New Work: Das ewige Rufen in die Leere

New Work verkommt in meinen Beobachtungen zu einem Hype, was schade ist, denn die Gedanken und Ideen hinter diesem, mittlerweile zum Buzzword verkommenen Begriff, sind gut und passfähig. Mit diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, was in meinen Augen wichtig wäre, um New Work “zum Fliegen” zu bringen.

Meine Beobachtungen

Welche Thesen höre ich in Verbindung mit New Work häufig?

  1. Menschen sollten Erfüllung bei der Arbeit finden.
  2. Menschen sollten das tun, was sie wirklich wollen und können.
  3. Menschen sollten sich einbringen können.
  4. Menschen sollten wissen warum sie überhaupt da sind und welchen Wert sie generieren.
  5. Menschen sollten sich weiter entwickeln und lernen können.
  6. Menschen sollten ihre Arbeit gerne ausführen.

Sie finden sicherlich noch eine ganze Reihe weiterer positiv besetzter menschenzugewandter Punkte. Diese Inhalte teile ich auch voll und ganz, da sie für mich so unglaublich logisch klingen. Ich finde nicht einen der oben aufgeführten Punkte, wo ich guten Gewissens das Gegenteil behaupten könnte. Die Inhalte sind für mich also banal.

Die Erdung für diese Validierung hole ich mir übrigens regelmäßig zu Hause, bei meinen beiden Kids, die noch nicht im System “Wirtschaft” unterwegs sind. Wann immer ich in der Vergangenheit zu Hause erzählt habe, worüber wir im Kontext Arbeit häufig sprechen, werde ich schmal angeschaut. Meine Kids fragen dann häufig, warum wir über Sachen sprechen, die doch so klar sind.

Einen Großteil unserer Lebenszeit verbringen wir mit Arbeit. Und dann besprechen wir solche Banalitäten. Es ist, als würden wir uns stetig darüber unterhalten, ob es sinnvoll wäre, Nahrung zu uns zu nehmen. Wir verspüren Hunger und es liegt Essen vor uns, wir unterhalten uns aber darüber, wie wir das Besteck wohl in den Händen halten sollten und ob das Besteck auch glänzend genug ausschaut.

Wir reden immer wieder über Inhalte, weil wir merken, dass diese Inhalte nur unzureichend umgesetzt werden. Ein stetes Wiederholen dieser Inhalte macht die Sache aber nicht besser. Ich stelle mir eher die Frage, warum so unglaublich richtige scheinende und auch von vielen Menschen geteilte Ideen nicht umgesetzt werden. Dafür muss es einen Grund geben. Und den finde ich in den herrschenden Strukturen im System “Wirtschaft”.

Frithjof Bergmann

Doch bevor ich auf die von mir beobachteten Gründe zu schreiben komme, möchte ich mich dem Begriff “New Work” historisch zuwenden. Frithjof Bergmann hat diesen Begriff in den 70-iger Jahren des letzten Jahrhunderts erfunden und mit Inhalten ausgeprägt. Er erkannte, dass das “Job-System” am Ende sei und nahm das als Basis, zu ergründen, ob wir Menschen uns von der “Knechtschaft der Lohnarbeit” befreien können. Für diese Befreiung waren seiner Meinung Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft die zentralen Werte dieser “Neuen Arbeit”. Er teilte Arbeit in 3 Bereiche ein.

  1. Erwerbsarbeit („smart consumption“)
  2. Selbstversorgung auf höchstem technischem Niveau („High-Tech-Self-Providing“)
  3. „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“

Möchten Sie gerne mehr zu seinen Ideen erfahren, empfehle ich dieses Interview, in dem Bergmann sehr ausführlich über sein Leben und seine Ideen berichtet.

Ich glaube, dass wir mittlerweile einen Fortschritt erreicht haben, in dem der von Bergmann benannte 3. Teil der “Neuen Arbeit”, Arbeit, die wir wirklich, wirklich wollen, mehr als früher überwiegen kann. Das höre ich auch in vielen Diskussionen des derzeitigen New Work Hypes heraus, siehe die von mir am Anfang dieses Beitrags genannten Thesen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Diskutanten Bergmann und sein Hauptwerk “Neue Arbeit, Neue Kultur” überhaupt kennen. Andreas Zeuch hat das Buch im Rahmen seiner Buchtipps hier rezensiert.

Mittlerweile gibt es auch einige Erweiterungen der Ideen von Bergmann, um die heutigen neuen gesellschaftlichen Einflüsse adäquat zu berücksichtigen. An dieser Stelle möchte ich Markus Väth mit seiner New Work Charta erwähnen. Ich schätze Markus sehr für diese Initiative. Ich habe selbst unterschrieben. Die untere Abbildung stammt aus dem Beitrag, der über den obigen Link einzusehen ist. Ich habe die Abbildung am 01.06.2020 entnommen.

Allerdings wird in all den mir bekannten Initiativen ein Knackpunkt nicht betrachtet. Warum schaffen wir es nicht, diese doch so guten menschenzugewandten Ideen umzusetzen? Oder, was muss passieren, damit wir diese Ideen umsetzen können? Es geht immer wieder nur um Inhalte. In meinen Augen sollten wir uns nicht darauf konzentrieren, noch eine 6., 7. oder 8. inhaltliche Dimension zu finden, um New Work zu definieren. Wir sollten eher ergründen, welche Grundbedingungen geschaffen werden sollten, um diese Inhalte umsetzen zu können. Darüber schreibe ich nun.

Gründe für Nicht-Umsetzung von New Work

Was sind eigentlich die Bindungskräfte zwischen Menschen und Unternehmen? Was bringt Menschen dazu, sich formal einem Unternehmen anzuschließen? In meiner Beobachtung überwiegt diesbezüglich Angst. Die Angst, aus dem System ausgeschlossen zu werden, beobachte ich immer wieder bei Menschen. Verlieren Menschen ihren Job, verdienen sie kein Geld mehr, was dazu führt, dass ihre Lebensfähigkeit geschwächt wird. Wie soll denn Miete, die laufenden Kredite, die Ausbildung der Kinder, Lebensmittel etc. bezahlt werden?

Auf Basis von Angst lässt sich relativ schlecht kreativ sein. Angst führt auch nicht unbedingt dazu, dass Menschen sich wirklich verwirklichen wollen oder Fortschritt befeuern. Menschen mutieren im Rahmen der Arbeit zu Erfüllungsgehilfen. Hier kommt mir das Sprichwort „Beiße nie die Hand, die Dich füttert!“ in den Sinn.

Ich glaube wir sollten an genau diesen Bindungskräften ansetzen, um eine Basis zu schaffen, die Ideen rund um New Work umzusetzen. Angst muss hier anderen Gefühlen weichen. Besser wäre, wenn Menschen nur dann Mitglied in einem Unternehmen sind, wenn sie es wirklich wirklich wollen. Die Hürden für Ein- und Austritt dürfen nicht allzu hoch sein. Lebensfähigkeit der Menschen sollte davon weniger tangiert werden. Damit wird die Durchlässigkeit von Unternehmen erhöht, was dazu führt, dass Unternehmen wieder ihren eigentlichen Aufgaben nachgehen können, Verringerung von Knappheit in Gesellschaft, womit sie dann einen Wert generieren würden.

Mit dieser beschriebenen Durchlässigkeit wird übrigens nicht nur die Macht der Unternehmen in Richtung Menschen verringert (Drohung mit Arbeitslosigkeit und damit Ausschluss), sondern auch die Macht der Unternehmen in Richtung Politik (Drohung mit vielen Arbeitslosen). Beispiele für das Ausspielen dieser Macht sind derzeit wieder zu beobachten, siehe Abwrackprämie der Automobilhersteller oder die staatliche Hilfe für Lufthansa. Die großen Unternehmen können in Krisen, und nicht nur dann, die Politik “erpressen”. Läuft das Business schlecht, besteht die Gefahr, dass viele Menschen arbeitslos werden, weshalb diese Unternehmen systembedingt gar nicht untergehen dürfen.

Da macht es in meinen Augen auch überhaupt keinen Sinn, die Manager dieser Unternehmen zu kritisieren. So lange unsere Strukturen die Möglichkeit hergeben, auf so einfache Art und Weise Geld zu “verdienen”, wird es auch weiterhin geschehen.

Mit dieser Durchlässigkeit schaffen wir Strukturen, in denen Unternehmen sich ausschließlich auf Basis ihrer Wertgenerierung für Gesellschaft ihre Lebensfähigkeit sichern müssen, und nicht einzig und allein auf Basis ihrer Größe. Wie lässt sich das erreichen? Eine Möglichkeit finde ich mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen und damit mit einer Zweiteilung des Gehalts. Diese Zweiteilung des Gehalts befeuert auch die von Bergmann vorgesehene Dreiteilung der “Neuen Arbeit”. Details habe ich in diesem Paper beschrieben.

Innerhalb der jetzigen Strukturen ist New Work nicht nur Business Theater, oder mehr “Schein als Sein”. Nein, es ist in meinen Augen auch menschenverachtend. Menschen wird immer wieder suggeriert, dass sie sich doch einbringen und verwirklichen könnten, was die Strukturen aber nicht befeuern, sondern eher im Gegenteil. Sie müssten, um das zu tun, den Mut aufbringen, sich gegen die Strukturen aufzulehnen, was ich persönlich aber niemals von Menschen verlangen werde.

Ohne Etablierung neuer Strukturen, in denen Unternehmen Macht genommen wird, bleibt das Rufen nach New Work ein Rufen ins Leere.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (4 Bewertung(en), Durchschnitt: 4.50 von 5)
Loading ... Loading ...
Teilen Sie diesen Beitrag gerne auf Ihren sozialen Kanälen: These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • Facebook
  • LinkedIn
  • Twitter
  • XING
This entry was posted in Ökonomie und Wirtschaft and tagged , , . Bookmark the permalink.

7 Responses to New Work: Das ewige Rufen in die Leere

  1. Lieber Conny,

    Danke für den Artikel. Finde du bringst es auf den Punkt.
    Was mir dazu einfällt ist ein wunderbares Buch „Primed to Perform“ von Neel Doshi und Lindsay McGregor. Darin beschreiben sie das Total Motivation Modell, das mir meine Sicht auf Motivation,Motive und Verhalten nachhaltig verändert hat.
    Vor allem unterscheiden sie zwischen direkten Motiven, also Motiven für Handlungen die zwischen mir als Person(mit meinen Werten und Haltungen) und der Aktivität and sich liegen. Da sprechen wir von Play, Purpose und Potential, also jenen Faktoren die die ganze New Work Debatte forciert.
    Dem entgegen halten sie indirekte Motive, die zwischen mir als Person und meiner Umwelt, dem System liegen. Dabei handelt es sich um Emotionalen Druck, Wirtschaftlichen Druck und Trägheit. Also Dinge die du hier beschreibst. Das spannende ist, dass alle Motive gleichzeitig in uns vorherrschen nur unterschiedlich ausgeprägt. Überwiegt die direkte Seite steigt die Wahrscheinlichkeit (an)passungsfähig zu handeln. Überwiegt die indirekte, steigt die Wahrscheinlichkeit dass ich mich an vorgegebene Pläne halte, also rein ausführend tätig bin.
    Nun rate mal, nach welchen Motiven unsere Systeme aufgebaut sind?

    • Hallo Manuel, ganz lieben Dank für Deine Reaktion und Deine Buchempfehlung. Spannend. Und ja, mir ist wohl bewusst, nach welchen Motiven unser System aufgebaut ist. BG, Conny

  2. Eva Köppen says:

    Hey Conny,
    Super Artikel, vielen Dank für die klaren Gedanken.
    Eine Sache interessiert mich,und zwar weshalb du niemals Menschen empfehlen würdest, sich gegen die Struktur aufzulehnen?

    • Hi Eva,

      danke für Deine Reaktion. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass ich alleine mit einer Empfehlung an Menschen, sich gegen Strukturen aufzulehnen, diese in Zugzwang bringe, dass auch zu tun. Und dann “marschieren sie immer auf der Rasierklinge” vom System ausgespült zu werden. Ich würde Menschen aber auch nicht davon abhalten wollen, wenn sie es tun wollen, vorausgestzt natürlich, dass das im Rahmen unserer Gesetze geschieht.

      BG, Conny

  3. Eva Köppen says:

    Hey Conny

    Zwei Gedanken habe ich noch:
    1. Die immanente Kritik der Frankfurter Schule ist sehr hilfreich,um solche Programme im Hinblick auf ihre Entsprechung in der Realität zu überprüfen. Stimmen Programm und Realität nicht überein, führt dies zur modernen Form von Entfremdung (siehe Rahel Jaeggi, Hartmut Rosa).
    2. Arbeit ist nicht trivial, Essen auch nicht. Beides ist politisch. Ich finde anhand des Essensvergleich lässt sich die New Work Problematik gerade gut erklären. Ich kann liebloses und schädliches “Process Food” zu mir nehmen oder die Herkunft meiner Ernährung hinterfragen, meinen Konsum bewusst steuern, selbst herstellen usw. Ähnlich verhält es sich mit der Arbeit. Meinst du nicht?

    LG

    • Liebe Eva,

      zu 1) Du schreibst: “Stimmen Programm und Realität nicht überein, führt dies zur modernen Form von Entfremdung.” Oh ja. Da stimme ich zu, habe es oft beobachtet.

      zu 2) Über diesen Vergleich denke ich mal nach. Danke für den Impuls.

      BG, Conny

  4. Pingback: And the Winner is … | Reise des Verstehens

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *