Erkenntnistheorie

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In dieser Sektion möchte ich mich mit dem Thema befassen, wie wir Menschen unsere Umwelt überhaupt wahrnehmen. Es geht um Punkte wie Objektivität vs. Subjektivität, um Realität vs. Wirklichkeit. Die Hirnforschung spielt insbesondere eine gesonderte Rolle, da das menschliche Hirn all unsere Wahrnehmungen von der Umwelt steuert.

Aber was ist eigentlich Erkenntnis? Im Netz habe ich folgende Definition gefunden, die ich übrigens absolut zutreffend finde.

Erkenntnis ist eine adäquate interne Rekonstruktion und Identifikation äußerer Objekte im Subjekt.

Die Kernfragen mit denen sich die Erkenntnistheorie beschäftigt sind die Folgenden.

  1. Was ist Erkenntnis bzw. Wissen?
  2. Kann man überhaupt etwas wissen? Falls nein: warum nicht? Falls doch: Wie gelangen wir zu unserem Wissen?
  3. Welche Quellen hat unser Wissen?
  4. Welche Rolle spielt die Erfahrung dabei?
  5. Kann man unabhängig von Erfahrung etwas wissen? Falls ja: was?
  6. Wie ist unser Wissen aufgebaut? Hat es ein Fundament? Wenn ja, worin besteht es? Falls nein: Wie ist es dann aufgebaut?
  7. Was ist Wahrheit?
  8. Was haben wir Grund zu glauben?
  9. Was heißt es, eine Überzeugung zu haben?

Als erstes stelle ich einige Denker vor, die sich eingehend mit der Erkenntnistheorie befasst haben und auch maßgebliche zu ihrem Fortschritt beigetragen haben. Um sich detailliert und eingehender mit den Ideen der Personen zu befassen, empfehle ich weitergehende Literatur zu diesen Personen.

  1. Platon (ca. 427-347 v. Chr.): Platon postuliert Erkenntnis als Wiedererinnerung. Zum Zwecke dieser Wiedererinnerung muss man im Prinzip nur seine Vernunft bemühen. Nicht alle Wahrheiten lassen sich durch Wiedererinnerung mit Hilfe der Vernunft allein erkennen. Geometrische und mathematische Sätze beispielsweise lassen sich dagegen unabhängig von Sinneserfahrungen rein durch vernünftige Überlegungen erkennen. Solche Vernunftwahrheiten sind nach Platons Auffassung die einzigen, von denen wir sicheres Wissen erwerben können: Eine Überzeugung, die sich nicht nur auf vernünftige Überlegung, sondern insbesondere auf Sinneserfahrungen stützt, könnte sich schließlich immer als falsch erweisen, weil Sinnestäuschungen nie auszuschließen sind.
  2. René Descartes (1596-1650): Er ist mit Platon einig, dass man über rein vernünftiger Überlegung heraus (Rationalismus), ohne einen wesentlichen Bezug auf Erfahrung, etwas über fundamentale Strukturen der Welt herausfinden kann. In der gegenwärtigen philosophischen Debatte wird häufig sein schwer haltbarer Leib-Seele-Dualismus thematisiert, aber genauso bedeutend ist sein Versuch, ein solides erkenntnistheoretisches Fundament für die mathematisch bestimmte Naturwissenschaft zu schaffen, die ab dem 17. Jahrhundert mit Gestalten wie Galilei, Kepler und Newton ihren unvergleichlichen Siegeszug antrat.
  3. John Locke (1632-1704): Im Gegensatz zu Platon und Descartes ist Locke ein nicht-rationalistischer Philosoph. Locke vertritt hier eine dezidiert empiristische Position. Er meint, dass alle Erkenntnis letztlich aus der Erfahrung stammt und dass es so etwas wie „angeborene Ideen“ und ein Wissen über die Welt, das nicht aus der Erfahrung stammt, nicht gibt. An dieser Stelle grenzt er sich vor allem ganz stark zu Descartes ab.
  4. David Hume (1711-1776): Hume, wie Locke ein nichtrationalistischer und empiristischer Philosoph, stellte Überlegungen zur Kausalität und zur Frage, wie wir von der Beobachtung einer endlichen Zahl von gleichartigen Zusammenhängen zu einem allgemeinen Urteil gelangen. Die Frage, wie ein solcher Schluss möglich ist, nennt man Induktionsproblem. Für die philosophische Reflexion der modernen Naturwissenschaft ist dieses Problem von erheblicher Bedeutung, denn dort sollen ja gerade allgemeine Naturgesetze auf der Basis endlich vieler Beobachtungen aufgestellt werden.
  5. Immanuel Kant (1724-1804): Inspiriert waren Kants Überlegungen zur Erkenntnistheorie nicht zuletzt durch die skeptischen Überlegungen zum Kausalproblem Humes. Kant meint, dass die Art und Weise, wie Empiristen wie Hume sich das Zustandekommen von Erkenntnis vorstellen, bestenfalls zu einem „Gewühle von Erscheinungen“ führen könnte, aber nicht zu etwas, was sinnvollerweise als Erfahrung oder Erkenntnis zu bezeichnen wäre. Das setzt ein Selbstbewusstsein, welches nicht erst aus Erfahrung entsteht, sondern schon immer da ist. Das setzt unter anderem voraus, das es Begriffe gibt, die unabhängig von Erfahrung vorhanden sind. Hierin unterscheidet sich Kants Position ebenfalls von der Humes, der davon ausgeht, dass letztlich alle Begriffe aus der Erfahrung stammen. Auch bzgl. der Kausalität ist Kant anderer Meinung als Hume. Während Hume meint, man könne niemals allgemein beweisen, dass die Welt so strukturiert ist, dass es zu einem gegebenen Ereignis immer ein anderes gibt, aus dem es strikt regelmäßig folgt, ist Kant der gegenteiligen Ansicht.
  6. Gerhard Vollmer (1943): Vollmer ist ein Pionier der Gedanken zur Evolutionären Erkenntnistheorie. Ihr Grundgedanke besteht darin, dass die Erkenntnisfähigkeit von Lebewesen sich wie andere biologische Eigenschaften und Fähigkeiten auch im Laufe langer Zeiträume durch die Prozesse der Mutation und Selektion entwickelt hat. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie setzt voraus, dass es eine wirkliche, reale Welt gibt, in der der evolutionäre Prozess überhaupt stattfindet.
  7. Gerhard Roth (1942): Roth ist ein Vertreter des neurobiologischen Konstruktivismus. Er sieht eine strikte Trennung zwischen Realität und Wirklichkeit. Realität ist die Außenwelt, in welcher die Objekte, wie die Menschen existieren. Die Wirklichkeit ist ein Konstrukt des Gehirns, Roths Interesse beschränkt sich freilich nicht nur auf die rein naturwissenschaftlichen Aspekte, die mit Gehirnen bzw. Nervensystemen verbunden sind, sondern richtet sich auch auf deren philosophische, insbesondere erkenntnistheoretische Konsequenzen.
  8. Hilary Putnam (1926): Putnam ist ein prominenter Vertreter der sogenannten Analytischen Philosophie zu tun. Für sie ist der Gedanke zentral, dass die geistigen Tätigkeiten des Urteilens und Begründens genuin sprachlich sind. Entsprechend muss der Analyse der Sprache, in der philosophische Probleme und Argumente formuliert sind, eine wesentliche Rolle zukommen. In diesem Sinne diskutiert Putnam erkenntnistheoretischer Probleme vor dem Hintergrund der Frage, was die Bedeutung von Bedeutung ist; dies verstanden als Bedeutung sprachlicher Ausdrücke.
  9. Donald Davidson (1917-2003): Wie Putnam ist Davidson ebenfalls ein Vertreter der Analytischen Philosophie. Es lässt sich feststellen, dass der Dreh- und Angelpunkt der Philosophie Davidsons die Frage ist, wie Menschen einander verstehen, genauer: wie man versteht, was jemand tut, was er sagt und was er denkt. Da bei behandelt er Fragestellungen wie: Warum sollten wir glauben, dass andere ähnliche geistige Zustände haben wie wir? Wie kann ich feststellen, was in einem fremden Geist vor sich geht? Woher soll ich wissen, dass meine Gedanken sich wirklich auf eine objektive Außenwelt beziehen?

Wissen ist zu einem großen Masse von Überzeugung geprägt, es ist nämlich eine gerechtfertigte Überzeugung. Überzeugung ist aber individuell und subjektiv. Überzeugungen sind wichtig für Wesen der Art, wie wir es sind. Wir sind Wesen mit Interessen, Zielen und Absichten. Wir können unsere Ziele desto besser in die Tat umsetzen können, je mehr unsere Überzeugungen über die Welt der “Wahrheit” entsprechen. Überzeugungen können “wahr” oder “falsch” sein und sind durch mehr oder weniger gute Gründe gestützt. Nun betritt der Skeptiker die Bühne. Er kann dies in zwei Gestalten tun: in der einen richtet er sich gegen den Wahrheitsanspruch, der mit unseren Überzeugungen einhergeht, in der anderen greift er den Anspruch auf Begründetheit an. Er stellt nur Fragen, die darauf abzielen, dass wir unsere Wahrheits- und Begründungsansprüche besser verteidigen und auf eine sicherere Grundlage stellen. Der Skeptiker hört aber nicht auf zu fragen. Die Fragerei wird endlos. Er findet immer wieder neue Ansatzpunkte irgendwo hinein zu pieken. Nun kann man darauf auf verschiedene Arten reagieren.

  1. Verfall in einen Zustand der Urteilslosigkeit und des endlosen Zweifels, so wie der antike Skeptiker Pyrrho.
  2. Umschlag des unausgesetzten Zweifels in merkwürdige positive Thesen, wie der Solipsismus. Der Solipsismus vertritt die These, dass nur die eigenen individuellen Bewusstseinszustände existieren. Es gibt also keine reale Außenwelt.
  3. Finden von falschen Annahmen, die dieses Frage-Antwort-Spiel so schief laufen lassen. So könnte es sich etwa herausstellen, dass wir mit einem zu starken Begriff von Wissen, Wahrheit oder Begründung begonnen haben und der Skeptiker genau dies für seine Fragerei ausnützt.

Ich für meinen Teil stütze mich auf die Variante 3. Ich bin kein Skeptiker. Ich benutze meinen imaginären Skeptiker, der mir immer wieder auf’s Neue Fragen stellt und mich dazu zwingt mein Bewusstsein zu erweitern. Ich möchte einige Argumente anführen, die die Fragen eines Skeptikers entschärfen können.

  1. Der Skeptiker fragt stets, ob man sich der Sache auch wirklich sicher ist (Wahrheitsanspruch des Wissens). Aus seiner Sicht kann man Wahrheiten nur a priori wissen. Aber die meisten Aussagen, die wir als wahr identifizieren, sind synthetisch a posteriori. Kurz zu den angeführten Begriffen. A priori ist Wissen, welches man vor jeder Erfahrung hat. A posteriori ist das Gegenstück dazu. Analytisch wahr sind Aussagen, die aufgrund der aristotelischen Logik wahr sind (“Es ist dunkel oder es ist hell”). Synthetisch ist das Gegenstück dazu (“Es ist dunkel.”) Also: Wissen nicht mit Gewissheit verwechseln. René Descartes ist hier als herausragender Vertreter zu nennen, der sich sehr intensiv mit diesem Thema befasst hat.
  2. Kommen wir zur Begründbarkeit. Ähnlich wie beim Wahrheitsanspruch werden wir auch hier dem skeptizistischen Angriff Einhalt gebieten. Wir betrachten 2 verschiedene Problemarten, das Basisproblem und das Induktionsproblem. Das Basisproblem besteht in der Frage, was denn die unmittelbar gegebenen Erfahrungen sind. Allerdings sind solche Basiseinheiten nicht unmittelbar gewiss. Dazu verweise ich gerne auf die Thematik der optischen Täuschung. Das Induktionsproblem besteht in der Frage: Wie kommen wir von der Basis zu all den möglichen Erweiterungen der Erkenntnis, und wie lassen sich diese Erweiterungen rechtfertigen? Erweiterungen der Erkenntnis erhält man ausschließlich durch das induktive (vom Spezialfall zum allgemeinen Fall) und nicht durch das deduktive (vom allgemeinen Fall zum Spezialfall) Schließen. Hier ist der Haken. Der Skeptiker stürzt sich auf die Voraussetzung, dass Begründungen nur dann akzeptiert werden können, wenn sie absolut zwingend (also deduktiv) sind. Aber dem ist nicht so. Daher liegt es nahe, zum Zwecke der Vermeidung der Begründungsskepsis den Begründungsbegriff abzuschwächen. David Hume ist in diesem Thema als Pionier zu sehen.

Zu dem Thema Wissen habe ich einen Artikel verfasst, in welchem ich meine Gedanken darlege.

Bevor Sie jetzt weiterlesen und sich vielleicht fragen, wo der praktische Bezug ist, denn es hört sich ja alles sehr philosophisch an, gebe ich Ihnen ein Beispiel wie Erkenntnistheorie Kommunikations- und Identifikationsprobleme in Unternehmen lösen kann. Diesen Artikel habe ich im Netz recherchiert. Wirklich sehr kurz, prägnant und erkenntnisreich. Also eine gute Begründung, warum man sich als Manager und Führungskraft mit der Erkenntnistheorie auseinandersetzen sollte.

Um einen weiteres Beispiel für den Praxisbezug herzustellen, beziehe ich mich auf den Physikunterricht und der provokanten Aussage: “Egal wie man den Physikunterricht gestaltet, Erkenntnistheorie wird stets betrieben”. Der folgende Artikel belegt diese Aussage.

Wenn wir uns mit der Modellierung, als eine der Methoden des Systemischen Denkens beschäftigen, ist es unerlässlich zu analysieren, wie die Menschen die Umwelt erkennen und wahrnehmen. Eine interessante Abhandlung zu der Konstruktion von Wirklichkeit habe ich auf gefunden.

Die sensorischen Rezeptoren des Menschen – egal ob sie Druck, Geschmack, Licht, Wärme, Klänge, Geräusche etc. absorbieren – nehmen ausschließlich die Intensität, nicht aber die Natur der Erregungsursache auf. Das bedeutet, die Nervenzellen des Menschen – übrigens aller anderen Lebewesen auch – kodieren die Quantität der Erregung (stark, mittel, schwach, …), aber nicht die Qualität. Zu dieser Thematik habe ich einen Artikel verfasst, in welchem ich meine Ideen zur menschlichen Wahrnehmung und Objektivität darstelle. Dabei nutze ich das Konzept der trivialen und nichttrivialen Maschine des von mir sehr geschätzten Kybernetikers Heinz von Förster. In diesem Konzept wird die Kognition als das iterative Errechnen von Wahrnehmungen aus der Umwelt gleich gesetzt. Dabei ist Errechnen nicht streng mathematisch zu sehen. Errechnen ist auch Ordnen, Kategorisieren etc. Diese iterativen Rechenvorgänge werden über rekursive Funktionen möglich. Man erkennt den Bezug zur Chaostheorie.

Zu diesem Thema habe ich eine interessante Seite im Netz gefunden: Bewusstsein und Hirnwellen. Ein Besuch lohnt sich.

Ebenfalls möchte ich in diesem Zusammenhang nicht vergessen Elisabeth Dägling zu erwähnen, die sich ebenfalls mit dem Thema Wahrnehmen und Denken beschäftigt. Sie unterscheidet, ähnlich wie wir es in der physischen Welt kennen, auch in der psychischen Welt zwischen 2 Geschlechter: das prädikative und das funktionale Gehirn. Sehr interessant ist, wie Sie diese Erkenntnisse nutzt um beispielsweise AD(H)S zu erklären. Dabei legt Sie Wert darauf, AD(H)S nicht als Krankheit zu sehen, sondern als eine Andersartigkeit der Funktionsweise des menschlichen Gehirns, die notwendig ist, damit die Menschheit überlebt. Auf Ihrer Homepage kann man sich näher mit Ihren Ideen vertraut machen.

Auf zwei Themen möchte ich jetzt noch gesondert eingehen, da sie ganz entscheidend für das Verstehen des Erkennens der Menschen sind, da sie, im Gegensatz zu der zweiwertigen Logik von Aristoteles, Selbstbezüglichkeit und Subjektivität integrieren. Unsere gesamte heutige Mathematik schließt Selbstbezüglichkeit kategorisch aus, da das Anwenden dieser in ihr Paradoxien entstehen lassen, die nicht auflösbar sind.

  1. Polykontexturalitätstheorie von Gotthard Günther
  2. Laws of Form von George Spencer-Brown

Kommen wir zum ersten Thema. Wir modellieren grundsätzlich nur Ergebnisse, nicht den mentalen Prozess, der zu diesen Ergebnissen führt, wie beispielsweise Kreativität. Denn Kreativität hat immer etwas mit Bewusstsein zu tun, das bedeutet, wir reflektieren unsere Handlung gegenüber der Umwelt und passen diese entsprechend an. Das ist ein Prozess, der heterarchisch abläuft. Heterarchische Strukturen und Prozesse sind für uns Menschen schwierig zu visualisieren und zu erklären, da die Elemente streng gleichzeitig und gleichberechtigt ablaufen. Wenn wir aber etwas erklären oder visualisieren, dann tun wir das immer in einer wohl definierten Reihenfolge mit einer wohl definierten Priorisierung.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung finden Sie in dem Buch von Gregory Bateson Ökologie des Geistes.

Tochter: Ich habe mal ein Experiment gemacht.
Vater: Ja?
Tochter: Ich wollte herausfinden, ob ich zwei Gedanken gleichzeitig denken kann. Also dachte ich >>Es ist Sommer<<, und ich dachte >>Es ist Winter<<. Und dann versuchte ich, die beiden Gedanken gleichzeitig zu denken.
Vater: Und?
Tochter: Aber ich merkte, dass ich nicht zwei Gedanken hatte. Ich hatte nur einen Gedanken darüber, zwei Gedanken zu haben.

An diesem Beispiel können wir sehen: Wir können gegenläufig simultan ablaufende Gedanken, die in unserem Gehirn ablaufen, wenn wir beispielsweise kreativ sind, nicht graphisch darstellen und visualisieren. Diese parallel und simultan ablaufenden Prozesse nennt man auch heterarchisch. Informationen zu Heterarchie vs. Hierarchie finden Sie im Vordenker Webforum. Herr Prof. Dr. Eberhard von Goldammer hat wie ich finde sehr anschaulich und praxisnah die Begriffe und meine oben beschriebene Darstellung tiefgründig erklärt.

Kreativität zu modellieren bedeutet aus meiner Sicht, das Modell müsste sich entsprechend gewisser Feedbackinformationen aus der Umgebung anpassen, aber nicht in einer gewissen Metaebene, die der Modellersteller vorgibt, sondern auf einer neuen noch nicht existierenden Metaebene. Vergleichen würde ich das mit dem Schreiben von Codezeilen eines Programmes, die nicht der Programmierer, sondern das Programm selber durchführt. Für mich schwer bis gar nicht vorstellbar. Aber auch gut so, denn wollen wir wirklich Maschinen mit Bewusstsein mitten unter uns haben?

Noch ein paar Sätze zum Bewusstsein. Was kennzeichnet eigentlich Systeme oder Modelle mit Bewusstsein? Diese Modelle oder Systeme sind in der Lage eine Grenze zwischen sich und der Umwelt zu ziehen (Menschen können das, Tiere zum Teil nicht) und hätten damit die Möglichkeit über Selbstreflektion ihr Verhalten/ ihre Strukturen selbstständig anzupassen (siehe obiges Beispiel mit dem Programm).

Das ist derzeit die größte Herausforderung im KI-Umfeld. Es wird versucht, Roboter mit Bewusstsein zu bauen. Könnten diese Roboter beispielsweise zwischen den Schrauben, die sie zusammenhalten und den Schrauben, die Sie benötigen, um die Karosserie eines Autos zu montieren, unterscheiden hätten Sie Bewusstsein. Sie würden nämlich zwischen sich und der Umwelt unterscheiden können. Da können Sie aber nicht, oder soll ich sagen (noch) nicht? Weitere Gedanken zur Künstlichen Intelligenz habe ich in meinem Logbuch formuliert.

Komme ich nun zu der Frage der Subjektivität. Der deutsche Philosoph und Mathematiker Gotthard Günther hat sich als erster mit diesem Thema erfolgreich beschäftigt. Er hat seine Erkenntnisse unter dem Begriff Polykontexturalität zusammengefasst.

Gotthard Günther beleuchtet die Aristotelische Logik, die in der Schule gelehrt wird. Nach dieser kann eine Aussage entweder “Wahr” sein, oder sie kann “Falsch” sein, aber nichts dazwischen. Wo aber kommt hier die Subjektivität zum Tragen? Muss alles was für mich gilt, auch für Sie gelten? Nein, natürlich nicht. Genau das bemängelt Gotthard Günther und schuf eine neue Theorie, die Polykontexturalitätstheorie.

Das Thema der zweiwertigen Logik nach Aristoteles ist gewissermaßen die einfache Beziehung zwischen einem menschlichen Subjekt und der Objektwelt. Ein “Ich” reflektiert über die Welt, das “Ich” denkt einen Gegenstand. Das Thema der Polykontexturalitätstheorie ist nunmehr das reflektierende Subjekt selbst, welches den Gegenstand denkt. Der logische Prozess ist jetzt also das “Denken des Denkens des Gegenstandes”. Reflexion tritt hier doppelt auf. Oder anders gewendet, das Subjekt denkt seine Subjekt-Objekt-Relation. Wenn aber jetzt das Verhältnis des Subjekts zur Objektwelt Gegenstand des Denkens ist und nicht mehr nur das Objekt, das Ding an sich, dann, so Günther, müsse das Subjekt erkennen, dass es nicht nur eine, sondern viele individuelle Subjekt-Welt-Beziehungen gibt. Und diese lassen sich eben nicht mehr auf eine einzige allgemeingültige Subjekt-Objekt-Beziehung reduzieren und sind daher – in ihrer Gesamtheit – auch nicht mehr durch unsere zweiwertige Logik beschreibbar.

Zur Beschreibung der objektiven Wirklichkeit toter Gegenstände – im Sinne von Physik und Chemie – ist natürlich nach wie vor die klassische zweiwertige Logik anwendbar. Auch unser in Wort und Bild sequentiell ablaufendes “bewusstes” Denken, unsere Sprache, ist zweiwertig programmiert. Unsere Wirklichkeit als Ganzes jedoch ist nach Günther durch eine Vielheit ontologischer Orte – also Orte des individuellen Seins – gekennzeichnet. Hieraus resultiert, vereinfacht gesprochen, der Begriff des “Subjekt-überhaupt”.

Belebte Wirklichkeit manifestiert sich jedoch immer in der Gesamtheit und in dem Wechselspiel verschiedener ontologischer Orte zu- und miteinander. Formal ist dies nur mit Hilfe eines parallel-vernetzten mehrwertigen Kalküls widerspruchsfrei beschreibbar, nämlich mit der Polykontexturalitätstheorie. In dieser bezieht Günther nämlich den “Ort” oder den “Kontext”, von wo aus oder unter welchen Umständen eine Aussage getätigt wurde. Das heißt, es gibt nicht nur “WAHR” oder “FALSCH”, sondern eine Reihe weiterer logischer Ergebnistypen. Eine Kontextur wird in Günthers Theorie der Mehrwertigkeit als zweiwertiger Strukturbereich, also zweiwertige Logik, definiert. Die Logik von Aristoteles befasst sich immer nur mit einer Kontextur, sinnbildlich also nur mit einem Thema. Sie ist mono-thematisch.

Durch die Polykontexturen können also subjektive Sichten auf ein und dasselbe Thema abgebildet werden. Jeder Mensch begreift die Welt mit derselben zweiwertigen Logik, aber er begreift sie jeweils mit anderen Subjektivitäten. Benutzen alle Menschen dieselbe Logik, aber jeweils subjektiv bewertet, so sind auch die Ergebnisse verschieden. Die zweiwertige Logik unterscheidet zwischen Subjekt und Objekt. Betrachte ich diese Unterscheidung aus meiner Sicht, dann bin ich das Subjekt und alles andere ist Objekt, also auch Sie als Leser dieser Webseite. Nutze ich also die zweiwertige Logik, beispielsweise in einem Gespräch, dann setze ich Sie mit einem Ding gleich. Sie verändern sich also nicht, ändern nie Ihre Meinung.

Das ist wohl ein wenig zu arg trivialisiert. Finden Sie nicht auch? Die zweiwertige Logik bleibt innerhalb der jeweiligen Kontexturen unangetastet, wird aber vervielfältigt. Kontexturübergreifend gelten die 3 Axiome der zweiwertigen Logik aber nicht mehr: Es kann ein drittes und noch mehr geben und Kontexturen können sich widersprechen. Es ergeben sich im einfachsten Fall drei Kontexturen: ICH/DU, ICH/ES und DU/ES; ICH, DU (alle zusätzlichen Gesprächsteilnehmer) und ES (die Umwelt). Jedes DU ist von sich aus gesehen ein ICH. Um mit diesen Kontexturen zu rechnen hat Günther die Rechenoperationen der zweiwertigen Logik erweitert und schuf damit die Keno- und Morphogrammatik.

Eine gute vertiefende und leicht verständliche Einführung können Sie unter diesem Link nachlesen.

Des Weiteren verweise ich gerne auf den folgenden Artikel von Gotthard Günther. Für detailliertere Informationen empfehle ich sein Buch Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik. Die Idee und ihre philosophischen Voraussetzungen.

Kommen wir nun zur zweiten Thematik, der Laws of Form von George Spencer-Brown. Die Grundidee der Einbeziehung des Beobachters ist auch bei den Laws of Form von entscheidender Bedeutung. Spencer-Brown beschreibt das Erkennen als Unterscheidung. Die Menschen können nur erkennen, wenn Sie ein Motiv haben und in der Lage sind zu unterscheiden. Die Unterscheidung ist essentiell in dieser Theorie.

Wie kam Spencer-Brown zu dieser Theorie? British Railways, wo Spencer-Brown angestellt war, suchte nach einer Zählmaschine, die in der Lage war, vorwärts und rückwärts zu zählen, um zu überwachen, dass beim Hin- und Herrangieren von Waggons kein Waggon in einem Tunnel vergessen wurde. Spencer-Brown konstruierte zusammen mit seinem Bruder diese Maschine und meldete sie zum Patent an. Die Maschine arbeitet mit imaginären Zahlen. Die Verwendung imaginärer Zahlen bedeutet die Verwendung einer Mathematik, die logisch ohne Netz operiert, weil sie etwas mit widersprüchlicher Selbstbezüglichkeit zu tun hat. Ein Beispiel dafür ist die gewöhnliche Hausklingel, die mit Hilfe eines Schaltkreises nach dem Prinzip “Wenn geschlossen, dann offen; wenn offen, dann geschlossen” ihren Klöppel zum Schlagen bringt. Betrachtet man dieses Phänomen jenseits der Zeit hat man eine paradoxe Situation. Der Klöppel wäre jeweils lieber in der anderen Position. G. Spencer-Brown hat diese widersprüchliche Selbstbezüglichkeit durch Einfügen des Faktors Zeit aufgehoben. Hier erkennt man auch gut den Bezug zu quantitativen dynamischen Modellen.

Kommen wir noch einmal zum Thema Paradoxon zurück. Paradoxien sind wie gesagt unentscheidbare Situationen, da sie gleichzeitig wahr und falsch sind. Die zweiwertige aristotelische Logik kommt mit dieser Problematik nicht klar und schließt diese Phänomene aus. Die eben diskutierten Theorien von Günther und Spencer-Brown haben hierfür eine Lösung: Das Einbeziehen von Ort und/ oder Zeit als Stelle in der sogenannten Stellenwertlogik – wie die Günthersche Polykontexturalitätstheorie auch genannt wird.

  • Mit dem Inkludieren der Zeit werden die Ereignisse in eine zeitliche Reihenfolge gebracht.
  • Mit dem Inkludieren des Ortes wird das System in Subsysteme aufgespalten.

Beispiel: “Der Barbier von Sevilla rasiert alle Männer von Sevilla, die sich nicht selbst rasieren.” Man erkennt das Beispiel sehr leicht als ein Paradoxon.

  • Mit dem Einfügen der Zeit, kann man das Paradoxon lösen. Der Barbier rasiert sich mal selbst und mal nicht. Da man sich grundsätzlich nicht den gesamten Tag 24 Stunden lang ununterbrochen rasiert, werden diese ständig wechselnden Sichten des Barbiers von einem externen Beobachter nicht unbedingt wahr genommen. Man redet hier von diskreten Zeitabschnitten. Anders sieht es aber bei kontinuierlichen Zeitabschnitten aus. Wenn also der Beobachtete ständig in ganz kurzen Abschnitten und direkt hintereinander seine Sichten ändert. Er wird dann von einem externen Beobachter als schizophren wahr genommen.
  • Mit dem Einfügen des Ortes, würde man das System Barbier aufspalten. In diesem Falle würde es bedeuten, ihm die Arme abzunehmen. Die Arme wären dann ein separates System. Genommen, ein rein theoretisches Gebilde in diesem Fall. Aber im Bereich der Wirtschaft sehr gut vorstellbar. Allerdings möchte ich für das Beispiel Wirtschaft den Link zum Thema Critical Chain ziehen. Bei Critical Chain wird nämlich Kooperation ganz groß geschrieben. Kooperation steht nicht im Gegensatz zur Aufspaltung in Subsysteme. Wenn die Wolke des Zielkonflikts verschiedener Bereiche nicht aufgelöst werden kann, dann ist Aufspaltung der Bereiche ein gangbarer Weg. Wird die Wolke aufgelöst, existiert der Zielkonflikt nicht mehr und damit auch das Paradoxon nicht mehr.

Ein weiteres Beispiel eines bekannten und oft genutzten Paradoxons ist: “Wenn Du in Eile bist gehe langsam” oder in Englisch: “Go slow to go fast.” Mit dem Inkludieren der Zeit kann man das Paradoxon relativ leicht auflösen: In schwierigen Situationen (zum Beispiel des Wandels) gewissenhaft agieren und Themen gut durchdenken, um dann in “Alltagssituationen” Speed aufzunehmen.

Zu der Thematik “Unterscheidung treffen” möchte ich ein kleines Beispiel anbringen. Es wird seit langem intensiv darüber gestritten, ob Armstrong auf dem Mond war oder nicht (Unterscheidung). Er könnte in einem Studio in Hollywood gewesen sein. Eine gängige Variante lautet: beides. Er war auf dem Mond, weil dort aber schlechte Aufnahmen gemacht wurden, wurden die Aufnahmen im Filmstudio nochmals gemacht. Vielleicht weil die Amerikaner glaubten, dass sich eine schlechte Kamera schlecht mit einem gelungenen Mondspaziergang vertragen würde. In der Notation von G. Spencer-Brown: Unterscheide er war auf dem Mond/ er war nicht auf dem Mond. Auf der positiven Seite der Unterscheidung wiederhole die Unterscheidung: Die Bilder stammen vom Mond oder nicht. Diesen Prozess nennt Spencer-Brown Re-Entry. So kann man finden: Die Bilder lügen, obwohl sie etwas Wahres berichten. Die folgende Abbildung verdeutlicht das Gesagte.

Unterscheidungen treffen

Zur Annäherung an dieses Thema empfehle ich das Buch von Felix Lau “Die Form der Paradoxie. Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der “Laws of Form” von George Spencer Brown” und die folgende Seite im Netz.

Sehr schön finde ich den Rätsellöser, der auf den Laws of Form basiert. Diesen kann man verwenden, um die Lösungen von Logikrätseln, wie sie beispielsweise im “P.M. Logik-Trainer” oder in den “Logeleien von Zweistein” zu finden sind, zu berechnen.

Für grundsätzlich weitere Informationen verweise ich gerne auf die folgenden Seiten im Netz:

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