Konfliktlösung: Vom Taubengleichnis lernen

Immer wieder erlebe ich es und leider viel zu häufig. Situationen und Problemlagen werden trivialisiert, in dem die beteiligten Menschen objektiviert werden. Als Beispiel solcher Situationen möchte ich Konfliktsituationen beleuchten, wobei ich anmerken möchte, dass die Ideen und Gedanken, die ich hier darlege, grundsätzlich auf alle Situationen reflektiert werden können, in denen Menschen agieren und reagieren.

Menschen werden trivialisiert

Was meine ich mit Trivialisierung von Menschen? Sie werden in Schubladen gesteckt. Es gibt verschiedenste Verfahren, um menschliche Charaktere statisch zu kategorisieren. Ein Beispiel dafür ist der Myers-Briggs Typindikator, der zur Einschätzung von menschlichen Persönlichkeiten angewendet wird. Mit diesem Indikator wird eine Art Persönlichkeitstopologie gezeichnet, bei dem 4 Funktionen gegenübergestellt werden.

  • Introversion vs Extraversion
  • Intuition vs Sensing
  • Feeling vs Thinking
  • Judging vs Perceiving

Es gibt eine Menge weiterer Verfahren, Menschen einzuteilen. Vielleicht kennen Sie ja auch die Einteilung der menschlichen Persönlichkeitsstrukturen in die Farben rot, grün und blau. Wie oft habe ich Aussagen wie “Das ist ein Roter. Da musst Du aufpassen. Der geht schnell in die Luft.” gehört. Egal welche Verfahren Sie nehmen, eines haben sie alle gemeinsam, sie trivialisieren die Menschen. Ich möchte nicht sagen, dass eine einfache Einteilung, wie diese Verfahren es ersinnen, grundsätzlich falsch sind. Sie dienen im ersten Moment zu einer Standortbestimmung. Mehr aber auch nicht. Sie sind nicht das Allheiligtum zur Charakterisierung von Menschen, da die Menschen viel zu komplex sind, um sie so einfach in Kategorien einzuteilen. Diese Einteilung kann also nur ein erster Schritt sein, aber mit Sicherheit nicht der letzte Schritt, um zu verstehen wie und warum Menschen agieren wie sie agieren. Denn was wird hier zu sehr vereinfacht? Es ist die Subjektivität.

Warum wippen Tauben eigentlich immer mit dem Kopf?

Um die Wichtigkeit von Subjektivität beim Beobachten und Bewerten von Problemlagen oder Situationen zu betonen, möchte ich ein Beispiel bemühen. Warum wippen und nicken die Tauben stetig mit dem Kopf beim Gehen? Aus der Sicht des Menschen ist dies nämlich der Fall. Das ist für uns komisch und nicht nachvollziehbar. Aber aus Sicht der Tauben sieht die Sachlage ganz anders aus. Denn die Taube hält den kopf relativ stabil zur Erdoberfläche. Die Tauben strecken ihren Kopf beim Gehen vor und ziehen ihren Körper dann nach. Es herrscht also wenig Bewegung des Kopfes. Das ist einleuchtend, denn Kopfbewegung bedeutet für die Taube hoher und unnötiger Energieaufwand und verzerrtes Beobachten der Umwelt. Und genau das ist überlebenswichtig: Optimaler Energieeinsatz und die Möglichkeit die Umwelt scharf beobachten zu können. Sie können das ja gerne nachvollziehen, in dem Sie beim Filmen mit der Videokamera die Kamera ständig hin und her bewegen. Das spätere Anschauen der Sequenzen am Fernseher wird sicherlich kein Spaß. Wir erkennen also, will man Situationen richtig beobachten und bewerten, muss man in der Lage sein, diese von verschiedenen Positionen aus zu betrachten. Tauben wippen nämlich gar nicht mit dem Kopf. Ich habe die Relativität in Bezug des Taubenkopfes zur Erdoberfläche angesprochen. Besteht hier ein Bezug zur Relativitätstheorie von Albert Einstein? Bevor ich dies aber nachvollziehe, möchte ich noch auf meinen Artikel Ist Objektivität eine Illusion? verweisen, in dem ich detailliert das Phänomen der Subjektivität unter Bezugnahme von trivialen und nichttrivialen Maschinen, wie sie der Kybernetiker Heinz von Förster eingeführt hat, beleuchte.

Sind Konfliktsituationen relativitätstheoretisch?

Den Kampf zwischen Objektivität und Subjektivität erkennt man in den Interpretationen der Relativitätstheorie von Albert Einstein. Einstein meinte die Geschwindigkeit sei für jeden Menschen gleich, egal wie oder wie schnell er sich bewegt. Um dieser Sichtweise Stand zu geben, setzte er die Zeit als variabel an, damit die uns allen bekannte Formel “Geschwindigkeit ist gleich der Weg relativ zur Zeit” wieder passt. Diese Vorgehensweise ist unter dem Begriff Zeitdilatation bekannt geworden. Dass das aber mit unserer Wahrnehmung nicht ganz vereinbar ist, scheint einleuchtend zu sein, wenn Sie sich das folgende Beispiel anschauen. Wenn Sie in einem Zug sitzen und einen entgegenkommenden Zug sehen, dann kommt Ihnen die Geschwindigkeit dieses Zuges größer vor, als wenn Sie den gleichen Zug stehend am Bahnsteig an sich vorbeiziehen lassen würden. Das veranlasste die Gegner der Relativitätstheorie eine Gegenthese zu postulieren. Denn wenn Einstein Recht hätte, müsste sich die Geschwindigkeit, in diesem Falle des Zuges, an jeden Beobachter anpassen, damit sie für jeden Beobachter gleich ist. Sie beziehen die Subjektivität ein und sagen, dass ein Objekt nicht für jeden Beobachter die gleiche Geschwindigkeit haben kann.

Aber wie kann ein Außenstehender überhaupt erkennen, wie ein anderer Beobachter die Geschwindigkeit eines Zuges wahrnimmt? Das geht ausschließlich über die Kommunikation. Der andere Beobachter drückt allerdings nur das aus, was er subjektiv wahrnimmt. Dafür trivialisiert er seine Wahrnehmungen auf eine auf Konsens abgestellte Form der Notation, die Sprache. Gut erkennt man dies an Farben. Wenn Ihr Gegenüber einen Gegenstand als rot wahrnimmt und Ihnen das mitteilt, wissen Sie ausschließlich, dass ihr Gegenüber diesen Gegenstand der Farbe rot zugeordnet hat. Sie wissen nicht, ob ihr Gegenüber die Farbe genauso oder ähnlich wahrnimmt wie Sie.

Kommen wir wieder zum Zug. Auf der einen Seite sind die beobachteten Geschwindigkeiten des Zuges stets subjektiv seitens der Beobachter. Der Beobachter ist für andere Beobachter des gleichen beobachteten Objektes, von dem die Geschwindigkeit beobachtet wird, eine “Black Box”. Beide Beobachter können sich ausschließlich über ihre Sprache verständigen. Wir können aus einer Superposition heraus nicht klar bestimmen, welche Geschwindigkeit das beobachtete Objekt hat. Die Einsteinbefürworter sind der Meinung, die Geschwindigkeit ist stets gleich und die Zeit ändert sich. Die Einsteingegner postulieren das Entgegengesetzte, die Geschwindigkeit ändert sich je nach Position und Lage des Beobachter und die Zeit bleibt gleich. Ich bin mir nicht sicher, wer Recht hat, tendiere aber eher zu der zweiten Gruppe und mache mir dies am so genannten Zwillingsparadoxon bewusst. Wenn von 2 Zwillingen einer eine große Reise, sagen wir mit einem Raumschiff durch das Weltall, antritt, und der andere Zwilling zu Hause auf der Erde bleibt, muss gelten, dass der reisende Zwilling weniger altert als der daheimgebliebene Zwilling. Hier habe ich eine Blockade dies als wahr zu denken. Damit möchte ich allerdings nicht behaupten, dass alle Vorgänge in der Natur mit dem “gesunden Menschenverstand” vereinbar sein müssen.

Die Relativitätstheorie suggeriert das Inkludieren der Subjektivität, aber nur scheinbar. Bleiben wir bei dem Beispiel mit der Geschwindigkeit des Zuges. Wenn wir sagen, dass die Geschwindigkeit des Zuges stets gleich ist, unabhängig von dem Beobachter, absolutiert man auf den Beobachter bezogen. Die Relativität oder Subjektivität wird in das beobachtete Objekt, dem Zug, gelegt, denn dieser muss sich aus Sicht der Geschwindigkeit auf jeden Beoabachter einstellen. Wie man es dreht und wendet, Subjektivität ohne Objektivität gibt es nicht. Subjektivität kann uns zur Weißglut treiben, weshalb diese in den Wissenschaften auch häufig exkludiert wird, in dem alles objektiviert und damit trivialisiert wird. Damit handeln wir uns dann aber Probleme ein, die wir nicht handhaben können, wie wir beispielseise bei Konfliktlösungen immer wieder sehen. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema.

Was lernen wir aus dem Taubengleichnis?

Das Wort “Konflikt” stammt von dem lateinischen Substantiv “conflictus” und bedeutet Aneinanderschlagen, Zusammenstoßen, im weiteren Sinne daher auch Kampf oder Streit. Konflikte unterscheiden sich von Problemen vor allem dadurch, daß sich die beteiligten Parteien in der Bewältigung der Situation uneins sind und dabei negative Gefühle entwickeln. Und genau bei den negativen Gefühlen möchte ich ansetzen. Die beteiligten Parteien verstehen die Motive und Sichten der jeweils Anderen nicht. Das ist der Nährboden für negative Gefühle, die einer Beseitigung des Konfliktes hemmend gegenüber stehen. Subjektivität im Sinne einer differenzierten Sicht und Beurteilung einer Sach- oder Problemlage muss akzeptiert werden und mehr noch, sie muss in die methodische Herangehensweise einfließen. Eine mögliche Methodik ist die Systemische Syndromanalyse von Andre Frank Zimpel, die er in seinem Buch Zwischen Neurobiologie und Bildung darstellt. Er verfolgte mit der Methodik das Ziel, die Förderdiagnostik in den Schulen zu erweitern. Zimpel unterscheidet 4 Beobachtungsstandpunkte, zwischen denen man zirkulär wechselt: Außensicht, Innensicht, Supersicht und Selbstreflektion. Die folgende Graphik stellt die Abläufe schematisch dar.

Ich bin der Meinung, dass man diese Methodik sehr gut für die Konfliktlösung einsetzen kann, was ich folgend belegen möchte. Aus einer Außensicht heraus beleuchtet man den Konflikt aus einer distanzierten, versachlichenden und verobjektivierenden Lage heraus. Man setzt eine Norm als Bewertungsschema an, die man als objektiv ansieht. Es wird also beobachtet, wie die anderen Parteien sich verhalten. Der Nachteil dieser Sicht ist einleuchtend. Man betrachtet sich selber nicht als Teil des Konfliktes und Subjektivität ist exkludiert. Der zweite angesprochene Nachteil, die Subjektivität, findet Beachtung in der Innensicht. Diese Sicht befreit sich quasi von einer von außen angelegten Norm und orientiert sich am subjektiven Erleben. Es wird sich in die anderen Parteien hinein gedacht und man versucht den Konflikt aus deren Position heraus zu betrachten und zu bewerten. Allerdings, und das muss man an dieser Stelle betonen, geschieht dieses Hineindenken mit den eigens angelegten Wertesystemen. Ebenso auffallend ist, dass aus beiden Beobachtungspositionen heraus jeweils eine Kontante gesetzt werden muss. Aus der Außensicht heraus ist es die Umwelt, sprich das Problem ist konstant, aus der Innensicht heraus ist es die Persönlichkeit, sprich die Sicht auf das Problem. Diese Zwickmühle wird erst in der Supersicht aufgehoben, da aus dieser Sicht heraus zwischen Innen- und Außensicht immer wieder gewechselt wird. Diese Wechsel müssen in einer Supersicht so lange geschehen bis das Verhalten der anderen beteiligten Parteien aus der eigenen Wahrnehmung heraus stimmig ist. Das ist die Grundlage, um die Meinung der Anderen zu achten, was die Basis ist für eine gemeinsame Konfliktbewältigung. Alle 3 genannten Sichten sind kognitionstheoretisch fiktiv, da sie immer noch von einer Beobachterperspektive ablaufen. Die 3 Sichten müssen sich also alle aufeinander beziehen, was die Selbstreflektion gewährleistet. Im Rahmen der Selbstreflektion wird also der Kreis der Beobachtungen einer Person zu dieser Person selbst geschlossen. Als Beobachter einer Konfliktlösung hinterfragt man sein eigenes Verhalten, welches Auswirkungen auf das Verhalten Anderer und damit wiederum auf seine Beobachtungen hat. Das Urteilen der Handlungen Anderer fällt damit auf einen zurück.

Sehr gut läßt sich die Systemische Syndromanalyse im Rahmen einer qualitativen Modellierung, beispielsweise mit dem CONSIDEO MODELER, durchführen. In der Außensicht werden Faktoren gesammelt, die das Verhalten der beteiligten anderen Parteien beschreiben. Es lassen sich bereits hier schon Ursache-Wirkungsbeziehungen zwischen den Faktoren einzeichnen. Gleiches macht man bei der Innensicht, nur halt aus der subjektiven Perspektive der anderen Parteien heraus. In der Supersicht verbindet man die Faktoren beider Sichten hinsichtlich ihrer Ursache-Wirkungsbeziehungen. Im Zuge der Selbstreflektion werden die Beziehungen validiert und gegebenenfalls angepasst. Es ist ersichtlich, dass ein solches Modell niemals final sein kann, da eine Selbstreflektion niemals abgeschlossen und final sein kann.

Ich hoffe ich habe eindrucksvoll dargestellt, das ein Engagement eines Mediators zur gemeinsamen Bewältigung eines Konfliktes nicht zum Ziel führen kann. Ein Mediator bleibt immer Außenstehender eines Konfliktes. Damit fällt das Gemeinsame. Wendet jeder Beteiligte eines Konfliktes die angesprochene Methodik an, besteht Potential für gegenseitige Achtung für die jeweiligen Verhaltens- und Sichtweisen. Das ist das Fundament einer tragfähigen und gemeinsamen Lösung. Des Weiteren lässt sich diese Methode auf alle Problem- und Sachlagen ausdehnen, in denen Menschen beteiligt sind.

Fazit: Es ist quasi unmöglich einen anderen Menschen komplett zu verstehen und damit seine Handlungen und Motive. Die Einsicht dessen ist ein erster Schritt zum Erfolg. Man kann sich nur annähern, in dem man die anderen Menschen akzeptiert, achtet und versucht zu verstehen, denn Subjektivität ist niemals objektiv darstellbar.

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One Response to Konfliktlösung: Vom Taubengleichnis lernen

  1. Ohne der Fähigkeit zur Selbstreflexion ist weder eine Erkenntis noch Bewusstheit möglich. Der Prozess der Veränderung kann nur auf dieser Grundlage enfaltet werden.

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