Dialog zu den Themen Komplexität, Entropie, (Nicht)Wissen und ihre Auswirkungen auf Ethik und Entscheidungen

Im Post Muss man einen Wettlauf mit der Komplexität eingehen? habe ich bereits über den Zusammenhang zwischen Komplexität und Entropie und die Auswirkungen auf das Führen von Unternehmen berichtet. Die Ideen im Vorfeld zu diesem Post waren Ankerpunkt einer Diskussion, die ich mit Daniel Juling geführt habe, die ich hier posten möchte.

Vorweg ein paar Worte zu Daniel. Der Nick von Daniel Juling ist Schnittmenge. Der studierte Maschinenbauer veranstaltet einmal im Monat ein virtuelles [Philosophisches Café]. Denn Schnittmenge liebt es, wenn Fachexperten aus verschiedenen Bereichen über ein Thema diskutieren. Es ist die Quelle für Irritationen, die verarbeitet gehören. Es ist die Quelle für Lernen und neue Ideen. Es ist die Quelle, die immer wieder aufzeigt, wie wenig man eigentlich weiß. Genau das interessiert ihn am meisten: Wie managt man NICHTWISSEN.

Nun zum, wie ich finde, überaus spannenden Dialog.

Conny Dethloff

Hallo Daniel,

Komplexität, Wissen, Nichtwissen, Entropie. Gibt es zwischen diesen Themen einen Zusammenhang? Ich denke ja, er konvergiert im Thema Ethik und Entscheidungen. Hier meine Gedanken dazu.

Ich lese gerade einige Arbeiten von Heinz von Foerster. Darin geht es ja immer wieder um prinzipiell unentscheidbare Fragestellungen und der Feststellung, dass nur diese Fragestellungen von uns überhaupt entschieden werden können. Bei entscheidbaren Fragestellungen existieren bereits Spielregeln, die von uns Menschen festgelegt wurden. Eine Entscheidung ist deshalb nicht mehr notwendig. Ein Beispiel dafür wären die Rechenoperationen mit Zahlen. 1+1 kann von uns nicht entschieden werden. Die Spielregeln der Mathematik sind von uns bestimmt. Bezüglich dieser Regeln ist 1+1 gleich 2.

Hier zieht von Foerster auch die Unterscheidung zwischen Moral und Ethik. Moral bezieht sich stets auf die Anderen. Sätze wie “Du sollst nicht töten” oder “Du darfst nicht stehlen” sind prominente Beispiele dafür. Hier bestehen also Spielregeln, die von Menschen aufgestellt wurden. Ethik ist das Gegenstück zur Moral. Ethik bezieht sich immer auf einen selber. Hier bestehen keine Spielregeln. Im Rahmen von Entscheidungen hat man es also stets mit Ethik zu tun, niemals mit Moral. Über Ethik kann man auch nur implizit sprechen, da man stets etwas über sich und seine Handlungen aussagt.

Nun der Bezug zum Wissen/ Nichtwissen. Das ist meine Spiegelung. Immer dann und nur dann, wenn wir Spielregeln bereits festgelegt und definiert haben, kann man auch von diesen wissen. Wenn wir also wissen, kann man nicht mehr entscheiden, da es sich dann um entscheidbare Fragestellungen handelt. Dann hat man es mit Moral zu tun. Also nur im Falle von Nichtwissen sollte man sich über Ethik Gedanken machen, weil es nur dann Sinn macht. Deshalb kann man über Ethik auch nur implizit reden. Man kann es ja nicht wissen.

Nun der Bezug zur Komplexität/ Entropie. Sind Spielregeln festgelegt, sind die Möglichkeiten des Handelns eingeschränkt, damit also auch die Entropie und die Komplexität gering. Also auch hier, nur im Falle von Fragestellungen hoher Komplexität, haben wir es mit ethischen Fragestellungen zu tun. Fragestellungen, die nicht komplex sind, können von uns nicht entschieden werden, da sie bereits entschieden sind.

In dem Moment wo wir versuchen Wissen aufzubauen, verringern wir die Möglichkeit entscheiden zu können, da dann ja schon alles entschieden ist. Mit dem Aufbau von Wissen legen wir Spielregeln fest. Und genau das ist die Aufgabe von Managern und Führungskräften in Unternehmen. Ihre Daseinsberechtigung ist, unentscheidbare Fragestellungen zu entscheiden. Ihre Daseinsberechtigung ist, Entscheidungen zu treffen. Nur leider ziehen sie sich viel zu oft auf entscheidbare Fragestellungen zurück und merken dabei nicht, dass sie dafür nicht benötigt werden. Sie schaufeln sich quasi ihr eigenes Grab.

Beste Grüße,
Conny

Daniel Juling

Hallo Conny,

abenteuerliche Gedankengänge. Hier meine Anmerkungen.

zu (Zitat Conny)

Ich lese gerade einige Arbeiten von Heinz von Foerster. Darin geht es ja immer wieder um prinzipiell unentscheidbare Fragestellungen und der Feststellung, dass nur diese Fragestellungen von uns überhaupt entschieden werden können. Bei entscheidbaren Fragestellungen existieren bereits Spielregeln, die von uns Menschen festgelegt wurden. Ein Beispiel dafür wären die Rechenoperationen mit Zahlen. 1+1 kann von uns nicht entschieden werden. Die Spielregeln der Mathematik sind von uns bestimmt. Bzgl. dieser Regeln ist 1+1 gleich 2.

Dafür braucht man nicht Foerster lesen. Das kann man auch mit dem Wortpaar Induktion – Deduktion erklären => http://de.consenser.org/node/2059

zu (Zitat Conny)

Hier zieht von Foerster auch die Unterscheidung zwischen Moral und Ethik. Moral bezieht sich stets auf die Anderen. Sätze wie “Du sollst nicht töten” oder “Du darfst nicht stehlen” sind prominente Beispiele dafür. Hier bestehen also Spielregeln, die von Menschen aufgestellt wurden. Ethik ist das Gegenstück zur Moral. Ethik bezieht sich immer auf einen selber. Hier bestehen keine Spielregeln. Im Rahmen von Entscheidungen hat man es also stets mit Ethik zu tun, niemals mit Moral.

Ich kann mich entscheiden den anderen zu achten oder missachten. Das ist der Code von Moral.

zu (Zitat Conny)

Nun der Bezug zum Wissen/ Nichtwissen. Das ist meine Spiegelung. Immer dann und nur dann, wenn wir Spielregeln bereits festgelegt und definiert haben, kann man auch von diesen wissen. Wenn wir also wissen, kann man nicht mehr entscheiden, da es sich dann um entscheidbare Fragestellungen handelt.

Erinnerst Du Dich ans [Philosophische Café]? Es bestand Konsens in der Wette ohne zu wissen, wie die Wette ausgeht. Dein Gedankengang mag auf Trivialmaschinen anwendbar zu sein. Das Handeln nach Spielregeln kann weiterhin komplex sein. Anderes Beispiel: Schwarmintelligenz entstehen indem die Agenten wissen nach welchen einfachen Regeln handeln sollen, doch kennen sie nicht das Ergebnis als Schwarm.

zu (Zitat Conny)

Nun der Bezug zur Komplexität/ Entropie. Sind Spielregeln festgelegt, sind die Möglichkeiten des Handelns eingeschränkt, damit also auch die Entropie und die Komplexität gering. Also auch hier, nur im Falle von Fragestellungen hoher Komplexität, haben wir es mit ethischen Fragestellungen zu tun. Fragestellungen, die nicht komplex sind, können von uns nicht entschieden werden, da sie entscheidbar sind.

Gefährliche Mischung. Wäre die Verwendung der Unterscheidung zwischen determinierten und komplexen Situationen unverfänglicher?

zu (Zitat Conny)

In dem Moment wo wir versuchen Wissen aufzubauen, verringern wir die Möglichkeit entscheiden zu können, da dann ja schon alles entschieden ist. Mit dem Aufbau von Wissen legen wir Spielregeln fest. Und genau das ist die Aufgabe von Managern und Führungskräften in Unternehmen. Ihre Daseinsberechtigung ist, unentscheidbare Fragestellungen zu entscheiden. Ihre Daseinsberechtigung ist, Entscheidungen zu treffen. Nur leider ziehen sie sich viel zu oft auf entscheidbare Fragestellungen zurück und merken dabei nicht, dass sie dafür nicht benötigt werden. Sie schaufeln sich quasi ihr eigenes Grab.

Ich kann Dir folgen, sehe es aber anders 😉 Der Fußballmanager Trainer, versucht innerhalb der zulässigen Spielregeln, die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit sein Team gewinnt. Doch ein Unternehmer kann neue Spielregeln schaffen oder im Kontext bestehender Spielregeln entscheiden. Beides kann erfolgreich sein und beides kann ins Grab führen. Was wann geschieht weiß man im Voraus leider nicht genau 😉 Doch finde ich es eine spannende Aufgabe neue und “bessere” Spielregeln zu schaffen, die die kollektiven Intelligenz eines Unternehmens vergrößert. So wie wir es gerade mit Marinas Betriebssystem versuchen => http://de.consenser.org/node/2504

Saludos,
Daniel

Conny Dethloff

Hallo Daniel,

wow. Da habe ich ja etwas angezettelt. 🙂 Ich möchte kurz auf Deine Anmerkungen reagieren.

1. Ethik vs. Moral.
Ob ich jemanden achte oder missachte, ist eine Frage von Moral. Es wurde die Spielregel festgelegt: “Du sollst Deine Mitmenschen achten”. Ich habe hier nicht wirklich die freie Entscheidung, dass nicht zu tun, da ich im Falle, wo ich es nicht tue, mit einer “Bestrafung” rechnen muss.
Von Foerster gibt sinngemäß ein gutes Beispiel in der Unterscheidung zwischen Ethik und Moral: Man lernt eine Frau kennen und bereitet ihr in den ersten Tagen stets Frühstück. Das macht man aus freien Stücken. Es ist meine Entscheidung, da es dafür keine Spielregel gibt. Das ist Ethik. Dann macht man es nicht mehr. Die Frau hinterfragt immer wieder. Man tut es dann wieder, nicht ganz aus freien Stücken, da man die Nachfragen der Frau nicht mehr hören kann. Hier hat sich in der Situation eine Spielregel entwickelt. Man entscheidet nicht mehr ganz aus freien Stücken. Man handelt aus moralischen Gesichtspunkten.

2.
Bei Wissen gibt es keine Entscheidungsmöglichkeit, da man es mit entscheidbaren Fragestellungen zu tun hat
Wissen ist stets etwas Subjektives. In dem jeweiligen Moment glauben wir daran. Wir glauben daran, weil wir uns auf die jeweils definierten Spielregeln stützen. Ändern diese sich, wird dieses spezielle Wissen obsolet. Vor Kopernikus haben auch “fast” alle Menschen geglaubt, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Das war auch Wissen mit den damaligen Spielregeln. Wenn ich also Spielregeln anerkenne, agiere ich dementsprechend. Dann haben gewisse Herren entschieden, nicht mehr an die Spielregeln zu glauben. Das war in dem Sinne eine Entscheidung.

3. Manager/ Trainer
Entscheiden bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich mich auf Spielregeln verlasse, schiebe ich Verantwortung auf die Spielregeln. Es ist dann keine Entscheidung mehr. Das passiert doch im Management von Unternehmen viel zu oft. Manager sagen, sie können nicht entscheiden, da sie noch mehr Information benötigen, um die Spielregeln spielen zu können. Dann benötigen wir die Manager nicht mehr, da sie nicht mehr entscheiden wollen, was aber ihre ureigenste Aufgabe ist. Das bedeutet es auch mit dem Beispiel Deines Trainers. Der Trainer entscheidet dann nicht mehr. Er verlässt sich auf die Spielregeln.

Ich glaube wir hängen ein bisschen an der Definition von Entscheiden. Von Foerster macht an dieser Stelle eine digitale Unterscheidung. Diese finde ich absolut einleuchtend, widerspricht aber natürlich der umgangssprachlichen Definition von Entscheiden. Hast Du einige Arbeiten von von Foerster gelesen. Am Beispiel mit dem Frühstück kann man es, glaube ich, am besten nachvollziehen.

Immer dann, wenn ich auf Grund meines Agierens etwas von meiner Umwelt erwarte, ist es keine Entscheidung mehr, da ich in den aufgestellten Spielregeln gefangen bin. Denn bei prinzipiell unentscheidbaren Fragestellungen, kann ich nichts erwarten.

Beste Grüße,
Conny

Daniel Juling

Hallo Conny,

siehe Text – ich hoffe diesmal werden meine Kommentare besser ersichtlich. Grundsätzlich, denke ich, dass wir die Begriffe Spielregeln, Wissen und Entscheidung unterschiedlich verwenden. Ich verstehe, was Du mir sagen möchtest, jedoch ist die Formulierung nicht wasserdicht.

zu (Zitat Conny)

1. Ethik vs. Moral.
Ob ich jemanden achte oder missachte, ist eine Frage von Moral. Es wurde die Spielregel festgelegt: “Du sollst Deine Mitmenschen achten”. Ich habe hier nicht wirklich die freie Entscheidung, dass nicht zu tun, da ich im Falle, wo ich es nicht tue, mit einer “Bestrafung” rechnen muss.
Von Foerster gibt sinngemäß ein gutes Beispiel in der Unterscheidung zwischen Ethik und Moral: Man lernt eine Frau kennen und bereitet ihr in den ersten Tagen stets Frühstück. Das macht man aus freien Stücken. Es ist meine Entscheidung, da es dafür keine Spielregel gibt. Das ist Ethik. Dann macht man es nicht mehr. Die Frau hinterfragt immer wieder. Man tut es dann wieder, nicht ganz aus freien Stücken, da man die Nachfragen der Frau nicht mehr hören kann. Hier hat sich in der Situation eine Spielregel entwickelt. Man entscheidet nicht mehr ganz aus freien Stücken. Man handelt aus moralischen Gesichtspunkten.

Ich habe diese Unterscheidung verstanden. Es ist nicht mehr als eine Festlegung, mit der Du Deine Argumentation aufbaust. Du erklärst die Spielregeln. 😉 Man hätte sie auch anders wählen können.

zu (Zitat Conny)

2. Bei Wissen gibt es keine Entscheidungsmöglichkeit, da man es mit entscheidbaren Fragestellungen zu tun hat. Wissen ist stets etwas Subjektives. In dem jeweiligen Moment glauben wir daran. Wir glauben daran, weil wir uns auf die jeweils definierten Spielregeln stützen. Ändern diese sich, wird dieses spezielle Wissen obsolet. Vor Kopernikus haben auch “fast” alle Menschen geglaubt, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Das war auch Wissen mit den damaligen Spielregeln. Wenn ich also Spielregeln anerkenne, agiere ich dementsprechend. Dann haben gewisse Herren entschieden, nicht mehr an die Spielregeln zu glauben. Das war in dem Sinne eine Entscheidung.

Wissen (Spielregeln) => Erwartungsstrukturen => begrenzen die Auswahl von Möglichkeiten => Wissen vermindert die Wahlmöglichkeiten zwischen denen man sich entscheiden kann. Im Extremfall gibt es nur eine Möglichkeit (determiniert). Du sprichst von einem Extremfall und nicht vom Normalfall (komplexe Situation).

zu (Zitat Conny)

3. Manager/ Trainer
Entscheiden bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich mich auf Spielregeln verlasse, schiebe ich Verantwortung auf die Spielregeln. Es ist dann keine Entscheidung mehr. Das passiert doch im Management von Unternehmen viel zu oft. Manager sagen, sie können nicht entscheiden, da sie noch mehr Information benötigen, um die Spielregeln spielen zu können. Dann benötigen wir die Manager nicht mehr, da sie nicht mehr entscheiden wollen, was aber ihre ureigenste Aufgabe ist. Das bedeutet es auch mit dem Beispiel Deines Trainers. Der Trainer entscheidet dann nicht mehr. Er verlässt sich auf die Spielregeln.

Jetzt ist wichtig, was wir unter Spielregeln verstehen. Ich verstehe Deine Argumentation nicht. Es kann sinnvoll sein nach den Regeln zu Spielen (Faires Fußballspiel) oder auch diese Regeln zu brechen (gute Spieler des Gegners durch schlechte eigene Spieler vom Spielfeld treten lassen, oder den Schiedsrichter kaufen). Bei einer konstanten Umwelt wird ein erfahrender Manager mit viel Wissen mit hoher Wahrscheinlichkeit “bessere” Entscheidungen treffen, als einen Manager, der nicht nach den “Spielregeln” entscheidet.

zu (Zitat Conny)

Ich glaube wir hängen ein bisschen an der Definition von Entscheiden. Von Foerster macht an dieser Stelle eine digitale Unterscheidung. Diese finde ich absolut einleuchtend, widerspricht aber natürlich der umgangssprachlichen Definition von Entscheiden. Hast Du einige Arbeiten von von Foerster gelesen. Am Beispiel mit dem Frühstück kann man es, glaube ich, am besten nachvollziehen. Immer dann, wenn ich auf Grund meines Agierens etwas von meiner Umwelt erwarte, ist es keine Entscheidung mehr, da ich in den aufgestellten Spielregeln gefangen bin. Denn bei prinzipiell unentscheidbaren Fragestellungen, kann ich nichts erwarten.

Wie gesagt, Du gehst von einem Extremfall aus. Denn wenn ich gleichzeitig unterschiedliche Erwartungen habe, muss ich mich zwischen diesen entscheiden. Spielregeln reduzieren die Wahlmöglichkeiten, doch immer steht mir die Möglichkeit offen andere Spielregeln zu verwenden. Die Frage ist, für welche Spielregeln man sich entscheiden soll? Für die der Ethik oder für die der Moral?

Saludos,
Daniel

Conny Dethloff

Hallo Daniel,

die Arroganz möchte ich gar nicht an den Tag legen, zu meinen, dass meine Argumentation für andere Menschen wasserdicht ist. Das geht meiner Meinung nach nicht. Für mich ist sie zu einem bestimmten Zeitpunkt wasserdicht, was sich in der nächsten Sekunde schon wieder ändern kann, nämlich dann wenn ich lerne und mein Wissen erweitere. (siehe zu 4.)

Zu 1.
Selbstverständlich ist es eine Festlegung, auf ich meine Argumentation aufbaue. Jeder Mensch baut seine Argumentationen auf Festlegungen auf. Diese Festlegungen müssen natürlich mit denen Anderer nicht übereinstimmen. Kennst Du eine andere Möglichkeit, wo man seine Argumentationen nicht auf Festlegungen aufbaut?

zu 2.
Bist Du der Meinung, dass man eine deterministische Situation stets vorhersehen kann, da es nur eine Möglichkeit gibt? Was ist mit dem deterministischen Chaos, dem so genannten “Schmetterlingseffekt”? Ich glaube nicht daran, dass jede deterministische Situation genau eine Möglichkeit in der Zukunft ergibt und damit vorhersagbar ist. Dazu habe ich diesen Artikel verfasst.

zu 3.
Bezüglich dem Begriff Spielregel bin ich noch nicht konkret genug. Das merke ich jetzt auch. Bleiben wir beim Fußball. Darunter fällt mit Sicherheit, dass man 11 Spieler pro Mannschaft aufstellen und 3 Spieler pro Spiel ein- bzw. auswechseln darf etc. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt derzeit keine konkrete Spielregel für das Gewinnen von Spielen. Manchmal kann es sein, dass man auf einer bestimmten Position den individuell technisch stärksten Spieler einsetzt. Es kann aber eben auch sein, dass in bestimmten Situationen der kopfballstärkste Spieler der Mannschaft mehr hilft. Diese Situation ist für den Trainer prinzipiell unentscheidbar. Deshalb muss er auch entscheiden und übernimmt dafür die Verantwortung, da er sich nicht auf etwas wie eine Spielregel stützen kann. Verliert seine Mannschaft und jemand wirft dem Trainer vor, dass er nicht 12 Spieler aufgestellt hat, kann er sich auf die Spielregel berufen und diesen speziellen Vorwurf von sich weisen. Der Trainer muss nicht entscheiden, ob er 11 oder 12 Spieler aufstellt. Bezüglich des speziellen Aufstellens von Spielertypen kann man ihm bei verlorenen Spielen einen Vorwurf machen. Es gibt dafür keine Spielregel, weshalb der Trainer entscheiden muss und dafür die Verantwortung übernimmt. Angenommen es gäbe eine Spielregel bzgl. des Aufstellens spezieller Spielertypen, dass man beispielsweise bei einem Torrückstand stets den Torwart gegen einen kopfballstarken Spieler ersetzt, der Trainer dies tut und trotzdem verliert, hat der Trainer nicht entschieden. Er hat sich auf die Spielregel verlassen und übernimmt keine Verantwortung mehr. Das Kennen dieser Spielregeln gehört zum Wissen. Wenn sich ein Trainer bewusst gegen eine Spielregel stellt, landet er wieder bei einer prinzipiell unentscheidbaren Situation. Er übernimmt dann wieder die Verantwortung. Er entscheidet dann wieder.

zu 4.
Die Thematik Ethik und Moral in Bezug auf Entscheidungen muss ich noch einmal durchdenken. Bei der Unterscheidung zwischen Ethik und Moral bleibe ich. Hier ist die Argumentation von von Foerster für mich sinnvoll. Wie jetzt aber das Thema Entscheiden hier einfließt, erschließt sich mir noch nicht. Hier kann ich meine vormals gemachte Argumentationskette nicht mehr glauben.

Beste Grüße,
Conny

Daniel Juling

zu (Zitat Conny)

Zu 1.
Selbstverständlich ist es eine Festlegung, auf ich meine Argumentation aufbaue. Jeder Mensch baut seine Argumentationen auf Festlegungen auf. Diese Festlegungen müssen natürlich mit denen Anderer nicht übereinstimmen. Kennst Du eine andere Möglichkeit, wo man seine Argumentationen nicht auf Festlegungen aufbaut?

In diesem Punkt sind wir uns seit Anfang an einig.

zu (Zitat Conny)

Zu 2.
Bist Du der Meinung, dass man eine deterministische Situation stets vorhersehen kann, da es nur eine Möglichkeit gibt? Was ist mit dem deterministischen Chaos, dem so genannten “Schmetterlingseffekt”? Ich glaube nicht daran, dass jede deterministische Situation genau eine Möglichkeit in der Zukunft ergibt und damit vorhersagbar ist. Dazu habe ich diesen Artikel verfasst.

In diesem Punkt sind wir uns auch einig. Ich kenne den Parameterwert 3,57 vom Bifurkationsdiagramm.

zu (Zitat Conny)

Zu 3.
Bezüglich dem Begriff Spielregel bin ich noch nicht konkret genug. Das merke ich jetzt auch. Bleiben wir beim Fußball. Darunter fällt mit Sicherheit, dass man 11 Spieler pro Mannschaft aufstellen und 3 Spieler pro Spiel ein- bzw. auswechseln darf etc. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt derzeit keine konkrete Spielregel für das Gewinnen von Spielen. Manchmal kann es sein, dass man auf einer bestimmten Position den individuell technisch stärksten Spieler einsetzt. Es kann aber eben auch sein, dass in bestimmten Situationen der kopfballstärkste Spieler der Mannschaft mehr hilft. Diese Situation ist für den Trainer prinzipiell unentscheidbar. Deshalb muss er auch entscheiden und übernimmt dafür die Verantwortung, da er sich nicht auf etwas wie eine Spielregel stützen kann. Verliert seine Mannschaft und jemand wirft dem Trainer vor, dass er nicht 12 Spieler aufgestellt hat, kann er sich auf die Spielregel berufen und diesen speziellen Vorwurf von sich weisen. Der Trainer muss nicht entscheiden, ob er 11 oder 12 Spieler aufstellt. Bezüglich des speziellen Aufstellens von Spielertypen kann man ihm bei verlorenen Spielen einen Vorwurf machen. Es gibt dafür keine Spielregel, weshalb der Trainer entscheiden muss und dafür die Verantwortung übernimmt. Angenommen es gäbe eine Spielregel bzgl. des Aufstellens spezieller Spielertypen, dass man beispielsweise bei einem Torrückstand stets den Torwart gegen einen kopfballstarken Spieler ersetzt, der Trainer dies tut und trotzdem verliert, hat der Trainer nicht entschieden. Er hat sich auf die Spielregel verlassen und übernimmt keine Verantwortung mehr. Das Kennen dieser Spielregeln gehört zum Wissen. Wenn sich ein Trainer bewusst gegen eine Spielregel stellt, landet er wieder bei einer prinzipiell unentscheidbaren Situation. Er übernimmt dann wieder die Verantwortung. Er entscheidet dann wieder.

Ich verstehe, was Du meinst, möchte nur die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass zu oft die Klarheit fehlt, welche Spielregeln anzuwenden sind. Einfach ist es, ob die Mannschaft draußen oder in der Halle spielt. Denn in der Halle gibt es andere Spielregeln, dort darf er maximal 5 Spieler aufstellen. Übertragen auf die Unternehmungsführung gibt nicht es viele verschiedene Spielregeln, deren Konditionen, wann welche Spielregel anzuwenden ist, nicht so klar definiert ist wie beim Fußballbeispiel (Draußen oder Halle). Alleine die Auswahl nach welchen Spielregeln gemanagt werden soll, bedarf der Entscheidung und Rechtfertigung.

Saludos,
Daniel

Conny Dethloff

Hallo Daniel,

auf diesem Wege auch noch einmal ein dickes Danke für unseren Dialog.

zu 3.
Spielregel verwende ich so, dass es für eine Situation genau eine Spielregel gibt, keine zweite. Wenn es zwei mögliche Spielregeln geben würde, dann liegt quasi keine Spielregel vor. Dann müsste man wieder entscheiden und man hätte eine prinzipiell unentscheidbare Situation.

zu 4.
Ich habe das Thema Ethik und Moral noch einmal durchdacht. Bei einer Moral existieren Spielregeln, also für eine spezielle Situation genau eine. Das heißt bei moralischem Handeln entscheidet man nicht, da man laut der Spielregel handelt. Man handelt einfach. Bei ethischem Handeln entscheidet man vorher, da keine Spielregeln existieren. Wenn man sich gegen die Spielregel in einer speziellen Situation stellt, stellt man sich gegen die aufgestellten moralischen Prinzipien. Dann entscheidet man wieder.

Beste Grüße,
Conny

Daniel Juling

Hallo Conny,
Ich würde es so formulieren: Wissen => Erwartungsstrukturen => begrenzen die Auswahl von Möglichkeiten => Wissen vermindert die Wahlmöglichkeiten zwischen denen man sich entscheiden kann. Im Extremfall gibt es nur eine Möglichkeit, was Du als Spielregel bezeichnest. Das ist das Gegenteil von Komplexität und Nichtwissen.
Auch ich bedanke mich für diesen Dialog und für Deine Präsentation über Komplexität und Entropie im [Philosophischen Café].
Saludos,
Daniel

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3 Responses to Dialog zu den Themen Komplexität, Entropie, (Nicht)Wissen und ihre Auswirkungen auf Ethik und Entscheidungen

  1. Pingback: Kennzahlen in Unternehmen – eine Versöhnung ist angebracht | Initiative Wirtschaftsdemokratie

  2. hmmmm,
    Was ist mit Heuristiken, denen ich als Entscheider folge. Gehören diese auch zu den Moralien?
    Was ist, wenn die Entscheidung auf Basis der Weisheit Vieler getroffen wird. Ist das Ethik? Oder doch nur wieder Moral, da die in Summe notwendig Wissenden, die Regeln richtig anwenden konnten?
    Und ist es nicht eine weise Entscheidung, sich zuvor das notwendige Wissen anzueignen, um dann passend die Regeln nutzen zu können?
    Topmanager können heute immer weniger wissen, wie der Markt in Zukunft reagieren wird und müssen sich auf ihre Intuition einlassen. Ist also intuitives Entscheiden nach Empfindung ein ethisches Entscheiden?
    Nachdenklich, Martin

    • Guten Morgen Martin,

      in der Darlegung meiner Gedanken zu Deinen Fragen beziehe ich mich auf die von HvF getätigte Unterscheidung zwischen Ethik und Moral, die ich im Dialog auch angeführt habe.

      Hier zieht von Foerster auch die Unterscheidung zwischen Moral und Ethik. Moral bezieht sich stets auf die Anderen. Sätze wie “Du sollst nicht töten” oder “Du darfst nicht stehlen” sind prominente Beispiele dafür. Hier bestehen also Spielregeln, die von Menschen aufgestellt wurden. Ethik ist das Gegenstück zur Moral. Ethik bezieht sich immer auf einen selber. Hier bestehen keine Spielregeln. Im Rahmen von Entscheidungen hat man es also stets mit Ethik zu tun, niemals mit Moral. Über Ethik kann man auch nur implizit sprechen, da man stets etwas über sich und seine Handlungen aussagt.

      Grundsätzlich gebe ich Dir Recht, wenn du sagst, es sei weise sich vorher das notwendige Wissen bzgl. einer anstehenden Entscheidung anzueignen. Allerdings steht das Wörtchen “notwendige” zwar bescheiden in diesem Satz, hat aber eine enorme Bedeutung. In komplexen Situationen kann man den Grad von notwendigem Wissen, um diese Situation zu handhaben oder in dieser zu entscheiden, nicht bestimmen. Es fehlt dafür die Referenz. Das liegt an den Spielregeln, die sich immer wieder ändern können. In diesem Zusammenhang sprichst Du Intuition an und sehe es genau so wie Du.

      Deine Frage zur Einbindung der Weisheit der Vielen und Heuristiken in Entscheidungssituationen ist spannend. Vielleicht kann man es so sehen.

      Wenn ich als Manager in einem Unternehmen die Weisheit der Vielen in Entscheidungssituationen einbinde, und diese Maßnahme noch nicht so populär wäre, quasi keine strikte Handlungsleitung darstellen würde (Es herrscht kein Wissen darüber), wäre es aus Sicht des Managers eine ethische Handlung. Er übernimmt dafür die volle Verantwortung. Es ist keine Spielregel vorhanden. Anderenfalls könnte er die Verantwortung an die Spielregel “Nutze in solchen Situationen stets die Weisheit der Vielen” abtreten. Das wäre dann eine moralische Handlung. Er befolgt einfach die Spielregel. Missachtet er sie, ist es wieder eine ethische Handlung. Daran erkennt man auch, dass nur über ethische Handlungen Wissen erzeugt werden kann. Über moralische Handlungen bestätigt man Wissen.

      In komplexen Situationen haben wir es also vermehrt mit ethischen Handlungen zu tun. Wissen ist zwar weiterhin wichtig, rückt aber in Bezug zu komplizierten Situationen, in denen man nach Rezeptanweisungen agieren kann, immer mehr in den Hintergrund. Erfahrung wird an dieser Stelle immer wichtiger. Und natürlich Mut, Fehler machen zu wollen und sich diese auch einzugestehen.

      Beste Grüße,
      Conny

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