Werte bewahren uns nicht davor, uns von uns selbst zu entfremden, ganz im Gegenteil

Die Neue Philanthropische Gesellschaft Hamburg, hat gestern zu einem Vortragsabend mit Christoph Quarch geladen. Der Titel des Vortrages war: „Was vom Guten blieb“ Eine kritische Würdigung des Konzeptes „Wert“

Ich bin der Einladung gefolgt und war sehr gespannt. Warum? Zum einen ist mir Christoph Quarch vor geraumer Zeit aufgefallen, da er sehr differenziert über die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz referiert und diskutiert. In diesem Kontext verweise ich gerne auf dieses Interview mit ihm. Die Quintessenz daraus, jedenfalls aus meiner Sicht, habe ich in dieser Graphik veranschaulicht.

Zum anderen ging es in dem Vortrag um Werte. Diskussionen rund um Werte erleben ja gerade im Zuge des digitalen Wandels in Unternehmen aber auch in unserer Gesellschaft Hochkonjunktur. Teilweise wird dieser Begriff gar inflationär benutzt.

Also versprach ich mir von diesem Abend ebenso viel Differenzierung wie Erkenntnisgewinn. Ich wurde nicht enttäuscht.

Relativ zu Beginn seines Vortrages stellte Quarch klar, dass es wichtig wäre, wenn man über Werte spricht und diskutiert, zu ergründen, wann dieser Begriff überhaupt entstanden ist. Und an dieser Stelle muss man auf die Ökonomie verweisen, also auf eine Zeit, als wir Menschen begonnen haben, das Quantifizieren von Dingen im Zuge einer Bewertung zu perfektionieren. Die Begriffe „Wert“ und „Preis“ haben historisch den gleichen Wortstamm. Und das ist in meinen Augen ein wichtiger Fakt, da damit Werte an sich auch nur wieder eine „Struktur im Außen“ sind, wie beispielsweise Rollen, Benotungen, Prozesse etc., über die wir uns definieren und bewerten lassen.

Es geht also auch bei Werten um die Dimensionen „Höher-Schneller-Weiter“, um beispielsweise Handlungen als gut oder schlecht zu beWERTEN. Werte sind von Menschen gesetzt und verlangen einen rationalen Diskurs, um eine Vergemeinschaftung dieser zu erwirken, um also quasi objektiv zu sein. Nur mit dieser Objektivierung erlangen Werte eine Geltung. Aber wie soll dieser rationale Diskurs bewerkstelligt werden? Ist der Versuch einer Verrationalisierung nicht an sich wieder eine Entfremdung von Subjektivität und damit von Menschlichkeit (siehe obige Graphik)?

Des Weiteren kann man in unserer heutigen Gesellschaft beobachten, dass Werte Instrumente zur Machtdurchsetzung sind. Werte werden durch ihr Gewolltsein überhaupt erst zu Werte, also durch Macht und dann werden sie zum Erhalt dieser eingesetzt. Werte sollten flexibel sein, damit Handlungen, die auf sie beruhen, eine notwendige Angepasstheit mitbringen, um auf geänderte Rahmenbedingungen adäquat reagieren zu können. Allerdings erweist diese Flexibilität den Werten an sich einen Bärendienst, da diese Freiheit ausgenutzt werden kann und wird, und zwar von den Machthabenden.

Nach dieser Argumentationskette, die ich hier nur kurz anreißen kann, stellte Quarch den Wert der Werte grundsätzlich in Frage und kam so auf die Tugendlehre von Platon zu sprechen. Er postulierte in diesem Zuge, dass unser oberstes Ziel Harmonie sein sollte. Jede Handlung, die wir Menschen ausführen, sollte Harmonie als Gebot haben, eine Harmonie nach innen zu uns selbst gerichtet, und nach außen in Richtung unserer Umwelt. Alles sollte sich der Sicherung der Lebensfähigkeit unterordnen, der Mensch im Einklang mit der Natur.

Platon kannte wie gesagt den Begriff „Wert“ nicht. Er trat ja erst mit den Anfängen der Ökonomisierung unseres Lebens in Erscheinung.

Zum Ende des Vortrages habe ich mich dann an einen Beitrag von mir aus dem Jahre 2013 erinnert, in dem ich die Tugendlehre von Platon auf die Frage angewendet habe, wie eine gute Führungskraft sein sollte. Die 4 Tugenden sind in der folgenden Graphik abgetragen und in Beziehung gesetzt.

Details finden Sie in dem Beitrag Eigenschaften einer guten Führungskraft? Frag` doch einfach Platon. Schön, wie sich manchmal alles zusammen fügt. Harmonie. 🙂

Lasst unser Denken und Handeln also eher auf Tugenden als auf Werte ausrichten. Werte drücken stets etwas Quantifizierbares aus. Man will ja mittels ihrer beWERTEN. Damit eliminieren wir Subjektivität und damit Menschlichkeit. Tugenden drücken etwas Qualitatives aus und erhalten Menschlichkeit.

Spannend war auch, dass ich am Tisch von einem Gast verwundert gefragt wurde, warum ich aus der Wirtschaft kommend, solch einem Vortrag lausche, woraufhin ein anderer Gast meinte, dass er eher verwundert ist, dass nicht viel mehr Menschen aus der Wirtschaft anwesend sind. Oh ja. 😉

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6 Responses to Werte bewahren uns nicht davor, uns von uns selbst zu entfremden, ganz im Gegenteil

  1. “Er postulierte in diesem Zuge, dass unser oberstes Ziel Harmonie sein sollte.”
    Frage wäre nun, wo der Unterschied zwischen einem “obersten Ziel” und einem Wert liegt?

    • Werte sind stets von Menschen gesetzt und durchgesetzt. Sie sind abhängig von Kontexten, wie zum Beispiel Kulturen. Daher mutieren sie oft zu Machtdurchsetzungsmittel.

      Tugenden, und in diesem Sinne ist hier das „oberste Ziel“ gemeint, sind dem Menschsein an sich inhärent. Sie sind nicht von Menschen gesetzt und damit auch Kontexten gegenüber invariant.

      • Und wer legt fest, was das oberste Ziel ist? -> Menschen.
        Und das gleiche gilt (nun mal auch) für Tugenden. Ich empfehle den Link https://de.wikipedia.org/wiki/Kardinaltugend . Platon nennt andere als Aischylos. Johann Friedrich Herbart wieder andere. Kant kommt sogar mit nur einer Kardinaltugend aus.

        • Ich beziehe mich in meiner Argumentation auf die 4 Tugenden von Platon. Und klar. Diese Tugenden sind auch nicht vom Himmel gefallen. Platon hat sich die Frage “Was macht einen guten Menschen aus, und zwar unabhängig davon, in welchen Kontexten er unterwegs ist?” mit den 4 Tugenden beantwortet. Diese 4 Tugenden müssen also nicht je Kontext neu zwischen Menschen verhandelt werden. Und genau das ist der Unterschied zu den Werten.

          Für mich sind diese 4 Tugenden ausreichend und anschlussfähig an meine Beobachtungen, was aber für andere Menschen nicht gelten muss. Mir ging es ja auch um den Unterschied zwischen “Werte” und “Tugenden”, und abhängig davon, wieviel Tugenden in die Diskussion inkludiert werden. Wichtig ist nur, wenn man eine neue Tugend hinzufügt, dann muss diese stets die oben gestellte Frage richtig beantworten. Wenn nicht, reden wir nicht über eine Tugend, sondern über einen Wert.

          • Wir werden an der Stelle nicht zusammenkommen (Neudeutsch: Agree to disagree).
            Wären Tugenden inhärent, gäbe es in meinen Augen nicht mehrere Tugendlehren.

          • Einig, wir sind uns nicht einig. Denn dieser Kausalschluss ist für mich nicht zulässig. Das Inhärente in Bezug auf Menschsein wird ja auch von Menschen definiert. Selbstverständlich sind die Tugenden nicht vom Himmel gefallen oder von Gott gesetzt. Platon hat mit den Tugenden die Frage beantwortet, wann ein Mensch gut ist, und das unabhängig davon in welchen Kontexten der Mensch unterwegs ist. Und diese Kontextunabhängigkeit macht den Unterschied zu Werten aus. Weil Tugenden kontextunabhängig sind, sehe ich sie als invariant an. Das ist der markante Unterschied zu den Werten, die eben nicht kontextunabhängig sind. Deshalb können sie, und werden auch oft, missbraucht.

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