Sind Ziele sinnlos?

Vor einigen Wochen wurde ich durch einen Post mit dem Titel Sind wir zielgeil von Peter Addor in seinem Blog zu Komplexitätsmanagement zum Nachdenken angeregt. Im Folgenden möchte ich die im Titel dieses Posts gestellte Frage aufgreifen und beantworten.

Wie können wir Ziel definieren?

Bevor ich diese Frage jedoch analysiere, macht es Sinn sich den Begriff Ziel bewusst zu machen. Was verstehen wir also unter einem Ziel?

Ein durch freie individuelle Auswahl und Entscheidung oder gesellschaftspolitische Entscheidungen und Entscheidungsprozesse unter verschiedenen Handlungsmöglichkeiten projektierter, in der Vorstellung und Planung antizipierter zukünftiger Zustand, der zugleich Orientierung ist für die jeweils gegenwärtigen Handlungen und Handlungsfolgen; auch ein als Folge historischer Entwicklungen und Entwicklungsprozesse angenommener oder erkannter zukünftiger Zustand, der ebenfalls zur Orientierung des Handelns gemacht werden kann.

Peter Addor hat mich bezugnehmend auf einen Kommentar, den ich zu seinem Post formulierte, aufmerksam gemacht, dass man nicht den Fehler begehen sollte, Ziel und Zweck zu verwechseln. Das möchte ich zum Anlass nehmen, die Definition des Begriffes Zweck nachzuschieben.

Orientierung von Handlungen und Handlungsfolgen; im engeren Sinne das, was durch (bewussten) Einsatz bestimmter Mittel in Handlungen geplant und verfolgt wird, was dies als zweckmäßig bestimmt und durch diese erreicht wird.

Beide Definition, die von Ziel und die von Zweck, habe ich dem Meyers enzyklopädischen Lexikon von 1979 entnommen.

Ich mache die Erfahrung, das Ziel und Zweck im umgangssprachlichen Gebrauch nicht sauber getrennt werden. In der Griechischen Sprache werden Ziel und Zweck gleich mit “telos” übersetzt. Ist das vielleicht auch ein Grund dafür? Wohl nicht, denn im Englischen existieren unterschiedliche Übersetzungen, “Goal” oder “Objective” für Ziel und “Purpose” für Zweck. Die etymologische Betrachtung zeigt, dass Zweck von Zwecke kommt. Mit einer Zwecke wurde beim Armbrustschießen das Ziel markiert. Ziel und Zweck gehören also schon irgendwie zusammen. Nur kann man diesen Zusammenhang noch deutlicher zeichnen? Ich werde dies an 2 Beispielen versuchen.

Ich habe einen Gegenstand verloren. Diesen suchen zu wollen, ist nicht zwecklos, denn ich will den Gegenstand ja wieder haben. Die Suche ist aber in Abstufungen mehr oder weniger ziellos, je nachdem welche Informationen mir vorliegen, wo der Gegenstand ungefährt sein könnte. Die Suche kann dann zwecklos werden, wenn keine Aussicht auf Erfolg besteht, den Gegenstand zu finden. Hier kann man zwecklos dann mit sinnlos gleichsetzen. Nun noch das zweite Beispiel. Angenommen, Sie besitzen ein kleines Auto und bekommen mit Ihrer Frau oder Ihrem Mann ein Kind. Sie haben nun die freie Entscheidung, dass kleine Auto in Kauf zu nehmen oder für sich als Ziel auszuloben, ein größeres Auto aus Gründen des erhöhten Platzbedarfes käuflich zu erwerben. Der Zweck wäre, dieses Auto dann zu benutzen.

Sind Ziele denn nun sinnlos?

Wir haben jetzt eine Basis geschaffen, diese Frage zu beantworten. Aber der Reihe nach. Kann man das Setzen von Zielen mit dem Planen gleich setzen? Nein. Vielleicht kennen Sie ja auch das Planungsparadoxon.

Je genauer voraussagbar die Zukunft ist – je stärker sie determiniert ist – desto besser funktioniert Planung. Und. Je stärker die Zukunft determiniert ist, desto weniger hat ein Unternehmen Einfluss auf sie, das heisst desto sinnloser ist die Planung.

Wir wissen alle, dass die Zukunft eben nicht vorhersagbar ist. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass wir irgendwie in die Welt hineinleben sollten. Die Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen ist eben, dass Ziele sich ändern können und in der Regel auch tun. Alleine durch getätigte Handlungen erweitern wir unser Wissen und ändern damit unter Umständen unsere Sichten und Meinungen, was wiederum Einfluss auf Ziele haben kann.

Ziele sind Leitmotive für unser Handeln und haben in erster Linie nichts mit einer ungewissen Zukunft zu tun. Ohne Ziele hätten wir keinen Willen zu agieren. Der Weg ein Ziel zu erreichen ist nicht im voraus zu definieren. Das resultiert aus der Zukunft, die nicht im voraus berechenbar ist. Leider wird dieser Fakt viel zu häufig vernachlässigt, in dem viel zu detailliert geplant wird. Dann hechelt man dem Stück Papier nach, auf dem der Plan steht. Man wird der Sklave seines eigen erstellten Planes und beraubt sich so der notwendigen Flexibilität. Es ist also essentiell Ziele definieren. Dann fängt man an, dieses Ziel erreichen zu wollen. Während “des Erreichen wollens” der Ziele müssen diese stetig validiert werden. Ziele müssen zu einem jeweiligen Zeitpunkt stets konkret sein, was aber nicht heißen soll, dass sie “in Stein gemeißelt” und damit in der Zukunft nicht änderbar sein dürfen. Ganz im Gegenteil.

Ziele benötigt man, um überhaupt erst einmal einen “ersten Schritt” gehen zu können. Dabei muss dieses Ziel auf der einen Seite konkret sein, sonst hätte man keine ausreichende Grundlage für den ersten Schritt und würde in eine Starre verfallen. Das Ziel muss aber auch von Herzen gewünscht sein, sonst würde man den “ersten Schritt” gar nicht gehen wollen. Ein Ziel ist also stets konkret. Die Frage bleibt, ob ein Ziel noch valide ist. Das gilt nur im Jetzt. Was danach ist wissen wir nicht. An dieser Stelle macht es keinen Sinn detailliert zu planen. Man weiss nicht, was nach dem “ersten Schritt” kommt. Man kennt das Ergebnis nicht, man weiss nicht ob das erwartete Ergebnis dem entspricht, was man angepeilt hat. Man weiss aber auch nicht, ob das erwartete und auch eingetretene Ergebnis jetzt noch zum Ziel führt. Man weiss ebenfalls nicht, ob das Ziel, welches zu dem “ersten Schritt” geführt überhaupt hat noch valide ist. Ziele müssen stets validiert werden, in der Regel gegen andere Ziele. Hier erkennt man die Kreiskausalität der Ziele untereinander. Man kann hier auch sehr gut die Begriffe Effektivität und Effizienz einflechten. Effektiv bin ich, wenn meine Ziele noch valide sind, sie sich also nicht gegenseitig konterkarieren (Die richtigen Dinge tun). Effizient bin ich, wenn mein Weg noch in Richtung Zielerfüllung zeigt (Die Dinge richtig tun). Beides ist notwendig: Die richtigen Dinge richtig tun. Dabei gilt das Wort “richtig” ausschließlich im Jetzt und ist stets subjektiv. Es ist also abhängig von Raum und Zeit.

Man sollte auch davon abgehen, Planen als ein Vorhersagen der Zukunft zu verstehen. Planen ist eher ein Gestalten der Zukunft. Jeder einzelne Akteur hat mit seinen Handlungen Einfluss auf die Zukunft, er ist kein unbeteiligter Beobachter, der einmal in die “Glaskugel” schaut und sich dann zurücklegt und auf das wartet was kommt.

Betrachten wir das Thema einmal von der anderen Seite. Wenn wir meinen keine Ziele zu benötigen, weil sie sich ja eh ändern, können wir auch gleich aufhören Mahlzeit einzunehmen, denn wir bekommen ja sowieso wieder Hunger. Ihre Kinder könnten das Aufräumen ihres Zimmers verweigern mit dem Vorwand, das es ja wieder unordentlich wird. Oder wir könnten gleich aufhören nach Glück im Leben zu suchen, da wir ja Alle sowieso irgendwann sterben werden.

Fazit

Ziele sind nicht umsonst, ganz im Gegenteil, sie sind das Lebenselexier unseres Handelns und damit unserer Entwicklung.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 Bewertung(en), Durchschnitt: 5.00 von 5)
Loading ... Loading ...
Teilen Sie diesen Beitrag gerne auf Ihren sozialen Kanälen: These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • Facebook
  • LinkedIn
  • Twitter
  • XING
This entry was posted in Komplexität, Management und Leadership and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

24 Responses to Sind Ziele sinnlos?

  1. Pingback: Komplexitäten entstehen aus Einfachheiten, sind aber schwer zu handhaben « Initiative Wirtschaftsdemokratie

  2. Pingback: Reise des Verstehens » Blog Archiv » Blogparade im Kontext “Komplexität”

  3. Pingback: Komplexitäten entstehen aus Einfachheiten, sind aber schwer zu handhaben - Initiative Wirtschaftsdemokratie

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *