{"id":1190,"date":"2012-03-28T06:39:36","date_gmt":"2012-03-28T05:39:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog-conny-dethloff.de\/?p=1190"},"modified":"2012-12-17T08:04:43","modified_gmt":"2012-12-17T07:04:43","slug":"entscheidungsprozesse-in-unternehmen-unterliegen-oft-einer-unangemessenen-trivialisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/?p=1190","title":{"rendered":"Entscheidungsprozesse in Unternehmen unterliegen oft einer unangemessenen Trivialisierung"},"content":{"rendered":"<p>In Entscheidungssituationen erlebe ich es h\u00e4ufig, dass die Beteiligten aneinander vorbei reden und es h\u00e4ufig gar nicht merken. Der Grund daf\u00fcr ist, dass sich die Beteiligten nicht oder zu wenig \u00fcber ihre eigenen Pr\u00e4missen, auf die ihre Entscheidungen beruhen, im Klaren sind. Diese Behauptung m\u00f6chte ich an Erkenntnissen aus der Ethik erkl\u00e4ren und an einem derzeit sehr prominenten Beispiel, dem bevorstehenden Konkurs Schleckers, erh\u00e4rten. Doch bevor ich loslege, m\u00f6chte ich einige Begriffe kl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Was ist Moral, Ethik und Unernehmensethik?<\/strong><\/p>\n<p>Als Moral wird h\u00e4ufig der Gesamtbereich der Normen f\u00fcr menschliches Verhalten mit Anspruch auf unbedingte G\u00fcltigkeit bezeichnet. Ethik dagegen ist die Wissenschaft von Moral. Diese Definition wie auch viele meiner Ideen dieses Posts habe ich \u00fcbrigens aus einer Vorlesung namens &#8220;Einf\u00fchrung in die praktische Philosophie&#8221;, die von <strong><em>Herrn Prof. Dr. H\u00fcbner<\/em><\/strong> an der Leibniz Universit\u00e4t Hannover gelesen wurde, generiert. Die Vorlesung k\u00f6nnen Sie \u00fcber <a href=\"http:\/\/itunes.apple.com\/de\/itunes-u\/einfuhrung-in-die-praktische\/id433401488\">itunes U<\/a> nachverfolgen.<\/p>\n<p>Wenn Sie eifriger Leser meines Logbuchs sind, dann haben Sie jetzt sicherlich einen Unterschied in dieser Definition von Ethik und Moral zu den Ausf\u00fchrungen festgestellt, die ich in meinem Post <a href=\"http:\/\/blog-conny-dethloff.de\/?p=1079\">Dialog zu den Themen Komplexit\u00e4t, Entropie, (Nicht)Wissen und ihre Auswirkungen auf Ethik und Entscheidungen<\/a> get\u00e4tigt habe. Dazu habe ich Prof. Dr. H\u00fcbner befragt, worauf er mir die folgende Antwort per Mail gesendet hat.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00f6rsters Unterscheidung scheint mir mit der Begriffsverwendung von Diskursethikern (vor allem Habermas) verwandt zu sein: Dort betrifft das &#8220;Moralische&#8221; Fragen der zwischenmenschlichen Beziehungen, des gerechten Zusammenlebens, der verbindlichen Normen. Das &#8220;Ethische&#8221; gilt dort als der Bereich der privaten Lebensf\u00fchrung, des guten Lebens, der individuellen Werte. Diese andere Begriffsverwendung bei Habermas und seinen Nachfolgern f\u00fchrt leider immer wieder zu Verwirrung (genau genommen ist damit schon der Ausdruck &#8220;Diskursethik&#8221; falsch, was Habermas selbst auch erw\u00e4hnt). In der Vorlesung fehlte leider die Zeit, diese Komplikation anzusprechen. Es scheint mir, dass von F\u00f6rsters Verst\u00e4ndnis stark in diese diskursethische Richtung tendiert. Vielleicht hat F\u00f6rster sich auch am englischen Sprachgebrauch orientiert. Dort kann &#8220;ethics&#8221; grunds\u00e4tzlich synonym mit &#8220;morality&#8221; verwendet werden, steht aber auch daf\u00fcr offen, bestimmte Sektoren des Gesamtbereichs des &#8220;Moralischen&#8221; auszuzeichnen. Evtl. hat er seine Begriffsverwendung also auch vom englischen Sprachraum aus entwickelt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Unternehmensethik ist dementsprechend ein Teilgebiet der Ethik, in der man sich grunds\u00e4tzlich mit Handlungen und Entscheidungen befasst, die in Unternehmen anfallen.<\/p>\n<p><strong>Die 3 Sichtweisen auf Handlungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/3-Sichtweisen-von-Handlungen.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1197\" title=\"3 Sichtweisen von Handlungen\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/3-Sichtweisen-von-Handlungen.png\" width=\"870\" height=\"100\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus der Definition von Ethik kann man relativ leicht einsehen, dass man sich bei der Bewertung von Handlungsoptionen auf Erkenntnisse der Ethik st\u00fctzen sollte. Tut man dies nicht, wie sehr h\u00e4ufig in der Praxis zu beobachten ist, kann man sehr leicht in vertrackte Situationen hineinrutschen, da wichtige Aspekte nicht beachtet werden. Bewertungen von Entscheidungs- und Handlungsoptionen lassen sich von 3 verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchten:<\/p>\n<ul>\n<li>aus Sicht der <strong>Motivation<\/strong> f\u00fcr eine Handlung<\/li>\n<li>aus Sicht der <strong>Handlung an sich<\/strong><\/li>\n<li>aus Sicht der <strong>Konsequenzen<\/strong> der Handlung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn die Beteiligten, die unterschiedliche Handlungsoptionen bewerten m\u00fcssen, die Sichtweisen nicht mit in die Bewertung einbeziehen, wird in der Regel ein Ergebnis erzeugt, welches nicht valide sein kann, oder wenn dann nur zuf\u00e4llig, n\u00e4mlich dann, wenn alle Beteiligten sich unbewusst auf eine gemeinsame Sichtweise beziehen. In der Ethik gibt es Richtungen, die sich mit den jeweiligen Sichtweisen befassen. Die <strong>Tugendethik<\/strong> beleuchtet Handlungen aus der Motivation der Handelnden heraus. Die <strong>Deontologie<\/strong> tut dies aus Sicht der Handlung an sich heraus und die <strong>Teleologie<\/strong> aus Sicht der Konsequenzen der Handlung. Alle 3 Richtungen haben entsprechende Bef\u00fcrworter. Aristoteles und Platon sind Bef\u00fcrworter der Tugendethik, bewerten Handlungen also haupts\u00e4chlich aus Sicht der Motivation der Handelnden heraus. Immanuel Kant und J\u00fcrgen Habermas sind Deontologen. F\u00fcr sie sind bei der Bewertung von Handlungen die Handlungen an sich interessant. Utilitaristen konzentrieren sich auf die Konsequenzen von Handlungen, sind also Teleologen. Vertreter dieser Richtung sind Jeremy Bentham und Henry Sidgwick.<\/p>\n<p><strong>Ein konkretes Beispiel<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte, wie oben angedeutet, ein ganz konkretes Beispiel heranziehen, an dem ich die Gefahren demonstriere, die sich einstellen, wenn man Entscheidungssituationen unangemessen trivialisiert, sich also nicht auf die Erkenntnisse der Ethik beruft. Wenn Trivialisierung als unangemessen bezeichnet werden kann, muss es auch angemessene Trivialisierung geben, da sonst diese Bezeichnung keinen Sinn machen w\u00fcrde. Mit angemessener Trivialisierung meine ich die Reduktion, die wir Menschen bei der Wahrnehmung von Signalen aus der Umwelt machen. Da kommen wir gar nicht darum herum. Das habe ich schon des \u00f6fteren in meinem Logbuch beschrieben. Des Weiteren reduzieren wir auch, wenn wir unsere Ideen und Gedanken mittels Sprache \u00e4u\u00dfern und diese mit den Mitdiskutanten abstimmen. Auch das ist notwendig und unumg\u00e4nglich, da wir unsere Gedanken erst in Symbole der Sprache verpacken m\u00fcssen. Dabei m\u00fcssen wir Informationsverlust in Kauf nehmen. Diese Trivialisierung ist also angemessen, weil sie notwendig ist. Dagegen existiert aber auch unangemessene Trivialisierung, also Reduktion, die vermeidbar ist. Diese Reduktion beleuchten wir in dem kommenden Beispiel.<\/p>\n<p>Das Management von Schlecker steht derzeit vor der Entscheidung, ob Mitarbeiter entlassen werden sollen oder nicht. Nehmen wir einfach mal an, das Management entscheidet sich dazu einen Teil der Belegschaft zu entlassen. Es gibt dann sicherlich viele Diskussionen \u00fcber die Richtigkeit dieser Entscheidung. Ich m\u00f6chte mich in diesem Post nicht \u00fcber &#8220;richtig&#8221; oder &#8220;falsch&#8221; richten. Ich m\u00f6chte die Entscheidung aus verschiedenen Positionen beleuchten und m\u00f6gliche Argumentationsketten f\u00fcr Pro und Contra aufbauen. Bei der Auswahl der Positionen beziehe ich mich auf die 3 oben genannten Sichten der Ethik. Ein Tugendethiker k\u00f6nnte die Entscheidung, Mitarbeiter zu entlassen, positiv werten als Akt der Entschlossenheit oder der Entscheidungsfreudigkeit des Managements und negativ als Akt der Un\u00fcberlegtheit oder des Egoismus. Ein Deontologe k\u00f6nnte die Entscheidung positiv werten, da Manager einfach die Pflicht haben zu entscheiden, auch wenn es sich um so schmerzliche Entscheidungen handelt wie diese. Ein Deontologe k\u00f6nnte die Entscheidung negativ bewerten, da die Mitarbeiter keine Schuld an der Misere bei Schlecker tragen. Ein Teleologe k\u00f6nnte die Entscheidung bef\u00fcrworten, da die Mitarbeiter fr\u00fchzeitig die Chance bekommen sich umzuorientieren, er k\u00f6nnte sie als negativ einstufen, weil die Mitarbeiter samt Familie ins Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt werden.<\/p>\n<p>Stellen wir uns einmal vor, dass 2 Personen zu einer Handlung diskutieren und diese bewerten m\u00f6chten. Jede Person kann jeweils eine der 3 Sichtweisen einnehmen. Nur dann, wenn beide Personen die gleiche Sichtweise, also entweder die Handlung aus der Sicht der Motivation f\u00fcr die Handlung, die Handlung an sich oder die Konsequenz aus der Handlung, einnehmen und aus dieser urteilen besitzt das Ergebnis einen Sinn, da die gleiche Basis gew\u00e4hlt wurde. Es gibt also 9 (3*3) verschiedene Variationen an paarweisen Sichtweisen, von denen nur 3 eine gemeinsame Basis bilden. Machen sich die beiden Personen also keine Gedanken um diese gemeinsame Basis besteht eine Chance von 33%, dass das Ergebnis valide ist. Und nun hinterfragen Sie sich einmal, an wie viel Diskussionen dieser Art Sie teilgenommen haben und bei wie vielen dieser erst einmal die gemeinsame Basis im Vorfeld gekl\u00e4rt wurde? In der Regel ist es so, dass die\u00a0Teilnehmer nicht bewusst mit dem Fokus der Sichtweisen diskutieren, was dazu f\u00fchrt, dass sie nicht kommuniziert haben. Denn Kommunikation ist nur dann m\u00f6glich, wenn Empf\u00e4nger und Sender einander an die jeweiligen Argumente ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Um die Sichten, die jeder Diskussionsteilnehmer einnimmt, abzuklopfen, eignet sich die Methode des <a href=\"http:\/\/conny-dethloff.de\/modellierung.html\">Modellierens<\/a>. Beim Modellieren werden die mentalen Modelle der Diskursteilnehmer offen gelegt, in dem beispielsweise mittels Ursache-Wirkungsbeziehungen die Argumente zu einem Wirknetz vervollst\u00e4ndigt werden. Viele Gegner des Modellierens sagen, dass es unm\u00f6glich ist die Welt zu modellieren und auf dieser Basis objektive Entscheidungen zu treffen. Das ist richtig. Das ist aber grunds\u00e4tzlich richtig. Egal wie ich zu Entscheidungen komme, sie sind stets subjektiv und basieren niemals auf der &#8220;richtigen&#8221; Realit\u00e4t. Ich entgegne dann stets dass wir <strong>nicht nicht<\/strong> modellieren k\u00f6nnen. Auch wenn wir es nicht explizit betonen, wenn wir unsere Umwelt wahrnehmen und Faktoren gegeneinander abwegen und auf dieser Basis Entscheidungen treffen, modellieren wir. Das machen wir dann meistens im Kopf, ohne das wir diese Beziehungen explizit machen. Dann bleiben diese Beziehungen aber f\u00fcr die Mitdiskutanten unsichtbar. Das Finden einer gemeinsamen Sprache, mit der man Probleme beschreiben und L\u00f6sungen formulieren kann, wird dann unm\u00f6glich. Man wird mit der Methode des Modellierens im schlechtesten Fall gleich gut sein, oft aber besser.<\/p>\n<span id=\"post-ratings-1190\" class=\"post-ratings\" data-nonce=\"c543216ad4\"><img decoding=\"async\" id=\"rating_1190_1\" src=\"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/plugins\/wp-postratings\/images\/stars\/rating_on.gif\" alt=\"1 Star\" title=\"1 Star\" onmouseover=\"current_rating(1190, 1, '1 Star');\" onmouseout=\"ratings_off(4.9, 5, 0);\" onclick=\"rate_post();\" onkeypress=\"rate_post();\" style=\"cursor: pointer; border: 0px;\" \/><img decoding=\"async\" id=\"rating_1190_2\" src=\"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/plugins\/wp-postratings\/images\/stars\/rating_on.gif\" alt=\"2 Stars\" title=\"2 Stars\" onmouseover=\"current_rating(1190, 2, '2 Stars');\" onmouseout=\"ratings_off(4.9, 5, 0);\" onclick=\"rate_post();\" onkeypress=\"rate_post();\" style=\"cursor: pointer; border: 0px;\" \/><img decoding=\"async\" id=\"rating_1190_3\" src=\"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/plugins\/wp-postratings\/images\/stars\/rating_on.gif\" alt=\"3 Stars\" title=\"3 Stars\" onmouseover=\"current_rating(1190, 3, '3 Stars');\" onmouseout=\"ratings_off(4.9, 5, 0);\" onclick=\"rate_post();\" onkeypress=\"rate_post();\" style=\"cursor: pointer; border: 0px;\" \/><img decoding=\"async\" id=\"rating_1190_4\" src=\"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/plugins\/wp-postratings\/images\/stars\/rating_on.gif\" alt=\"4 Stars\" title=\"4 Stars\" onmouseover=\"current_rating(1190, 4, '4 Stars');\" onmouseout=\"ratings_off(4.9, 5, 0);\" onclick=\"rate_post();\" onkeypress=\"rate_post();\" style=\"cursor: pointer; border: 0px;\" \/><img decoding=\"async\" id=\"rating_1190_5\" src=\"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/plugins\/wp-postratings\/images\/stars\/rating_half.gif\" alt=\"5 Stars\" title=\"5 Stars\" onmouseover=\"current_rating(1190, 5, '5 Stars');\" onmouseout=\"ratings_off(4.9, 5, 0);\" onclick=\"rate_post();\" onkeypress=\"rate_post();\" style=\"cursor: pointer; border: 0px;\" \/> (<strong>8<\/strong> Bewertung(en), Durchschnitt: <strong>4.88<\/strong> von 5)<br \/><span class=\"post-ratings-text\" id=\"ratings_1190_text\"><\/span><\/span><span id=\"post-ratings-1190-loading\" class=\"post-ratings-loading\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog-conny-dethloff.de\/wp-content\/plugins\/wp-postratings\/images\/loading.gif\" width=\"16\" height=\"16\" class=\"post-ratings-image\" \/>Loading...<\/span>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Entscheidungssituationen erlebe ich es h\u00e4ufig, dass die Beteiligten aneinander vorbei reden und es h\u00e4ufig gar nicht merken. 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