Komplexität und Sprache: Der Versuch einer Definition

Ich möchte heute in diesem Beitrag den Versuch einer Begriffsdefinition von “Komplexität” vornehmen und dabei gleichzeitig erörtern, warum das Fühlen und Erfahren von Komplexität ganz eng mit unseren sprachlichen Mitteln zu tun hat und damit etwas rein Subjektives ist. Dabei möchte ich nicht thematisieren, wie Komplexität entsteht, sondern unter welchen Umständen wir Menschen wie Komplexität fühlen.

Die Realität an sich ist für uns nicht wahrnehmbar. Wir benutzen zur Wahrnehmung der Umwelt stets Modelle. Ohne Modelle kann kein Leben existieren. Die sensorischen Rezeptoren des Menschen – egal ob sie Druck, Geschmack, Licht, Wärme, Klänge, Geräusche etc. absorbieren – nehmen ausschließlich die Intensität, nicht aber die Natur der Erregungsursache auf. Das bedeutet, die Nervenzellen des Menschen – übrigens aller anderen Lebewesen auch – kodieren die Quantität der Erregung (stark, mittel, schwach, …), aber nicht die Qualität. Eingängiger als Heinz von Foerster es in seinem Buch Wissen und Gewissen formuliert hat, geht es meines Erachtens nicht. Deshalb möchte ich Ihn zitieren.

…da draußen gibt es nämlich in der Tat weder Licht noch Farben, sondern lediglich elektromagnetische Wellen; da draußen gibt es weder Klänge noch Musik, sondern lediglich periodische Druckwellen der Luft; da draußen gibt es keine Wärme und keine Kälte, sondern nur bewegte Moleküle mit größerer oder geringerer durchschnittlicher kinetischer Energie usw.

Jeder Mensch entdeckt die Welt aus seiner subjektiven Sicht. Statt “Entdecken” möchte ich eigentlich genauer “Konstruieren” sagen. Dinge wie der Tisch oder der Stuhl sind in der Umwelt vorhanden. Das kann man natürlich nicht absprechen, was die Konstruktivisten auch nicht tun. Wir geben diesen Dingen aber erst eine Bedeutung, die aus unserer Erziehung, Bildung, Kultur etc. resultiert und verknüpfen diese Bedeutung mit Symbolen, nämlich der Sprache, um uns mit anderen Subjekten, die ebenfalls in der Umwelt existieren, auszutauschen. Durch das Zuschreiben der Bedeutung, konstruieren wir unsere Umwelt. Wir schreiben den Dingen (Objekten) und auch den anderen Menschen (Subjekten) unserer Umwelt eine Bedeutung zu. Das ist wichtig, um die Umwelt überhaupt wahrzunehmen. Das bedeutet, das Wahrnehmen hängt essentiell von der von uns verwendeten Sprache ab. Deshalb kann man auch nicht die Frage beantworten, ob wir unsere Umwelt eigentlich real und vollständig wahrnehmen können. Wir beschreiben nämlich immer nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist für uns unfassbar, da diese nicht beschreibbar und somit nicht wahrnehmbar ist. Das bedeutet, die Sprache bestimmt zu einem großen Bestandteil unseren Wahrnehmungs- und damit auch Denkprozess. Objektivität gibt es nicht. Details können Sie gerne in meinem Aufsatz Ist Objektivität eine Illusion? nachlesen.

Es ist ja noch vertrackter, denn es ist ja nicht nur so, dass wir die Signale , die wir aus der Umwelt empfangen, auf Basis unserer internen Modelle transformieren. Nein, wir können physiologisch gesehen gar nicht alle Signale der Umwelt aufnehmen. Das für Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich der elektromagnetischen Strahlung von 380−780 nm Wellenlänge. Menschen hören Schwingungen zwischen 20 und 20000 Hz. Das menschliche Auge nimmt pro Sekunde 10 Mio. Bits Daten auf, davon werden nur 40 Bits vom Gehirn für den Menschen unbewusst verarbeitet. Das menschliche Ohr nimmt pro Sekunde 100 Tsd. Bits Daten auf, davon werden nur 30 Bits vom Gehirn für den Menschen unbewusst verarbeitet.

Bestimmt Sprache also auch die Art und Weise, wie und ob wir Probleme und Themen als komplex einstufen? Klar. Geht ja gar nicht anders, wenn wir den ersten Sätzen dieses Beitrages Glauben schenken. Dementsprechend interessant wäre es dann ja, Komplexität über die Verfügbarkeit von sprachlichen Mitteln zu definieren. Dazu kommen wir gleich.

Wir können also nicht die komplette Umwelt, die um uns umgibt, erkennen. Und den Bereich, den wir erkennen, transformieren wir auch noch über unsere internen Modelle. Und genau diese internen Modelle sind essentiell im Umgang mit Komplexität, denn diese internen Modelle sind verantwortlich für Möglichkeiten der Beschreibung unserer Umwelt. Also sollten wir auch vorsichtig sein mit dem Satz: “Dieses Thema ist komplex.” Wir sollten eher formulieren “Ich empfinde dieses Thema als komplex.” In diesem Falle ist es dann wohl so, dass mir nicht die notwendigen sprachlichen Mittel zur Verfügung stehen, um beispielsweise ein Thema zu beschreiben. Oder diese gibt es schlicht weg noch gar nicht. Denn wenn ich etwas beschreiben kann, kann ich es auch lösen.

Kommen wir also zu den sprachlichen Mittel. Damit meine ich nicht nur unsere natürlich Sprache, sondern beispielsweise auch die mathematische Sprache. Und in diesem Kontext möchte ich den Begriff Komplexität definieren. Beziehen möchte ich mich hier wieder auf Heinz von Förster. Er definiert in diesem Kontext drei Kennzahlen.

  1. L(A): Länge der Anzahl der Elemente innerhalb einer Anordnung A, die mit einer Berechnungsvorschrift beschrieben werden sollen. Beispiel: Alle geraden Zahlen 0, 2, 4, 6, …
  2. L(B): Länge der Beschreibung B von A, die benötigt wird um die Anordnung der Elemente A vollständig explizit zu beschreiben. Beispiel für alle geraden Zahlen: Dn+1 = 2∗Dn für n = 0, 1, 2, … mit D0 = 0
  3. N: Anzahl der Zyklen, die benötigt werden um die Anordnung der Elemente A aus ihrer Beschreibung B zu berechnen.

Mit Hilfe dieser Kennzahlen definiert von Förster drei Begriffe. Als erstes die Ordnung. Gilt L(A) > L(B), also die Beschreibung der Anordnung der Elemente A ist viel kleiner als die Anordnung der Elemente A selber, dann sprechen wir von Ordnung. Im oben aufgeführten Beispiel mit den geraden Zahlen ist das der Fall. Von Förster sprocht deshalb von Ordnung, weil wir ein gewisses Wohlsein verspüren, da wir recht einfach wahrgeneommene Erfahrungen der Umwelt beschreiben und deshalb auch beherrschen können. Als zweites definiert von Förster das Gegenstück von Ordnung, nämlich Unordnung. Von Unordnung sprechen wir, wenn die Länge der Beschreibung L(B) sich der Länge der Anordnung der Elemente L(A) annähert, also L(A) ≈ L(B). Ist man beispielsweise mit der Mathematik nicht so vertraut, würde das obige Beispiel der geraden Zahlen “unordentlich” erscheinen. Denn man würde die folgende Beschreibung B definieren: “Schreibe erst die 0, dann die 2, dann die 4 usw. usf.”. L(B) wäre sehr groß und würde sich L(A) von der Mächtigkeit her angleichen. Als letztes kommen wir zum Begriff der Komplexität.

N gibt ja die Anzahl der Zyklen, die benötigt werden, um die Anordnung der Elemente A mithilfe der Beschreibung B zu berechnen, wieder, ist also ein Maß für die Kompliziertheit und Komplexität. Bei meiner Interpretation weiche ich ein wenig von der von Försters ab. Ist N endlich spreche ich von Kompliziertheit, die mit steigendem N größer wird. Ist N unendlich spreche ich von Komplexität. Von Förster beispielsweise definiert den Begriff Kompliziertheit nicht. Wie wir am obigen Beispiel der geraden Zahlen gesehen haben, ist Ordnung und Unordnung, und damit auch die Einstufung in komplex und kompliziert, abhängig von der Sprache, die uns zur Verfügung steht. Komplexität ist nichts Gott Gegebenes. Menschen drücken ihre Wahrnehmungen durch Sprache aus. Sprache ist ein von Menschen kreiertes Konstrukt. Komplexität wird durch den Menschen in der Beschreibung einer Situation erst erzeugt und ist immer im Kontext zu den Problemen und Situationen und zu den benutzten Sprachmitteln zu sehen.

Das sollte man sich noch einmal langsam und genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Komplexität wird von Menschen erfunden. Falls Sie diesen Fakt noch nicht so ganz glauben möchten, gebe ich Ihnen einige weitere Beispiele dazu.

  1. Für Schüler der dritten Klasse ist die Aufgabe “4 geteilt durch 3” in der Regel nicht lösbar. Erst mit der Einführung der rationalen Zahlen, also dem Erweitern des Raumes der sprachlichen Mittel, verlässt diese Aufgabe die Ebene der Komplexität.
  2. Ähnlich verhält es sich mit der Einführung der komplexen Zahlen. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich aus negativen Zahlen die Quadratwurzel ziehen.

Kompliziertheit und Komplexität bilden auf einem gedachten Strahl ein Kontinuum ab. Verweisen möchte ich in diesem Kontext auf Gerhard Wohland, der Kompliziertheit und Komplexität ebenfalls in Beziehung setzt. Jedes Thema oder Problem hat stets beide Anteile, komplexe und komplizierte. Es gilt also die zu lösenden Aufgaben und Probleme in komplizierte und in komplexe Anteile zu zerlegen. Für die komplizierten Anteile gibt es, da man diese Anteile sprachlich beschreiben kann, Rezepte für eine Lösung. Die Lösung lässt sich programmieren und an Maschinen vermitteln. Für die komplexen Anteile gibt es eben keine Rezepte, da man keine Beschreibung findet. Die Lösung lässt sich nicht programmieren und damit auch nicht auf Maschinen verteilen. Hier ist der Mensch gefragt. Deshalb tituliert Wohland die komplexen Anteile auch als “lebendig” und die komplizierten als “tot”. Dieses Interview mit Wohland zu diesem Thema kann ich Ihnen wärmstens empfehlen.

Des Weiteren möchte ich auf die von mir immer wieder wahrgenommenen Kategorienfehler hinweisen, die im Kontext von komplex und kompliziert geschehen. Für diese Reflektion möchte ich auf das bekannte Cynefin-Modell verweisen und dieses aus meiner Sicht notwendigerweise erweitern, da es zu Kategorienfehler zwischen Kompliziertheit und Komplexität verleitet. Nach diesem Modell werden die Kategorien “einfach”, “kompliziert” und “komplex” auf eine Ebene platziert. Das ist aus meiner Sicht nicht passfähig. Die Einstufung “einfach” und damit auch “schwierig”, die es im ursprünglichen Modell nicht gibt, existiert eine Ebene höher in beiden Kategorien, “kompliziert” und “komplex”. “Einfach” ist also nicht gleich “einfach”.

“Einfach” in der Kategorie “kompliziert” bedeutet, dass die Kennzahl N, siehe oben, relativ klein ist. Je größer N wird, desto “schwieriger” wird das komplizierte Problem. Für “komplexe” Fragestellungen ist die Kennzahl N, wie oben ausgeführt, unendlich. Es liegt keine Beschreibung im Raum der zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel vor. Es kann damit auch kein Wissen existieren, welches in Form eines Rezeptes zu einem Lösungsweg geformt werden kann. Denn Wissen zu einem Thema kann nur existieren, wenn wir etwas Beschreibbares zu diesem Thema vorliegen haben. Hier sind Erfahrung und Talent essentiell. Je größer oder kleiner Erfahrung und Talent sind, desto eher ziehe ich dann die Einwertungen “einfach”, “schwierig” oder “chaotisch” in der Kategorie komplex heran. Details zu der von mir vorgenommenen Erweiterung des Cynefin Modells können Sie in diesem Beitrag nachlesen.

Man erkennt also, dass die Sprache, also wie wir Probleme oder Situationen beschreiben, extremen Einfluss auf die Lösung des Problems hat. Diese Reflektion möchte ich zum Abschluss auf den derzeitig in vielen Unternehmen stattfindenden digitalen Wandel spiegeln. Eine Herausforderung besteht nämlich darin, dass Begriffe für das Beschreiben des Neuen verwendet werden, die noch mit einer Bedeutung aus dem Bestehenden belegt sind. Möchte man einen Wandel forcieren, sollte man entweder Begriffe verwenden, die es im Bestehenden noch gar nicht gibt, und die man dann natürlich neu definieren muss. Oder man verwendet die bereits bekannten Begriffe, die dann allerdings in der Bedeutung umdefiniert oder erweitert werden müssen. Gute Beispiele sind hier die Begriffe “Planung” oder “Konzept”. Egal welchen Weg man geht, aufmerksame und empfängerorientierte Kommunikation ist essentiell. Dafür ist der Umgang mit den sprachlichen Mitteln extrem erfolgskritisch. Beachtet man den Fakt nicht und benutzt Begriffe aus dem Bestehenden ohne Reframing, kann es passieren, dass sinnvolle Aktivitäten wie Planung oder Konzeptionierung im Neuen verpöhnt und damit verbannt werden, was fatal wäre. Wie wichtig Sprache für das Denken für uns Menschen ist habe ich in diesem Beitrag gezeigt.

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