Entscheidungsprozesse in Unternehmen unterliegen oft einer unangemessenen Trivialisierung

In Entscheidungssituationen erlebe ich es häufig, dass die Beteiligten aneinander vorbei reden und es häufig gar nicht merken. Der Grund dafür ist, dass sich die Beteiligten nicht oder zu wenig über ihre eigenen Prämissen, auf die ihre Entscheidungen beruhen, im Klaren sind. Diese Behauptung möchte ich an Erkenntnissen aus der Ethik erklären und an einem derzeit sehr prominenten Beispiel, dem bevorstehenden Konkurs Schleckers, erhärten. Doch bevor ich loslege, möchte ich einige Begriffe klären.

Was ist Moral, Ethik und Unernehmensethik?

Als Moral wird häufig der Gesamtbereich der Normen für menschliches Verhalten mit Anspruch auf unbedingte Gültigkeit bezeichnet. Ethik dagegen ist die Wissenschaft von Moral. Diese Definition wie auch viele meiner Ideen dieses Posts habe ich übrigens aus einer Vorlesung namens “Einführung in die praktische Philosophie”, die von Herrn Prof. Dr. Hübner an der Leibniz Universität Hannover gelesen wurde, generiert. Die Vorlesung können Sie über itunes U nachverfolgen.

Wenn Sie eifriger Leser meines Logbuchs sind, dann haben Sie jetzt sicherlich einen Unterschied in dieser Definition von Ethik und Moral zu den Ausführungen festgestellt, die ich in meinem Post Dialog zu den Themen Komplexität, Entropie, (Nicht)Wissen und ihre Auswirkungen auf Ethik und Entscheidungen getätigt habe. Dazu habe ich Prof. Dr. Hübner befragt, worauf er mir die folgende Antwort per Mail gesendet hat.

Försters Unterscheidung scheint mir mit der Begriffsverwendung von Diskursethikern (vor allem Habermas) verwandt zu sein: Dort betrifft das “Moralische” Fragen der zwischenmenschlichen Beziehungen, des gerechten Zusammenlebens, der verbindlichen Normen. Das “Ethische” gilt dort als der Bereich der privaten Lebensführung, des guten Lebens, der individuellen Werte. Diese andere Begriffsverwendung bei Habermas und seinen Nachfolgern führt leider immer wieder zu Verwirrung (genau genommen ist damit schon der Ausdruck “Diskursethik” falsch, was Habermas selbst auch erwähnt). In der Vorlesung fehlte leider die Zeit, diese Komplikation anzusprechen. Es scheint mir, dass von Försters Verständnis stark in diese diskursethische Richtung tendiert. Vielleicht hat Förster sich auch am englischen Sprachgebrauch orientiert. Dort kann “ethics” grundsätzlich synonym mit “morality” verwendet werden, steht aber auch dafür offen, bestimmte Sektoren des Gesamtbereichs des “Moralischen” auszuzeichnen. Evtl. hat er seine Begriffsverwendung also auch vom englischen Sprachraum aus entwickelt.

Unternehmensethik ist dementsprechend ein Teilgebiet der Ethik, in der man sich grundsätzlich mit Handlungen und Entscheidungen befasst, die in Unternehmen anfallen.

Die 3 Sichtweisen auf Handlungen

Aus der Definition von Ethik kann man relativ leicht einsehen, dass man sich bei der Bewertung von Handlungsoptionen auf Erkenntnisse der Ethik stützen sollte. Tut man dies nicht, wie sehr häufig in der Praxis zu beobachten ist, kann man sehr leicht in vertrackte Situationen hineinrutschen, da wichtige Aspekte nicht beachtet werden. Bewertungen von Entscheidungs- und Handlungsoptionen lassen sich von 3 verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchten:

  • aus Sicht der Motivation für eine Handlung
  • aus Sicht der Handlung an sich
  • aus Sicht der Konsequenzen der Handlung

Wenn die Beteiligten, die unterschiedliche Handlungsoptionen bewerten müssen, die Sichtweisen nicht mit in die Bewertung einbeziehen, wird in der Regel ein Ergebnis erzeugt, welches nicht valide sein kann, oder wenn dann nur zufällig, nämlich dann, wenn alle Beteiligten sich unbewusst auf eine gemeinsame Sichtweise beziehen. In der Ethik gibt es Richtungen, die sich mit den jeweiligen Sichtweisen befassen. Die Tugendethik beleuchtet Handlungen aus der Motivation der Handelnden heraus. Die Deontologie tut dies aus Sicht der Handlung an sich heraus und die Teleologie aus Sicht der Konsequenzen der Handlung. Alle 3 Richtungen haben entsprechende Befürworter. Aristoteles und Platon sind Befürworter der Tugendethik, bewerten Handlungen also hauptsächlich aus Sicht der Motivation der Handelnden heraus. Immanuel Kant und Jürgen Habermas sind Deontologen. Für sie sind bei der Bewertung von Handlungen die Handlungen an sich interessant. Utilitaristen konzentrieren sich auf die Konsequenzen von Handlungen, sind also Teleologen. Vertreter dieser Richtung sind Jeremy Bentham und Henry Sidgwick.

Ein konkretes Beispiel

Ich möchte, wie oben angedeutet, ein ganz konkretes Beispiel heranziehen, an dem ich die Gefahren demonstriere, die sich einstellen, wenn man Entscheidungssituationen unangemessen trivialisiert, sich also nicht auf die Erkenntnisse der Ethik beruft. Wenn Trivialisierung als unangemessen bezeichnet werden kann, muss es auch angemessene Trivialisierung geben, da sonst diese Bezeichnung keinen Sinn machen würde. Mit angemessener Trivialisierung meine ich die Reduktion, die wir Menschen bei der Wahrnehmung von Signalen aus der Umwelt machen. Da kommen wir gar nicht darum herum. Das habe ich schon des öfteren in meinem Logbuch beschrieben. Des Weiteren reduzieren wir auch, wenn wir unsere Ideen und Gedanken mittels Sprache äußern und diese mit den Mitdiskutanten abstimmen. Auch das ist notwendig und unumgänglich, da wir unsere Gedanken erst in Symbole der Sprache verpacken müssen. Dabei müssen wir Informationsverlust in Kauf nehmen. Diese Trivialisierung ist also angemessen, weil sie notwendig ist. Dagegen existiert aber auch unangemessene Trivialisierung, also Reduktion, die vermeidbar ist. Diese Reduktion beleuchten wir in dem kommenden Beispiel.

Das Management von Schlecker steht derzeit vor der Entscheidung, ob Mitarbeiter entlassen werden sollen oder nicht. Nehmen wir einfach mal an, das Management entscheidet sich dazu einen Teil der Belegschaft zu entlassen. Es gibt dann sicherlich viele Diskussionen über die Richtigkeit dieser Entscheidung. Ich möchte mich in diesem Post nicht über “richtig” oder “falsch” richten. Ich möchte die Entscheidung aus verschiedenen Positionen beleuchten und mögliche Argumentationsketten für Pro und Contra aufbauen. Bei der Auswahl der Positionen beziehe ich mich auf die 3 oben genannten Sichten der Ethik. Ein Tugendethiker könnte die Entscheidung, Mitarbeiter zu entlassen, positiv werten als Akt der Entschlossenheit oder der Entscheidungsfreudigkeit des Managements und negativ als Akt der Unüberlegtheit oder des Egoismus. Ein Deontologe könnte die Entscheidung positiv werten, da Manager einfach die Pflicht haben zu entscheiden, auch wenn es sich um so schmerzliche Entscheidungen handelt wie diese. Ein Deontologe könnte die Entscheidung negativ bewerten, da die Mitarbeiter keine Schuld an der Misere bei Schlecker tragen. Ein Teleologe könnte die Entscheidung befürworten, da die Mitarbeiter frühzeitig die Chance bekommen sich umzuorientieren, er könnte sie als negativ einstufen, weil die Mitarbeiter samt Familie ins Unglück gestürzt werden.

Stellen wir uns einmal vor, dass 2 Personen zu einer Handlung diskutieren und diese bewerten möchten. Jede Person kann jeweils eine der 3 Sichtweisen einnehmen. Nur dann, wenn beide Personen die gleiche Sichtweise, also entweder die Handlung aus der Sicht der Motivation für die Handlung, die Handlung an sich oder die Konsequenz aus der Handlung, einnehmen und aus dieser urteilen besitzt das Ergebnis einen Sinn, da die gleiche Basis gewählt wurde. Es gibt also 9 (3*3) verschiedene Variationen an paarweisen Sichtweisen, von denen nur 3 eine gemeinsame Basis bilden. Machen sich die beiden Personen also keine Gedanken um diese gemeinsame Basis besteht eine Chance von 33%, dass das Ergebnis valide ist. Und nun hinterfragen Sie sich einmal, an wie viel Diskussionen dieser Art Sie teilgenommen haben und bei wie vielen dieser erst einmal die gemeinsame Basis im Vorfeld geklärt wurde? In der Regel ist es so, dass die Teilnehmer nicht bewusst mit dem Fokus der Sichtweisen diskutieren, was dazu führt, dass sie nicht kommuniziert haben. Denn Kommunikation ist nur dann möglich, wenn Empfänger und Sender einander an die jeweiligen Argumente anknüpfen.

Um die Sichten, die jeder Diskussionsteilnehmer einnimmt, abzuklopfen, eignet sich die Methode des Modellierens. Beim Modellieren werden die mentalen Modelle der Diskursteilnehmer offen gelegt, in dem beispielsweise mittels Ursache-Wirkungsbeziehungen die Argumente zu einem Wirknetz vervollständigt werden. Viele Gegner des Modellierens sagen, dass es unmöglich ist die Welt zu modellieren und auf dieser Basis objektive Entscheidungen zu treffen. Das ist richtig. Das ist aber grundsätzlich richtig. Egal wie ich zu Entscheidungen komme, sie sind stets subjektiv und basieren niemals auf der “richtigen” Realität. Ich entgegne dann stets dass wir nicht nicht modellieren können. Auch wenn wir es nicht explizit betonen, wenn wir unsere Umwelt wahrnehmen und Faktoren gegeneinander abwegen und auf dieser Basis Entscheidungen treffen, modellieren wir. Das machen wir dann meistens im Kopf, ohne das wir diese Beziehungen explizit machen. Dann bleiben diese Beziehungen aber für die Mitdiskutanten unsichtbar. Das Finden einer gemeinsamen Sprache, mit der man Probleme beschreiben und Lösungen formulieren kann, wird dann unmöglich. Man wird mit der Methode des Modellierens im schlechtesten Fall gleich gut sein, oft aber besser.

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