Agilität – Eine Ode an die Begriffsfummelei

Häufig bin ich in der nahen Vergangenheit an Diskussionen beteiligt, in denen der Satz fällt “Wir müssen agiler werden!” Frage ich dann nach, was das genau bedeuten soll, ist die Antwort von vielen Fachbegriffen, wie “Scrum”, “Retrospektive” oder “Product Backlog Refinement” geprägt.

Heute möchte ich eine kurze und prägnante Beschreibung für Agiles Denken und Arbeiten finden, die keinerlei Fachbegriffe enthält, die also selbst meine 12-jährige Tochter verstehen kann, denn

Schaffen wir das nicht, wissen wir auch nicht wirklich was wir mit “Agil” eigentlich meinen. Wie Einstein schon sagte: “Du hast nicht wirklich etwas verstanden, solange Du nicht in der Lage bist, es Deiner Großmutter zu erklären.”

Für mich besteht Agiles Denken und Arbeiten aus zwei Phasen, die ich aber nur für die Beschreibung hier trennen möchte. In der praktischen Umsetzung ist diese Trennung aus meiner Sicht fatal. Es bestehen fließende Übergänge.

Die Fragen zur Identität und Daseinsberechtigung

Ich muss die Frage zu meiner Identität und Daseinsberechtigung stellen und beantworten, die da wäre: “Für wen stelle ich eine Leistung parat, die einen Bedarf desjenigen deckt und warum ist das so?” Herunter gebrochen muss ich also folgende Fragen beantworten.

  1. Wer hat einen Bedarf, der gedeckt werden soll?
  2. Worin besteht dieser Bedarf?
  3. Was wird für Denjenigen besser, wenn dieser Bedarf dann gedeckt ist?
  4. Mit welchen eigenen Leistungen kann ich diesen Bedarf decken?

Die Beantwortung dieser Fragen hängt ganz entscheidend vom Standpunkt ab. Das möchte ich an zwei Beispielen näher darlegen.

Ich arbeite bei OTTO im BI Bereich. Nehme ich diesen Standpunkt, dann beantworte ich die oben gestellten Fragen beispielsweise in dieser Art. Die Fachbereiche bei OTTO haben den Bedarf, in ihren Geschäftsprozessen stetig bessere Entscheidungen treffen zu müssen, damit die Handlungen besser am Markt ausgerichtet sind, wir den Markt aber auch gestalten können. Bessere Entscheidungen können wir über bessere BI Produkte (Reporting und analytische Modelle) erzielen, die ihrerseits auf relevantere Daten, als heute noch der Fall, basieren. Also erstellen wir genau diese BI Produkte, damit wir zukünftig bessere Entscheidungen treffen können.

Beantworte ich die oben gestellten Fragen aus der Sicht von OTTO als Unternehmen, dann könnte ich diese so beantworten. Das Bedürfnis der Menschen Produkte zu kaufen, um ihren Bedarf zu befrieden, wird wohl auch in Zukunft noch präsent sein. Wir als OTTO sind Händler und möchten unseren Kunden in diesem Kontext ein unvergessenes Einkaufserlebnis bieten, inklusive dem Service. In diesem Sinne müssen wir unseren Kunden auf für den Kunden einfache und intuitive Art und Weise Produkte anreichen, die er sucht und nirgendwo anders in der gleichen Art und Weise findet.

Es ist also ganz wichtig, als erstes den Standpunkt oder anders gesagt den Kontext zu bestimmen, aus dem man heraus agil denken und arbeiten möchte. Die Antworten zu den Fragen bestimmen dann nämlich maßgeblich die Aktivitäten, die durchzuführen sind.

Des Weiteren liegt es in erster Linie an der Änderungsgeschwindigkeit des Umfeldes (OTTO als Umwelt von BI und der Markt als Umwelt von OTTO), in welchen Zeitintervallen diese Fragen immer wieder neu beantwortet und damit die Antworten validiert werden müssen. Dafür gibt es kein Rezept, ist also eine unternehmerische Entscheidung.

Das Operationalisieren der eigenen Identität

Habe ich die oben genannten Fragen beantwortet, kann ich die Mehrwertströme evaluieren, entlang dieser die Leistungen erstellt werden müssen. An den Beispielen oben erkennt man also relativ einfach, dass es in einem Unternehmen stets mehrere Mehrwertströme gibt. Entlang dieser Mehrwertströme müssen Aktivitäten definiert werden, die den Durchsatz an Leistungen direkt erhöhen und solche, die als Support für diese Aktivitäten dienen. Diese Supportaktivitäten haben die Aufgabe, Engpässe im Mehrwertstrom aufzudecken und diese zu beseitigen. Das Management gehört übrigens ebenfalls zum Support in diesem Sinne. Sie haben also einen ganzheitlichen Charakter und finden nie ein Ende, denn, wenn in einem Mehrwertstrom an einer Stelle ein Engpass eliminiert wurde, taucht an anderer Stelle ein neuer auf, der dann wieder beseitigt werden muss. Genau genommen geht es an dieser Stelle um die Theory of Constraints (ToC) von Eliyahu Goldratt.

Alle Aktivitäten, die weder direkt zum Mehrwertstrom gehören, noch zu den Supportaktivitäten zuzurechnen sind, sollte man sein lassen. Das Finden der relevanten Handlungen findet man durch das Stellen von Fragen, wie.

  1. Wer genau benötigt diese Aktivität in welchem Mehrwertstrom im Unternehmen?
  2. Was genau wird dann in welchem Mehrwertstrom besser im Gegensatz zu heute?
  3. Und warum ist diese Verbesserung wichtig?

Diejenigen, die beispielsweise eine Feinkonzeption zu einer umzusetzenden Anforderung einfordern, kann man mit solcher Art von Fragen herausfordern konkret zu werden. Sie kommen dann nämlich von ganz alleine darauf, dass beispielsweise für Leistungen, die man noch nie erstellt hat, auch keine Aktivitäten definiert werden können, die zum Erhalt dieser Leistungen erforderlich sind, und man deshalb weg kommen sollte, alles vorher auf Papier zu konzipieren, sondern eher in ein Test-Lern-Zyklus übergehen sollte. Ähnlich verhält es sich hier mit der Forderung nach langfristiger Planung.

Wie gesagt, ich würde niemals sagen, dass man diese Aktivitäten grundsätzlich in Unternehmen nicht mehr benötigt. Sie müssen eben nur einen Mehrwert generieren, entweder direkt im Mehrwertstrom oder eben als Support für den Mehrwertstrom. Und genau das bekommt man heraus, wenn man die 3 oben aufgeführten Fragen beantwortet.

Und was bedeutet nun “Agil”?

Oft bekomme ich als Reaktion auf meine Begriffsklärung von “Agil” die Antwort, dass ich diese mit “Lean” und “xyz” vermische, woraufhin ich dann entgegne, was denn besser werden würde, wenn wir den Aufwand spendieren, über diese Begriffsklärung zu diskutieren. Die Antwort ist dann meist ein Bestandteil der leeren Menge.

Für mich bedeutet “Agilität” also nicht das Geben von Antworten, sondern eher das Stellen relevanter Fragen, die, wie man oben sieht, einen relativ generischen Charakter haben. Je nach Kontext, fallen dann aber natürlich die Antworten spezifisch aus. Diese Antworten müssen dann immer noch die Menschen finden. Maschinen können das nicht, da Maschinen keinen Kontext ermitteln können. Den Maschinen wird der Kontext stets per Programmcode einfiltriert. Mehr dazu gerne hier. Deshalb hat Agilität auch wenig mit Methode zu tun, sondern eher mit Haltung und Einstellung, womit wir auch schon zu den Herausforderungen überleiten können.

Aber vorher möchte ich die in fett gestellte Frage beantworten. Ganz ehrlich? Mir ist vollkommen egal was “Agil” bedeutet, so lange wir uns in den Unternehmen die Fragen zur eigenen Identität und zur Operationalisierung dieser immer wieder in regelmäßigen Abständen beantworten. Wir vergeuden, so meine Wahrnehmung, viel zu viel Zeit damit Begriffsklärungen vorzunehmen, als uns die eigentlich relevanten Fragen zu beantworten. Dementsprechend klinke ich mich häufig aus diesen Diskussionen aus oder versuche die Diskussion in Richtung der wichtigen Fragen zu lenken.

Warum fällt es uns so schwer, die oben dargelegten Fragen zu stellen und zu beantworten?

Die Themen, die ich nun aufliste, sollen weder den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, noch sollen sie die allgemeingültige Wahrheit spiegeln. Sie basieren auf Basis meiner Wahrnehmung der letzten Jahre.

Das Reflektieren der oben aufgestellten Fragen hat eher etwas mit einer notwendigen Einstellung, denn mit einer Methodik zu tun. Das habe ich oben bereits kurz angerissen. Darin sind wir Menschen aber nicht mehr so geübt. Wir fragen bei Problemstellungen viel zu häufig nach Best Practice und suchen Hilfe im Außen, als dass wir uns auf uns besinnen und denken wollen.

Des Weiteren müssen die Fragen stets von einem klar definierten Standpunkt her gestellt und beantwortet werden. Bezogen auf die obigen Beispiele “BI bei OTTO” und “OTTO als Unternehmen” kann man das sehr schön erkennen. Unsere westliche Gesellschaft, die wir natürlich selbst erschaffen haben, hat uns aber zu “Egoisten” werden lassen. Das macht es uns immer wieder schwer, Sachverhalte mit den Augen anderer zu beschreiben, Adressatengerechte Kommunikation fällt uns schwer. Diesen Fakt kann man hier sehr eindrucksvoll untermauert nachlesen.

Einen letzten Fakt möchte ich in diesem Kontext anreißen, nämlich die Notwendigkeit, dass wir einen neuen Denkrahmen benötigen, der unter anderem wieder mehr Menschlichkeit in der Wirtschaft zulässt. Unser jetziger, der auf der Zweiwertigen Aristotelischen Logik aufgebaut ist, sperrt nämlich unsere Lebendigkeit aus, weil er Widersprüche exkludiert. Uns ist es im jetzigen Denkrahmen nicht geläufig in Kreisläufen zu denken. Statt dessen suchen wir stets nach einem Anfang und einem Ende. Dies beinhaltet die Schwierigkeit in uns bergend prozessual und zirkulär zu denken. Uns ist es angenehmer statisch und linear zu denken, was nicht nur darin resultiert, dass wir unsere Unternehmen funktional in beispielsweise “Vertrieb”, “Einkauf”, “Logistik” aufbauen und eben nicht entlang der Mehrwertströme. Wir suchen noch nicht einmal nach diesen Mehrwertströmen. Möchten Sie mehr im Kontext Denkrahmen erfahren gerne hier nachlesen.

Zum Schluss eine Rückkopplung zum Anfang meines Posts. Meine Tochter versteht das Konzept hinter Agilität, wahrscheinlich besser als manch hoch bezahlter Manager der Wirtschaft. Sie war in dieser Woche beim “Boys & Girls Day” bei uns in der Firma. In diesem Kontext habe ich mit ihr diese Gedanken besprochen. Sie sagte dann im Laufe des Gesprächs, dass es klar ist im Unternehmen genau so zu agieren. Sie ist wohl noch nicht so sehr im alten Denkrahmen verhaftet wie wir es sind. Unser westliches Bildungswesen zeigt also noch keine so massiven Wirkungen.

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6 Responses to Agilität – Eine Ode an die Begriffsfummelei

  1. Pingback: [Reise des Verstehens] Agilität – Eine Ode an die Begriffsfummelei

  2. Wieder eine spannende Betrachtung, die auch meine Aussage bestätigt: “Resilient können nur Menschen und nicht Maschinen sein. Diese können durch Robustheit zur Resilienz der Menschen beitragen.”

    Die zunehmend rein betriebswirtschaftlich durchgeführten und auf einen möglichst raschen ROIs ausgerichteten Betrachtungen und Entscheidungen werden uns wohl noch teuer zu stehen kommen … vor allem im Infrastruktursektor, wie ich das etwa gestern auch in meinem Newsletter (http://www.herbert.saurugg.net/2016/blog/newsletter/vuk-newsletter-19) thematisiert habe.

    Leider scheinen wir als Gesellschaft nicht in der Lage zu sein, rechtzeitig zu (umzu)lernen, sondern halten krampfhaft an alte Denkmuster fest, die zwangsläufig in das Tal der Tränen führen müssen.

    Aber trotzdem ist es wichtig, dass wir bereits Alternativen haben und dann möglichst rasch mit einem Neuanfang beginnen können.

  3. Peter Addor says:

    Sehr gut, Conny, wie immer! Beim lesen Deiner Zeilen flogen meine Gedanken weiter und griffen ein Thema auf, das sich weniger um den Begriff “agil” rankt als viel mehr um Teleologie.

    Seit ISO9000, dann später in TQM, Lean Management und heute wieder im agilen Ansatz wird immer diese Kundenbezogenheit in den Mittelpunkt gerückt. Das hat mich stets etwas irritiert. Eigentlich habe ich nie etwas für einen Kunden oder Auftraggeber gemacht, sondern stets mit ihm zusammen. Einer kommt mit einem Bedürfnis, dann ist es auch mein Bedürfnis und ich schlage ihm vor, die dabei auftauchenden Probelme gemeinsam zu lösen.

    Wie Du richtig sagst, müssen wir vom Egoistendenken zu einem Gemeinschaftsdenken kommen. Das Konzept der Wirtschaftsströme unterstützt aus meiner Sicht das Egoistendenken, weil ich dann sagen kann, dass das Bedürfnis/Problem eigentlich nicht meines ist, sonderm demjenigen am Ende des Stroms.

    Lasst uns die Zukunft gemeinsam schaffen und nicht für jemand anderes!

    • Moin Peter,

      danke für Dein Feedback.

      Jede Handlung, die man ausführt, sollte als Sinn und Zweck der Lösung eines Problemes oder der Befriedigung eines Bedürfnisses dienen, und zwar eines “Kunden”. Ich schreibe “Kunde” hier mit Absicht in Anführungsstriche, da dieser sinnbildlich für Menschen steht, denen mit dem Ergebnis der Handlung etwas angereicht wird. Ich als Führungskraft habe beispielsweise meine Mitarbeiter als “Kunden”.

      Jedes Unternehmen hat ganz viele Mehrwertströme, wobei am Anfang und am Ende jeweils die “Kunden” stehen. Natürlich gebe ich Dir Recht, dass Probleme immer zusammen gelöst werden, also MIT dem “Kunden”. ER muss tief involviert werden, womit der “Kunde” also nicht nur am Anfang und Ende der Mehrwertströme steht, sondern essentieller Mitstreiter entlang der gesamten Kette ist. Da bin ich natürlich voll bei Dir.

      BG, Conny

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