Unser Denkrahmen hat sich seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt

Verwundert Sie die im Titel dieses Posts verfasste These? Glauben Sie dieser? Möchten Sie mehr über die Hintergründe dazu wissen? Dann folgen sie mir gerne auf meiner kleinen Reise in die Historie unseres Denkrahmens.

Doch lassen Sie mich bevor wir starten den Begriff “Denkrahmen” ein wenig näher erläutern. In diesem Kontext geht es nicht darum was wir denken, also nicht um Denkinhalte. In Bezug zu den Inhalten können wir natürlich schon einen Fortschritt zum Mittelalter vorweisen. Es geht im Denkrahmen eher darum wie wir denken, also darum welche Muster und Paradigmen unseren Denkprozessen zu Grunde liegen, um Inhalte überhaupt denken zu können.

Ich habe bereits in meinem Post Vernetztes Denken ist (noch?) eine Illusion ausgeführt, dass auch die Methoden des vernetzten Denkens, sei es nun das Sensitivitätsmodell von Vester, die Know-Why Methode von Consideo, System Dynamics oder die Methode des ganzheitlichen Problemlösens von Gomez und Probst, in diesem Kontext keinen Fortschritt darstellen. Diese Methoden stellen allenthalben von uns betrachtete Situationen vernetzt dar, sie animieren aber nicht zum vernetzten oder ganzheitlichen Denken, also zum Erweitern unseres Denkrahmens.

Deutlich und noch einmal aus einem anderen Blickwinkel, als ich es in meinem oben genannten Post dargestellt habe, stellt Falko A. Cerny diesen Fakt in seiner Zeitreise in unser Denksystem dar. Die im Titel aufgestellte These habe ich übrigens seiner Reise entnommen. Er sagt unter anderem sinngemäß in seinem Blog, den ich wärmstens empfehlen kann (Achtung: Stand heute ist der Blog eingeschränkt und nicht mit allen Funktionalitäten über mobile Endgeräte erreichbar.)

Methoden und Werkzeuge unseres alten Denksystems, die uns ein vernetztes Denken “versprechen” wollen, verschlimmbessern diese missliche Lage nur noch. Sie sorgen nur noch mehr dafür, dass wir das eben genau nicht tun können.

Sie machen uns quasi blind dafür, die im Titel des Posts aufgestellte These wahrzunehmen. Ist ja auch klar. Denn Methoden und Werkzeuge, die aus unserem alten Denksystem entstanden sind, sind blind dafür, zu erkennen, dass dieses System erweitert werden muss.

Aber was sind genau die Prämissen, die aus unserem alten Denksystem der zweiwertigen Logik nach Aristoteles entstanden sind, und denen wir blind trauen. Hier nehme ich wieder Bezug zu Cerny.

  1. Wir denken, um die endgültige Wahrheit zu erlangen.
  2. Wir denken analytisch, in dem wir also Probleme in Teile zerlegen.
  3. Wir denken, um Objektivität herzustellen.
  4. Wir denken in Entweder-Oder Relationen.
  5. Wir denken im Rahmen unserer Logik.
  6. Wir denken in Beziehungen, die auf Ursache-Wirkung beruhen.

Auf die Erklärungen dahinter möchte ich hier an dieser Stelle gar nicht detaillierter eingehen. Diese finden Sie in in kurzer prägnanter Form hier dargestellt. Ich werde aber jetzt, um Ihnen die oben dargestellten Paradigmen zu veranschaulichen, Beispiele aus unserem täglichen Leben anreichen.

Ob wir krank sind sagt uns das Fieberthermometer.

Wenn Sie sich krank fühlen ist sicherlich eines der ersten Griffe, die sie tätigen das zum Fieberthermometer, oder? Für mich ist das jedenfalls so. Aber was passiert, wenn Sie sich schlecht oder unwohl fühlen, vielleicht auch einen heißen Kopf haben und das Thermometer spuckt einen Wert von 36,8 °C aus? Ich sage dann in der Regel: “Cool, ich bin doch nicht krank.” Aber was machen wir damit? Wir entfremden uns von uns selber. Wir legen unser Wohl und Wehe in ein technisches Gerät, welches übrigens eine Errungenschaft unserer zweiwertigen Logik ist. Wir haben nicht mehr auf uns. Dieses Beispiel habe ich übrigens aus einem Vortrag des österreichischen Physikers und Philosophen Herbert Pietschmann im Rahmen der Internationalen Ferdinand Ebner Gesellschaft. Im Rahmen dieses Vortrages reflektiert er ebenfalls unseren Denkrahmen mir den Implikationen daraus. Ab sofort mache ich mit das immer wieder bewusst, wenn ich krank bin. Ich muss aber auch zugestehen, dass ich trotzdem noch immer zum Fieberthermometer greife.

An dieser Stelle möchte ich eine Eingrenzung des Denkrahmens machen. Es geht hier um unser abendländisches Denken, da genau dieses auf die Zweiwertigkeit von Aristoteles aufsetzt. Das betone ich hier noch einmal ganz deutlich, denn die Asiaten beispielsweise unterliegen diesen Prämissen im Denken nicht. Das stellt Pietschmann in seinem Vortrag ebenfalls sehr anschaulich dar.

Wenn wir krank sind oder waren suchen wir um alles in der Welt nach der Ursache.

Auch mein zweites Beispiel handelt von Krankheit, die uns Menschen ab und zu heimsucht. Ich erkenne bei mir, aber auch bei meinen Mitmenschen immer wieder das gleiche Muster, wenn wir mal schniefen und uns die Nase läuft. “Wo um Himmelswillsen habe ich mich bloß erkältet?” Wir suchen nach Ursachen. Immer wieder und ohne Ende. Haben wir sie dann ausfindig machen können oder glauben zumindest dies getan zu haben, sind wir zufrieden. Aber warum? Weil wir Sicherheit haben, dass uns das nicht noch einmal passiert? Wie oft waren Sie in Ihrem Leben schon erkältet? Ich auf jeden Fall mehr als einmal. Wenn wir doch immer so genau die Ursachen für unsere Erkältungen kennen, warum erkälten wir uns dann nur immer wieder? Dieses Beispiel führt Pietschmann übrigens ebenfalls in seinem oben angeführten Vortrag an.

Ob ein Unternehmen Erfolg hat sagen uns unsere Kennzahlen.

Das kennen wir aus der Wirtschaft ebenfalls zu Genüge. Ob ein Unternehmen erfolgreich ist sagen einzig und allein unsere Kennzahlensysteme. Klar, wir haben ja auch akribisch diese Systeme aufgebaut. Warum also hinterfragen? Schauen sie sich gerne unsere Gewinn und Verlustrechnung (GuV) in Unternehmen an. Axel Schröder, einer meiner Weggefährten auf meiner Reise des Verstehens, möchte ich an dieser Stelle gerne aus seinem Post Die Gewinn und Verlustrechnung – aufgepasst, eine trügerische Zahlenwelt! zitieren

Überspitzt man diesen Effekt und stellt sich ein Unternehmen vor, daß Jahr für Jahr Waren herstellt und nur auf Lager legt, also kein einziges Teil verkauft (!), macht dieses Unternehmen laut Gewinn und Verlustrechnung jedes
Jahr einen Gewinn.

Das bedeutet natürlich nicht komplett auf Kennzahlen verzichten zu müssen. Ich wurde beispielsweise vor geraumer Zeit von einem meiner Mitarbeiter nach einem Projekt-Dashboard gefragt, damit ich stets um den Stand aller laufenden Projekte weiß. Ich entgegnete nur, dass ich kein Dashbaord benötige. Mir genügen Gespräche mit den jeweiligen Projektbeteiligten. Da erfahre ich viel mehr über die Projekte, da ich auch wahrnehmen kann, wie der Status der Projekte von den Beteiligten dargestellt wird und nicht nur was dargestellt wird. Mehr zum Thema Kennzahlen erfahren Sie gerne, wenn Sie Lust auf Mehr haben, in meinem Post Kennzahlen in Unternehmen – eine Versöhnung ist angebracht

Ob ein Kind gut oder schlecht in der Schule ist sagen uns die Noten.

Bald werden ja wieder die Halbjahreszeugnisse verteilt. Eltern und Kinder sind gleichermaßen gespannt. Wie gut lernen wohl meine Kinder in der Schule? Die Noten werden es mir schon sagen. Ich habe mir angewöhnt, wenn meine Kinder nach Hause kommen, zu hinterfragen, ob sie den Lernstoff auch verstanden haben und in der Lage sind, diesen zu hinterfragen und anzuwenden. Auf die Noten gebe ich persönlich relativ wenig, auch wenn ich weiß, dass diese wichtig sind. Aber nur weil unser derzeitiges System uns dass genau so vorgibt. Meine Kinder sollen nicht für mich und meine Frau lernen, weil wir uns freuen, wenn sie mit guten Noten nach Hause kommen. Auch dazu kann ich Ihnen einen Post von mir anbieten, wenn Sie Lust auf mehr Details haben.

Bei der Lösung von Problemen ist eine Methode oder ein Weg entweder gut oder schlecht. Beides ist ausgeschlossen.

Projektmanagement ist eine meiner Professionen. Deshalb werde ich schon seit einigen Jahren immer wieder mit dem Kampf zwischen agilen und klassischen Projektmanagementmethoden konfrontiert. Es gibt Verfechter der klassischen und der agilen Methoden. Entweder man steht auf der einen oder auf der anderen Seite. Aus Sicht der jeweiligen Fraktion ist man entweder gut oder schlecht. Darauf lasse ich mich aber gar nicht ein, da die beiden Lager aus meiner Sicht einen Schattenkampf führen. Denn. Keine Methode ist grundsätzlich schlecht oder gut, sondern je nach Kontext mal mit weniger oder mit mehr Nachteilen einsetzbar. Detaillierte Gedanken dazu habe ich im folgenden Video dargelegt.

Fußball darf natürlich beim Aufzählen von Beispielen nicht fehlen. An der derzeitig misslichen Situation des BVB in der Fußball Bundesliga erkennt man wieder sehr eindrucksvoll, dass das Handhaben von komplexen Situationen sehr eng mit dem Handhaben von Widersprüchen verbunden ist, da das Leben nun mal aus Widersprüchen aufgebaut ist. Auf der einen Seite müssen die Verantwortlichen des Vereins begreifen, dass man folgerichtig in der unteren Tabellenregion steht. Man ist von der derzeitig gezeigten Qualität auf dem Platz her eben nicht besser als ein Abstiegsplatz. Ein ewiges Rufen, dass man eigentlich besser ist, verhindert das Spielen, dass einem Abstiegskandidaten gebührt, Kratzen und Beißen und nicht Schönspielen. Ein Blick in die ruhmreiche nahe Vergangenheit ist hier eher kontraproduktiv. Auf der anderen Seite dürfen die Spieler auch nicht so verunsichert werden, dass sie aufgrund dieses Hinterfragens der eigenen Qualität Fehler über Fehler machen, weil sie sich nichts mehr zutrauen. Ein Blick in die ruhmreiche nahe Vergangenheit tut dann eher gut.

Es gilt also aus Sicht der Führung des Vereins beide Sichtweisen authentisch zu bedienen und sich nicht stur auf einen Pol zu verlieren. Das ist schwer. Denn wenn die Verantwortlichen und Spieler Marschrichtungen solcher Art in Interviews äußern würden, würde ihnen sicher von der Öffentlichkeit Orientierungslosigkeit vorgeworfen werden. Klar. Entweder-Oder. Ein Drittes ist ausgeschlossen.

Fazit

Sie finden sicherlich weitere Beispiele, die unseren Denkrahmen entschleiern und damit die gedachten Denkinhalte entmystifizieren.

Ich möchte mit diesem Post ermutigen, die Grenzen unseres Denken zu erkennen und diese auch zu erweitern. Wir können und sollten in kleinen Schritten anfangen. Nicht alles negieren, was uns groß gemacht hat, sondern nur erweitern. Auch ich bin gefangen in unserem Denkrahmen. Logisch. Aber bereits ein Reflektieren über unsere Denkmuster reicht schon aus. Das ist ein erster Schritt. Der Rest kommt dann automatisch. Glaube und hoffe ich. Aber genau dieser erste Schritt fällt uns so unglaublich schwer. Denn mit einem Hinterfragen negieren wir uns teilweise selber. Das erfordert Mut.

Aber nicht nur ein möglicherweise fehlender Mut hält uns davon ab, über unser Denken nachzudenken. Denn dass müssen wir wie gesagt tun, um unseren Denkrahmen zu hinterfragen. Es ist ein so genanntes Denken zweiter Ordnung. Denn tun wir das, bewegen wir uns bereits am Rande unseres Denkrahmens und müssen ihn wahrscheinlich schon ankratzen, was wohl der Grund ist, weshalb wir uns hier seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt haben. Wollen wir uns damit zufrieden geben?

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24 Responses to Unser Denkrahmen hat sich seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt

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  2. Ich bin nach dem Verfassen dieses Posts auf ein interessantes Video gestoßen. In diesem referiert Prof. Dr. Arno Gruen darüber, dass wir seit Beginn der Zivilisation uns mehr und mehr von der Lebendigkeit entfernen. Er begründet das mit einer strikten Trennung von Empathie und Kognition.

    http://youtu.be/Vj9y9zvkjSU

    Hier kann man sehr schön an den Post anknüpfen. Denn unser Denkrahmen, wie im Post dargestellt, basiert auf Zweiwertigkeit, die keine Gefühle zulässt. Damit wird aber Technologie vorangetrieben und Lebendigkeit ausgelöscht.

    Unzivilisierte Völker, wie wir immer so schön despiktierlich formulieren, sind diesem Trend übrigens nicht erlegen, da ihr Denkrahmen nicht auf Zweiwertigkeit beruht und damit die Gefühlswelt nicht ausschließt.

    Vielleicht sieht die Thematik ja noch viel dramatischer aus, als ich im Post formuliert habe.

  3. Peter Addor says:

    Hallo Conny

    Wie von Dir gewohnt, ist das wieder ein sehr anregender Post. Ausgezeichnet!

    Ich möchte darauf hinweisen, dass “Sowohl-als-auch” und dreiwertige Logik nicht dasselbe sein müssen. Ich persönlich neige eher zu sowohl-als-auch, d.h. es gibt neben A und Nicht-A auch ein Gebiet, in welchem sich beide “überschneiden” und beide in nicht-klassischer Weise Gültigkeit haben können. Das ist nicht dasselbe, wie ein dritter Zustand. In der Modelltheorie gibt es neben “wahr” und “nicht-wahr” z.B. einen Zustand “möglich”.

    Nicht ganz verstanden habe ich, warum die klassische Logik Gefühle notwendigerweise ausschliessen soll. Im Gegenteil: meines Erachtens basiert sie eben gerade auf Gefühlen. Vergiss nicht, dass alles, was wir denken und handeln ihren Ursprung auf der Gefühlsebene nimmt. Der Verstand wird eigentlich bloss “by accident” konsultiert.

    Und habe ich richtig verstanden, dass Du behauptest, dass wir wegen der aristotelischen Logik immer noch in mittelalterlichem Denken verhaftet sind? Ich glaube, diese Logik haben wir erst in der Renaissance wieder entdeckt. Hatten die Menschen im Mittelalter, also mitten in der Scholastik, tatsächlich ein logisches System?

    Immerhin geht heute der Trend dank dem Computer ganz klar zu konstruktivistischen Logiksystemen, die das Tertium non Datur ablehnen. Insofern sehe ich da durchaus einen Fortschritt, wenn auch noch einen kleinen.

    Herzlichst,
    Peter

    • Hallo Peter,

      lieben Dank für Deine Antwort und Deine Fragen. Lass mich meine Sicht darauf kurz spiegeln.

      Abschnitt 1

      Da bin ich bei Dir “Sowohl-Als-Auch” und “Dreiwertige Logik” sind nicht identisch. Die Zweiwertige Logik ist auf die folgenden 3 Axiome aufgebaut.

      1. Satz der Identität: Alles ist mit sich identisch und verschieden von anderen.
      2. Satz das ausgeschlossenen Widerspruchs: Zwei sich widersprechende Aussagen können nicht zugleich wahr sein.
      3. Satz des ausgeschlossenen Dritten (TND): Ein Sachverhalt fällt entweder in den einen oder in den anderen Begriff. Ein Drittes ist nicht vorhanden. Das ist auch gleichbedeutend mit, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist. Eine dritte Einteilung kann es nicht geben.

      Manchmal findet man auch noch ein viertes Axiom, dass vom zureichenden Grunde. Die von mir im Post aufgeführten 6 Prämissen sind davon abgeleitet. Hinterfragt man aber die Logik ganz genau, stellt man fest, dass damit diese Logik monothematisch ist. Sie schließt damit Subjekte in der Betrachtung aus.

      Das nahm Gotthard Günther als Motivation, um inspiriert vom Deutschen Idealismus, diese Logik zu erweitern. Er nannte diese Polykontexturale Logik. Wie der Name schon sagt, ist diese Logik polykontextural und soll auch Subjekte und damit Lebendigkeit einschließen. Allerdings sagt er zu dieser Logik nicht mehrwertige Logik, sondern mehrstellige Logik. Damit wollte er ausdrücken, dass die zweiwertige Logik weiterhin Bestand hat, allerdings immer im Kontext des Ortes von wo diese Logik angewendet wird. Die Orte kann man mit Subjekten vergleichen.

      Nehmen wir gerade unsere Diskussion hier. Wir haben einen Diskussionsgegenstand, zu dem Du eine Meinung und ich eine Meinung habe. Die Meinungen müssen nicht übereinstimmen. Wir verwenden in unseren Argumentationen stets die zweiwertige Logik, weil unsere Sprache und die Schrift gar nichts anderes zulässt. Allerdings stets von verschiedenen Orten aus, weil wir ja 2 Subjekte sind, die unterschiedliche Hintergründe haben. GG war der Erste, der die Ideen und Gedanken des Deutschen Idealismus formalisiert hat. Siehe Keno- und Morphogrammatik. In dem zweiwertigen Formalismus, wie all unsere Computer arbeiten, können wir unsere Diskussion nicht abbilden. Versucht man dass, stößt man an die Grenzen der oben angeführten 3 Axiome, die man verletzen würde.

      Abschnitt 2

      Aus dem oben Angeführten kann man erkennen, dass unsere Zweiwertige Logik, wie schon gesagt, Lebendigkeit ausschließt. Sie gilt, ohne die angesprochene Erweiterung nur im toten Bereich, wie der Technologie. In diesen Bereichen haben wir ja auch enorme Fortschritte erringen können. Allerdings immer auf Kosten der Menschlichkeit, und damit der Gefühle. Wir haben lernen müssen, weil ja die zweiwertige Logik unser Leben komplett durchdrungen hat, in Diskussionen Gefühle auszuschließen. Das kann man auch wieder aktuell in den Diskussionen um Pegida sehen. Entweder man ist gut oder böse, man steht auf der richtigen oder falschen Seite etc.

      Im Video, welches ich in meinem ersten Kommentar angefügt habe, wird dieser Aspekt in 45 Minuten eindrucksvoll beleuchtet und anhand einiger Untersuchungen prägnant gespiegelt.

      Ich möchte damit natürlich nicht behaupten, dass Kognition und Empathie rein schon von der Konstitution her getrennt vorliegen. Wir haben aber unserem Denkrahmen folgend, lernen müssen, unsere Denkprozesse sehr hart auf die zweiwertige Welt auszurichten. Pietschmann stellt das in seinem Vortrag ebenfalls anschaulich. Gerade die ersten beiden Beispiele im Post, zeigen sehr anschaulich, wie ich finde, wie wir uns die Technologie von uns selbst entfremden.

      Abschnitt 3

      Vielleicht war ich hier zeitlich nicht sehr genau. Hier beziehe ich mich wieder auf Pietschmann, der in seinem Vortrag die These aufstellt, dass die Ursprünge im 30-jährigem Krieg zu finden sind. Damals hat man aufgrund der Wahrheitssuche Kriege angezettelt und sich bestialisch getötet. Descartes nahm dass, laut Pietschmann, zum Anlass, nach einem anderen Weg zu suchen. Das war die Geburtsstunde der Wissenschaften, die letztendlich auf die Aristotelische zweiwertige Logik aufgebaut ist. diesen Denkrahmen haben wir seitdem nie verlassen und uns so nicht weiter entwickelt.

      Abschnitt 4

      Ich weiß zwar nicht, was Du mit konstruktivistischen Logiksystemen meinst, aber unsere Computer sind hart auf die zweiwertige Logik getaktet. Aus meiner Sicht lehnen diese das TND nicht ab, sondern nur auf Basis des TND überhaupt fähig so zu funktionieren wie sie funktionieren.

      Aber wie gesagt. Das ist meine Sicht, immer wieder mit der Betonung auf das Nichtvorhandensein der letztendlichen Wahrheit in meinen Worten.

      Beste Grüße,
      Conny

  4. kusanowsky says:

    1. Wir denken, um die endgültige Wahrheit zu erlangen.
    2. Wir denken analytisch, in dem wir also Probleme in Teile zerlegen.
    3. Wir denken, um Objektivität herzustellen.
    4. Wir denken in Entweder-Oder Relationen.
    5. Wir denken im Rahmen unserer Logik.
    6. Wir denken in Beziehungen, die auf Ursache-Wirkung beruhen.

    Abgesehen davon, dass ich es für fraglich halte, ob wir so denken, würde ich fragen wollen: Na und? Und wenn es so wäre? Und wenn wir so dächten? Welche Folgen hat mein Denken für dich oder dein Denken für mich? Was folgte ursächlich daraus, wenn ich mein Denken änderte? Änderte sich dann auch das Denken aller anderen? Was wäre, wenn in meinen Gedanken keinerlei Wahrheit möglich wäre? Würde dich das daran hindern, über Wahrheit und Irrtum nachzudenken? Was wäre, wenn zwar deine Gedanken objektiv wären, aber meine nicht? Und wenn es nicht so wäre: wen kümmert das? Und warum? Spielen meine Gedanken für alle anderen eine Rolle oder nicht? Und wenn ja: was denke ich und wie denke ich? Bist du in der Lage, darüber wahrheitsgemäß Auskunft zu geben?
    Was weißt du über mein Denken? Hast du schon mal mein Denken erforscht? Und was sagt mein Denken/dein Denken über unser Denken aus? Wo finden wir “unsere Gedanken”?

    Im Ganzen habe ich den Eindruck, über dessen Irrtum ich mich gern informieren lassen möchte, dass du einem ganz konventionellen Schema des Denkens folgst, das im wesentlichen besagt, du könnstest etwas über das Denken anderer wissen, das die anderen nicht von sich selbst wissen, weshalb es deine Aufgabe wäre, andere über etwas zu informieren, über das sie informiert sein müssten, weil du so denkst und nicht anders.

    Ich glaube, dein Denkrahmen hat sich nicht sehr viel weiter entwickelt. Du bleibst naiv bei der Annahme, du könnst subjektiv etwas Objektives über Denken wissen und magst glauben, Denken habe irgendeinen kausalen Zusammenhang zum Handeln, weshalb, wenn man das Denken ändert, auch das Handeln ändern würde.
    Diese Weltbeherrschungsfantasie ist ziemlich alt, konventionell und völlig gegenstandslos. Und warum genau meinst du nun, irgendwer könnte dafür sorgen, dass sich “unser Denken” ändert? Und wie macht man das? Gibts da eine logisch einwandfreie Methode? Ein Konzept?
    Das würde ich gern wissen.

    • Hallo Klaus,

      erst einmal danke für Dein Feedback und Deine vielen Fragen, die mich zum Konkretisieren motivieren.

      Grundsätzlich ist das Video, welches ich in meinem ersten Kommentar zu diesem Post gelinkt habe, extrem erhellend zu Deinen Fragen. 45 Minuten pure Erkenntnis. Jedenfalls für mich. Hast Du Dir dieses bereits angesehen?

      Ich möchte aber nicht einfach auf das Video verweisen, sondern selbst ein paar Zeilen produzieren.

      Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass unser Denken unser Handeln bestimmt und natürlich auch umgekehrt. Warum sollte dies nicht so sein? Unser Denken bestimmt unser Bewusstsein und deshalb wiederum sehr massiv unser Leben und unser Zusammenleben. Ich gebe Dir dazu zwei keine plakative Beispiele.

      In unserem zweiwertigen Denkrahmen, den ich jetzt schon sehr oft angesprochen habe, sind Individualismus und Gemeinschaftssinn Gegensätze, die nicht zu vereinen sind. Entweder das Eine oder das Andere. Diese Sicht lässt uns in unserer westlich-abendländischen Gesellschaft vereinsamen und von uns selbst entfremden. Die Asiaten kennen diese Gegensätze beispielsweise nicht. Herbert Pietschmann stellt das sehr anschaulich dar. Unsere abendländische Gesellschaft ist gekennzeichnet durch ganz große Steine, die durch ganz dünne Fäden miteinander verbunden sind. In der asiatischen Gesellschaft beispielsweise sind die Steine ganz klein und die Fäden ganz dick. In diesem Bildnis stellen die Steine die Menschen und die Fäden die Beziehungen zwischen diesen dar.

      Ein weiteres Beispiel: Der Gegensatz von Kooperation und Konkurrenz. Wie auch im ersten Beispiel dargelegt, ist es für uns Menschen in der westlichen Gesellschaft schwer zu akzeptieren, das Beides gleichzeitig funktionieren kann. Entweder das Eine oder das Andere. Ich muss jetzt ja nicht weiter ausführen, wofür wir uns entschieden haben.

      Das sind nur zwei Beispiele, die belegen sollen, dass aus meiner Sicht unser Denkrahmen nicht einfach nur bestimmt, wann wir etwas für wahr oder falsch halten, sondern ganz tief in unser Leben eindringt und damit auch unser Handeln und unser Zusammenleben bestimmt.

      Beste Grüße,
      Conny

  5. Peter Addor says:

    Hallo Conny

    Ach so, Dreissigjähriger Krieg. Ja, das ist natürlich nicht mehr Mittelalter. Der Konstruktionismus ist quasi dasselbe wie Brouwers Intuitionismus, den Du als Mathematiker ja sicher kennst
    (http://de.wikipedia.or/wiki/Intuitionismus_%28Logik_und_Mathematik%29).

    Wahr ist, was ich (oder ein Computer) nachvollziehen kann. Indirekte Beweise, von der Art “Die Aussage p führt auf einen Widerspruch, also muss Nicht-p gelten” bedienen sich des TND und werden abgelehnt.

    Es nützt Dir ja nichts, wenn Dir z.B. die Galoistheorie sagt, dass eine bestimmte Gleichung auflösbar ist, aber nicht sagt, wei man sie löst. Indirekte Beweise sind nicht konstruktiv, was sie gerade für die IT unbrauchbar macht.

    Daher bedient sich die moderne Informatik eben einer anderen als der klassischen Logik, die ja schon durch die Quantenlogik Kratzer erlitten hat.

    Ich sehe also die Entwicklung so, dass die aristotelische Logik, die in Europa in der Renaissance wieder entdeckt wurde, seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zumindest Konkurrenz erhielt. Dabei sind vor allem die konstruktivistische oder intuitionalistische Logik sowie die Quantenlogik im Vordergrund.

    Dann gibt es viele Ansätze aus der philosophischen Ecke, allen voran die Relevanzlogik oder der Logik von Gotthard Günther. Aber ich nehme diese in meinem mathematischen und informationstechnischen Alltag nicht so wahr, wie die intuitionalistische.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Logik

    Herzlichst,
    Peter

    • Hallo Peter,

      Ich werde mich in den Links mal vorarbeiten. Danke für Anreichen.

      Ich glaube aber irgendwo gelesen zu haben, dass Gotthard Günther vor allem auch dadurch für seine PKL inspiriert wurde, dass alle Versuche die zweiwertige Aristotelische Logik zu erweitern, aus seiner Sicht fehlgeschlagen sind. Hast Du das ebenfalls irgendwo gelesen.

      Und ja Du hast Recht. Die PKL von Günther ist wenig bis gar nicht verbreitet, was ich aber nicht mit der Bedeutung dieser gleichsetzen würde. In den Links zur Logik wird diese ja auch nicht aufgeführt.

      Beste Grüße,
      Conny

      • Hallo Peter,

        Noch ein kleiner Nachtrag, weshalb Gothhard Günther all diese Logiken nicht als erweiternd ansieht. Sie sind weiterhin monothematisch und schließen daher die Lebendigkeit aus. Sie bleiben eine Logik des Toten.

        Beste Grüße,
        Conny

  6. Idahoe says:

    Hallo Conny, Hallo Peter,

    zunächst ein Hinweis:
    Ihr redet NUR von formaler Logik. Formale Logik ist aus “logischer Sicht” nicht logisch.
    1. Satz der Identität
    Wir leben in einer Welt der stetigen Veränderung, hier kann es keine unveränderlichen Formen geben, über die es Erkenntnis oder Wissen geben könnte. Unveränderliches kann kein Ereignis und daher Wirkung haben. Es gibt NICHTS, das auf etwas Unveränderliches wirken könnte, genausowenig kann Unveränderliches auf etwas wirken. Unveränderliches hat keine Wechselwirkung.
    Daraus folgt, daß es keine idealen unveränderlichen Formen geben kann. Das wußten bereits die alten Griechen um Pythagoras. Deshalb entwickelten sie die Ideenlehre, den Dualismus, die Trennung von Geist und Körper. Mathematische Objekte sind nicht Teil der Wirklichkeit.
    Identität ist eine widersinnige Aussage. Es gibt kein A=A und alle Ableitungen hieraus sind nicht haltbar. Nichts ist jemals mit irgendetwas identisch. NICHTS ist nicht das Gegenteil von etwas. Nicht etwas ist nicht NICHTS.

    2. Satz das ausgeschlossenen Widerspruchs
    Widerspruch ist eine Frage der Schärfentiefe, der Abstraktionsebene, des Blickwinkels.

    3. Satz des ausgeschlossenen Dritten
    Aus einer einzigen Aussage läßt sich genau gar NICHTS ableiten. Mathematiche Formeln erlösen den Menschen sowenig, wie die wortgetreue rituelle Handlung nach religiösen Büchern.
    Bedeutung und damit Sinn ergibt sich aus einem (nichtlinearen) Zusammenhang.

    4. Der zureichende Grund
    Die systematisierung des Denkens ist nichts anderes, als die Behautpung, daß unveränderliche ideale Formen, die die Mathematik beschreibt, die Wirklichkeit darstellen könnten.
    Mathematik ist nichts weiter als formalisierte SPRACHE. Solange diese zur Verständigung benutzt wird, ist dies kein Problem, sobald dies mit der Wirklichkeit gleichgesetzt wird, ist der Totalitarismus nicht weit.

    Sprachkonstrukte dienen dem Menschen, die erlebte Gefühlswelt, anderen mitzuteilen. Daten sind keine Informationen und Informationen sind kein Wissen. Sprache kann nicht zweiwertig sein, der Mensch kann nur so tun als ob sie zweiwertig wäre. Sprache hilft dabei die unterschiedliche WAHRNEHMUNG der Wirklichkeit stimmig zu übermitteln. Sprache ist Einfühlungsvermögen.

    Nein, Denken ist Fühlen und Fühlen ist Denken, alles andere ist Ritualismus. Das NICHTS ist nicht fühlbar, nicht denkbar, es gibt keinen Gegensatz zu etwas. Es gibt keinen Bezug zu NICHTS. Es gibt kein entweder oder, denn das NICHTS ist nicht widersprüchlich.

    Der Mensch kann über das unveränderliche Ideal nichts wissen, deshalb WERTET und BEWERTET er dieses Ideal. Eine Wertung ist ein emotionaler Vorgang. Ein stetig wertender Mensch ist ein emotionaler Wiedergänger, der nicht in der Lage ist, zu fühlen. Sein Einfühlungsvermögen ist unterentwickelt, das erzeugt folglich dissoziales Verhalten. Der Mensch versucht mit einer idealen Figur etwas wahrzunehmen, das es nicht geben kann.

    Das Zeitalter der Herrschaft der Zahlen, die Herrschaft der Ideale, der Herrschaft des Nihilismus.

    Prozessoren vergleichen nicht, sie werten. Die Fähigkeit des Vergleichens besitzen Prozessoren nicht. Um etwas vergleichen zu können ist die Fähigkeit des Fühlens erforderlich. Der Mensch kann Geräte bauen, die so tun können, als ob es Null und Eins gäbe. Tatsächlich ist dies nur eine Bezugsgröße.

    Die Scholastik ist gerade mit dem Aufleben des Aristoteles verbunden. Der Sieger schreibt die Geschichte. So einfältig war das Mittelalter nicht, wie es die Geschichtsschreibung darstellt. (siehe Kurt Flasch – Kampfplätze der Philosophie)

    Es gibt keine wertende Logik. Wer wertet besitzt kein Wissen und daher auch keine Logik. Es gibt keine Denkrahmen, dieser wird durch Ideale, durch Regeln erzeugt, die nichts anderes sind, als Glaubenssätze.

    Sprache ist nur für denjenigen zweiwertige aristotelische (Un)Logik, der auf die idealen Formen der Sprache achtet. Darauf wird der Mensch tatsächlich konditioniert, das Mittel der Wahl ist Belohnung und Bestrafung. Die Degeneration des Menschen hat längst begonnen, denn das Verkümmern des Mitgefühls ist auch das Verkümmern der Denkfähigkeit, des Verstandes. Der Mensch kann nur etwas verstehen, das er nachvollziehen und nachempfinden kann. Ein emotionalisierter Mensch, der voller gier und Neid, voller Haß ist, kann nicht mehr fühlen, er lebt in einer Illusion, einer Glaubenswelt. Er wird bestimmt von WERTEN, vom GLAUBEN und nicht von Sinn, vom Wissen.

    In Anlehnung an Kierkegaard
    Der WERTEN ist das Ende des Glücks und der Anfang Unzufriedenheit.

    Gruß Idahoe

    Das sicherste Gefängnis besteht aus gitterlosen grauen Zellen
    Franz Maria Arwee

    • Hi Idahoe,

      Du sprichst mir in großen Teilen Deines Kommentars aus der Seele. Ich entnehme Deiner Analyse zu den Axiomen der zweiwertigen Aristotelischen Logik, dass Du ebenfalls anprangerst, dass diese Logik das Lebendige ausschließt.

      Allerdings würde ich diese Kritik nicht ausdehnen auf formale Logik, denn formale und zweiwertige Aristotelische Logik sind nicht eineindeutig ineinander überführbar.

      Die Polykontexturale Logik von Günther ist durch ihn auch formalisiert worden und erweitert die zweiwertige Logik aber so, dass Lebendigkeit eingeschlossen ist.

      Ansonsten danke für Deine inspirierenden Zeilen.

      Beste Grüße,
      Conny

  7. kusanowsky says:

    “Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass unser Denken unser Handeln bestimmt und natürlich auch umgekehrt.”

    Nun ich hab nur eine sehr ungenaue Ahnung, was du meinst, wenn du von einem “mittelalterlichen Denkrahmen” schreibst. Da ich das nur sehr ungenau nachvollziehen kann, möchte ich genauso ungenau vermuten, dass du diesen mittelalterlichen Denkrahmen (Metapher für Zurückgebliebenheit) gar kein bißchen verlässt.

    Du kommt mit einer strengen Glaubenauffassung (“feste Überzeugung”), die von einer “endgültigen Wahrheit” spricht, denkst im Rahmen von Kausalität, lässt nur ein Entweder-Oder zu (Handeln oder Denken, nicht Drittes), vermutest ein Ganzes (ein “Wir”), das aus Teilen besteht und glaubst ernsthaft, du könntest ein uninformiertes Publikum von deiner festen Überzeugung bekehren, sie müssten nur ihre Zurückgebliebenheit fallen lassen und sich deiner zuwenden.

    Und der einizige, der sich in all dem irrt, bin ich.
    Stimmt’s?

    • Hallo Klaus,

      Was ich unter einem mittelalterlichen Denkrahmen verstehe? Hast Du meinen Post gelesen. Dort beschreibe ich es. Mehr Neues kann ich dazu nicht sagen. Ich wiederhole es hier aber gerne.

      Der Denkrahmen ist für mich das, was wir im Rahmen unserer Denkprozesse nicht hinterfragen, da es für uns nicht sinnvoll scheint dies zu tun. Es muss genau so sein und nicht anders. Es geht in diesem Kontext also nicht um das was wir denken (Denkinhalte), sondern darum wie wir denken (Denkprozesse). Dieser Rahmen basiert auf die 3 Axiome und den daraus abgeleiteten Prämissen. Wenn ich also über genau diesen Denkrahmen nachdenke, dann betreibe ich Denken zweiter Ordnung, ein Denken über das Denken.

      Selbstverständlich haben wir wahnsinnige Erfolge mit diesem Denkrahmen erzielen können. Das sind die Denkinhalte. Der gesamte Fortschritt der Technologie basiert darauf. Ich war eben mit meiner Tochter beim Augenarzt zur Untersuchung. Die gesamte Technologie in der Praxis ist schon beeindruckend und diese will ich auch gar nicht missen. Aber wie so Vieles, gibt es auch hier Licht und Schatten. Der Schatten des unaufhörlichen Ringens um Fortschritt in der Technologie ist die Vereinsamung, der wir Menschen unterlegen sind. Denn dieses Ringen bleibt im unlebendigen Bereich verhaftet, ohne Reflektion des lebendigen Bereiches, da dieser im blinden Bereich liegt.

      Der Glaubensauffassung, die Du mir unterstellen möchtest, bist Du nicht erlegen?

      Und selbstverständlich irrst Du, genau wie ich auch. Ich weiß genau, dass ich in vielen Ideen und Gedanken, die ich hier äußere, irre. Das ist genau der Antrieb, der mich zum Weiterdenken anregt und nach anderen Sichtweisen, wie nach Deiner, fragen lässt. Und ganz insbesondere in diesem Kontext irren wir. Wir reden über das Denken über das Denken. Da muss immer ein blinder Fleck bleiben. Wir werden also niemals die endgültige Wahrheit erlangen. Damit kann ich aber sehr gut umgehen. Du auch?

      Wie kommst Du darauf, dass ich in der Kontextur Handeln-Denken unterwegs bin und Nichts anderes zulasse? Das ist definitiv nicht der Fall. Nur weil ich glaube, dass sich Beide gegenseitig bedingen und verursachen, was ich natürlich nicht eineindeutig beweisen kann (Deshalb schreibe ich glaube), bedeutet es nicht, dass ich davon ausgehe, dass Beides nicht gleichzeitig simultan auftreten kann. Also noch einmal klar formuliert. Ich gehe Stand heute davon aus, dass Denken und Handeln Beides gleichzeig simultan auftritt. Ich denke hier nicht in Entweder-Oder Schema. Ich versuche es zumindest, denn ich bin natürlich auch unser Denkrahmen erlegen.

      Und wie kommst Du auf den Glauben, dass ich Jemanden bekehren möchte? Nur weil ich einen Blog betreibe und meine Meinung äußere. Du hast ebenfalls einen Blog. Bist Du der gleichen Motivation erlegen? Und wenn nicht, wo siehst Du den Unterschied zu mir?

      Bin gespannt auf Dein Feedback.

      Beste Grüße,
      Conny

  8. Idahoe says:

    Hallo Conny,

    eineindeutig ist mir vor allem der Begriff in der Datenbankentwicklung begegnet…
    Ansonsten ja, ich halte aristotelische zweiwertige Logik für nicht nur hinderlich, sondern sie ist ein Mittel, das auf Gut/Böse-Denken in Schubladen hinausläuft. Wobei Gut/Böse-Denken besser mit dem Begriff GLAUBE umschrieben ist. Bedauerlicherweise hat diese Zweiwertigkeit im Verbund mit dem Dualismus nicht nur unsere Sprache stark geprägt, sondern auch die Weltanschauung vieler Generationen.

    Noch vor wenigen Jahren war auch ich der Überzeugung, daß Menschen eine Sprache entwickeln sollten, die wie Mathematik, endlich ermöglichen könnte, sich wirklich präzise UND unmißverständlich ausdrücken zu können. Im Laufe der Zeit und der Begegnung mit Gedankengängen anderer Menschen, stellte ich fest, daß es diese Sprache bereits gibt und allgemein Mathematik genannt wird.

    Die Formalisierung von Sprache hat in der Konsequenz auch die Verarmung dieser selbst zur Folge, sie wird der Lebendigkeit beraubt.
    Nein, das Problem lät sich nicht mit der selben Denkweise lösen, mit der es geschaffen wurde, wie bereits Einstein feststellte.

    Das meiste, das ich von Gotthard Günther weiß, habe ich vorwiegend von Joachim Pauls Vordenker Blog und Youtoube. Sein “Bewußtsein der Maschinen” liegt hier inzwischen einige Monate rum und wartet darauf gelesen zu werden. Ich schiebe es vor mir her, weil ich denke, daß es auch noch von mechanistischer Weltanschauung bestimmt wird.

    Genau im letzten Satz sehe ich die Probleme, die sich immer wieder selbst zur Lösung erklären.
    Freiheit hat sehr viel mit dem Begriff des loslassen könnens zu tun:

    1. Ist es möglich eine sich stetig verändernde Welt mit unveränderlichen Gesetzen und Regeln zu beschreiben und welchen Sinn hat dies?

    2. Welche Wirkung entfalten unveränderliche Gesetze und Regeln?

    3. Was können Menschen über unveränderliche Gesetze und Regeln wissen? Welche Erkenntnis gibt es darüber?

    4. Müßte die Welt dann nicht vorherbestimmt und schicksalhaft sein?

    Über Wertung steht bereits etwas sehr kluges im alten Testament, das auch mich als Agnostiker erstaunt zurücklies, das ist Genesis 2.16-17:
    Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse
    Der Verfasser wußte, daß Menschen nichts über Gut und Böse wissen können. Es ist der Mensch, der dem Glauben verfällt, er wüßte etwas über das Gute oder das Böse. Gut bedingt Böse. Das Festlegung, was Gut ist, erzeugt erst das Böse. Genauso wie die Festlegung des Bösen erst das Gute erzeugt.
    Hier ist sie, die gute alte WERTUNG, das Urteil, die Entscheidung, die Wahl.

    Zu Wissen, daß ich nicht weiß, setzt Wissen voraus. Der gläubige Mensch benötigt KEIN Wissen, denn er ist bereits im Besitz der einzig wahren Wahrheit, da wäre Wissen nur eine Behinderung.

    Die Wirren der Zeitgeister ergeben sich aus der Kybernetik, dden Dtenbergen (die mit Information gleichgestzt und daher verwechselt werden), der Statistik und der Spieltheorie.

    Das zieht sich nun seit Jahrhunderten, vielleicht auch Jahrtausenden hin. Regeln und Gesetze beruhen auf HerrschaftsGLAUBEN, an das übersinnliche, die Wesenheit, die über allem steht, die gemacht wurde. Der Selbstbetrug beginnt genau hier, denn über das Unveränderliche kann es keine Erkenntnis und kein Wissen geben. An das Unveränderliche kann der Mensch nur GLAUBEN, er kann es nicht wahrnehmen, messen, begreifen, usw..

    Bisher hat mir noch keiner Unveränderliches zeigen bzw. erklären können, was dies sein soll. Außer der Behauptung Gottes, ist mir nichts bekannt.

    Trotzdem ist der Glaube erforderlich, um die Wirklichkeit erkennen zu können, Poppers Falsifikation trifft es hierzu am ehesten. Aber das, was der Glaube darstellt, das ist eben nur eine Illusion.

    Oder setzt Lebendigkeit keine Veränderung voraus?

    @kusanovsky
    Dispositive nach Agamben
    Der rationale homo oeconomicus, der ständig wertet (urteilt, wählt, entscheidet) und sich daher emotionalisiert. In der Folge nicht mehr in der Lage ist die Welt um ihn herum zu verstehen. Emotionaler dissozialer Vollpfosten.

    Evolution mit Begründungen wie
    Survival Of The Fittest, Wettbewerb, Selbsterhaltungstrieb, Aussterben
    Die Voraussetzung für Evolution ist laut Ernst Mayr – Das ist Evolution und allen Naturforschern, Evolutionsbiologen “Einzigartigkeit”.
    Diese Einzigartigkeit steht im Widerspruch zu den Begriffen Selbsterhaltungstrieb, Survival Of The Fittest, Aussterben, Wettbewerb.
    Welches Selbst soll denn erhalten werden, das nach der Geburt, mit 5 mit 8, mit 21 Jahren? Das Selbst vor 10 Minuten, vor drei Tagen? Der Mythos vom unveränderlichen Selbst, Ich.
    Selbst ein Stein wird nicht durch Wind und Wetter verändert, er muß sich aus sich heraus stetig verändern, ansonsten wäre er nicht existent, wir könnten ihn nicht sehen, wahrnehmen, fühlen, anfassen. Auf molekularer Ebene ist das auch für das Auge sichtbar.

    Nichts kann nicht Raum sein, sagt jedenfalls mein Raumgefühl.

    • Hallo Idahoe,

      danke, sehr schön geschrieben. Dem möchte ich gar nicht wahnsinnig viel hinzufügen, nur 3 Punkte.

      1.
      Gesetze und Regeln sind gleichzeitig hinderlich und wertvoll. Hinderlich deshalb, weil diese, wie Du ja auch andeutest, einer stetig veränderlichen Welt immer hinterherhinken. Wertvoll deshalb, weil wir ohne diese, ich zähle Modelle auch zu diesen Gesetzen und Regeln, wir die Welt erst gar nicht wahrnehmen könnten und uns untereinander darüber verständigen könnten. Ich verlasse also hier das “Entweder-Oder” Schema und nähere mich dem Pol “Sowohl-Als-Auch”.

      2.
      Ich kann das Buch von Gotthard Günther nur empfehlen. Mich zumindest hat es wahnsinnig inspiriert, so wie auch viele weitere seiner Schriften.

      3.
      Anbei ein Dokument zu 35 Thesen zur Grundlegung einer formal dialektischen Logik. Allerdings wird Gotthard Günther mit seiner Keno- und Morphogrammatik im Zuge seiner PKL in einem nicht ganz so guten Licht dargestellt. Da smuss ich aber erst noch einmal für mich ergründen.

      Beste Grüße,
      Conny

  9. Reisebekanntschaft says:

    Denken

    Gedanken über das Denken ob sie lenken oder nur Bewußtsein schenken.
    Böses Denken, Gutes Denken, kann das, das Gehirn verrenken.
    Wie denkt er, wie denkt sie, alle Denken das sie denken, dachten wir.
    Besser Denken, besser Denken , besser Denken.
    Schneller Denken, schneller Denken, schneller Denken.
    Denk mal !

  10. Ekynos says:

    Die Prämissen von Cerny werden in seinem Blog mit keinerlei Forschungsergebnissen belegt, sondern lapidar postuliert. Dabei werden zwar richtige Beobachtungen gemacht, aber diese derart verallgemeinert, dass sie letztendlich ohne Wert sind und als Prämissen für weiterführende Überlegungen. Das ist in gewisser Weise ironisch, da dies genau die Art von Denken ist, das Cerny anprangert, allerdings vermeiden wir nur so die berühmte Teekanne von Russell im Sonnenorbit.

    Die endgültige Wahrheit
    Diese Prämisse leuchtet mir bereits aus meinen persönlichen Erfahrungen nicht ein. Was soll diese “endgültige Wahrheit” sein? In einer Welt voller relativer Wahrheiten, die jeweils an ein Bezugssystem gekoppelt sind, ist es selbst Wissenschaftlern klar, dass es “endgültige Wahrheiten” nicht gibt. Dies schreibt auch Cerny in seinen Erklärungen, wenn er Bezug nimmt auf den Glauben der Wissenschaften bis in die 1960er, also gerade dem Jahrzehnt, in dem zB die Kybernetik aufkam.

    In der Forschung geht der Weg schon lange weg vom binären Denken, nicht zuletzt in der klassischen “binären” Wissenschaft von der Informationstechnologie sichtbar. Binäre Systeme mögen zwar auf der untersten Ebene existieren, aber auf diesen Systemen können derart komplexe Systeme aufgebaut werden, dass diese nicht mehr vorhersagbar sind (zB Automaton 110). Es gibt in diesen komplexen Systemen keine “Wahrheiten”, sondern lediglich Muster und temporäre Zustände. Die Wissenschaft ist weder auf dem Stand von Descartes noch von Bacon stehengeblieben (die übrigens nicht Teil des Mittelalters waren).

    Analytik
    Bestandteil einer Analyse ist zwar das Untersuchen der einzelnen Komponenten, aber eben nicht ausschließlich. Bereits Aristoteles schreibt in seiner Metaphysik davon, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, also ein Fortdenken der Atomlehre seines Landsmanns Leukipp. Menschliches Denken beschränkt sich nicht nur auf die Betrachtung der Einzelteile, sondern umfasst auch die Betrachtung der Wirkung im Ganzen, die Phänomenologie (hier wieder griechische Philosophie, später insbesondere Kant und Hegel). Menschliches Handeln spielt sich auf einer hohen Abstraktionsebene ab, die es selten notwendig macht, sich mit Funktionsweisen zu beschäftigen. Ich weiss nicht, wie ein Motor funktioniert, aber ich benutze trotzdem mein Auto zum Einkaufen.

    Es gibt ein Beispiel in jüngster Vergangenheit, bei dem beide Denkweisen aufeinander stoßen: Bei der Rekonstruktion des Mechanismus von Antikythera wurde mit einer Analyse die Einzelteile untersucht, um daraus Rückschlüsse auf dessen Funktion zu erhalten. Wichtig dabei war aber nicht nur die Analyse der Einzelteile, sondern gerade das Theoretisieren über Sinn und Zweck des Mechanismus. Wenn unvollständige Muster vorliegen (und unsere Umwelt ist voll damit), interpoliert unser Gehirn die fehlenden Daten, indem es ähnliche Muster in Betracht zieht. Der kreative Prozess ist dabei eben nicht auf binäre Logik und Reduktion festgelegt, sondern auf Wahrscheinlichkeit und Abstraktion. Ein Hirnforscher, dessen Name mir entfallen ist, sagte es mal so: “Sie können die Funktion eines Laptops nicht begreifen, indem sie ihn in kleine Scheiben zersägen und sich die Teile ansehen. Genauso können sie die Funktionen des Gehirns nicht begreifen, indem sie es in kleine Scheiben schneiden und unter dem Mikroskop betrachten”.

    Objektivität
    Dies sehe ich ähnlich wie Cerny, wobei ich – wie er – das Problem darin sehe, dass rationale Lösungsansätze aus mechanistischen Modellen auf soziale Systeme angewendet werden. Die Vergleichbarkeit gaukelt dabei eine Objektivität und Rationalität vor, die in sozialen Gefügen enormen Schaden anrichtet.

    Wir denken in Entweder-Oder Relationen
    Das ist – mit Verlaub gesagt – eine dieser verallgemeinernden Aussagen, die die Prämissen unbrauchbar machen. Unsere Denkvorgänge funktionieren nicht in “Entweder-Oder”-Schemata (ich vermute, hier ist XOR gemeint), sondern in Wahrscheinlichkeiten. Erkannte Muster werden parallel im Gehirn erkannt, verarbeitet, verglichen, erweitert und die Reaktion hängt von Gefühlen, rationaler Überlegung, Erfahrungswerten und anderen Faktoren ab. Erst auf der phänomenologischen Ebene erscheint der Denkprozess als kontinuierlicher Prozess mit einer Folge von Entscheidungen. Es ist aber der Denkfehler des Analytikers aus der Betrachtung der Metaebene heraus zu schließen, unsere Handlungen wären eine Abfolge von Entscheidungen, die womöglich noch rational und zielorientiert wären. Untersuchungen der Neuropsychologie zeigen gerade, dass die meisten Entscheidungen aus dem Bauch heraus, also intuitiv, getroffen werden, ohne dass ein “Optimum” angestrebt wird. Vor allem für die Vertreter des Homo Oeconomicus ein schwerer Schlag. 🙂

    Logik
    Wir denken nicht im Rahmen einer Logik, sondern im Rahmen der uns vorgegebenen Muster. Formale – ja gar binäre – Logik ist etwas, das vielen Menschen zeitlebens fremd bleibt. Menschen lassen sich zu sehr von Gefühlen leiten, als dass sie ihr Gehirn für rationale Überlegungen benutzen würden, wie es Daniel Kahnemann treffend in seinem Buch “Thinking fast and slow” beschreibt. Die rationale Überlegung erfordert Anstrengung und ist zudem wesentlich langsamer, als die Handlung aus einem Gefühl heraus. Wie lange stehen wie vor einem Joghurt-Regal im Supermarkt und wägen logisch die Argumente für und gegen die einzelnen Sorten ab?

    Wir denken also nicht im Rahmen einer Logik, sondern im Rahmen unserer Erfahrungen und erst dann im Rahmen unserer Logik, wenn unsere Erfahrungen nicht mehr ausreichen oder wir uns zwingen, rational zu denken. Das ist aber nicht der Normalzustand und ich sehe auch keine gesellschaftliche Gefahr darin, dass die Logik im Bereich der rationalen Fortbildung (zB Mathematik) verwendet wird. Der Schwerpunkt gerade in den Anfangsjahren (Kindergarten, Grundschule) sollte allerdings auf die sozialen Aspekte gelegt werden.

    Ursache-Wirkung
    Hier kann ich vollumfänglich zustimmen. Bedingt durch die Art der Speicherung von Vorgängen im menschlichen Gehirn gibt es jeweils einen Anfangs- und einen Endzeitpunkt, der für Ereignisse relevant ist.

    Schluss
    Was mit an Cernys Aussagen stört, ist dieses Schwarz-Weiß-Malen in den Aussagen, die sehr marktschreierisch und wenig relativierend daherkommen. Angesichts seiner Kritikpunkte ist das merkwürdig, denn gerade aufgrund der Prämissen sollte hier ein Denken vorliegen, das eben nicht Wahrheiten postuliert und dann Lösungen anbietet. Zudem beschränken sich die Aussagen überwiegend auf das 17. Jahrhundert, ohne auf aktuelle Entwicklungen Bezug zu nehmen (oder gar bereits bekannte Entwicklungen im antiken Griechenland). Es gibt auch keinerlei Hinweise auf Untersuchungen und Tests, mit denen die Aussagen belegt werden könnten, sondern es bleibt bei Autoritätsargumenten der Form “Descartes sagte, Bacon sagte”. Es fehlt die Reflexion, das Überprüfen der eigenen Aussagen, also das, was man als Falsifikation nehmen könnte. Ich denke, dass Cerny keinen Weg für ein neue Denken aufzeigt, sondern gerade ein in seiner Komplexität reduziertes Denken, das eher Marketing als Wissenschaft ist. Das sind eure Probleme, hier kommen meine Lösungen. Das empfand ich als sehr aufdringlich und daher meine erste Reaktion Reaktanz. Ich sehe Menschen weder auf Mikro- noch auf Makroebene derart eingeschränkt, wie sie von Cerny dargestellt werden. Den Tendenzen sollte man allerdings bewusst begegnen und die von Cerny angebotenen Wege sind durchaus lohnenswert.

    • Hallo Ekynos,

      lieben Dank für Deinen ausführlichen gehaltreichen Kommentar, der mich zum Weiterdenken inspiriert. Danke dafür.

      Selbstverständlich bin ich mit Dir einer Meinung, wenn Du behauptest, das jeder einzelne Mensch in der Lage ist intuitiv und empathisch zu denken und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen. Du bringst das Beispiel mit dem Joghurtkauf. Lass mich dieses Beispiel aber erweitern, um an meine Gedanken des Posts anzuknüpfen. Stelle Dir vor, wir stehen beide vor dem Joghurtregal, Du packst eine Sorte Joghurt in den Warenkorb und ich frage Dich warum Du ausgerechnet diese Sorte gewählt hast. Du hast vielleicht die Entscheidung intuitiv getroffen und hast Dich von Deinem situativen Gefühl leiten lassen. Aber nun musst die rationale Gründe anbringen, um Deine Entscheidung zu begründen. Spätestens jetzt betrittst Du den logischen zweiwertigen Raum, den ich im Post und in meinen Kommentaren angeführt habe.

      Dieses Beispiel lässt sich auf viele Bereiche ausweiten. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wenn ich eine intuitive Entscheidung im Rahmen meines Arbeitslebens treffe und diese mit meinem zu dem Zeitpunkt der Entscheidung vorherrschenden Gefühl begründe. Aua. Welche Fragen bekomme ich sofort gestellt? Welche Entscheidungsoptionen gab es? Mit welchen jeweiligen Vor- und Nachteilen? Was würde geschehen, wenn wir uns nicht für diese Option entscheiden=? etc. etc.

      Diese Beispiele nehmend möchte ich meine Gedanken aus diesem Thread konkretisieren. Das gesellschaftliche Zusammenleben in unserer abendländischen Gesellschaft ist von der zweiwertigen Logik geprägt. Vielleicht kann man hier an dieser Stelle Bezug zur Synergetik von Hermann Haken nehmen. Ich glaube der zweiwertige Denkrahmen versklavt uns Menschen der abendländischen Gesellschaft. In der Interaktion miteinander sind wir auf den zweiwertigen Denkrahmen angewiesen, da unsere Sprachen und unsere Schriften, die eben nur linear und nicht zirkulär reflexiv aufgebaut sind, nichts anderes zulassen. Nicht alles was wir empfinden und fühlen, was letztendlich auch als Grund in eine gefällte Entscheidung einfließt, lässt sich in Wort oder Schrift fassen.

      Ich möchte an dieser Stelle auf das Buch von Fritjof Capra verweisen: “Das Tao der Physik”. Über scribd kann man das Buch kostenlos lesen. ES passt zu den Diskussionen hier sehr gut, da Capra einen historischen Abriss des Denkens vornimmt. Dabei kommt er unter anderem zu einer Unterscheidung zwischen dem rationalen (Abendland) und dem mystischen (fernöstlichen) Denken. Des Weiteren differenziert er die Wissenschaften. Mit Beginn des Forschens in Richtung Quanten- und Relativitätstheorie kratzen wir an unserem zweiwertigen Denkrahmen und nähern uns den fernöstlichen Denkmöglichkeiten an. Das meine ich wieder im Kontext des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie eben bereits angereicht.

      Beste Grüße,
      Conny

  11. Ekynos says:

    Ich denke, es gilt hier mehrere Faktoren in Bezug auf den Begriff “Denkrahmen” zu unterscheiden:
    1) Den eigentlichen Prozess der Findung einer eigenen Überzeugung, der im Wesentlichen im Gehirn/Neokortex stattfindet
    2) Den kulturellen Aspekt der Schaffung von Denkrahmen

    Zu 1)
    Ein Großteil unseres Denkens verläuft unbewusst. Das bewusste Denken macht nur einen sehr geringen Teil dessen aus, was an Verarbeitungsprozessen innerhalb unseres Körpers abläuft. Und davon ist auch nur ein kleiner Teil wiederum rational geprägt. Erfahrungen nehmen uns den größten Teil der “Denkarbeit” ab, indem unbewusst Muster analog zu Signaturen von Ereignissen verglichen werden und ein möglicher Verlauf prognostiziert wird. Lediglich der bewusst ablaufende Teil ist dabei in einen stringenten Ablauf gegliedert und gibt uns die Illusion einer Realität, das was Freud als “Ich” bezeichnete. Während in der “westlichen” Philosophie der Wert auf eben diese Stringenz von Unterbewusstsein zu Bewusstsein gelegt wird, mit scharfer Abtrennung zum Zweck eine “Persönlichkeit”, wird dieser Aspekt in der “östlichen” Philosophie aufgelöst in Richtung “Eins-Sein” mit Allem.

    Dabei sind wir Meister im “Uns-Selbst-Belügen”, da wir, ausgehend von einer kohärenten, rational handelnden Persönlichkeit, davon ausgehen, dass alle unsere Handlungen einer rationalen Begründung unterliegen müssen. Forschungen auf dem Gebiet, zB mit Menschen, bei denen rechte und linke Gehirnhälfte aufgrund eines Unfalls oder Geburtsfehler getrennt sind, zeigen, dass wir unbewusst Handlungen ausführen können und erst danach eine Begründung liefern, warum wir so gehandelt haben, wie wir handelten. Wenn wir gehandelt haben muss diese Handlung ja auch einen Grund gehabt haben und unser Gehirn ist großartig im Liefern von Begründungen.

    Das “intuitive” Handeln, wie zB beim Kauf eines Joghurts, ist derart alltäglich, dass es keiner bewussten Aufmerksamkeit mehr bedarf und damit als Routine “nebenbei” läuft. Ich kann parallel dazu ein Gespräch mit einer Bekannten führen. Wenn man mich danach fragt, wieso ich diesen Joghurt ausgewählt habe, fängt mein Gehirn an, Begründungen zu suchen. Ich habe den Joghurt ja bewusst ausgewählt, also muss ein rationaler Vorgang stattgefunden haben. Ich war ja in dem Augenblick bewusst und habe den Joghurt bewusst gekauft. Also muss es eine Erklärung geben und mein Gehirn liefert mir diese Erklärung. Aber ist das dann eine rationale Erklärung, oder ist es lediglich eine Nachbetrachtung eines derart alltäglichen Vorgangs, dass ich ihn nur “am Rande” bewusst wahrgenommen habe, so dass ich erst an der Kasse merke, dass ich überhaupt Joghurt gekauft habe? Es ist weder Gefühl noch Rationalität, sondern einer der vielen automatisiert ablaufenden Prozesse, die wir täglich unbewusst vornehmen und die uns erst dann bewusst werden, wenn wir uns auf den Vorgang konzentrieren, zB weil in den Nachrichten ein Hinweis kam, dass in Joghurtsorte XY Glassplitter gefunden wurden. Dann planen wir bewusst, einen Joghurt nicht zu kaufen und konzentrieren uns beim Kauf auf eben diese Aufgabe. Wäre das dann rationale Planung? Oder ist hier nicht die Angst vor Glassplittern der auslösende Moment?

    Diesen biologischen “Denkrahmen” bewusst zu gestalten ist nahezu unmöglich. Eine permanente Aufmerksamkeit und ein rationales Durchdringen jeder Aufgabe kann unser Körper nicht leisten und dazu ist unser Gehirn nicht ausgelegt. Das ist dann allerdings keine Frage einer Zeit in der Geschichte oder der jüngeren biologischen Vergangenheit, da der mit der kognitiven Verarbeitung und Mustererkennung hauptsächlich beschäftigte Hirnbereich relevante Gehirnbereich, der Neokortex, zwar jüngeren Ursprungs ist, aber auch schon einige Jahrtausende auf dem Buckel hat. Hier gibt es zum Menschen des Altertums oder des Mittelalters keinen großen Unterschied. Hier sehe ich daher keinerlei Ansätze für eine fehlende Weiterentwicklung unsere Denkrahmens.

    2)
    Mit dem Begriff “Kultur” steh ich etwas auf Kriegsfuß, da er von der Oper bis hin zur traditionellen Überlieferung von Geschichten so ziemlich alles beinhaltet, was Menschen jemals erschaffen haben. Ich vermeide diesen Begriff daher und spreche von einem Wissenstransfer, der jeder nachfolgenden Generation die Traditionen und das Wissen der vorhergehenden Generation vermittelt. Da hier nicht nur gesellschaftliche Traditionen vermittelt werden, sondern auch das soziale Umfeld emotional prägt, ginge der Begriff “Kultur” hier weit an dem vorbei, über was ich sprechen möchte und würde suggerieren, dass es tatsächlich so etwas wie eine abgegrenzte “Kultur” geben würde, die den nachfolgenden Generationen vermittelt werden würde.

    Der Wissenstransfer ist für Menschen überlebensnotwendig und entscheidend für die Anpassungsfähigkeit an unsere Umwelt. Da wir von Geburt an nicht darauf festgelegt sind, eine bestimmte Sprache zu sprechen, in einer bestimmten Umwelt zu leben oder eine bestimmte soziale Ordnung einzuhalten sind wir vollkommen davon abhängig, was uns andere Menschen beibringen, bzw. was wir selbst über unsere Umwelt in Erfahrung bringen können. Diese Lernphase ist entscheidend für die spätere Ausprägung des Bewusstseins, allerdings im Hinblick auf die gesammelten Erfahrungen als Entscheidungsgrundlage.

    Hier sehe ich nun einen Ansatz für die These, dass sich unser Denkrahmen seit dem Mittelalter nicht weiterentwickelt hat, im Hinblick auf eine verengte Weitergabe von Informationen an die nachfolgende Generationen, die bestimmte alternativen Sichtweisen nicht zulassen würden. Unter Bezug auf 1) würde dies bedeuten, dass den Menschen Muster vorenthalten werden würden, die es ihnen ermöglichen würden, andere Sichtweisen als eine vorherrschende Sichtweise zu entwickeln. Ich denke, diese Theorie ist nicht haltbar, da sich gerade seit dem Mittelalter die Möglichkeiten, sich selbst Wissen anzueignen, exponentiell vermehrt haben. Historisch gesehen gab es stets einen Kampf um die Deutungshoheit gesellschaftlicher Verhaltensweisen, vor allem in religiöser Hinsicht. Die Prägung nachfolgender Generationen auf bestimmte gesellschaftliche Normen war von größter Bedeutung und konnte relativ simpel durch zB Priesterkasten aufrecht erhalten werden. Wissen wurde nur in sehr kleinen Mengen gespeichert und nur selektiv vermittelt. Dies bedeutete eine gewisse Stabilität und Planbarkeit in Gesellschaften, da die Bandbreite möglicher Handlungsweisen gering gehalten wurde. Ein Beispiel hierfür sind zB zB deutsche Mennoniten, die in Brasilien Gemeinden gründeten und in denen jegliche Anpassung an “Modernität” verpönt ist. Ob Wissen gut oder schädlich ist, legt der zuständige Gemeindepfarrer fest.

    Das ist allerdings nicht mehr der Zustand der Welt, in der wir leben. Mit dem exponentiellen Anstieg an Wissen und auch Zugang zu Wissen seit Erfindung des Buchdrucks wird es immer schwieriger, eine “Deutungshoheit”, oder, um den Begriff hier doch einmal einzuwerfen, eine Kultur, oder gar eine “Leitkultur” zu definieren, die dann verbindlich für die Menschen wäre.

    Eine zweiwertige Logik, wie sie von zahlreichen Philosophen gelehrt wurde, ist nicht biologisch festgelegt (siehe 1), sondern könnte lediglich durch Begrenzung auf eben diese Theorie bestehen. Hierfür müsste man allerdings das hierarchische Speichern von Informationen im Gehirn notgedrungen derart reduzieren, dass die gesamt Welt in Schwarz und Weiss fällt, was aber nicht mehr der Lebenswirklichkeit der menschen entspricht, sondern einer “rationalen” Betrachtung im Nachhinein, sprich: wenn man wissen will, warum das Huhn über die Straße ging, wird man immer eine Erklärung anbieten können. Aber diese Erklärung bedeutet nicht, dass sie richtig ist und viel weniger noch, dass es die einzig mögliche Erklärung ist. Dadurch, dass der Fokus derart auf die für die favorisierte Erklärung positiven “Indizien” eingeengt wird, kommt es erst zu der Ausschließlichkeit (Sachzwang 🙂 ), die ich auch in der These “Unser Denkrahmen hat sich seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt” entdecke. Übrigens ist es kennzeichnend, dass es auch in der fernöstlichen Philosophie diese Sichtweise gibt, allerdings als eine sich ergänzende Sichtweise zum Ganzen (zB Yin/Yang), die Hegel ua. in seiner Dialektik aufgegriffen hat (und die selbst wiederum prägend für die Aufklärung gewesen ist). Diese Denkweise bleibt aber nicht bei der Dichotomie stehen, sondern führt zu einer Synthese, die wiederum selbst der Dialektik unterliegt, in einem fortlaufenden Prozess.

    Diese “Rastlosigkeit” des Denkens, des “Niemals-Ankommens” (der Reise des Verstehens) ist es aber gerade, die für den Identitätssuchenden den Reiz und für den Das-Gefundene-Bewahren-Wollenden die Gefahr seiner Identität/Integrität ausmacht. An diesem Scheidepunkt wird “Kultur” zu einem Kampfbegriff, an dem festgemacht wird, welche Fixpunkte in einer Gesellschaft vorhanden sein müssen, um dem Einzelnen Identifizierungsmöglichkeiten zu bieten, die aufgrund des Wegfalls des sozialen Halts zB einer Familie nicht mehr gegeben sind. Gerade aus diesem Ringen um die Deutungshoheit entstehen die Spannungen, die für die gesellschaftlichen Veränderungen notwendig sind. Sie führen zwar zu einer Verengung des Blickwinkels auf die “Weltgeschichte” als einen Ablauf von Entscheidungen, aber dieser Blickwinkel ist stets die Meta-Ebene, auf der eine Begründung gefunden werden muss.

    Die Kategorien sind soziale Konstrukte, aber diese sind nicht mehr allgemeingültig, da es keine homogene Gesellschaft mehr gibt, wie sie im Mittelalter noch Bestand hatte. Die Menschen entwicklen sich rasant weiter, was die Möglichkeit zur Informationsgewinnung und Erweiterung unseres Erfahrungsspielraums anbelangt. Vor 20 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass heutzutage fast jeder Mensch in Deutschland einen Computer in der Hosentasche mit sich herumträgt, der es ermöglicht, auf einen Großteil des Menschheitswissens innerhalb von Sekundenbruchteilen zuzugreifen. Im Mittelalter wäre dies reine Magie gewesen. Trotzdem sind wir auch hier immer noch an die uns bekannten Erfahrungen gebunden, allerdings haben wir ein enormes Potential, diese Erfahrungen zu festigen oder zu hinterfragen. Ob dies jedoch Freiheit oder Fluch ist bleibt der Entscheidung jedes Einzelnen überlassen.

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