Aha denkt er, ganz einfach. Dann verkaufe ich jeden Tag ein Huhn und gut ist es. Nach ein paar Tagen stellt er was fest? Die Eier im Stall werden nicht weniger, sie werden mehr und das trotz Verkaufs der Hühner. Wie kann das sein?

Gehen wir dazu mal in die Analyse. Jedes Huhn legt pro Tag 2 Eier. 15 Hühner sind auf der Farm. Das macht also pro Tag 30 Eier. Pro Tag werden 5 Eier von der Familie verzehrt. Es kommen also pro Tag 25 Eier (30 Eier gelegt und 5 Eier verzehrt) hinzu. Das ist die Ausgangssituation.

Nun verkauft Paul ab dem Tag 2 1 Huhn pro Tag. Ab Tag 3 werden dann die Hühner pro Tag immer um 1 weniger. Es sind nur noch 14 Hühner am Tag 3 auf der Farm, und am Tag 4 nur noch 13 usw usf. Diese 14 Hühner legen am Tag 3 zusammen 28 Eier, die abzüglich der 5 verzehrten Eier, also 23, zu den schon bestehenden Eiern hinzukommen. Das bedeutet also, dass nun am Tag 3 23 Eier zu den bereits bestehenden Eiern hinzukommen und damit am Tag 4 98 Eier im Stall sind (75+23). Paul hat weniger Hühner, trotzdem verringern sich die Eier im Stall nicht. Es kommen zwar pro Tag stets weniger hinzu, nämlich jeweils 2, aber die Anzahl an Eiern in Summe wird größer.

Die weiteren Tage sind oben in der Tabelle dargestellt. Und an dieser Tabelle erkennt man die Notwendigkeit der Differenzierung bei der Problemlösung. Wollte Paul nun den Gesamtbestand an Eier verringern, hat die Maßnahme, Hühner zu verkaufen nicht geholfen. Wollte Paul das Hinzukommen an neuen Eiern pro Tag reduzieren, hat die Maßnahme, Hühner zu verkaufen, geholfen.

Warum poche ich so auf diese Differenzierung in Bestand und Fluss herum? Weil ich beobachte, dass viele Menschen beim Problemlösen genau an dieser Stelle zu undifferenziert sind und die CLD Modellierung hier helfen kann. Das eine zu undifferenzierte Herangehensweise gefährlich sein kann, habe ich an dem kleinen obigen Beispiel dargestellt. Das Missinterpretieren des Eierproblems ist vielleicht nicht so schlimm, da die Auswirkungen nicht so groß sind. Man adaptiere dieses Problem gerne auf den Umweltschutz, wo diesmal nicht der Eierbestand verringert werden soll, sondern der Bestand an Schadstoffen in der Umwelt. Dann wird ein falsches Interpretieren schon brenzliger.

Und noch einmal sehr deutlich meine Sicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass CLDs ohne Betrachtung der Faktoren in Bestand und Fluss nicht zum Erkenntnisgewinn herangezogen werden dürfen. Man probiere doch gerne einmal Paul zu erklären, warum aus dem CLD heraus extrahiert werden kann, dass weniger Hühner zu weniger Eiern führt, er aber tagtäglich im Hühnerstall etwas Anderes wahrnimmt? Wenn Jemand das ohne die Verwendung, explizit oder implizit, von Bestand und Fluss erklären kann, bin ich bei ihm. Dann bin ich überzeugt, dass ein CLD auch ohne die Unterscheidung in Bestand und Fluss erkenntnisgenerierend sein kann.

Aber nun kommt es. Meine Hypothese ist nämlich, dass Peter und ich gar nicht so weit von einander entfernt sind. Peter ist nämlich ein sehr erfahrener System Dynamics Modellierer und in diesem Kontext ist ihm das Denken in Bestand und Fluss in Fleisch und Blut übergegangen, so jedenfalls meine subjektive Sicht. Damit erkenne ich in seiner Argumentation, dass er intuitiv Dinge in ein CLD hinein denkt, die andere Menschen, denen das Denken in Bestand und Fluss eher fremd ist, nicht tun. Beispielsweise schreibt Peter in seinem Beitrag am Ende selbst, dass sein CLD aus den beiden Bestandsfaktoren „Hühner“ und „Eier“ besteht.

Das CLD enthält keine Flüsse und keine weiteren Variablen, als bloß die beiden Bestände “Hühner” und “Eier”.

Wenn er doch aber gar keine Unterscheidung der Faktoren vornimmt, darf das doch gar nicht sein. Die Faktoren in einem CLD müssten dann in seinem Sinne undefiniert sein, weder Bestand noch Fluss. Und wenn man von Beständen spricht, spricht man implizit und automatisch auch von Flüssen, auch wenn diese nicht Teil des CLDs sind. Es geht gar nicht anders. Thematisiert man Bestände, thematisiert man gleichzeitig Flüsse. Bestände ohne Flüsse lassen sich nicht denken. Und schon hat man die Differenzierung in Bestand und Fluss, die eigentlich nicht vollzogen wird.

Und auch wenn die beiden Faktoren “Hühner” und “Eier” in dem CLD Bestände wären, wie erklärt man dann, dass die Erkenntnis „Weniger Hühner führt zu weniger Eiern“ oder “Je weniger Hühner desto weniger Eier” mit der tagtäglichen Beobachtung, die in der Tabelle ab Tag 3 dokumentiert ist, nicht stimmt? Stattdessen sollte man genauer formulieren.

Eine Vermehrung (oder Verminderung) von Hühnern führt zu einer Eieranzahl, die größer (oder kleiner) ist, als die Anzahl an Eier, wenn die Anzahl an Hühner nicht geändert worden wäre.

Diese Aussage kann man aber nur tätigen oder interpretieren, wenn man eine Differenzierung in Bestand und Fluss vornimmt. Wie ich es drehe oder wende. Ich komme immer wieder auf die Notwendigkeit, CLDs in Bestände und Flüsse zu differenzieren, zurück.

Peter und ich werden wahrscheinlich weiter diskutieren. 🙂

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