Erkenntnisse der Mathematik werden falsch in die Wirtschaft portiert

In vielen Bereichen werden die theoretischen Erkenntnisse der Mathematik nicht richtig in die Praxis der Wirtschaft umgesetzt. Den Grund dafür kann ich nicht klar benennen. Entweder den Umsetzern ist dies nicht bewusst, weil sie die Brücke zwischen Theorie und Praxis unzureichend schlagen und weil es ja schließlich schon immer so gemacht wurde. Ein anderer Fakt könnte aber auch sein, dass man sich der Diskrepanz zwischen mathematischer Theorie und praktischer Umsetzung bewusst ist, diese aber ausgeblendet wird, da gewisse Lobbyisten die richtige Umsetzung verhindern.

Ich möchte folgend einige Beispiele für falsch geleitete Umsetzungen anführen. Viele kennen Sie ja weitere Beispiele.

Normalverteilung bei der Leistungsbewertung von Mitarbeitern

Es ist gängige Praxis, dass sich die Leistungen von Mitarbeitern innerhalb von Teams einer Normalverteilung, auch als Gaußverteilung oder Gaußglocke bekannt, annähern müssen. Manager und Führungskräfte werden regelrecht gezwungen diese Verteilung zu erzielen und müssen sich rechtfertigen, wenn dies nicht der Fall ist. Das wird nimmt dann teilweise so groteske Züge an, wenn Manager und Führungskräfte betonen, fair bewerten zu wollen. Tja, was denn wohl sonst? Spätestens nach dem Studieren der Erklärungen zur Normalverteilung, zu finden in jedem Lehrbuch zu Statistik oder Wahrscheinlichkeitsrechnung, ist diese Praxis zu hinterfragen. Die folgende ist aus dem oben angeführten Wikipedia-Link.

Das bedeutet, dass man Zufallsvariablen dann als normalverteilt ansehen kann, wenn sie durch Überlagerung einer großen Zahl von unabhängigen Einflüssen entstehen, wobei jede einzelne Einflussgröße einen im Verhältnis zur Gesamtsumme unbedeutenden Beitrag liefert.

Weder sind die Leistungen von Mitarbeitern innerhalb eines Teams unabhängig, noch ist die Anzahl der Mitarbeiter in den Teams groß genug. Also weg mit dem Streben nach Gaußverteilung wo keine sein kann.

Wettbewerb innerhalb von Teams

In meinem Post Denken und Handeln nach der Kostensicht zerstört die Identität von Unternehmen habe ich bereits die beiden unterschiedlichen Mindsets beim Führen von Unternehmen angesprochen, die Kosten- und die Durchsatzsicht. Unternehmen werden heute zum großen Teil so geführt als wären sie Bestandteil einer Kostenwelt. Profitcenter belegen diesen Fakt. Damit schafft man aber Wettbewerb zwischen den Teilen eines Unternehmens, wo keiner sein darf. Wettbewerb ist nämlich nur bei Nullsummenspielen erfolgsversprechend. Ein Nullsummenspiel im ökonomischen Sinne ist eine Konkurrenzsituation, bei der der wirtschaftliche Erfolg oder Gewinn eines Beteiligten einem Misserfolg oder Verlust eines anderen in gleicher Höhe gegenübersteht.

In einem Unternehmen gibt es keine Nullsummenspiele, da Unternehmen Teilnehmer einer Durchsatzwelt sind. Die einzelnen Teile dürfen nicht nach lokalen Optima streben, sondern müssen kooperieren. Entweder es wird zusammen gewonnen oder zusammen verloren. Dazwischen gibt es nichts. Innerhalb eines Systems muss Kooperation herrschen, mit anderen Systemen kann das System im Wettbewerb stehen. Allerdings ist diese Grenzziehung nicht immer eindeutig und abhängig vom Kontext. Belegen möchte ich dies am Beispiel Fußball.

2 Spieler konkurrieren um einen Stammplatz in einem Verein. Ist die Grenze der jeweilige Spieler, tut Wettbewerb gut. Nur sollte dort die Grenze gezogen werden? Im ersten Moment würde man sicherlich die Mannschaft als System ansehen und dort entsprechend die Grenze ziehen. Dann wäre Wettbewerb zwischen einzelnen Spielern schlecht. Sehr häufig höre ich aber von Trainern, das Wettbewerb um Positionen die Mannschaftsleistung fördert. Das würde ich ganz stark hinterfragen. Spinnen wir den Faden aber weiter. Setzen wir den Fokus auf die Nationalmannschaft und ziehen dort die Grenze. Dann dürften auch die Spieler, zumindest die potentiellen Nationalspieler verschiedener Vereine auch im Spiel gegeneinander nicht konkurrieren. Diesen Fakt hat der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque vor geraumer Zeit angesprochen, als er seine Sorge um die Nationalmannschaft ob der bitteren Feindschaft zwischen Real Madrid und FC Barcelona zum Ausdruck gebracht hat.

Bevor man nach Wettbewerb schreit und diesen forciert, muss man sich also ganz genau über den Kontext der Situation Gedanken machen und die Grenze zwischen betrachteten Systemen akkurat ziehen, nämlich dort wo Nullsummenspiele gewünscht sind.

Intelligenz in der Masse

Sehr häufig höre ich, dass das Arbeiten in Teams bzgl. Entscheidungen die Intelligenz erhöht, sprich, dass die Intelligenz der Masse höher ist als die Intelligenz jedes Einzelnen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch oft von der Weisheit der Vielen. Allerdings kann diese Weisheit auch schnell in Dummheit umschlagen, dann nämlich wenn die Menschen in der Masse sich gegenseitig beeinflussen. Das haben Forscher der ETH Zürich herausgefunden. Bei Entscheidungen innerhalb von Teams müssen die Teammitglieder entsprechend unabhängig voneinander ihre Wahl treffen. Das nehme ich in den seltensten Fällen in der Praxis wahr. Damit stelle ich natürlich nicht das Arbeiten in Teams in Frage, sondern ausschließlich den Entscheidungsprozess, wie er derzeit innerhalb von Teams gelebt wird.

Richtig angewendet wird diese Erkenntnis übrigens von Günther Jauch in der Sendung “Wer wird Millionär”, wo er die Kandidaten häufig auffordert, beim potentiellen Verwenden des Publikumjokers, die eigenen Gedanken und Ideen nicht zu artikulieren, um das Publikum nicht zu beeinflussen.

Pareto-Prinzip

Das Pareto-Prinzip basiert auf der Pareto-Verteilung, welches das statistische Phänomen beschreibt, wenn eine kleine Anzahl von hohen Werten einer Wertemenge mehr zu deren Gesamtwert beiträgt als die hohe Anzahl der kleinen Werte dieser Menge. Das besagte Pareto-Prinzip besagt damit, dass sich viele Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von ca. 20 % so erledigen lassen, dass 80 % aller Probleme gelöst werden. Allerdings gilt dieses Prinzip nur, wenn die Elemente unabhängig voneinander sind. Diese entscheidende Limitation von Vilfredo Pareto, dem Erfinder dieses Prinzips, wird leider übergangen, weshalb dieses Prinzip viel zu häufig in falsche Zusammenhänge gesetzt. Leider auch in der oben angegebenen Wikipedia-Quelle. Denn dort steht gleich am Anfang

Das Paretoprinzip, auch Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel, besagt, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse benötigen 80 % der Gesamtzeit und verursachen die meiste Arbeit.

Aktivitäten innerhalb eines Projektes sind aber abhängig voneinander, nicht alle aber, die die es sind, sind entscheidend für das Projekt. Critical Chain Project Management setzt diesen Fakt übrigens in die Praxis um, in dem der Fokus auf den Engpass und die kritische Kette gelegt wird.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Keine Bewertungen bislang. Geben Sie doch die erste ab.)
Loading ... Loading ...
This entry was posted in Management und Leadership, Optimierung und Mathematik and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Erkenntnisse der Mathematik werden falsch in die Wirtschaft portiert

  1. Total Unwichtig says:

    Zum Pareto-Prinzip:

    In Wirklichkeit gilt die 90-90-Regel: 90% der Arbeit benötigt 90% der Zeit. Die restlichen 10% der Arbeit werden dann in den anderen 90% der Zeit erledigt! 🙂

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *