Managementliteratur des Mainstreams steht dem Lernen und Fortschritt im Wege

Der Titel dieses Posts klingt wahrscheinlich für einige Leser provokant und pauschal. Zweiteres möchte ich mit der Argumentationskette, die ich in diesem Post ausführe, ausräumen. Provokant allerdings soll es bleiben, denn ich möchte gerne auch gegenteiliges Feedback bekommen, um meine Gedanken und Ideen zu validieren.

Managementliteratur des Mainstreams ist voll von Tautologien und bringt damit den Lesern keine neuen Informationen. In Büchern des Mainstream-Managements werden Projekte und Aktivitäten retrospektiv deskriptiv analysiert und daraus dann normativ Regeln aufgestellt. Genau hier liegt oft der Bruch, den ich aufzeigen möchte. Der Leser findet in diesen Lektüren ausschließlich das bestätigt, was er bereits kennt, nur vielleicht in anderen sprachlichen Konstrukten. Der Grund dafür ist, dass auf der einen Seite die Autoren sich einer inhaltlichen Diskussionen entziehen wollen und deshalb definitorische Prämissen setzen, die damit zu keinen Begründungen führen, sondern eben zu Tautologien. Angedeutet habe ich diese Ausage bereits in meinem Post Die Managementliteratur ist gespickt mit Plattitüden und inhaltsleerem Text. Aber nun zu meiner Argumentationskette.

Belegen möchte ich meine im Titel dieses Posts postulierte Behauptung in zwei Schritten. Im ersten Schritt möchte ich den schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) zu Rate ziehen, genauer gesagt, den Fehlschluss vom Sein zum Sollen, den er in seinem Buch “A Treatise of Human Nature” ausführt. Dieser Fehlschluss ist auch als Humes Gesetz bekannt. Aufsetzend darauf werde ich in einem zweiten Schritt, die Ideen und Gedanken des englischen Philosophen George Edward Moore (1873-1958) nutzen. Moore hat in seinem Buch “Principia Ethica” den so genannten naturalistischen Fehlschluss hergeleitet. Beide Gesetze zählt man zum Bereich der Metaethik. Aber das nur so nebenbei.

Schritt 1: Sein-Sollen Fehlschluss (Erkenntnistheoretische Betrachtung)

David Hume meint, dass man von Fakten nicht auf Normen schließen darf. Das geht schlichtweg nicht. Schematisch dargestellt, kann man nicht von “A ist B” auf “A ist gut” schließen. Dieser Schluss ist laut Hume nicht zulässig, weil die Prämisse fehlt, die da heißen könnte “B ist gut”. Also aus “B ist gut” und “A ist B” kann man ohne weiteres schließen “A ist gut”. Jetzt würde man formallogisch keinen Fehler machen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe ich noch keine Aussage über den Inhalt gemacht, sondern lediglich über die Form.

Eines möchte ich noch einschieben. Ich werde stets die schematischen Darstellungen aus Gründen der leichteren Verständlichkeit auf Beispiele reflektieren. Dabei möchte ich mich stets nur auf einen Beispielkomplex beziehen, um die Durchgängigkeit und damit einhergehend die Verständlichkeit zu erhöhen. Es geht um den Methodizismus, sprich das unbedingte Festhalten an Best Practices. Dieses Verhalten habe ich übrigens in dem Artikel “Best Practice ist das Ergebnis verzweifelter Trivialisierung”, zu lesen in der Zeitschrift SEM RADAR-Zeitschrift für Systemdenken und Entscheidungsfindung im Management in der Ausgabe 2/2010, reflektiert.

Um zu einer inhaltlichen Betrachtung zu kommen, möchte ich also ein Beispiel heranziehen. Sehr häufig höre ich bzgl. des Anwendens von Methoden Aussagen wie “In der Methode xyz stehen für die Phase abc folgende Aktivitäten an.” Das ist ein Fakt, wenn wir davon ausgehen wollen, dass dies auch wirklich so geschrieben steht. Das ist also die Form “A ist B”. Daraus wird aber viel zu oft geschlossen, dass genau deshalb diese Aktivitäten auch jetzt in diesem Projekt durchgeführt werden müssen, also das “A gut ist”. Mit diesem Schluss begeht man also einen formallogischen Fehler. Es wäre notwendig, den Konstrukteur dieses Schlusses nach der Prämisse zu fragen. Erst dann kann man in eine inhaltliche Diskussion gehen. Die Prämisse könnte sein “Die Methode ist richtig, da sie bereits häufig in Projekten angewendet wurde”, also “B ist gut”. Prämissen dieser Art sind aber inhaltlich stets angreifbar. Denn ich könnte entgegnen, dass dieses Projekt nun anders ist und die Methode nicht mehr passen würde. Wenn ich also die Prämisse anzweifle, zweifle ich auch automatisch die Begründung für eine bestimmte durchzuführende Handlung an, dass nämlich die Aktivitäten durchgeführt werden müssen. Das kann weh tun, weshalb häufig versucht wird, Diskussionen im Keim zu ersticken oder erst gar nicht aufkommen zu lassen, aber immer unter dem Deckmantel den Sein-Sollen Fehlschluss nicht zu machen. Damit kommen wir zum Schritt 2.

Schritt 2: Naturalistischer Fehlschluss (Sprachanalytische Betrachtung)

Wie eben erwähnt, erlebe ich häufig, dass in Diskussionen sehr oft statt Prinzipien Definitionen als Prämissen gesetzt werden. Hier ziehen wir nun George Edward Moore zu Rate. Prinzipien der Art “Die Methode ist richtig, da sie bereits häufig in Projekten angewendet wurde” (B ist gut) kann man inhaltlich angreifen. Darüber lässt sich diskutieren. Definitionen, die folgende Form haben “Gut bedeutet B” aber lassen sich inhaltlich nicht angreifen. Über Definitionen diskutiert man eben nicht. Diese stimmen stets. Auf das Beispiel bezogen könnte eine Definition als Prämisse die folgende sein “Wir arbeiten streng nach der Methode und dort sind eben diese Aktivitäten aufgeführt”. Das Setzen von Definitionen als Prämissen ist aber laut Moore nicht zulässig, da dann die Argumentationskette zu einer Tautologie verkommt. Sie wird quasi nichtsagend, liefert also keine Begründung für Handlungen. Nehmen wir also noch einmal die 3 Aussagen her.

“Wir arbeiten streng nach der Methode und dort sind eben diese Aktivitäten aufgeführt”
“In der Methode xyz stehen für die Phase abc folgende Aktivitäten an.”
“Die Aktivitäten müssen durchgeführt werden.”

Wenn Sie jetzt Jemanden fragen “Warum müssen die Aktivitäten durchgeführt werden?”, bekommen sie die Antwort “Weil sie laut Methode vorgegeben sind”. Das ist ein typischer Methodizismus. Sie bekommen quasi keine neue Information, also nichts was sie nicht auch schon wissen. Bei einem anderen Beispiel wird das wahrscheinlich deutlicher.

“Junggesellen sind unverheiratete Männer.”
“Joachim ist ein unverheirateter Mann.”
“Joachim ist ein Junggeselle.”

Die erste Aussage ist eine Definition. Wenn Sie fragen würden: “Warum ist Joachim ein Junggeselle” und Sie die Antwort erhalten “Weil er unverheiratet ist”, würden Sie sich wahrscheinlich recht herzlich bedanken. Sie erhalten keine neue Information. Anders ist es, wenn Sie Folgendes vor sich haben.

“Männer, die sich nicht pflegen, bleiben häufig Junggeselle.”
“Joachim pflegt sich nicht.”
“Joachim ist ein Junggeselle.”

Stellen Sie nun wieder die Frage: “Warum ist Joachim ein Junggeselle”, bekommen Sie die Aussage: “Weil er sich nicht pflegt”. Damit erhalten Sie eine Information, die neu für Sie ist (Deshalb ist es ja erst eine Information für Sie). Natürlich baut die Argumentationskette “Joachim ist Junggeselle, weil er sich nicht pflegt” auf die postulierte Prämisse auf “Männer, die sich nicht pflegen, bleiben häufig Junggeselle.”, die natürlich diskutierbar ist, wodurch auch die Begründung, warum Joachim Junggeselle ist, diskutierbar ist.

Fazit

Die Diskutierbarkeit der getroffenen Aussagen und Handlungsempfehlungen wollen aber viele Autoren von Managementbüchern vermeiden. Die Autoren entziehen sich dem formallogisch Fehlschluss vom Sein zum Sollen. Das ist fein. Sie begehen aber den naturalistischen Fehlschluss, da sie Definitionen als Prämissen ihrer Handlungsbegründungen setzen. Das ist aber nicht immer so leicht ersichtlich für uns Menschen, da sich hier zwei Ebenen begegnen, die erkenntnistheoretische und die sprachlogische Ebene. Wenn beide Ebenen nah beieinander liegen, wie beim Beispiel des Junggesellen, ist der Fehlschluss leicht wahrnehmbar und wir fragen nach einer “richtigen” Begründung. Wenn dies aber nicht der Fall ist und deshalb der Unterschied nicht so intuitiv erkennbar ist, wie bei dem Beispiel mit dem Methodizismus, nehmen wir die Begründung oft so hin, obwohl sie keine ist, sondern eine Tautologie.

Und genau so definiere ich auch Mainstream. Im Mainstream werden Definitionen als Prämissen gesetzt. Man ist dadurch nicht angreifbar, trägt aber auch nichts zum Erkenntnisgewinn bei.

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One Response to Managementliteratur des Mainstreams steht dem Lernen und Fortschritt im Wege

  1. Jan says:

    Hast du noch mehr Inforationen dazu ?

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