Unser Denkrahmen hat sich seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt

Verwundert Sie die im Titel dieses Posts verfasste These? Glauben Sie dieser? Möchten Sie mehr über die Hintergründe dazu wissen? Dann folgen sie mir gerne auf meiner kleinen Reise in die Historie unseres Denkrahmens.

Doch lassen Sie mich bevor wir starten den Begriff “Denkrahmen” ein wenig näher erläutern. In diesem Kontext geht es nicht darum was wir denken, also nicht um Denkinhalte. In Bezug zu den Inhalten können wir natürlich schon einen Fortschritt zum Mittelalter vorweisen. Es geht im Denkrahmen eher darum wie wir denken, also darum welche Muster und Paradigmen unseren Denkprozessen zu Grunde liegen, um Inhalte überhaupt denken zu können.

Ich habe bereits in meinem Post Vernetztes Denken ist (noch?) eine Illusion ausgeführt, dass auch die Methoden des vernetzten Denkens, sei es nun das Sensitivitätsmodell von Vester, die Know-Why Methode von Consideo, System Dynamics oder die Methode des ganzheitlichen Problemlösens von Gomez und Probst, in diesem Kontext keinen Fortschritt darstellen. Diese Methoden stellen allenthalben von uns betrachtete Situationen vernetzt dar, sie animieren aber nicht zum vernetzten oder ganzheitlichen Denken, also zum Erweitern unseres Denkrahmens.

Deutlich und noch einmal aus einem anderen Blickwinkel, als ich es in meinem oben genannten Post dargestellt habe, stellt Falko A. Cerny diesen Fakt in seiner Zeitreise in unser Denksystem dar. Die im Titel aufgestellte These habe ich übrigens seiner Reise entnommen. Er sagt unter anderem sinngemäß in seinem Blog, den ich wärmstens empfehlen kann (Achtung: Stand heute ist der Blog eingeschränkt und nicht mit allen Funktionalitäten über mobile Endgeräte erreichbar.)

Methoden und Werkzeuge unseres alten Denksystems, die uns ein vernetztes Denken “versprechen” wollen, verschlimmbessern diese missliche Lage nur noch. Sie sorgen nur noch mehr dafür, dass wir das eben genau nicht tun können.

Sie machen uns quasi blind dafür, die im Titel des Posts aufgestellte These wahrzunehmen. Ist ja auch klar. Denn Methoden und Werkzeuge, die aus unserem alten Denksystem entstanden sind, sind blind dafür, zu erkennen, dass dieses System erweitert werden muss.

Aber was sind genau die Prämissen, die aus unserem alten Denksystem der zweiwertigen Logik nach Aristoteles entstanden sind, und denen wir blind trauen. Hier nehme ich wieder Bezug zu Cerny.

  1. Wir denken, um die endgültige Wahrheit zu erlangen.
  2. Wir denken analytisch, in dem wir also Probleme in Teile zerlegen.
  3. Wir denken, um Objektivität herzustellen.
  4. Wir denken in Entweder-Oder Relationen.
  5. Wir denken im Rahmen unserer Logik.
  6. Wir denken in Beziehungen, die auf Ursache-Wirkung beruhen.

Auf die Erklärungen dahinter möchte ich hier an dieser Stelle gar nicht detaillierter eingehen. Diese finden Sie in in kurzer prägnanter Form hier dargestellt. Ich werde aber jetzt, um Ihnen die oben dargestellten Paradigmen zu veranschaulichen, Beispiele aus unserem täglichen Leben anreichen.

Ob wir krank sind sagt uns das Fieberthermometer.

Wenn Sie sich krank fühlen ist sicherlich eines der ersten Griffe, die sie tätigen das zum Fieberthermometer, oder? Für mich ist das jedenfalls so. Aber was passiert, wenn Sie sich schlecht oder unwohl fühlen, vielleicht auch einen heißen Kopf haben und das Thermometer spuckt einen Wert von 36,8 °C aus? Ich sage dann in der Regel: “Cool, ich bin doch nicht krank.” Aber was machen wir damit? Wir entfremden uns von uns selber. Wir legen unser Wohl und Wehe in ein technisches Gerät, welches übrigens eine Errungenschaft unserer zweiwertigen Logik ist. Wir haben nicht mehr auf uns. Dieses Beispiel habe ich übrigens aus einem Vortrag des österreichischen Physikers und Philosophen Herbert Pietschmann im Rahmen der Internationalen Ferdinand Ebner Gesellschaft. Im Rahmen dieses Vortrages reflektiert er ebenfalls unseren Denkrahmen mir den Implikationen daraus. Ab sofort mache ich mit das immer wieder bewusst, wenn ich krank bin. Ich muss aber auch zugestehen, dass ich trotzdem noch immer zum Fieberthermometer greife.

An dieser Stelle möchte ich eine Eingrenzung des Denkrahmens machen. Es geht hier um unser abendländisches Denken, da genau dieses auf die Zweiwertigkeit von Aristoteles aufsetzt. Das betone ich hier noch einmal ganz deutlich, denn die Asiaten beispielsweise unterliegen diesen Prämissen im Denken nicht. Das stellt Pietschmann in seinem Vortrag ebenfalls sehr anschaulich dar.

Wenn wir krank sind oder waren suchen wir um alles in der Welt nach der Ursache.

Auch mein zweites Beispiel handelt von Krankheit, die uns Menschen ab und zu heimsucht. Ich erkenne bei mir, aber auch bei meinen Mitmenschen immer wieder das gleiche Muster, wenn wir mal schniefen und uns die Nase läuft. “Wo um Himmelswillsen habe ich mich bloß erkältet?” Wir suchen nach Ursachen. Immer wieder und ohne Ende. Haben wir sie dann ausfindig machen können oder glauben zumindest dies getan zu haben, sind wir zufrieden. Aber warum? Weil wir Sicherheit haben, dass uns das nicht noch einmal passiert? Wie oft waren Sie in Ihrem Leben schon erkältet? Ich auf jeden Fall mehr als einmal. Wenn wir doch immer so genau die Ursachen für unsere Erkältungen kennen, warum erkälten wir uns dann nur immer wieder? Dieses Beispiel führt Pietschmann übrigens ebenfalls in seinem oben angeführten Vortrag an.

Ob ein Unternehmen Erfolg hat sagen uns unsere Kennzahlen.

Das kennen wir aus der Wirtschaft ebenfalls zu Genüge. Ob ein Unternehmen erfolgreich ist sagen einzig und allein unsere Kennzahlensysteme. Klar, wir haben ja auch akribisch diese Systeme aufgebaut. Warum also hinterfragen? Schauen sie sich gerne unsere Gewinn und Verlustrechnung (GuV) in Unternehmen an. Axel Schröder, einer meiner Weggefährten auf meiner Reise des Verstehens, möchte ich an dieser Stelle gerne aus seinem Post Die Gewinn und Verlustrechnung – aufgepasst, eine trügerische Zahlenwelt! zitieren

Überspitzt man diesen Effekt und stellt sich ein Unternehmen vor, daß Jahr für Jahr Waren herstellt und nur auf Lager legt, also kein einziges Teil verkauft (!), macht dieses Unternehmen laut Gewinn und Verlustrechnung jedes
Jahr einen Gewinn.

Das bedeutet natürlich nicht komplett auf Kennzahlen verzichten zu müssen. Ich wurde beispielsweise vor geraumer Zeit von einem meiner Mitarbeiter nach einem Projekt-Dashboard gefragt, damit ich stets um den Stand aller laufenden Projekte weiß. Ich entgegnete nur, dass ich kein Dashbaord benötige. Mir genügen Gespräche mit den jeweiligen Projektbeteiligten. Da erfahre ich viel mehr über die Projekte, da ich auch wahrnehmen kann, wie der Status der Projekte von den Beteiligten dargestellt wird und nicht nur was dargestellt wird. Mehr zum Thema Kennzahlen erfahren Sie gerne, wenn Sie Lust auf Mehr haben, in meinem Post Kennzahlen in Unternehmen – eine Versöhnung ist angebracht

Ob ein Kind gut oder schlecht in der Schule ist sagen uns die Noten.

Bald werden ja wieder die Halbjahreszeugnisse verteilt. Eltern und Kinder sind gleichermaßen gespannt. Wie gut lernen wohl meine Kinder in der Schule? Die Noten werden es mir schon sagen. Ich habe mir angewöhnt, wenn meine Kinder nach Hause kommen, zu hinterfragen, ob sie den Lernstoff auch verstanden haben und in der Lage sind, diesen zu hinterfragen und anzuwenden. Auf die Noten gebe ich persönlich relativ wenig, auch wenn ich weiß, dass diese wichtig sind. Aber nur weil unser derzeitiges System uns dass genau so vorgibt. Meine Kinder sollen nicht für mich und meine Frau lernen, weil wir uns freuen, wenn sie mit guten Noten nach Hause kommen. Auch dazu kann ich Ihnen einen Post von mir anbieten, wenn Sie Lust auf mehr Details haben.

Bei der Lösung von Problemen ist eine Methode oder ein Weg entweder gut oder schlecht. Beides ist ausgeschlossen.

Projektmanagement ist eine meiner Professionen. Deshalb werde ich schon seit einigen Jahren immer wieder mit dem Kampf zwischen agilen und klassischen Projektmanagementmethoden konfrontiert. Es gibt Verfechter der klassischen und der agilen Methoden. Entweder man steht auf der einen oder auf der anderen Seite. Aus Sicht der jeweiligen Fraktion ist man entweder gut oder schlecht. Darauf lasse ich mich aber gar nicht ein, da die beiden Lager aus meiner Sicht einen Schattenkampf führen. Denn. Keine Methode ist grundsätzlich schlecht oder gut, sondern je nach Kontext mal mit weniger oder mit mehr Nachteilen einsetzbar. Detaillierte Gedanken dazu habe ich im folgenden Video dargelegt.

Fußball darf natürlich beim Aufzählen von Beispielen nicht fehlen. An der derzeitig misslichen Situation des BVB in der Fußball Bundesliga erkennt man wieder sehr eindrucksvoll, dass das Handhaben von komplexen Situationen sehr eng mit dem Handhaben von Widersprüchen verbunden ist, da das Leben nun mal aus Widersprüchen aufgebaut ist. Auf der einen Seite müssen die Verantwortlichen des Vereins begreifen, dass man folgerichtig in der unteren Tabellenregion steht. Man ist von der derzeitig gezeigten Qualität auf dem Platz her eben nicht besser als ein Abstiegsplatz. Ein ewiges Rufen, dass man eigentlich besser ist, verhindert das Spielen, dass einem Abstiegskandidaten gebührt, Kratzen und Beißen und nicht Schönspielen. Ein Blick in die ruhmreiche nahe Vergangenheit ist hier eher kontraproduktiv. Auf der anderen Seite dürfen die Spieler auch nicht so verunsichert werden, dass sie aufgrund dieses Hinterfragens der eigenen Qualität Fehler über Fehler machen, weil sie sich nichts mehr zutrauen. Ein Blick in die ruhmreiche nahe Vergangenheit tut dann eher gut.

Es gilt also aus Sicht der Führung des Vereins beide Sichtweisen authentisch zu bedienen und sich nicht stur auf einen Pol zu verlieren. Das ist schwer. Denn wenn die Verantwortlichen und Spieler Marschrichtungen solcher Art in Interviews äußern würden, würde ihnen sicher von der Öffentlichkeit Orientierungslosigkeit vorgeworfen werden. Klar. Entweder-Oder. Ein Drittes ist ausgeschlossen.

Fazit

Sie finden sicherlich weitere Beispiele, die unseren Denkrahmen entschleiern und damit die gedachten Denkinhalte entmystifizieren.

Ich möchte mit diesem Post ermutigen, die Grenzen unseres Denken zu erkennen und diese auch zu erweitern. Wir können und sollten in kleinen Schritten anfangen. Nicht alles negieren, was uns groß gemacht hat, sondern nur erweitern. Auch ich bin gefangen in unserem Denkrahmen. Logisch. Aber bereits ein Reflektieren über unsere Denkmuster reicht schon aus. Das ist ein erster Schritt. Der Rest kommt dann automatisch. Glaube und hoffe ich. Aber genau dieser erste Schritt fällt uns so unglaublich schwer. Denn mit einem Hinterfragen negieren wir uns teilweise selber. Das erfordert Mut.

Aber nicht nur ein möglicherweise fehlender Mut hält uns davon ab, über unser Denken nachzudenken. Denn dass müssen wir wie gesagt tun, um unseren Denkrahmen zu hinterfragen. Es ist ein so genanntes Denken zweiter Ordnung. Denn tun wir das, bewegen wir uns bereits am Rande unseres Denkrahmens und müssen ihn wahrscheinlich schon ankratzen, was wohl der Grund ist, weshalb wir uns hier seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt haben. Wollen wir uns damit zufrieden geben?

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28 Responses to Unser Denkrahmen hat sich seit dem Mittelalter nicht weiter entwickelt

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