Identität – Nicht reden, Machen

Wieder einmal ziehe ich das Beispiel Fußball an die Oberfläche, um eine Thematik in der Wirtschaft zu erörtern und dabei griffiger zu machen. Es geht um die Identität. Was meine ich mit Identität in Zusammenhang mit Wirtschaft und Unternehmen?

Egal ob ich Unternehmen, Bereiche, Abteilungen oder Projektteams betrachte. Jede dieser “Ansammlung von Menschen” benötigt eine Identität. Jedem Mitglied muss klar bewusst und transparent sein, warum es dieses jeweilige “Team” gibt. Fragen wie, “Wofür stehen wir?” und “Wofür stehen wir nicht?” müssen beantwortet sein und der Umwelt bekannt sein. Man könnte auch Leitbild oder Mission dazu sagen, die bekannt sein müssen.

Nehmen Sie das Beispiel FC Bayern München. Im Sport, ich gehe hier mal vom Profisport aus, geht es in erster Linie um Gewinnen. Das ist fast jedem Verantwortlichen in der Fußballwelt bekannt, nur ist das wohl bei kaum einem anderen Verein so hart und eineindeutig in die eigene Identität und das eigene Selbstverständnis verankert wie beim FC Bayern. Dieser Fakt ist auch als das Mia-san-Mia Gefühl bekannt und wird oft von Außen belächelt, aber völlig zu Unrecht. Denn diese Einstellung ist die Basis des nun schon jahrzehntelang andauernden Erfolges des Vereins.

Dieser Fakt ist aber auch der Grund für die sportliche Talsohle, die der FC Bayern gerade durchmacht. Ich möchte an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden. Ich werde jetzt nicht alles schwarz malen. Es kann in Summe nicht sein, dass Alles, was vor vier Wochen gut war, nun schlecht sein soll. Das werde und will ich nicht wahrhaben. In diese Kerbe will ich nicht hauen. Bei mir gibt es mehr Gemütszustände als “himmelhoch jauchzend” und “zu Tode betrübt”. Derartige digitale Gemütsregungen, die man in der Öffentlichkeit ausmachen kann, sind wieder einmal ein gutes Beispiel für unser zweiwertiges Denken. Ein Bewegen zwischen den Polen fällt uns schwer, und zwar derart, dass ich sage, Pep Guardiola hat in dieser Saison hervorragende Arbeit abgeleistet, muss aber einige Sachen überdenken, die nicht optimal waren.

Und an dieser Stelle komme ich auf die Identität zu sprechen.

Guardiola hat direkt nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft die Bundesliga als beendet erklärt. Damit hat er aber wider der Identität seines Vereins gehandelt. Der FC Bayern will stets und immer Alles gewinnen. Gegen diesen Anspruch lassen sich alle Mitglieder des Vereins messen, intern wie extern. Mit den Spielen gegen Hoffenheim und vor allem gegen Augsburg hat er ganz bewusst Niederlagen in Kauf genommen, nicht weil er rotiert hat und jungen Spielern wie Weiser und Sallahi die Chance zum Spielen in der Startelf gegeben hat. Das hat Jupp Heynckes im letzten Jahr nach dem Gewinn der frühen Meisterschaft ebenfalls getan. Der Unterschied war die Erwartung, die diesen jungen Spielern mit auf dem Weg gegeben wurde. Im letzten Jahr sollten sie sich beweisen. Sie sollten zum Sieg beitragen. In diesem Jahr war die Bundesliga ja abgehakt. Es ging lediglich darum die lästigen 90 Minuten irgendwie `rumzukriegen und dafür Sorge zu tragen, dass sich etablierte Spieler nicht verletzen. Natürlich würde das kein Verantwortlicher des Vereins, und schon gar nicht Guardiola selbst, so drastisch sagen. Gehandelt wurde aber aus meiner Sicht genau danach.

Der Grund für den sportlichen Bruch sehe ich also nicht darin, dass die Mannschaft durch das viele Rotieren aus dem Rhythmus kam, sondern weil man gegen die eigene Identität gehandelt hat.

Die Kritik, die jetzt auf den FC Bayern und seinem Trainer einprasselt ist eine auf sehr hohem Niveau. Sie sind der früheste Meister der Bundeslige mit 19 Punkten Vorsprung auf den Zweitplatzierten. Sie sind in das Halbfinale der Champions League eingezogen und stehen im DFB Pokalfinale. Dieser Status Quo gleicht aber fast einer Naturkatastrophe. Andere Klubs hätten ihrem Trainer in ähnlichen Situationen ein Denkmal gesetzt, nicht so bei Bayern. Aber das ist fein. Der Verein will genau das, denn das ist seine Identität. Aber wie gesagt, diese Maßstäbe, und damit die Identität des Vereins, hat der Trainer durch sein Agieren in Frage gestellt.

Es wird faszinierend für mich sein, zu sehen, wie der FC Bayern nun in Vorbereitung auf die nächste Saison und in dieser selbst reagieren wird. In den Aktionen und Handlungen der Vereinsverantwortlichen lassen sich wieder schöne Lehren ablesen, vor allem im Hinblick auf das Führen von Unternehmen, ähnlich wie die in diesem Post beschriebene. Aus Fehlern kann und sollte man ja auch lernen.

Für ein Unternehmen ist es unabdingbar eine eigene Identität zu haben, die sie von anderen Unternehmen unterscheiden lässt. Hier reicht nicht das bloße Aufschreiben von Standpunkten bzgl. Missionen, Visionen, Strategien etc. auf ein Blatt Papier und diese dann schick aufbereitet und gut sichtbar an die Wand zu hängen. Es geht nicht ums Reden sondern ums Machen. Mit Identität meine ich etwas Selbstverständliches, was nicht hinterfragt wird. Es ist in Fleisch und Blut übergegangen. Genau deshalb muss es auch nicht mehr aufgeschrieben werden oder täglich gesagt werden, denn es wird in diesem Sinne ja keine Information mehr übertragen.

Dazu eine kleine Anekdote, die ich erlebt habe. In meiner Beraterzeit war ich mit einem Kollegen bei einem Kunden zu einer Angebotspräsentation. In der Eingangshalle hingen große Plakate zu den Themen “Responsibility” und “Diversity”. Mein Kollege meinte damals zu mir, dass ich mir sicher sein kann, dass wir in unserer Präsentation wohl eher keine verantwortungsnehmenden Mitarbeiter finden werden. Denn wenn dem so wäre, müsste man sich nicht die Mühe machen “Responsibility” so prominent zum Thema zu machen. Ich stimmte ihm damals uneingeschränkt zu. Oder kennen Sie ein Unternehmen, in welchem groß proklamiert wird, dass gegen 12 Uhr Zeit zum Mittagessen ist und die Mitarbeiter in die Kantine zum Essen gehen sollten? Genau. Ich auch nicht. Und die Kantinen sind mittags trotzdem voll und die Mitarbeiter gehen nicht mit leerem Magen abends nach Hause.

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