Wie kommt man von der Kybernetik erster Ordnung zur Kybernetik zweiter Ordnung, und wozu?

Bevor ich diese Frage kläre, muss ich natürlich erst einmal klären was Kybernetik überhaupt ist. Kybernetik ist die Lehre von der Lenkung und Informationsverarbeitung von und in komplexen Systemen. Wir unterscheiden Kybernetik erster und zweiter Ordnung. Beginnen wir mit der Kybernetik erster Ordnung so stoßen wir auf die Begriffe Steuern und Regeln. Beiden gemeinsam ist, dass ein bestimmtes System, nämlich das gesteuerte oder geregelte, einen bestimmten Zweck erfüllen soll, wodurch sich eine bestimmte Variable in gewünschter Weise verhalten soll. Das bedeutet es wird in das System eingegriffen. Der große Unterschied zwischen Steuerung und Regelung besteht nun darin, dass bei der Steuerung eine lineare Ursache-Wirkungsbeziehung vorliegt, was dazu führt, dass im Rahmen von Steuerung der erreichte Endzustand der zu steuernden Variable selbst bei starken Abweichungen vom gewünschten Verhalten oder Variablenwert ein endgültiger ist, also nicht mehr geändert wird. Es gibt also keinen regulierenden Mechanismus hinsichtlich der Abweichungen des Istwertes vom Sollwert. Der angesprochene regulierende Mechanismus wird auch als negative Rückkopplung bezeichnet. Wenn es eine negative Rückkopplung gibt, muss es natürlich auch eine positive Rückkopplung geben. Diese ist Bestandteil der Kybernetik zweiter Ordnung, in welcher der Beobachter Teil der Betrachtung wird. In diesem Rahmen wird also das zu erreichende Ziel in Frage gestellt und gegebenenfalls geändert (positive Rückkopplung), um dieses dann mithilfe von Steuern und Regeln zu erreichen (negative Rückkopplung). Diese Prozesse wechseln sich stetig ab.

Die Kybernetik zweiter Ordnung ist also von Selbstbezüglichkeit geprägt, da beispielsweise der Zweck des Zwecks oder das Ziel des Ziels hinterfragt wird. So weit so gut. Zu dem Gesagten möchte ich ein Beispiel aus der Unternehmenswelt anbringen.

Ein Unternehmen setzt Sparmassnahmen an. Es sollen Kosten gespart werden, denn Ziel des Unternehmens ist es Gewinn zu maximieren. Kommt Ihnen bestimmt bekannt vor, oder? Es wird eruiert, wie man am besten Kosten sparen kann. Verschiedenste Optionen werden beleuchtet. Das ist die Betrachtung der Kybernetik erster Ordnung. Was wird nicht getan? Es wird der Sinn und Zweck der Gewinnmaximierung nicht hinterfragt, der Zweck des Zwecks also. Tut man dies, gelangt man in die Sphären der Kybernetik zweiter Ordnung. Der Zweck der Gewinnmaximierung könnte vielleicht sein, dass man nicht bankrott geht. Das Unternehmen möchte also überleben. Jetzt muss man sich aber die Frage stellen, ob Kostenreduktion dem Ziel Überleben des Unternehmens positiv gegenüber steht. Vielleicht kommt man zu dem Entschluss, andere Massnahmen zu treffen.

Mit dem Übergang von der Kybernetik erster Ordnung zur Kybernetik zweiter Ordnung werden also Themen tiefgründiger betrachtet. Man versucht Ursachen zu eruieren und bleibt nicht bei Symptomen stecken. Der Spruch “Der Zweck heiligt die Mittel” ist also sehr häufig zu kurz gedacht. Wie sieht es nämlich mit dem Zweck des Zwecks aus?

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11 Responses to Wie kommt man von der Kybernetik erster Ordnung zur Kybernetik zweiter Ordnung, und wozu?

  1. Pingback: Kybernetik 2. Ordnung |

  2. Peter Reitz says:

    Ein klasse Artikel, bin ich eben zufällig drauf gestossen! 🙂

  3. Sebastian says:

    Super. Toll erklärt, danke. Übrigens ich habe vor kurze mit meinem eigenen Blog angefangen. Systemische Beratung blog.wordpress.com. VG Sebastian Rodriguez Montero

  4. Karl Gruber says:

    ich versuche schon lange kybernetische Ansätze in meine berufliche Entscheidungsfindung einzubauen. Deshalb bin ich an einem weiteren Informationsaustausch interessiert.
    Permanentes Lernen und Weiterentwickeln ist mein Prinzip

  5. Können Artikel eigentlich auch reifen und mit der Dauer seit ihrer Veröffentlichung besser werden?
    Oder sind wir es vielmehr, die nach langer Zeit und vielen, vielen Iterationen des Lernens und Verstehens die Großartigkeit erkennen, die immer schon da war?

    • Ich glaube, dass eher die Menschen reifen und mit der Zeit Beiträge dann beim Lesen anders bewerten. Denn Menschen sind operational geschlossen. Der Beitrag an sich, mit seiner Aneinanderreihung von Buchstaben zu Wörtern zu Sätzen und zu einem Text, bleibt so wie er ist und verändert sich nicht. Die Wertigkeit eines Textes bestimmt der Leser, nicht der Autor. Auch wenn das für den Autor manchmal ernüchternd zu sein scheint.

      • Ganz genau. Großartigkeit wohnt nicht dem Code inne. Es ist das Gefühl, das durch etwas in der äußeren Realität ausgelöst wird und in jedem Menschen individuell abläuft.
        Je intensiver meine Beziehung zu dem ist, was ich wahrnehme, umso schwerer wiegt der Wert in der eigenen Ansicht und nur da.
        Wertegemeinschaften entstehen über die VER-M-I-T-T-E-L-UNG der Werte, nicht über deren Transport, denn dabei kann einiges verloren gehen …

  6. Pingback: Analytik zerstört Komplexität zerstört Lebendigkeit | Reise des Verstehens

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