Sintflutalgorithmus: Stetes Wachstum funktioniert nicht

Gleich zu Beginn möchte ich Wachstum noch ein wenig spezifischer betrachten. Ich möchte nämlich zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum unterscheiden. Sehr häufig wird in der Praxis Wachstum exklusiv mit quantitativem Wachstum gleich gesetzt. Da geht es dann beispielsweise in der Wirtschaft, um jährliche Steigerung des Gewinns oder jährliche Erhöhung der Verkaufszahlen eines Produktes. Das quantitative Wachstum zielt dabei eher auf die weichen, jedoch nicht minder wichtigen Faktoren ab. Es geht um Weiterentwicklung und um Fortschritt. Beispiele wären die Modernisierung von Taktstraßen in Fertigungsbetrieben, die Weiterentwicklung von Produkten oder auch der Wissensaufbau der Mitarbeiter durch Schulungsmassnahmen. Das qualitative Wachstum stellt die Basis für quantitatives Wachstum dar. Man kann also qualitativ wachsen, auch wenn man nicht quantitativ wächst, muss es sogar manchmal. Ein stetes qualitatives Wachstum muss man anstreben und das ist auch umsetzbar. Details zu den Wachstumsarten finden Sie auch in meinem Artikel Kybernetisches Changemanagement.

Im Titel spreche ich also genauer über das quantitative Wachstum. Stetes quantitatives Wachstum funktioniert nicht. Man erreicht sogar noch mehr das glatte Gegenteil, wenn man danach strebt. Erläutern möchte ich diese Aussage mithilfe des Sintflutalgorithmus.

Der Sintflutalgorithmus ist ein mathematisches Verfahren zur Optimierung, welches von Gunter Dueck und Tobias Scheuer im Jahre 1993 bei der IBM Deutschland erfunden wurde. Der Algorithmus basiert auf dem Paradigma, dass man sich lokal häufig verschlechtern muss, um die Grundlage für eine globale Verbesserung zu schaffen. Wie kann man diese These verdeutlichen? Stellen Sie sich vor, sie sind in den Alpen und möchten den höchsten Berg erklimmen.

Gehen Sie nach den vielen Optimierungsverfahren vor, die die Mathematik so kennt, verfahren Sie nach der folgenden Regel: Immer höher steigen. Sie bilden die erste Ableitung der zu optimierenden Funktion. In diesem Fall stellt die Oberfläche des Gebirges die Funktion dar. Dann gehen Sie in die Richtung, in der die erste Ableitung größer ist als Null. Dadurch lassen Sie ihren Blick automatisch nur in der unmittelbaren Umgebung schweifen. Das verlangen die Verfahren ja auch nur. Sie erreichen also stets einen Berg, wo es nach einiger Zeit nicht mehr steiler nach oben geht. Die erste Ableitung ist Null. Sie stoppen, denn laut der Regel, die Sie befolgen, sind Sie am Ziel. Wie Sie im obigen Bild aber auch erkennen können, haben Sie lediglich ein lokales Optimum, in diesem Beispiel aufgrund der Zielsetzung ein lokales Maximum, erreicht. Dieses lokale Maximum ist aber nicht das globale Maximum, was ein Verfehlen des Ziels bedeutet. Würden Sie den höchsten Berg nach der Regel des Sintflutalgorithmus suchen, hätten Sie auch die Möglichkeit, bergab zu gehen. Sie lassen das Gebirge von unten mit Wasser fluten, daher auch der Name des Algorithmus. Sie verfolgen nun die Regel: Ich darf keine nassen Füsse bekommen. Der Wasserspiegel steigt dabei von Schritt zu Schritt, den Sie tätigen. Diese Regel verbietet ihnen also nicht, ihren Blick weiter als nur in der unmittelbaren Umgebung schweifen zu lassen. Sie agieren globaler. Weitere ausführende Informationen zu dem Verfahren inklusive praktischer Einsatzgebiete und Simulationen finden Sie hier.

Wollen wir dieses Beispiel auf die Wirtschaft übertragen. Die meisten Unternehmen geben Jahr für Jahr eine Gewinnmaximierung als Ziel aus. Wir erkennen, dass damit eine Regel ausgegeben wird, die zu einem lokalen Optimum führt. Warum? Es wird sich exklusiv auf das quantitative Wachstum konzentriert: Immer nur bergauf. Ausbildungsmassnahmen der Mitarbeiter beispielsweise stehen dem quantitativen Wachstumsvorhaben konträr gegenüber. Das ist eine zu kurzfristige Sicht, denn wenn die Unternehmen ihre Qualität nicht stetig erhöhen, werden sie mittelfristig auch nicht quantitativ wachsen können. Die Mitarbeiter haben dann einfach kein ausreichendes Wissen mehr. Misserfolg muss also einkalkuliert, ja sogar gefordert werden. Es gibt auch positive Beispiele in der Wirtschaft, die beispielsweise jährlich, den größten begangenen Fehler, begangen von Mitarbeitern, prämieren. Die Mitarbeiter werden so zur Kreativität animiert. Wie gesagt, man muss auch mal bergab gehen wollen, um höher zu kommen.

Auf der anderen Seite stelle ich mir sehr häufig die Frage, warum wir im privaten Umfeld, anders als in der Wirtschaft, öfter unseren gesunden Menschenverstand einsetzen und beispielsweise nach dem Sintflutalgorithmus agieren. Angenommen, Sie sind mit ihrer Familie im Urlaub in den Alpen und machen eine Wanderung. Würden Sie bei dem kleinsten Hügel, von dem es nicht mehr unmittelbar bergauf geht, stoppen mit der Begründung, sie hätten die höchsten Berg der Alpen erklommen? Nehmen wir ein weiteres Beispiel aus dem Sport. Als der schwedische Skispringer Jan Bokloev Ende der 80-er Jahre den V-Stil erfunden hat und mit diesem größere Weiten erzielt hat als die Skispringer mit dem herkömmlichen Parallelstil, haben nach einer gewissen Zeit die damaligen Weltklassespringer, wie Jens Weißflog oder Matti Nykänen, ebenfalls auf den V-Stil umgestellt. Sie wussten natürlich, dass sie einige Zeit benötigen, um wieder ganz vorne mitzuspringen, wenn überhaupt. Aber sie taten es trotzdem, denn sie wussten Sie müssen qualitativ wachsen, um die Basis für quantitatives Wachstum zu legen.

Fazit: Weg mit dem Kurzfristdenken und -agieren, welches stetes quantitatives Wachstum propagiert, was allerdings nie erreichbar ist. Her mit dem gesunden Menschenverstand, den wir im privaten Umfeld häufig mit Erfolg einsetzen.

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14 Responses to Sintflutalgorithmus: Stetes Wachstum funktioniert nicht

  1. Fabius says:

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