Die Finanzkrise verstehen: Zurück an den Startblock

Am Sonntag dem 18. November um 20.30 Uhr war es wieder so weit. Axel Schröder und ich diskutierten und modellierten in der 2. Session unserer Reihe “Die Finanzkrise verstehen”. Die Impressionen von Axel finden Sie hier. Bisherige Ausführungen meinerseits zu diesem Vorhaben möchte ich Ihnen ebenfalls in Erinnerung rufen.

  1. Die Ankündigung
  2. Die 1. Session

Wie Axel in seinem Post zur zweiten Session angedeutet hat, hatten wir im Anschluss unserer ersten Session ein wenig Bauchgrummeln. Wir haben die Komplexität des Themas gefühlt, haben uns in unserer Diskussion dem Thema auch angenähert, haben dabei aber zu wenig die Vorzüge des Einsatzes des CONSIDEO MODELERs gepaart mit einer adäquaten Vorgehensweise genutzt. Das mussten wir natürlich schnellstens ändern. Wir waren uns dementsprechend auch nicht zu schade, in die Startblöcke zurück zukehren. Das bringt die Beschäftigung mit solch komplexen Themen eben mit sich, dass man auch ab und zu eine Kehrtwende macht und bereits dokumentierte Inhalte verwirft. Wir haben ja trotzdem an Erkenntnis gewonnen, die wir in dieser Session in die Diskussion und die Dokumentation im Modell eingebracht haben.

Sie können gerne unsere zweite Session in dem nachfolgenden Screencast verfolgen.

Den derzeitigen Stand unseres Modells finden Sie hier: https://www.imodeler.info/ro?key=ANj20xoaFsmmRZZUCEbwlKg

Ich habe eben bereits die Methodik angeführt, entlang derer wir unsere Diskussion strukturiert haben. Wie können Sie sich diese vorstellen? Als erstes haben wir das Modell komplett bereinigt und sind vom Faktor “Finanzmärkte sind effizient”, das war ja der erste unserer 10 Fehlbehauptungen, die wir nach und nach als Ankerpunkt für unsere Diskussion nutzen wollen, ausgegangen.

Dann stellten wir uns auf der einen Seite der Fragestellung, was verstärkend bzw. abschwächend auf den Faktor “Finanzmärkte sind effizient” wirkt und sind damit zu den Faktoren “Rationales Kaufverhalten der Marktteilnehmer” (verstärkend), “Emotionales Kaufverhalten der Marktteilnehmer” (abschwächend), “Informationssymmetrie herrscht vor” (verstärkend) und “Markträumungspreis nach Angebot und Nachfrage” (verstärkend) gekommen.

Ich möchte Ihnen dieses Wirkverhältnis für einen Faktor gerne in einem Satz formulieren, damit Sie dieses besser nachvollziehen können.

Eine Erhöhung des rationalen Kaufverhaltens der Marktteilnehmer führt dazu das die Finanzmärkte effizienter werden, als wenn die Rationalität des Kaufverhaltens der Marktteilnehmer gleich bliebe.

Details zu den Wirkverhältnissen können Sie in der Stolperfalle 1 meines Posts Drei Stolperfallen der qualitativen Modellierung nachlesen.

Auf der anderen Seite mussten wir dann eruieren welche Wirkungen von dem Faktor “Finanzmärkte sind effizient” ausgehen, auch hier wiederum in den Wirkrichtungen verstärkend und abschwächend, und sind zu den Faktoren “Begrenzung von Übergewinnen2 (verstärkend) und “Informationen zu Produkten sind vollständig in Kursen abgebildet” (verstärkend) gelangt.

Dieses Vorgehen wird dann für jedes der erhaltenen 5 Faktoren wiederum durchgeführt. Es wird also gefragt: “Was wirkt auf diesen Faktor?” und “Worauf wirkt dieser Faktor?” So bildet sich nach und nach das qualitative Ursache-Wirkungsnetz aus. Bei diesem Vorgehen ist der CONSIDEO MODELER eine große Unterstützung, da man bei der Behandlung der einzelnen Faktoren den jeweiligen Faktor stets in das Zentrum (Klick auf den Faktor und dann Klick auf den Button rechts neben dem Faktor) setzen kann und bereits vorhandene Wirkverhältnisse im Zusammenhang mit diesem Faktor direkt angezeigt werden.

Die folgende Abbildung zeigt das derzeitig vollständige Ursache-Wirkungsnetz mit dem Faktor “Finanzmärkte sind effizient” im Zentrum. Die Argumente für die einzelnen Wirkverhältnisse zwischen den Faktoren entnehmen Sie am besten aus dem oben dargestellten Screencast.

Falls Sie mit den Denkprozessen der Theory of Constrains (ToC) vertraut sind, können Sie dieses Vorgehen auch mit dem Aufzeigen des Gegenwartsbaumes vergleichen. Wir sind jetzt also noch nicht auf der Lösungssuche, sondern wir beleuchten die derzeit von uns in der Gegenwart wahrgenommenen Wirkverhältnisse, um über die Symptome (unerwünschte Effekte) die Ursachen (Kernprobleme) aufzudecken. Den Blick in den Lösungsraum werden wir später wagen. Nach ToC ist dies dann das Aufstellen des Zukunftsbaumes, in welchem nach Optionen für das Abstellen der Ursachen gesucht wird. Prof. Frederic Vester, zieht in seiner Sensitivitätsanalyse, falls Sie eher in Richtung dieser Methodik tendieren, diese Unterscheidung übrigens anhand der Einflussmatrix (gegenwärtige Standortbestimmung) und dem Wirkungsgefüge (Möglichkeitsraum für zukünftige Handlungen).

Nun aber genug der Methodik. Es war jedoch wichtig, diese Vorgehensweise noch einmal herauszustellen. Unsere erste Session hat uns das gelehrt.
Kommen wir nun zu den von mir postulierten offenen Punkten aus der ersten Session.

1. Die Effizienztheorie muss in ihre beobachtbaren Eigenschaften der Akteure zerlegt werden und diese müssen auf ihre Wirkungen und Ursachen im ökonomischen Kreislauf hin in das Modell einfließen.

Wir haben derzeit keine Unterscheidung entlang der einzelnen Akteure (Staat, private Haushalte, Unternehmen etc.) vorgenommen. Ob wir das irgendwann benötigen werden wir sehen. Das wird die fortlaufende Diskussion zeigen. Wie Axel in seinen Ausführungen auch anmerkt sind wir alleine mit der Analyse der ersten Fehlbehauptung „Finanzmärkte sind effizient“ nicht lange nicht fertig.

2. Wir müssen das rationale und emotionale Handeln in der Finanzwirtschaft tiefgründiger beleuchten und Ursache und Wirkungen beider Stränge in das Modell einbauen.

Diese Analyse haben wir vorgenommen. In dem Modell können Sie das Ergebnis dieser Analysen erkennen, wenn Sie jeweils eine der Faktoren „Rationales Kaufverhalten der Marktteilnehmer“ oder „Emotionales Kaufverhalten der Marktteilnehmer“ ins Zentrum rücken. Ob die Analyse abgeschlossen ist, können wir jetzt noch nicht sagen, da sich bei den Analysen der bereits existierenden oder zukünftigen Faktoren noch Wirkverhältnisse zu oder von diesen beiden Faktoren auftun können.

3. Die Rollen von Finanz- und Realwirtschaft müssen detailliert werden und in das Modell einfließen.

Diese dedizierte Unterscheidung haben wir derzeit noch nicht vorgenommen. Wir werden aber sicherlich in der weiteren Analyse unweigerlich auf diese kommen.
Nun möchte ich abschließend eine Hypothese mit den von uns dokumentierten Ergebnissen anstellen. Ich möchte schauen, welche Einflüsse derzeit dazu führen, dass spekulative Kursgewinne gemacht werden können. Dazu möchte ich die Erkenntnismatrix nutzen (Klick auf den Faktor “Spekulative Kursgewinne” und dann Klick auf den Button “i” links neben dem Faktor, im Menü dann auf den Button “Matrix” klicken). Dazu möchte ich Ihnen Folgendes zur Erkenntnismatrix anreichen.

  1. Im grünen Bereich rechts oben sind alle Faktoren platziert, die einen verstärkenden Einfluss auf spekulative Kursgewinne haben und dieser verstärkende Einfluss wird mit der Zeit immer größer.
  2. Im gelben Bereich rechts unten sind alle Faktoren platziert, die einen verstärkenden Einfluss auf spekulative Kursgewinne haben, wobei dieser verstärkende Einfluss mit der Zeit immer kleiner und damit vernachlässigbarer wird.
  3. Im blauen Bereich links oben sind alle Faktoren platziert, die einen abschwächenden Einfluss auf spekulative Kursgewinne haben, wobei dieser abschwächende Einfluss mit der Zeit immer kleiner und damit vernachlässigbarer wird.
  4. Im roten Bereich links unten sind alle Faktoren platziert, die einen abschwächenden Einfluss auf spekulative Kursgewinne haben und dieser abschwächende Einfluss wird mit der Zeit immer größer.

Wir erkennen beispielsweise, dass das emotionale Kaufverhalten (liegt im grünen Bereich) die Menge an spekulativen Kursgewinnen anheben lässt und diese Verstärkung mit der Zeit aufgrund von Rückkopplungseffekten sogar noch stärker wird. Emotionales Handeln beschreibt ein Agieren, was man nicht auf etwas Nachvollziehbarem zurückführen kann. Es gibt dafür keine Handlungsanweisungen, die über klare Ursache-Wirkungsbeziehungen dargestellt werden können. Derzeit erkennen wir, dass dann die spekulativen Gewinne zunehmen. Bedeutet dieser Fakt, dass ein „Verzocken“ auf ganzheitlicher Ebene ausgeschlossen werden kann? Tickt hier der Finanzmarkt anders als beispielsweise ein Kasino oder ähnlich? Oder handelt es sich hier nur um eine Umverteilung des Geldes, dass beispielsweise Wenige davon profitieren und immer reicher werden? Diese Fragestellungen können wir noch nicht beantworten. Das muss weiter analysiert werden.

Auf der anderen Seite erkennen, wir dass, wenn alle Informationen zu Produkten vollständig in Kursen dieser gespiegelt werden (liegt im roten Bereich) würden, sich dies abschwächend auf spekulative Kursgewinne niederschlagen würde. Diese Abschwächung würde mit der Zeit sogar zunehmen. Da ja alle Informationen vorliegen macht auch ein Spekulieren keinen Sinn. Wenn ein Spekulieren keinen Sinn macht, wird dies auch weniger getan, was sich dann natürlich in weniger spekulativem Gewinn niederschlägt. Scheinbar habe ich hier eine gute Erklärung für diesen Effekt. Aber stimmt dieser auch in Gänze. Dies werden wir ebenfalls weiterhin eruieren.

In Anbetracht der Länge dieses Posts (Ich musste heute eine bisschen mehr Sätze über die Methodik verlieren) möchte ich es heute bei dieser einen Hypothese belassen. Ich werde in den nächsten Beiträgen mit Sicherheit mehr auf unsere inhaltlichen Diskussionen eingehen und diese reflektieren.

Ich bin in freudiger Erwartung auf unsere nächste Session.

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3 Responses to Die Finanzkrise verstehen: Zurück an den Startblock

  1. wir haben auch ein modell zur krise gebaut – es geht mehr um die makroperspektive. viele spaß beim reinschauen und viel erfolg beim weitertüfteln

  2. Was ist die “Finanzkrise”?

    “Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuss wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.”

    Silvio Gesell (“Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld”, 1916)

    20 Jahre später bezeichnete der “Jahrhundertökonom” J. M. Keynes in seiner “Allgemeinen Theorie (der Beschäftigung der Politik)” dieses Phänomen, das sich zwangsläufig aus der Verwendung von hortbarem Geld mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) ergibt, als “Liquiditätsfalle” – und beschrieb zwei Mittel, um sie hinauszuzögern: Erhöhung der Staatsverschuldung mit Ausgabe des Geldes für Projekte, die den Zinsfuß nicht senken (Löcher graben und wieder zuschaufeln, Kriegsrüstung, etc.), und Geldmengenausweitung.

    Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, gibt es bei der weiteren Verwendung von Zinsgeld nur eine Möglichkeit: Eine umfassende Sachkapitalzerstörung muss den Zinsfuß anheben. Diese früher sehr beliebte “Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” konnte jedoch nur solange der “Vater aller Dinge” sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Was ist Politik?

    “Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.”

    Otto Valentin (“Warum alle bisherige Politik versagen musste”, 1949)

    Was nun?

    “Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren.”

    Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008)

    Der längst überfällige, eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation setzt die Überwindung der Religion voraus, die den Kulturmenschen “wahnsinnig genug” für ein darum bis heute fehlerhaftes Geld machte, lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/einfuhrung-in-die-wahrheit.html

  3. Pingback: Ziele setzen – Ziele erreichen – Bilanz ziehen

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