Problemlösen via Simplifizierung ist wie “Wasch mich, aber mach mich nicht nass”

Das Thema Komplexität fasziniert mich sehr, was auch der Grund dafür ist, dass ich relativ häufig darüber in meinem Logbuch meine Gedanken und Ideen festhalte. Warum aber ist dieses Thema für mich so faszinierend? Der Begriff wird sehr häufig benutzt, ist aber nicht klar definiert. Oder anders ausgedrückt, es bestehen unglaublich viele verschiedene Definitionen von Komplexität.

Unterschiedliche Definitionen für Komplexität

Alleine 20 verschiedene Sichten aus dem Jahr 2000, zusammengetragen von Joseph M. Sussmann vom Massachusetts Institute of Technology in Boston, findet man in diesem Dokument. In meinem Post Behindert unser unzureichendes Zahlenverständnis unser Problemlösen? habe ich vom Cynefin Modell von Dave Snowden berichtet. In meinem Artikel “Best Practice ist das Ergebnis verzweifelter Trivialisierung”, welchen ich für die Ausgabe 02/2010 des SEM Radars, der Zeitschrift für Systemdenken und Entscheidungsfindung im Management, verfasst habe, beziehe ich mich auf eine Definition des Kybernetikers Heinz von Foerster, der sinngemäß wiedergibt, dass eine Situation komplexer wird, desto größer die Zustände sein können, die diese Situation einehmen könnte. Ausführlicher können Sie dies wiederum in meinem oben angesprochenen Artikel oder im Buch von von Foerster Wissen und Gewissen im Kapitel “Unordnung/Ordnung: Entdeckung oder Erfindung?” nachlesen.

Ausgehend von diesen vielen Definitionen und Sichten auf Komplexität möchte ich eine andere Idee in die Runde werfen. Ich habe bereits sehr häufig die Sicht der Subjektivität und der Kontextabhängigkeit der Komplexität geäußert, dass nämlich nicht alle Menschen eine Situation gleich komplex auffassen. Sie nehmen sie unterschiedlich wahr. Genau hier möchte ich ansetzen, bei der Wahrnehmung. Ich denke, Menschen nehmen Situationen genau dann als komplex wahr, wenn diese für sie unsicher erscheinen. Je größer die Unsicherheit ist, desto größer ist auch die empfundene und wahrgenommene Komplexität. Komplexität wird dann, das ist jedenfalls meine Wahrnehmung, als Entschuldigung herangezogen, derzeit keine passende Antwort auf eine Fragestellung zu kennen.

Kann man das Thema Unsicherheit noch ein bisschen genauer fassen, quasi ein bisschen sicherer machen? Ich versuche es im Folgenden mit der Entropie.

Was hat Entropie mit Komplexität zu tun?

Der Begriff der Entropie wird ähnlich wie der Begriff der Komplexität in vielen Bereichen und in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen benutzt, was bei mir beim näheren Befassen mit dieser Thematik ein wenig Konfusion erzeugt hat. Nico G. van Kampen, ein emeritierter Professor für theoretische Physik der Universität Utrecht, hat wieder Licht in meine Gedankengänge strömen lassen. Das folgende Dokument habe ich im Netz gefunden. Van Kampen definiert sehr eindrucksvoll die Entropie und räumt mit unzutreffenden Übersetzungen auf. Sie können auch in meinem Rucksack einige erklärende Worte sowie zwei eindrucksvolle Videos zum Thema Entropie finden.

Entropie ist das Maß für die Zahl der Mikrozustände, durch die der beobachtete Makrozustand eines Systems realisiert werden kann.

Wie die Energie ist Entropie eine mengenmäßige Größe, die von einem Ort zum anderen strömen kann. Wie Energie kann Entropie nicht zerstört werden. Will man also die Entropie irgendeines Körpers erniedrigen, muss man sie woandershin transportieren. Das tut jeder Organismus, um zu leben. Er sucht sich niederentropische Nahrung und entsorgt die Entropie in die Ausscheidungen. Hier ist aber auch der Unterschied zur Energie zu erkennen. Gesamtheitlich gesehen, also nicht auf ein dediziertes offenes System, wie dem Menschen beispielsweise bezogen, wird Entropie ständig mehr. Im Menschen wird die Entropie stetig erniedrigt, er erhöht stetig seinen gebundenen Informationsgehalt, was ihn erst lebensfähig macht. Wie kann man sich plastischer vorstellen, dass die Entropie gesamtheitlich stets zunimmt?

Wenn wir oben sagen, dass Entropie die Zahl der Mikrozustände angibt, die einen Makrozustand ausmachen können, dann können wir auch sagen, dass Entropie ein Maß für Unsicherheit ist. Je höher die Entropie, desto höher die Unsicherheit. Und genau hier können wir die Beziehung zur Komplexität ansetzen. Bei einer Problemlösung ist der Mensch, der das Problem lösen möchte, ein offenes System (ist er übrigens immer). Er steht mit seiner Umgebung in einem Stoff- und Energieaustausch und verringert seine Entropie durch Transformation von Daten in Information. Seine Unsicherheit bzgl. des vorliegenden Problems wird also kleiner. Die Entropie, die dabei frei wird, wird an die Umwelt abgegeben. Das bedeutet also, dass jede Problemlösung die Entropie, also die Unsicherheit der Umgebung, erhöht. Jede Lösung eines Problems schafft also neue Probleme höherer Ordnung. Je mehr Wissen wir aufbauen, desto bekannter wird unser Nichtwissen. Das bedeutet, dass unser wahr genommenes Wissen kleiner wird, da die Relation zwischen Wissen und bekanntem Nichtwissen größer wird. Diese Zusammenhänge habe ich in meinem Artikel Funktionierendes Wissensmanagement detailliert.

Wenn man nun aber glaubt Komplexität über Entropie messen zu können, wird man enttäuscht. Oben habe ich angedeutet, dass Komplexität subjektiv und kontextabhängig ist. Ähnlich verhält es sich mit der Entropie. Entropie kann nicht objektiv gemessen werden. Entropie ist keine physikalische Größe wie zum Beispiel Energie. Das Problem ist, daß sie nicht alleine vom unbeobachteten Naturding abhängt, sondern immer auch von der Perspektive dessen, der es ansieht. Das erkennt man alleine an der oben aufgeführten Definition, in dem die Wörter Makro- und Mikrozustand vorkommen. Dazu sagt zum Beispiel Dieter Zeh, Professor für theoretische Physik an der Universität Heidelberg, gefunden in diesem Artikel der FAZ

Die Frage ist ja: Was ist ein Makrozustand? Zum Beispiel messen Astronomen die Geschwindigkeiten von Sternen in einem Sternhaufen. Das sind gewiß makroskopische Objekte, trotzdem kann man so einem Haufen eine Temperatur und eine Entropie zuordnen – die nichts mit der Temperatur und Entropie der einzelnen Sterne zu tun hat. Dies ist durchaus nützlich. Aber man wechselt hier die Perspektive.

Stehen wir also vor einem komplexen Problem, ist die Entropie in uns hoch. Durch Denken und damit durch Verbrauch von Energie generieren wir Information über dieses Problem und verringern damit die Entropie, steigern also unseren gebundenen Informationsgehalt. Wir verringern unsere Unsicherheit bzgl. dieses Problems. Diese Entropie geben wir an die Umwelt ab, was für den nächsten Problemlösungsprozess wieder interessant wird. Es ist eine Problem-Lösungs-Spirale nach oben zu erkennen. Diese scheint aufgrund der ständig wachsenden Entropie unbegrenzt zu sein. Komplexität, die von uns erzeugt wird, nimmt also ständig zu.

Will man sich waschen muss man sich schon nass machen

Beim Problemlösen modellieren wir stets und modellieren bedeutet stets Komplexitätsreduktion durch Simplifizierung. Aber Vorsicht, das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite bedeutet nämlich Komplexitätserhöhung, und zwar auf einen höheren Level als vor der Problembehandlung. Modellierung hilft in einer ersten Phase des Problemlösens Muster zu erkennen, um überhaupt erst einmal “einen Fuß in die Tür zu bekommen”. Als erstes muss die Situation oder die Problemlage verstanden werden. Dabei hilft die Modellierung. Modellierung reduziert quasi die Unsicherheit unserer Gedankenwelt über ein Problem, nicht das Problem selbst. Will man das Problem lösen, müssen sich unsere Denkschemata an die Komplexität des Problems anpassen, also sukzessive erhöhen.

Simplifizierungsmassnahmen in Unternehmen darf es aus diesem Grunde nicht geben. Spricht man davon beispielsweise Prozesse zu verschlanken, ist das keine Simplifizierung. Ganz im Gegenteil, es ist eine Komplexitätserhöhung. Denn Prozesse schränken ein, da sie mögliche Handlungen in der Zukunft auf wenige einschränken. Statt Simplifizierung ist also eher der Begriff der Entschlackung angesagt. Der Begriff der Simplifizierung führt in die Irre. Aber Prozesse, eingespielte oder geschulte Aktionen und Muster sind wichtig. Oder anders gesagt, das Annehmen scheinbarer Sicherheit ist zu einem gewissen Maße wichtig. Wäre das nicht der Fall, würde man nicht agieren und entscheiden. Man würde in eine Starre verfallen. Auch das wäre natürlich eine Entscheidung, allerdings in den meisten Fällen wohl eine sehr fatale. Das impliziert aber eben auch Fehler, die man beim Agieren begeht. Ein Kultuvieren von Fehlern ist also essentiell für das Problemlösen.

Wenn man allerdings das Wörtchen scheinbar bei der Unsicherheit streicht, begeht man den folgenschweren Fehler, dass man Best Practice unreflektiert anwendet. Das passiert in den meisten Unternehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich meine Sicht auf Best Practice, den ich dem oben angesprochenen Artikel für den SEM Radar verfasst habe, justieren. In diesem plädiere ich für einen neuen Begriff. Den benötigen wir aber nicht. Wir müssen nur den Begriff “Best Practice” richtig verwenden. In “best” steckt nämlich eine Dynamik. Best Practice ist abhängig vom Ort und der Zeit, also abhängig von der jeweiligen Situation und zu einer jeweiligen Zeit. Bezüglich beider Dimensionen müssen Methoden und Handlungsanweisungen vor Anwendungen stets validiert und angepasst werden. Mit dem derzeitigen Anwenden von Best Practice wird eine Modellierung vollzogen, die ungültig ist. Es wird ausschließlich simplifiziert. Die Umgebung hat sich aber auf der Problem-Lösungs-Spirale in der Zwischenzeit weiterentwickelt, hat ihre Komplexität erhöht, und zwar durch alle erfolgreichen Problemlösungsprozesse in der Vergangenheit.

Managementliteratur, die Patentrezepte für das Führen und Managen von Unternehmen propagiert, ist also das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist. Gute Literatur gibt keine expliziten Handlungsanweisungen, sondern ausschließlich implizite. Dabei kann man sich schon auf Best Practice berufen. Sie spiegelt quasi die Erfahrung in verschiedenen Situationen der Vergangenheit wider. Allerdings muss diese stets überprüft und angepasst werden, bevor sie angewendet wird. Aber welcher Unternehmenslenker will das denn lesen? Will man tatsächlich die Taschen der vielen Managementberater füllen, ohne dass sie bereits zu Beginn des Engagements konkrete Vorschläge mitbringen?

Kommen wir kurz noch einmal auf Heinz von Foerster zurück. Mit dem ethischen Imperativ

Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grösser wird!

gibt er eine der oben angesprochenen impliziten Handlungsanweisungen. Damit erhöht man die Zahl der Mikrozustände, durch die der beobachtete Makrozustand eines Systems realisiert werden kann. Die Entropie wird also größer und damit die Unsicherheit und Komplexität für zukünftige Problemlösungsprozesse. Wenn man darauf mit Simplifizierung reagiert, agiert man nach dem Motto: “Wach’ mich aber mach mich nicht nass.”

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