Einbeziehung subjektiver qualitativer Werte in Messmetriken

Vor geraumer Zeit habe ich mich mit einem meiner Begleiter auf meiner Reise des Verstehens, Peter Bretscher, zum im Titel dieses Posts genannten Thema unterhalten. Peter hat auf seiner Homepage sehr eindrucksvoll und anschaulich dargestellt, warum es längst überfällig ist, qualitative Werte mit in die Bewertung von ökonomischen Zusammenhängen zu integrieren. Einige seiner Beispiele zur Darstellung in Excelform finden Sie hier. Da ich ihm an dieser Stelle uneingeschränkt Recht gebe, habe ich ihm eine Nachricht gesendet, woraus sich ein wie ich finde spannender Dialog entwickelt hat.

Bevor ich Ihnen diesen Dialog hier anreichen werde, möchte ich noch einmal kurz auf subjektive qualitative Werte eingehen und erklären, was wir damit meinen. Auf die Anfrage an Peter ob der Veröffentlichung unseres Dialogs hat sich dieser kurze Exkurs ergeben. Peter hat am Beispiel der Wettervorhersage dargelegt, dass

… dass auch die Wetterfrösche mit einer realen und mit einer „gefühlt wie“ Skala arbeiten. Auch die ordnen einem gefühlten Eindruck eine quantitative Zahl auf einer erfundenen Metrikskala zu. Ich denke schon, dass es auch im ökonomischen Bereich wichtig ist, einfach mal ne Werteskala für subjektive Werte zu postulieren.

Daraufhin habe ich folgendes erwidert.

Das Wetterbeispiel ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen wo wir noch unterschiedliche Sichtweisen haben, was aus meiner Sicht gar nicht schlimm ist, ganz im Gegenteil. Jeder kann für sich auf diese Art und Weise neue Erkenntnis generieren. Für Dich, so verstehe ich Dich, ist es ein Beleg dafür, wie man Qualitäten in Form von subjektiven Gefühlen oder subjektiven Eindrücken in eine Messskala integrieren kann. Für mich bleiben es quantitative Größen, nun aber verkleidet in qualitativen Gewändern. Ganz oft erlebe ich nämlich, dass meine Frau sagt: “Ich friere”. Ich tue es aber nicht. Das bedeutet wir haben unterschiedliche Eindrücke von der Temperatur. Würde man diese darstellen, wären wir vollkommen auf der Ebene der subjektiven Qualitäten. Bei dem Wetterbeispiel frage ich mich, welches der “Ort” dieser gefühlten Temperatur sein soll, ich, meine Frau oder ein idealisierter Mensch? Im dritten Fall, was es ja nur sein kann in diesem Beispiel, hätte man der Subjektivität wieder einmal die Tür vor die Nase zugeschlagen.

Aber nun zu unserem Dialog.

C. Dethloff

Sehr geehrter Herr Bretscher,
mit enorm großem Interesse lese ich gerade Ihre Ausarbeitungen zur Darstellung von KPIs und Kennzahlen über Vektorprofile, speziell das Dokument Advanced tools for Visualizing, Measuring and Managing Intangibles. In der Abbildung 5 dieses Dokumentes erklären Sie das subjektive Werte über die komplexe Ebene der Zahlen abgebildet werden können. Hier habe ich einige Fragezeichen, zu denen ich gleich kommen werde. Vielleicht können Sie mir da helfen, diese aufzulösen.

Grundsätzlich finde ich die Darstellung über Vektoren faszinierend. Ich bin derzeit mit meiner Abteilung dabei, eine BI Lösung für den OTTO-Konzern zu designen und zu implementieren. Dazu gehört auch das Frontend, sprich, wie stellt man Kennzahlen und KPIs dar, dass Sie bestmöglich von den Nutzern wahrgenommen und interpretiert werden können. Vielleicht werde ich diesbezüglich noch einmal gesondert auf Sie zukommen.

Nun aber zu der Frage. Ich habe mir vor geraumer Zeit ebenfalls Gedanken dazu gemacht (Details finden Sie in diesem Post: http://blog-conny-dethloff.de/?p=467), wie Qualitäten in Zahlen dargestellt werden können und bin zu dem Schluss gekommen, dass selbst komplexe Zahlen dafür nicht ausreichen. Man benötigt dafür so genannte qualitative Zahlen. Mit dieser Schlussfolgerung bin ich dann auch der Meinung, dass Subjektivitäten nicht über komplexe Zahlen abgebildet werden können, da stets nur eine Dimension verfügbar ist, nämlich die imaginäre. Diese eine Dimension kann dann nur eine subjektive Sicht auf eine Thematik abbilden. Was mache ich aber, wenn ich n subjektive Sichten habe. Wie bilde ich diese ab?

Ich finde es extrem spannend, dass Sie die subjektiven Sichten in die Darstellung von Kennzahlen einbeziehen, da dies, so ist meine Wahrnehmung, derzeit noch nicht einmal als relevant erkannt wird, geschweige denn eine Lösung danach gesucht wird. Über einen Austausch würde ich mich freuen.

Beste Grüße,
Conny Dethloff

P. Bretscher

Guten Tag Herr Dethloff,
über Ihre Mail habe ich mich gefreut. Man hat zu diesen Themen nicht so viele Diskussionspartner. Speziell auch über Ihre Frage, wie man die Zahlen selbst noch mit qualitativen Informationen “impfen” könnte. Ich muss gestehen – darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Aber ich bin daran, Ihre Gedanken (auch von Baldus und Günther) in dem Post und den Reaktionen nachzuvollziehen.

Qualitative Zahlen haben schon irgendwie ihren Reiz. Aber bis jetzt sind in meinem Weltbild die “qualitativen Eigenschaften” subjektive Einschätzungen (eine von mehreren Eigenschaftsdimensionen), die direkt am Objekt “angedockt” sind. Diese Eigenschaftsdimensionen haben alle ihre subjektive oder objektive (Mass-)Einheit. Aus dieser Perspektive erhalten Zahlen ihre Bedeutung aus der Verbindung mit einer Einheit. Die Beschreibung eines Objektes ist dann ein mehrdimensionaler Vektor – mit genau so vielen Achsen, wie es Metriken gibt die man berücksichtigen will.

Dass man dabei auch “subjektive Metriken” zulässt, ist vielleicht in den Wissenschaften heute nicht so üblich. Aber auch Volta hat für die Beschreibung seiner Versuche zuerst eine “subjektive Zwickskala” eingeführt. Den Spannungsmesser (Voltmeter) gab’s zuerst noch nicht. So steht (aus meiner Perspektive) eben mehr die Entwicklung der Metriken im Vordergrund für eine Lösung.

Für die Berücksichtigung von “n subjektiven Sichten” würde ich aus heutiger Sicht eher zum AHP-System tendieren. Wir haben das AHP-System mal gebraucht, um über das Web Kundensichtweisen abzuholen und mit Kennzahlen aus dem BAB zu kombinieren. Ja – auch diese subjektiven Priorisierungen kann man mit Vektoren visualisieren. Wegen den Fragestellungen im AHP sind es nicht “Priorisierungsachsen” sondern „Priorisierungsebenen“.

Aber vielleicht sollte ich besser das Mail jetzt abschicken und die Variante “Zahlen mit Bedeutung” in Betracht ziehen.

Beste Grüsse
Peter
PS: Können wir zum „Vornamensystem“ wechseln – ist weniger formell

C. Dethloff

Guten Morgen Peter,
gerne wechseln wir zum Vornamen. Ich finde Deine Überlegungen und Ausarbeitungen, mehrere Dimensionen auf einen Blick zu einem “Objekt” darzustellen, extrem spannend. Da werde ich sicherlich einige Anwendungsgebiete finden. Danke für die Anregung.

Ich komme noch einmal zu den Qualitäten zurück. Ich beziehe mich gerne auf das letzte Beispiel in Deinem Dokument. Der intrinsische Wert “use value” ist aus meiner Sicht scheinsubjektiv. Denn bei gleichem Buchwert und unterschiedlichen Kaufpreisen erhält man stets unterschiedliche intrinsische Nutzwerte. Das bedeutet, die Mächtigkeit zwischen objektiven und subjektiven Werten ist gleich. Das kann aber nicht sein. Der Nutzwert wäre nur dann subjektiv, wenn man bei gleichen Buchwerten und gleichen Kaufpreisen auch unterschiedliche Nutzwerte erhalten kann; oder gleiche Nutzwerte erhalten kann, obwohl beispielsweise die Buchwerte oder auch die Kaufpreise unterschiedlich sind. Des Weiteren wird der subjektive Wert auf der Basis von Pythagoras errechnet. Hier übertragen wir Erkenntnisse aus der “materiellen Welt” 1:1 in die “sinnliche Welt”. Da bin ich eher skeptisch.

Gotthard Günther liefert mit seiner Polykontexturalitätstheorie einen Ansatz für die Darstellung von Qualitäten. Dafür erweitert er allerdings den Ansatz der Aristotelischen zweiwertigen Logik. Er macht quasi aus einer monkontexturalen eine polykontexturale Logik, um Subjektivitäten abbilden zu können. Unsere gesamte Wissenschaft ist aber auf der monokontexturalen Logik von Aristoteles aufgebaut und damit unsere gesamte Technik, auch Computer. Derzeit werden die Arbeiten von Günther verschmäht, zumindest in der Abendländischen Welt. Leider.

Details dazu findest Du in meinem Blog unter diesen Tag. Eine sehr gute verständliche Einführung gibt es auch hier. Es freut mich immer wieder Menschen zu finden, mit denen man über diese Thematik diskutieren kann. Sie sind rar gesät. Leider.

Beste Grüße,
Conny

P. Bretscher

Hallo Conny
Bin dabei, den Inhalt Deiner Links auszuloten und zu verstehen. Mit Gotthard Günther habe ich mich bisher noch nicht auseinandergesetzt. Seine Logik der Polykontexturalität – soweit ich sie bisher nachvollziehen kann – kann aus der Sicht “eines Logikers/ Kybernetikers” möglicherweise Sinn machen. Auch an die Grenzen einer “zweiwertigen Logik” bin ich schon mehrmals gestossen. Mir scheint, dass es eigentlich rational wäre, auch das Nicht-Rationale in die logischen Überlegungen einzubeziehen. Aber vielleicht ist es von den Rationalisten halt zu viel verlangt, dass ausserhalb ihrer Erklärungsmodelle auch noch andere Logiken denkbar (und ebenso richtig wie unvollständig) sind.

Zur Beantwortung Deiner Fragen musste ich mich wieder in “meinen Zustand” zurückversetzen, der herrschte, als mir “die Lösung erschien”, das “Werte” sowohl eine objektive als auch eine subjektive Dimension haben. Aktuell bin ich noch nicht so weit, dass ich die Antworten “niet- und nagelfest” niederschreiben kann, ohne dass Missverständnisse auftreten. Worte werden nun mal anders gelesen als sie geschrieben wurden. Ich komme mit den Antworten, sobald ich mit meiner Formulierung zufrieden bin.

Jedenfalls: Einen der Knackpunkte sehe ich in der Bedeutung des Begriffs “Wert” im Bereich der Ökonomie. In meinem Weltbild hat ein Objekt (Ferrari) primär keinen Wert. Nur ein Mensch (als Bewerter) gibt in seinen Kopf dem Objekt (Ferrari) einen (subjektiven, nicht-monetären) Wert. Nur ein Bewerter gibt dem Ferrari seinen Wert. Der Entscheid, dieses Auto zu kaufen, hängt dann von einer ebenfalls subjektiven Bewertung ab, ob dem potenziellen Käfer die Geldmenge oder das Auto mehr wert sei. Der Wert ist also im Kopf des Bewerters und nicht im Objekt. Die Grösse des Wertes im Kopf hat irgendeine “imaginäre” – jedenfalls nicht eine monetäre Einheit, weil diese ja für die ökonomischen Indikatoren wie “Kosten” oder “Preise” bereits verwendet werden. Wenn man also zwei unterschiedliche Einheiten gemeinsam aufzeigen soll, kommt man als Ingenieur aus ganz praktischen Gründen automatisch zu einer “Werteebene” mit einem Vektor. Die Überlegungen zu den Themen Polykontextur, 2D-Logik, Gewichtung der Zahlen können auf dieser Ebene (noch) vernachlässigt werden.

Ich melde mich wieder.

Beste Grüsse
Peter
PS: Chapeau für Deine Wesite

C. Dethloff

Hallo Peter,
danke für das Feedback zu meiner Webseite und zu den Fragen. Ich verbleibe gespannt.
Beste Grüße,
Conny

P. Bretscher

Hallo Conny
Anbei eine hoffentlich lesbare Form

  1. Über Begriffe, Ausgangslage der Entstehung und
  2. Antworten auf Deine Fragen.

Es ist relativ aufwendig, “neue” Sichtweisen möglichst “nachvollziehbar” zu beschreiben. Viele Worte sind ja schon “mit einem Inhalt versehen” und werden aus anderer Perspektive anders verstanden. Auch hat man auf diesem Gebiet nicht gerade viele kompetente Gesprächspartner. Und so hoffe ich, dass ich meine Sicht in diesem pdf-Dokument etwas aufzeigen kann.

Aber vielleicht wäre ein Gespräch besser geeignet, die Sichtweise und die Perspektiven zu beleuchten.

Beste Grüsse
Peter


C. Dethloff

Hallo Peter,
ich stimme mit vielen Deiner Gedanken und Ideen überein, vor allem auch darin, dass wir bei der Bewertungen innerhalb der Wirtschaft endlich Qualitäten oder Subjektivitäten einbringen müssen. Genau an dieser Stelle hänge ich aber noch: Wie errechnet man qualitative Werte?

Bei dieser Berechnung können wir nicht davon ausgehen, dass wir einfach Formeln unserer rationalen Welt in die emotionale Welt transformieren können. Denn wie Du auch schreibst sind die Werte im Kopf des Beurteilers. Wir haben aber bzgl. einer zu beurteilenden Situation tendenziell viele Beurteiler, also auch viele Werte (Wert eines Produktes) bzgl. einer objektiv dargelegten Zahl (Kaufpreis eines Artikels). Wenn wir hier dann beispielsweise über Pythagoras einen Wert ermitteln, bekommen wir nur genau einen subjektiven/ qualitativen Wert zu einem objektiven/ quantitativen Wert. Das passt ja dann nicht. Bei mir bleibt also die große Frage hängen, wie wir von einem quantitativen auf einen qualitativen Wert schließen können. Nutzen wir Formeln aus unserer quantitativen Welt, bekommen wir als Ergebnis auch nur einen quantitativen Wert.

Bzgl. der Darstellung von Fakten werde ich Deine Gedanken und Ideen in Zukunft gut anwenden können, da es in vielen Fällen sicherlich bei der Mustererkennung in Richtung Trendbrüche behilflich sein kann. Es bleiben aber aus meiner Sicht rein quantitative Fakten, die ich darstelle.

Ich hoffe, ich konnte meinen “Hänger in den Gedankengängen” genau genug ausführen. Was denkst Du dazu?

Beste Grüße,
Conny

P. Bretscher

Hallo Conny,
bin auf dem Sprung für eine Woche in die Ferien und wollte noch schnell die Antwort in pdf-Form an Dich schicken. Ist darum etwas kurz geworden – vielleicht zu kurz?

Eine etwas ausführlichere Erklärung habe ich mit Jürgen Daum für eine Veranstaltung in Edinburgh gemacht. Das PPT für die Präsentation damals findest Du hier.

Hoffe, dass diese Antwort nicht den gleichen “Hänger” verursacht. Ach ja – danke für die Fragen. Tut gut, wenn man auf der Suche nach Antworten die grauen Zellen wieder abstauben muss.

Beste Grüsse und eine schöne Woche.
Peter


C. Dethloff

Hallo Peter
Ich wünsche Dir einen erholsamen Urlaub. Vielleicht liest Du die Mail ja auch erst, wenn Du diesen hoffentlich gehabt hast. Jetzt verstehe ich Dich, wenn Du schreibst:

Irgendwann bin ich dann halt darauf gekommen, dass man einfach etwas postulieren muss – wenn es noch nichts G’scheites bereits gibt. Der Gesamtpreis entspricht dann per Postulat der Hypothenuse. Und die hypothetischen Kosten für das Material (oder einen anderen Referenzpreis) der Länge der Kathete auf der Geldachse.

Allerdings lässt mich genau dieser Gedanke davon abhalten, das Ergebnis dann als etwas Qualitatives zu deuten. Ich gebe Dir Recht. Wir haben derzeit keine andere Möglichkeit, weil unsere rationalen Verfahren und unsere Zahlen nichts Anderes zulassen. Aber dann ist das eben so. Bestärkt hat mich in diesen Gedanken Karl-Heinz Brodbeck in seinem Artikel Geld und Sprache – Der innere Widerstreit in der Modernisierung.

Trotzdem will ich nicht umhin, das Deine Gedanken und Ideen mich bereichert haben. Danke dafür.

Beste Grüße,
Conny Dethloff

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