Ist Denken out?

Der folgende Artikel, gefunden in der Welt, suggeriert das jedenfalls. Aber stimmt das? Ist Denken wirklich out, weil Maschinen bald das Denken für uns übernehmen werden? Ich sage ganz klar NEIN. Warum, werde ich jetzt ausführen.

Das Wahrnehmen ist von unseren Denkprozessen geprägt, und diese bauen auf unsere Logik auf. Wir beschränken die Fähigkeit unseres Gehirns durch unsere Logik. Unser Gehirn könnte viel mehr. Aber unser Denken, welches auf der zweiwertigen Logik von Aristoteles aufgebaut ist, unterdrückt es. Unser Gehirn kann mit Heterarchien (nebengelagerte simultan ablaufende Prozesse) und Selbstbezüglichkeiten, die in unserer heutigen Mathematik ausgeschlossen sind, da sie zu Paradoxien führen, umgehen. In unseren bewussten Denkprozessen können wir das aber nur sehr schwer, weil wir uns limitieren. Wir denken bewusst nur in Hierarchien. In erster Linie müssen wir uns also bewusst mit neuen Denkarten auseinandersetzen, um in Zukunft neue Themen für uns erschließen zu können. Aber warum?

Haben wir eine andere Logik, dann können wir auch anders wahrnehmen, sicherlich auch Dinge, die wir heute noch garnicht sehen. Aber nicht nur deshalb benötigen wir eine neue Logik. In dem Artikel der Welt wird davon gesprochen, dass Maschinen irgendwann das Denken für die Menschen übernehmen werden. Wir sind aber noch sehr weit davon entfernt, Maschinen zu konstruieren, die denken können. Derzeit wird in der KI- und Gehirnforschung ausschließlich der Denkinhalt untersucht. Dieser lässt sich auch monokontextural, also in der zeiwertigen Logik, die unsere Mathematik komplett vereinnahmt hat, darstellen. Der Denkinhalt ist messbar und beobachtbar. Der Denkprozess wird allerdings nicht untersucht. Dieser lässt sich nämlich nicht mehr monokontextural darstellen, da die Prozesse selbstbezüglich und nebengestellt (heterarchisch) sind. Es gilt hier nicht mehr das Transitivitätsgesetz (Aus A kleiner als B und B kleiner als C folgt nicht automatisch A kleiner als C). Die Prozesse des Gehirns lassen sich also nicht mehr sequentiell darstellen. Die Gehirnforschung vereinfacht derzeit in allen Untersuchungen und Experimenten das Gehirn zu einer trivialen Maschine. Es werden Input und Output gemessen. Das Gehirn wird also als operativ offen trivialisiert. Was noch erschwerend dazu kommt ist, dass Untersuchungsergebnisse irgendwie kommuniziert werden müssen. Das passiert u.a. durch Sprache. Denkinhalte können durch die Sprache, wie sie heute bekannt ist, geäußert werden. Alle bekannten Sprachen sind aber steng sequentiell. Das bedeutet, die Denkprozesse im Gehirn können garnicht durch die derzeitigen Sprachen erklärt werden, da die Prozesse im Gehirn eben nicht sequentiell sind. Es wird also auch eine neue Sprache benötigt.

Alle KI-Modelle, die derzeit existieren und das menschliche Gehirn simulieren sollen, beschreiben Zustände und keine Prozesse. Ein Zustand zeichnet sich dadurch aus, dass sich nichts verändert. Die Physik beispielsweise beschreibt Zustände von bona fide Objekten und ein physikalischer Prozess ist lediglich ein Übergang von einem physikalischen Zustand in einen anderen. Das sehen sie beispielsweise auch bei System Dynamics Modellen, egal was man modellieren möchte oder wie klein die Simulationsschrittweite auch immer gewählt wird. Man erhält stets diskrete Modelle. Es werden also kontinuierliche Vorgänge im Modell diskretisisiert. Anders wären diese garnicht modellierbar. Details dazu finden Sie in diesem Artikel, den ich vor geraumer Zeit geschrieben habe. Ein Denkprozess des Menschen ist aber immer etwas Prozessuales. Hier macht es also keinen Sinn von einem Zustand im Sinne der Physik zu sprechen. Künstliche Modelle, die das menschliche Gehirn nachbilden sollen, dürfen die mentalen Prozesse niemals gegenständlich, sondern stets in Relationen “denken”. Wir benötigen also kontinuierliche Modelle.

Mit dem derzeitigen Stand der Wissenschaft, die wie gesagt auf der zweiwertigen Logik basiert, kann das Leben, und damit das Denken, nur vorsausgesetzt werden. Will man aber menschliche Gehirne künstlich konstruieren, ist das der falsche Ansatz. Es müsste also, um zum Ziel zu gelangen, der Wissenschaftsansatz fundamentaler gedacht werden, und dabei führt prinzipiell kein Weg an der Logik vorbei. Gesucht ist also ein Logiksystem, das nicht nur allen wissenschaftlichen Disziplinen zugrunde liegt, sondern der es vor allem ermöglicht, die selbstrückbezüglichen, die selbstreferentiellen prozessualen Strukturen lebender Systeme widerspruchsfrei zu modellieren und zu simulieren, und der letztendlich zu operationsfähigen Implementationen, zu technischen Artfakten führt. Wir benötigen also eine standpunktabhängige Logik, die die zweiwertige Logik nach Aristoteles nicht ist. Fündig wird man an dieser Stelle bei der Polykontexturalen Logik von Gotthard Guenther. Details dazu finden Sie in der Sektion Erkenntnistheorie.

Fazit: Die Funktionsweise des Gehirn ist derzeit für uns Menschen nicht denk- und formalisierbar. In dieser Situation davon zu reden, wir wären schon am Limit unseres Denkens angekommen, weil wir es garnicht mehr brauchen, ist fatal. Das zweiwertige Denken ist am Ende. Das stimmt. Aber das mehrwertige, besser mehrstellige, Denken ist erst im Aufbau begriffen. Allerdings wird die Notwendigkeit dafür noch nicht erkannt.

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