Kennzahlen forcieren eine Entmenschlichung der Wirtschaft

Zu meinem jüngsten Beitrag Was ergibt 3 Weihnachtsmänner plus 4 Osterhasen? auf der Lean Knowledge Base Plattform habe ich eine Replik bekommen, auf die ich in diesem Beitrag eingehen möchte.

Zum einen wurde mir entgegnet, dass das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte schon seit langem aufgelöst wurde und zwar mit Hilfe der Infinitesimalrechnung. Zum anderen wurde angemerkt, dass ich wohl auch einem Kategorienfehler aufgesessen bin, weil die Kennzahl Umsatz sehr wohl mathematisch korrekt ausgedrückt ist und man sie deshalb auch so verwenden kann.

Beide Themenstellungen werde ich aufnehmen und damit belegen, dass die Verwendung von Kennzahlen, jedenfalls so wie wir es heute tun, Lebendigkeit tötet und damit eine Entmenschlichung der Wirtschaft forciert.

Wurde das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte wirklich aufgelöst?

Ich habe das Paradoxon im oben angerissenen Beitrag bereits ausgeführt. Können wir nun das Ereignis “Achilles überholt die Schildkröte”, welches wir unzweifelhaft beobachten können, mathematisch-logisch widerspruchsfrei beschreiben?

Angenommen Achilles sei 10 mal schneller als die Schildkröte, die einen Vorsprung von 100m erhält. Damit muss Achilles zuerst diese 100m Vorsprung zurück legen. Während dieser Zeit legt die Schildkröte 10m zurück. Damit hat Achilles sie noch nicht eingeholt. Nachdem Achilles auch diese 10m zurück gelegt hat, ist die Schildkröte noch 1m voraus. Setzt man diese Kette fort, würde Achilles die Schildkröte niemals überholen können, was, wie wir ja wissen, Unsinn ist, da empirisch widerlegbar. Denn wir beobachten ja etwas anderes. Wir erkennen also, dass wir die beiden Sichtweisen, die empirisch-physikalische, was wir beobachten, und die mathematisch-logische, was wir begrifflich beschreiben, hier noch nicht versöhnen können. Deshalb sprechen wir von einem Paradoxon.

Nehmen wir mal an, dass Achilles die 100m in 10s zurücklegt, dann ist es relativ einfach ersichtlich, dass er nach spätestens 12s die Schildkröte überholt hat. Denn wenn er die ersten 100m in 10s zurücklegt, dann benötigt er für die nächsten 10m eine Sekunde und für den noch fehlenden Meter 0,1s usw. In Summe wären das dann 10+1+0,1+0,01+… Sekunden = 11,111… Sekunden. Darum ging es Zenon bei diesem Paradoxon aber gar nicht. Warum? Weil wir hier einen Begriff zur Beschreibung nutzen, nämlich die “Unendlichkeit”, die wir weder beobachten noch denken können. Denn, eine unendliche Reihe kann eine endliche Summe haben. Das ist bekannt. Oder anders ausgedrückt. Die Summe der Teile einer endlichen Strecke, die man unendlich oft teilt, bleibt endlich. Wir führen also im Rahmen der Infinitesimalrechnung den Begriff des “Grenzwertes” ein, der letztendlich die Unendlichkeit substituieren soll und glauben damit das Paradoxon aufzulösen. Damit bin ich nicht einig.

Wir beobachten, dass Achilles auf einer endlichen Strecke in endlicher Zeit die Schildkröte überholt und müssen uns dem Begriff der “Unendlichkeit” bedienen, um dieses beobachtete Phänomen mathematisch-logisch auch erklären zu können. Skurril, oder? Das Paradoxon ist also noch nicht widerlegt worden. Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass wir scheinbar triviale Vorgänge in der Natur, wie die Bewegung, nicht widerspruchsfrei denken können.

Und noch einmal möchte ich den Fakt anbringen, den ich in meinem Beitrag auf der Lean Knowledge Base Plattform ausgeführt habe. Die physikalisch-empirische Lösung im Rahmen der Infinitesimalrechnung verwendet die Maßeinheiten “Meter” und “Sekunde”, ja sogar das Verhältnis “Meter pro Sekunde”, ohne dies mathematisch-logisch gerechtfertigt zu haben. Es wird hier künstlich eine Maßeinheit eingeführt, was mathematisch, genauer im Rahmen der Zweiwertigen und damit monokontexturalen Logik, nicht abgesichert ist. Wir begehen einen Kategorienfehler. Denn wenn ich “Meter durch Sekunde” rechne, sollte ich auch “Meter minus Sekunde” rechnen dürfen. Denn jede Multiplikation bzw. Division lässt sich in geeigneter Weise auf die Operationen der Addition bzw. Subtraktion zurückführen. Aber welche neue Maßeinheit soll das sein? Was soll hier herauskommen?

Detailliertere Information zu dieser Argumentationskette erhalten Sie in dem Beitrag Warum das Unendliche im Endlichen … und das Endliche im Unendlichen liegt von Prof. Dr. Erberhard von Goldammer.

Wie ist das nun mit dem Umsatz?

Darf die Kennzahl “Umsatz” mit den eben gewonnenen Erkenntnissen einfach so verwendet werden? Nein, natürlich nicht, weil auch hier wieder, wie beim obigen Paradoxon, verschiedene Kontexturen einfach trivialisiert miteinander verbunden werden. Beim Paradoxon waren dass die Kontexturen “Weg” und “Zeit”, die man beide unabhängig voneinander messen kann. Will man diese aber miteinander über Rechenoperationen verbinden, benötigt man eine Mathematik, die verschiedene Kontexturen auch zulässt und nicht einfach ignoriert, wie es in unserer heutigen Mathematik der Fall ist, die ja bekanntlich auf der Zweiwertigen Logik basiert.

Zenon argumentiert bei seinem Paradoxon streng getrennt in den einzelnen Kontexturen “Weg” und “Zeit”, also monokontextural, und gelangt so in der mathematisch-logischen Dimension zu keiner Auflösung. Für eine rein mathematisch-logische Auflösung des Paradoxons muss man die Kontexturen “Weg” und “Zeit” miteinander verschmelzen und in die Berechnung der Geschwindigkeit hinein denken. Nur dann lässt sich die Formel zur Geschwindigkeit auch verwenden, ohne dass man einen logischen Fehler begeht. Prof. von Goldammer hat diesen Fakt in seinem Beitrag (siehe obiger Link) auf Seite 17 ff. detailliert ausgeführt.

Ähnlich sieht es mit dem Umsatz aus. Auch hier werden die verschiedenen Kontexturen in der Berechnung ignoriert, was dazu führt, dass Qualitäten ignoriert werden. Was sind beim Umsatz mögliche Kontexturen? Beispielsweise wären das die Präferenzen eines jeden Menschen für ein bestimmtes Produkt. Diese werden heutzutage über einen monokontextural, oft sage ich auch kontextlos dazu, definierten Produktpreis trivialisiert, den ein Unternehmen generell festsetzt. Die Menschen werden hier also objektiviert, da exkludiert, und damit eine objektive Präferenz gesetzt.

In allen Formeln, die wir in der Wirtschaft nutzen, ist der Mensch übrigens heraus gerechnet. Das kann man auch an dem einfachen Fakt erkennen, dass diese Berechnungen nicht selbstbezüglich sind. Sie können es nicht sein, da diese Selbstbezüglichkeit einen Widerspruch produzieren würde, der ja bekanntlich aus der Zweiwertigen Logik ausgeschlossen ist.

Lebendigkeit lässt sich nicht formal logisch, genauer mit unserer heutigen Zweiwertigen Logik, darstellen, da Lebendigkeit nicht widerspruchsfrei ist. Kennzahlen, denen wir uns Menschen, wie immer wieder zu beobachten, ausliefern, sind auf Basis unserer heutigen Mathematik berechnet. Ist es da ein Wunder, wenn wir eine fehlende Lebendigkeit und damit Menschlichkeit in der Wirtschaft wahrnehmen? Wenn ich also von zunehmenden technokratischen und menschenabgewandten Gebaren in der Wirtschaft rede, ist die Ursache genau hier zu finden, nämlich in der Fokussierung auf Kennzahlen, die in der Berechnung den Menschen ausschließen, ja sogar müssen. Unsere heutige Mathematik lässt nichts anderes zu.

Diesen Fakt möchte ich noch einmal von einer anderen Seite beleuchten, um diesen deutlicher zu machen. In der Schule haben wir gelernt, dass wir nur dann Objekte miteinander addieren können, wenn diese die gleichen Eigenschaften (= Kontexturen in obiger Ausführung) haben. Beispielsweise können wir “2 Äpfel + 3 Äpfel” rechnen und erhalten “5 Äpfel”. Hier möchte ich auf das Thema Eigenschaften gar nicht näher eingehen, denn auch unter den Äpfeln gibt es ja verschiedene Sorten und damit Eigenschaften. Aber was erhalten wir bei der Aufgabe “2 Äpfel + 3 Birnen”? Vielleicht sagen wir zum Ergebnis “5 Obststücke”. Wie auch immer, wir trivialisieren auf jeden Fall, weil wir Eigenschaften verallgemeinern müssen. Und genau diesen Fakt meine ich, wenn wir Kennzahlen auf Menschen anwenden, wie in der Wirtschaft Usus ist.

Nun wissen wir wo wir ansetzen sollten. Wollen wir loslegen?

Anmerkung: Prof. von Goldammer hat sich in seinem Beitrag auf den Beitrag Achilles und die Schildkröte von Gotthard Günther bezogen.

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6 Responses to Kennzahlen forcieren eine Entmenschlichung der Wirtschaft

  1. Pingback: [Reise des Verstehens] Kennzahlen forcieren eine Entmenschlichung der Wirtschaft

  2. Bernd Worsch says:

    Ich denke es geht nicht um Kategorienfehler, sondern um Modellgrenzen. Zum Dank für den interessanten Denkanstoß eine Stellungnahme:

    http://conomony.blogspot.de/2016/09/kategorienfehler-oder-vermeidung-von.html

    • Lieben Dank für das Feedback und den Link zum Beitrag. 🙂

    • Moin Bernd,
      Modelle konditionieren in einem hohen Maße unser Verhalten, auch wenn sie die Realität nicht zu 100% abbilden können. Deshalb sollte man im Umgang mit Modellen ja auch so vorsichtig sein. Uns bleibt ja aber nichts anderes übrig, da wir ja nur über Modelle unsere Umwelt auch wahrnehmen können. Wir können nur über die Auswirkungen unserer Handlungen die Passfähigkeit unserer Modelle evaluieren. Aber auch dafür nutzen wir wieder Modelle. Teufelskreis? Ja.

      Es gibt ja den schönen Ausspruch: “Sage mir wie Du meine Leistung misst und ich sage Dir wie ich mich verhalten werde.”

      Ein weiteres schönes Beispiel für Konditionierung von Verhalten über Kennzahlen. Renditefokussierung fördert eine Innensicht im Unternehmen, da man sich einzig und allein auf Kosten fokussiert, nicht mehr auf den Umsatz. Warum? Bildet man die 1. Ableitung der Renditeformel sind alle Umsatzbestandteile eliminiert worden und nur noch Kostenbestandteile enthalten. Hier dazu mehr: http://blog-conny-dethloff.de/?p=529

      BG, Conny

  3. Felix says:

    Es kann einfach nicht 100 Prozentig funktionieren, wenn man die Wirtschaft nur auf Kennzahlen auslegt. Das merkt man in mehreren Gebieten wieder. Geht beim Kaufverhalten der Menschen los, gewisse Trendentwicklungen etc. kann man nicht zu 100 Prozent mit Kennzahlen ermitteln. Ist einfach unmöglich.

    • Hallo Felix,

      danke für Deine Replik. Ja, ich hoffe, dass wir diese Unmöglichkeit auch bald schnell und flächendeckend erkennen. Deshalb auch unter anderem dieser Beitrag von mir.

      BG, Conny

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